Vor 145 Jahren eröffnet Wie das Pretziener Wehr die Orte um die Elbe seit Jahren vor Hochwasser schützt

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Das Pretziener Wehr ist aus Sachsen-Anhalt nicht mehr wegzudenken – spätestens seit 2002, als es viele Menschen vor dem Jahrhunderthochwasser beschützt hat. Heute wird es 145 Jahre alt. Ein Blick auf seine Geschichte.

Das Pretziener Wehr
So sah es am Pretziener Wehr 2013 aus. Es war recht viel Wasser vorhanden. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Die Arbeit ist leichter geworden. Doch trotz elektrischer Winde sind noch immer vier starke Männer nötig, um jede der 100 Kilo schweren Schützentafeln aus dem Pretziener Wehr zu ziehen und damit den Weg freizugeben für das Elbwasser, das durch den Umflutkanal umgeleitet wird. Herum um Magdeburg, Schönebeck und etliche Dörfer, die so vorm Hochwasser geschützt werden. Doch das war nicht immer so.

Von Ringdeichen zum Pretziener Modell

Schon immer hatten die Menschen entlang der Elbe mit Hochwasser zu kämpfen. Im 12. Jahrhundert begannen sie, Ringdeiche um ihrer Dörfer zu bauen. Später wurden diese miteinander verbunden. "Die Bemühungen waren aber eher kontraproduktiv", weiß Ronald Günther vom Landeshochwasserbetrieb. "Das Wasser konnte nicht abfließen, und es entstanden viel schlimmere Hochwasser."

1869 wurde der Bau von Deichen und des Wehrs durch die preußische Regierung beschlossen. Zuvor hatte sich eine Denkschrift des Hochwasserproblems gewidmet und Lösungen vorgeschlagen. Darin las man zum ersten Mal von einer durchgehenden Deichlinie entlang des Flusses. Und von einer Einrichtung, die das Wasser der Elbe kurz vor Magdeburg umleiten sollte. "Wenn man auch noch nicht wusste, wie das technisch umgesetzt werden soll – der Standort Pretzien wurde damals schon genannt. Der Ort liegt natürlich erhöht an einem alten Elbarm, so dass man die natürlichen Gegebenheiten für die Umflut nutzen kann", begründet Ronald Günther.

Das Pretziener Wehr: Sein erster misslungener Test

Das Pretziener Wehr
Auch heutzutage müssen Personen die 100 Kilo schweren Tafeln hochziehen – auch, wenn mittlerweile eine elektronische Winde sie dabei unterstützt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Mit gut 160 Metern war eine gewaltige Breite zu überbrücken, und die 3,80 Meter Stauhöhe waren für die damalige Zeit ebenfalls enorm. Anders als bei Wehren sonst damals üblich, entschied man sich bei den Schützentafeln für den noch jungen Werkstoff Stahl. Italienische Bauarbeiter und französische Kriegsgefangene errichten das gewaltige Bauwerk zwischen 1871 und 1875.

Seine erste Bewährungsprobe ging gründlich daneben. Beim Winterhochwasser im Februar 1876 ließen sich wegen des Eisgangs die meisten der 324 Schützentafeln nicht öffnen. Das Wasser überflutete das Wehr, richtete starke Schäden an. Vor allem aber staute das Elbwasser, und der Fluss überflutete die Orte flussabwärts von Pretzien schlimmer als je zuvor. In Deichbruch bei Glinde gab den Weg für die Fluten frei nach Schönebeck.

Die neue Konstruktion wird zum ersten Mal geöffnet

Danach wurde das Wehr repariert, die Konstruktion wurde verändert. Seither wird ein Teil des Elbwassers bei Hochwasser durch den Umflutkanal geleitet. Burkhard Henning leitet den Landesbetrieb für Hochwasser und erlebte als junger Ingenieur 1987 seine erste Öffnung. "Damals hat man zu lange gewartet", erinnert er sich. "Man wollte die landwirtschaftliche Fläche nicht fluten. Aus dem gleichen Grund und weil die wichtige Straße zwischen Gommern und Schönebeck unterbrochen war, wurde das Wehr so schnell wie möglich wieder geschlossen."

Aber da, so Henning, regnete es nicht mehr wie in Strömen wie bei der Öffnung. Vielmehr herrschten 20 Grad unter Null, Schnee und Eis. "Wir haben acht Tage gebraucht, um das Wehr zu schließen." Aus heutiger Sicht wäre das arbeitsschutzrechtlich gar nicht mehr möglich, so Henning. Für das Öffnen des Wehrs benötigen 16 Arbeiter normalerweise etwa fünf Stunden. Inzwischen gibt es klare Vorgaben. Wenn der Elbpegel bei Barby auf die 5,92 geht, wird das Wehr geöffnet. Bis heute war das 63 Mal der Fall, im Schnitt etwa alle zweieinhalb Jahre.

Wichtiger Helfer beim Jahrhunderthochwasser

2002, beim ersten Jahrhunderthochwasser, wurde nachgemessen, welche Entlastung das Wehr bringt. Am 19. August 2002 flossen rund 1050 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Umflutkanal ab. Das war knapp ein Viertel des Elbwassers, das damals durch Barby rauschte. Der Wasserspiegel in Schönebeck wurde in der Elbe um 70 Zentimeter, in Magdeburg um 50 Zentimeter gesenkt.

Das Pretziener Wehr
Auch, wenn aktuell nicht so viel Wasser vorhanden ist: Zukünftig könnte das Wehr wieder hilfreich sein und die Menschen vor Hochwasser schützen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Das vorerst letzte Mal wurde das Wehr beim Jahrhunderthochwasser 2013 gezogen. Wie immer erlebten das viele Schaulustige mit. Die Phase von gut sieben Jahren ohne Öffnung ist die zweitlängste hochwasserfreie Etappe in der Geschichte des Wehres. 2010 wurde das Pretziener Wehr saniert. Fünf Jahre später wurde es als Wahrzeichen der Ingenieursbaukunst ausgezeichnet.

Auch wenn in den letzten Jahren zunehmende Trockenheit auch den Wasserbauern zu schaffen macht, ist sich Burkhard Henning ganz sicher, dass das Wehr weiter gebraucht wird. „Wir haben es mit zunehmenden Wetterextremen zu tun, zu denen neben Trockenphasen auch extreme Regenfälle gehören“, weiß Burkhard Henning. „Wir wissen nicht, wann es wieder soweit ist, aber wir werden ganz sicher in absehbarer Zeit wieder hier stehen und das Wehr öffnen.“

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Oktober 2020 | 15:10 Uhr

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