Interview mit beurlaubtem Ameos-Arzt "Ich werde weiter Betriebsratsarbeit machen"

Die Ameos-Klinik Aschersleben-Staßfurt hat den leitenden Oberarzt und Betriebsratsmitglied Holger Waack freigestellt. Die Klinik nennt einen arbeitsrechtlichen Vorfall als Grund. Der Arzt wehrt sich gegen die Vorwürfe und vermutet andere Gründe.

Ein Mann steht vor einer Mauer.
Holger Waack wehrt sich gegen seine Kündigung. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Nach seiner Freistellung wehrt Oberarzt und Betriebsratsmitglied Holger Waack sich gegen die Vorwürfe des Ameos-Klinikums. Die Klinikleitung in Aschersleben-Staßfurt hatte ihn freigestellt. Als Grund: ein arbeitsrechtlicher Vorfall. Der Urologe bestreitet das. Er vermutet, Ameos wolle ihn mit der Freistellung aus dem Betriebsrat und somit aus den Arbeitskampfmaßnahmen herausnehmen. Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund kritisiert die Freistellung. Geschäftsführerin Andrea Huth sagte MDR SACHSEN-ANHALT, der Vorwurf sei überzogen. "Er hatte das Recht zu streiken." MDR SACHSEN-ANHALT hat mit dem freigestellten Oberarzt und Betriebsratsmitglied Holger Waack gesprochen.

Der Tarifstreit bei den Ameos-Kliniken

An den Ameos-Kliniken in Aschersleben-Staßfurt, Bernburg, Schönebeck, Haldensleben und Halberstadt arbeiten insgesamt 3.900 Angestellte. Belegschaft und Klinikleitung tragen zurzeit einen Konflikt aus: Die Gewerkschaft Ver.di fordert mehr Lohn und einen Tarifvertrag für die Beschäftigten. Zeitgleich will Ameos Angebote bündeln und Schwerpunktzentren schaffen. 20 Mitarbeitern wurde laut Ameos bereits gekündigt.

Unabhängig vom Fall des Oberarztes Holger Waack soll es am Freitag ein Treffen mehrerer Beteiligter geben. Landrat Markus Bauer (SPD) teilte mit, auf seine Initiative kämen Vertreter von Ameos und der Betriebsräte der Standorte in Aschersleben, Bernburg und Schönebeck zu Gesprächen zusammen. Bauer will mit dem Zusammentreffen nach eigenen Angaben die stationäre Gesundheitsversorgung im Salzlandkreis sicherstellen. Er werde sich jedoch nicht in den Tarifkonflikt einmischen, betonte der Landrat.

MDR SACHSEN-ANHALT: Was war der Grund für Ihre Freistellung?

Holger Waack: Der Vorwurf gegen mich, der zur Freistellung führte, ist der, dass ich am 9. Dezember letzten Jahres im Rahmen des Warnstreiks, zu denen die in Betrieb vorhandenen Gewerkschaften aufgerufen haben, die Expertise von zwei anderen Fachärzten angeblich in Frage gestellt hätte.

Was halten Sie von der Argumentation?

Dieses Argument ist aus meiner Sicht völlig aus der Luft gegriffen. Ich habe das dem Regionalgeschäftsführer Lars Timm und der Klinikleitung bereits in einer Anhörung am 20. Dezember so dargestellt. Ich habe das auch gegenüber dem Betriebsrat, der mich zu diesen Vorwürfen im Rahmen eines Kündigungsverfahrens angehört hat, so dargestellt. Und ich habe das auch gegenüber dem mich vertretenden Anwalt so dargestellt. Die Anschuldigung, ich hätte Einschätzungen von anderen fachärztlichen Kollegen infrage gestellt, ist schlicht und einfach aus der Luft gegriffen.

Zwei Demonstrantinnen haben Schilder um den Hals gehangen
Die Solidarität der Kollegen mit dem Betriebsratsmitglied ist groß. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Inwiefern haben Ihre Streikaktivtäten eine Rolle gespielt?

Ich denke, dass das hundertprozentig der Grund ist, warum man versucht, mich über diese Schiene aus dem Betrieb und damit auch aus dem Betriebsrat und aus den Arbeitskampfmaßnahmen herauszunehmen.

Ich wurde im Mai 2018 in den Betriebsrat gewählt, bin dort in der Funktion des Stellvertreters aktiv. Seit dieser Zeit habe ich mehrfach in Betriebsverhandlungen den Mitarbeitern aus meiner Sicht erläutert, auf wessen Rücken hier im Krankenhaus die Sanierung stattgefunden hat und auf wessen Rücken hier weiterhin Profit gemacht wird.

Dieses Engagement, denke ich, ist der einzig und alleinige Grund, dass man versucht, mich hier aus dem Betrieb zu entfernen.

Das ist alles für ein Betriebsratsmitglied relativ schwierig. Das geht nur mit einer außerordentlichen Kündigung. Und die wird jetzt eben mit dieser an den Haaren herbeigezogenen Begründung versucht.

Was wollen Sie unternehmen?

Demonstrantinnen mit Trillerpfeiffen und Zetteln in der Hand
Bei der aktiven Mittagspause kämpfen die Ameos-Mitarbeiter weiter für einen Tarifvertrag. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Ich habe einen Fachanwalt für Arbeitsrecht engagiert, der mich meinem Arbeitgeber gegenüber vertritt. Wir haben bereits eine einstweilige Verfügung eingereicht. Termine hat das Arbeitsgericht aber noch keine benannt. Da warte ich aber jeden Tag drauf. In der Zwischenzeit werde ich meine Kollegen weiter hier im Rahmen der aktiven Mittagspause unterstützen. Ich werde weiter Betriebsratsarbeit machen. Ansonsten bin ich der bestbezahlte Hausmann in Sachsen Anhalt.

