80 Meter hoher Kirchturm So wird die Stephanikirche in Aschersleben notgesichert

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Der Schreck war groß – im Frühjahr lagen eines Morgens Steine neben dem Turm der Stephanikirche in Aschersleben. Die Fassade bröckelte. Die Notsicherungsarbeiten laufen bereits und sollen auch bald abgeschlossen sein.

45 Meter hoch – bis zur Traufe – ragt das Baugerüst wie ein riesiges Skelett an mächtigen Mauern des Turmes empor. Hoch geht es mit einem Aufzug – außen am Gerüst entlang. Pfarrerin Anne Bremer ist schon häufig hochgefahren. "Es ist immer schön, so auf die Landschaft zu schauen. Und auf Aschersleben."

Von Stein zu Stein

Ein Mann mittleren Alters schaut lächelnd in die Kamera. Es handelt sich um Bauplaner Uwe-Karsten Bothe Planungsring Wernigerode.
Bauingenieur Uwe-Karsten Bothe Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Die Arbeit der Baufachleute dürfte allerdings deutlich eintöniger sein. Sie schauen auf verwitterte Kalk- und Sandsteine, auf Auswaschungen, Risse – die Narben des 500 Jahre alten Mauerwerks. "Wenn wir noch ein Stückchen höher fahren, dann sehen wir, dass das insbesondere die Maßwerk-Fenster betrifft", sagt Bauingenieur Uwe-Karsten Bothe.

Teile der riesigen Spitzbogenfenster mussten die Handwerker auswechseln, gut an den ockerfarbenen neuen Steinen zu erkennen. Anderswo haben sie hölzerne Stützen eingezogen. Steinmetze haben sich die Fassade hoch oben am Turm genau angesehen. "Von Stein zu Stein", sagt Uwe-Karsten Bothe.

Sicherung mit Netzen

Die alten Steine im Mauerwerk sind dunkel, manche brüchig, verwittert. Ursachen gibt es viele: Frost, Regen – und das über Jahrhunderte. Das hat Spuren hinterlassen. Der Sandstein im oberen Bereich des Turmes hat sich grau-schwarz gefärbt. Damit sich keine Steine lösen, wird der Turm nun notgesichert. Eine Sanierung wäre deutlich umfänglicher und auch bräuchte man viel mehr Zeit für die Planung und Untersuchungen.

Mauerwerk Turmfassade oben: Ein Blick auf die Steine im oberen Teil des Turmes. Der Zahn der Zeit hat am Mauerwerk genagt. Die Steine bröckeln.
Ein Blick auf die Steine im oberen Teil des Turmes: Der Zahn der Zeit hat am Mauerwerk genagt. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Uwe-Karsten Bothe steuert den Aufzug entlang des Mauerwerks nach oben. "Was wir jetzt im Weiteren sehen", so Bothe, "sind Maßnahmen, die künftig verhindern sollen, dass sich Teile vom Turm lösen und nach unten fallen." Deshalb kommt hier auch weiteres Netz oben an die Fassade – zweilagig: ein grobmaschiges, dunkles aus Kunststoff und eins aus Kaninchendraht.

Und die Netze braucht es: Kurz nach Ostern lagen Steine neben dem Turm. Steine, die sich von der Turmfassade gelöst hatten. "Ich war heilfroh, dass niemandem etwas passiert ist, dass keiner unterwegs war. Da wird einem schon schlecht und man kriegt Angst", sagt Pfarrerin Anne Bremer. Seitdem steht das Gerüst am Turm.

Kirche ist wichtig für Aschersleben

Der etwa 80 Meter hohe Kirchturm ist ein Wahrzeichen der Stadt, das Baugerüst ein Hingucker. "Das ist sehr wichtig, was hier an der Kirche passiert", sagt eine Ascherslebenerin. "Die Kirche ragt heraus, zwischen all den anderen Gebäuden", ist von anderen zu hören, die vorbeikommen. Das Gotteshaus gehört zu Aschersleben. Das riesige Gebäude hat aber einen ebenso riesigen Sanierungsstau. Gerade wurde das Hauptdach saniert und neu eingedeckt. Jahrelang haben Zimmerleute am Dachstuhl gearbeitet. Sie haben morsche Balken ausgewechselt, an einer der größten Zimmererkonstruktionen weit und breit. Im Bauplan steht noch das Dach des Chores. Auch das Geläut müsste dringend saniert werden. Ganz dringend war jetzt die Sicherung der Turmfassade.

Der Turm der Stephanikirche, eingehüllt in Folie und umringt von Baugerüsten.
Noch laufen die Arbeiten am Turm der Stephanikirche in Aschersleben. Lange soll er aber nicht mehr eingehüllt sein. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Das Gebäude an sich ist ein Schatz, ein lebendiger Ort der Stadtgeschichte. Im Kirchenschiff hängen wertvolle Bilder aus den Cranach-Werkstätten, eine Röver-Orgel steht auf der Empore. Das Gebäude zu erhalten, ist eine Mammut-Aufgabe. Aber es geht voran, Schritt für Schritt. "Wir gehen die Sanierungen auch an, weil wir in dieser Kirche eine große Chance sehen. Auch, um sie erlebbar zu machen, für die Menschen."

40-50 Menschen besuchen der Pfarrerin zufolge momentan die Sonntagsgottesdienste. Das liege auch an der Corona-Situation. Auf dem idyllischen Kirchhof herrscht ein Kommen und Gehen vor den hübsch sanierten Häusern, die sich im Kreis um die Kirche zusammenkuscheln. Touristen schauen sich die Kirche an. Das mächtige alte Bauwerk ist ein weithin sichtbarer Bezugspunkt. Und bald sollen die Sicherungsarbeiten am Turm abgeschlossen sein.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT - als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Er produziert Hörfunkbeiträge, schreibt Texte für die Online-Redaktion und ist ab und zu auch für das Regionalmagazin MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE mit der Kamera unterwegs. Aufgewachsen ist er in Aschersleben. Zum Hörfunk gekommen ist er als Teenager. Nach einem Praktikum bei einem Freien Radio hat er viele Jahre im Vorharz gefunkt. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. September 2020 | 11:40 Uhr

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