Laborraum mit Bioreaktoren im Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg
Bildrechte: Stefan Deutsch/Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme Magdeburg

In Krisenfällen Impfstoffe: Magdeburger entwickeln revolutionäres Verfahren

In Krisenfällen wie einer Epidemie können Impfstoffe schnell knapp werden. Forscher des Max-Planck-Instituts in Magdeburg haben eine Lösung für das Problem entwickelt: Mit ihrem neuen Verfahren können 80 Mal mehr Viren im Labor produziert werden. Dadurch kann der Impfstoff schneller und in größeren Mengen als zuvor hergestellt werden.

Laborraum mit Bioreaktoren im Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg
Bildrechte: Stefan Deutsch/Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme Magdeburg

Es ist ein wichtiger Meilenstein für die Herstellung von Impfstoffen gegen Viren, der den Magdeburger Forschern am Max-Planck-Institut gelungen ist. "Und somit kann ich in so einem Gefäß bis zu 80 Mal mehr Zellen als herkömmlich zum Wachsen bringen und damit auch bis zu 80 Mal mehr Viren herstellen", sagt Projektleiterin Dr. Yvonne Genzel MDR SACHSEN-ANHALT. Das Gefäß von dem sie spricht, ist ein Bioreaktor. Und die Viren, die darin vermehrt werden, werden später abgetötet und als Impfstoff genutzt.

Früher wurden für diesen Prozess hunderte Millionen Hühnereier benötigt, die mit den Erregern infiziert wurden. All das funktioniert jetzt mit Hilfe des Bioreaktors. 160 Millionen Zellen können pro Milliliter gewonnen werden. Diese Zellen werden anschließend mit Viren, zum Beispiel Grippe oder Gelbfieber, infiziert. Ein Liter passt insgesamt in den Bioreaktor im Max-Planck-Institut. So können mehrere Millionen Dosen Impfstoff innerhalb von ein paar Wochen produziert werden.

Besonders wichtig bei Epidemien und Pandemien

Wie wichtig dieses Verfahren gerade in extremen Fällen, wie Epidemien und Pandemien, ist, erklärt die Projektleiterin:

Jetzt braucht man nicht mehr 2000 Liter-Reaktoren, wo man eine ganze Fabrik für braucht, sondern man kann das in 50 Litern machen. In einem LKW-Anhänger zum Beispiel und dann vor Ort gehen.

Dr. Yvonne Genzel, Max-Planck-Institut

Denn gerade, wenn Impfstoffe knapp werden, ist es wichtig, dass der kleine Bioreaktor große Mengen produzieren kann. Diese Überlegung, LKW mit Reaktoren auszustatten, überlege beispielsweise das amerikanische Militär, so Genzel im Gespräch mit MDR WISSEN vor einem Jahr. Gerade in Risikogebieten könnte es Soldaten und Helfer schnell schützen, wenn der Impfstoff direkt vor Ort produziert wird. Genzel verweist dabei auf die Ebola-Epidemie 2014 bis 2016.

Das Verfahren der Magdeburger: Bereit für die Praxis?

Für die Kultivierung, also Vermehrung der Zellen und damit der Viren, wird ein Zellrückhalte-System genutzt. "Damit kann man die Zellen zurückhalten und das Medium, das sie versorgt, austauschen", sagt Genzel. Versorgt werden sie mit einem Gemisch aus Zucker, Fetten, Eiweiß und Vitaminen. Die optimale Temperatur beträgt dabei 37 Grad Celsius. Seit 2001 arbeitet das Magdeburger Team bereits an dieser neuen Art der Impfstoff-Herstellung.

Bis das effektive Verfahren und seine produzierten Impfstoffe tatsächlich in der Praxis Anwendung finden, könnten noch viele Jahre vergehen. Das liege beispielsweise an der Politik, Industrie und dem Medikamenten-Zulassungsverfahren. Professor Udo Reichl, Leiter für Dynamik komplexer technischer Systeme am Max-Planck-Institut, sagt auf Nachfrage von MDR WISSEN: Studien seien notwendig, viel Geld müsse in die Hand genommen werden, um nachzuweisen, dass diese neue Technologie auch zu sicheren Impfstoffen führe. Dabei gehe es um 100 bis 200 Millionen Euro. Wann und ob diese Summe aufgebracht werde, sei derzeit unklar. Die Magdeburger entwickeln jedenfalls weiter. Denn, und davon ist Yvonne Genzel überzeugt: "Unsere Fortschritte sind sehr vielversprechend."

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 15:47 Uhr

1 Kommentar

Rotti vor 1 Wochen

...da soll mal noch einer sagen, dass hier nichts passiert. Wir können stolz auf die Leistungen unserer einheimischen Forscher sein. Ich hoffe, dass dies auch ordentlich gefördert wird.

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