Ganz persönlich kann ich Ihnen aber auch sagen, geht es mir nicht gut. Ich kann ganz schlecht schlafen und das Essen schmeckt zurzeit auch nicht.

Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie sich mal auf diese Art und Weise mit Ihrem Arbeitgeber auseinandersetzen müssen?

Das hätte ich nicht gedacht, nein. Ich hätte gedacht, dass man sich hin und wieder miteinander kabbelt, das bringt der Job einfach mit sich. Insbesondere – das muss ich ganz klar zum Ausdruck bringen – hätte ich nicht gedacht, dass zwei ärztliche Kollegen, mit denen ich lange Jahre zusammengearbeitet habe, sich hinter diese Anschuldigungen stellen.

Sie sind zurzeit freigestellt. Hoffen Sie darauf, schnellstmöglich wieder arbeiten zu können?

Gerade jetzt, wo ich dabei bin, drei neue OP-Methoden in Aschersleben zu etablieren, ist es wichtig, nicht aus der Übung zu kommen. Mit anderen Worten: Ja, ich möchte eigentlich sofort wieder an meinem Arbeitsplatz zurückkehren und dort die Arbeit verrichten, für die ich ausgebildet wurde und für die ich auch sehr gut bezahlt werde.

Nun sind Sie also in einem sehr gefragten Berufsstand tätig. Warum gehen Sie nicht einfach woanders hin?

Ich gehe nicht woanders hin, weil man mich im Mai 2018 in den Betriebsrat gewählt hat. Die Mitarbeiter hatten einen Grund, mich dort mit einer deutlichen Mehrheit hinein zu wählen. Ich habe dort ein Mandat erhalten, mich als Arbeitnehmervertreter eben auch für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen. Und das werde ich auch tun, bis es mir von einem ordentlichen Gericht verboten wird.

Was steht für die Belegschaft auf dem Spiel?

Ich engagiere mich für die Belegschaft – nicht nur für eine bessere Bezahlung, die einen Tarifvertrag mit sich bringen würde. Wenn man ein bisschen weiter schaut hilft das auch der Zukunft des Krankenhauses. Denn dieses Krankenhaus ist für Neubewerber, neu gelernte Pflegefachkräfte oder auch ärztliches Personal aktuell nicht attraktiv.

Dieses Krankenhaus wird, wenn es so weiter betrieben wird, von diesem Arbeitgeber früher oder später ausbluten. Es werden keine neuen Fachkollegen, keine neuen Pflegekräfte nachkommen. Die werden in Regionen gehen, in denen eindeutig besser bezahlt wird als an diesem Haus.

Es geht also bei diesem Streik nicht nur ums Geld. Es geht auch um die Zukunft des Klinikums. Es geht um die Zukunft der Patientenversorgung hier und im Salzlandkreis.

Das, denke ich, sollte für alle eine ausreichende Motivation sein, um uns zu unterstützen. Und damit meine ich nicht nur die Mitarbeitenden am Haus selbst, sondern auch die Bevölkerung, die irgendwann mal Patient war oder sein wird.

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Ameos Klinikum St. Salvator Halberstadt
In den Ameos-Kliniken hält der Tarifstreit an. Bildrechte: imago/Olaf Wagner
Ein weißes Schild mit der Aufschrift "AMEOS" steht vor einem Gebäudekomplex.
Bildrechte: dpa
Streikende mit ver.di-Westen protestieren mit Schildern
Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Quelle: MDR/aso,cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Januar 2020 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2020, 10:55 Uhr

14 Kommentare

Der Matthias vor 6 Wochen

@ GerdMueller

Sorry, Herr Mueller, aber das Thema ist mir, ehrlich gesagt, viel zu ernst, als dass es für oberflächlichen und billigen Populismus herhalten könnte. Das Thema ist leider etwas komplexer als Sie vielleicht denken bzw. darstellen, zumal niemand von uns die komplizierte Situation am Ameos-Klinikum von außen wirklich berufen und adäquat beurteilen könnte. Ich kann mir allerdings schon denken, für wen Sie hier so argumentativ recht schlicht auf die Propaganda-Pauke hauen, in der Hoffnung, dass Ihre Partei von dem Unmut möglichst profitieren möge. Ich empfinde das als unangemessen und politisch billig, da die propagandistische Absicht dahinter nur allzu offensichtlich ist! Ich bezweifele auch ernsthaft, dass diese Art der holzschnittartigen Simplifizierung und pauschalen Diffamierung hier sonderlich verfängt.

Der Matthias vor 6 Wochen

@ Schoenebecker

In dieser Aussage sehe ich nicht unbedingt einen Widerspruch! Der Oberarzt Waack selbst verdient sicherlich nicht schlecht, aber wie sieht es mit den übrigen Ärzten und vor allem mit dem Pflegepersonal aus? Als Betriebsrat streikt Waack ja nicht für sich alleine, sondern für die komplette Belegschaft und ihre Anliegen! Offensichtlich sorgt sich Herr Waack (nach eigenen Worten der derzeit "bestbezahlte Hausmann in Sachsen Anhalt") eben nicht nur um sein Wohlergebe. Was im Übrigen auch die Aufgabe eines verantwortungsbewussten Betriebsrates ist, der seine Aufgabe ernst nimmt! Das ist insofern aller Ehren wert!

Hans Frieder leistner vor 6 Wochen

Deutschland ist Billiglohnland. Wie kommt es dann, daß ein Großteil der Bevölkerung zwei Urlaubsreisen macht, daß die Fluggastzahlen immer noch steigen, von Luxuskreuzfahrten ganz zu schweigen. Zahlt das die Arbeitsagentur? Oder sind die Menschen fleißig und werden entsprechend entlohnt.

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