Ehemaliger Bahnhof Riesige Ruine in Güsten: Wieso man einen Bahnhof kauft

Sie haben große Pläne – und tragen große Verantwortung: die neuen Besitzer von alten Bahnhofsgebäuden. Oft gleichen die Bauten Ruinen und sind für wenige tausend Euro zu ersteigern. Seit kurzem hat auch der Bahnhof Güsten im Salzlandkreis neue Eigentümer: Eine Frau und ihr Sohn wollen das Gebäude wiederbeleben. Doch zunächst muss aufgeräumt werden.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

von Tom Gräbe, MDR SACHSEN-ANHALT

Bahnhof Güsten von außen.
Bahnhofsgebäude Güsten: Diese Ruine wollen eine Frau und ihr Sohn wiederbeleben. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Nur der PVC-Bodenbelag hält die morsche Treppenkonstruktion im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Güsten zusammen. Die Balken darunter: weggefault und weggebrochen. "Schauen wir mal, wie weit wir kommen", sagt Tim Allgeier. Der Jugendliche ist der Sohn der neuen Eigentümerin des riesigen Bahnhofsgebäudes, Stefanie Allgeier. Gerade entfernt er Äste einer Birke, die aus der Mitte des Gebäudes in den Himmel wächst. Ein ausgewachsener Baum.

Der Bahnhof bietet ein trostloses Bild. Scherben liegen herum. Viele Fenster sind eingeworfen, vernagelt, wieder aufgebrochen. An den Wänden: Graffiti. Schutt, Scherben, Löcher in den Wänden, eingebrochene Decken. Dabei hatte die alte Eisenbahnerstadt Güsten einst einen der größten und schönsten Bahnhöfe weit und breit. Allein die Empfangshalle ist 35 Meter lang. Schon seit Jahren war sie gesperrt. Wer kauft so eine riesige Ruine? Und warum?

Tim Allgeier im Bahnhofsgebäude Güsten.
Viel, viel Platz: Der junge Bahnhofsbesitzer Tim Allgeier steht in der Empfangshalle. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Eine Gefühlsentscheidung

Stefanie Allgeier hat den Bahnhof ersteigert. Ihr Verstand habe gesagt: Es geht nicht. "Mein Gefühl hat aber gesagt: Mach' es, es ist gut." Letztlich für ihren Sohn nimmt sie das Riesen-Projekt hier auf sich. Die Bahn ist seine Leidenschaft.

Die neue Besitzerin des Bahnhofs Güsten, Stefanie Allgeier.
Stefanie Allgeier ist neue Besitzerin des Bahnhofs Güsten. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Und jetzt ist die alleinerziehende Mutter aus Baden-Württemberg Eigentümerin des Bahnhofs in Sachsen-Anhalt. "Da hab ich gedacht: Was hast du gemacht? Wenn man sich hier umsieht, könnte man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen", sagt sie.

Aber Allgeier hat Ideen: In der Empfangshalle sollen irgendwann wieder Reisende auf Züge warten. Eine Fahrradwerkstatt könnte hier eingerichtet werden, Kulturveranstaltungen sollen irgendwann hier stattfinden können. Der Bahnhof hat schon eine neue Internetseite. "Die Nebenräume der Halle könnten zum Beispiel für Ladengeschäfte genutzt werden", steht dort.

Bahnhöfe in Ostdeutschland: Viel Platz, kleiner Preis

Pläne und einen eigenen Bahnhof dazu hat auch Robert Podzuweit. Der Berliner hilft Mutter und Sohn beim Arbeitseinsatz, fegt Scherben und Schutt zusammen. Er hat einen viel kleineren Bahnhof im Kyffhäuserkreis in Thüringen gekauft. Auch er will das Gebäude beleben, unter anderem Kulturangebote schaffen. Die Freiräume in Berlin würden wegen steigender Mieten zugemacht.

Bahnhofsgebäude in Sachsen-Anhalt

Bahnhofsgebäude Güsten von außen.
Am Bahnhof Güsten ist noch einiges zu tun. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Die Deutsche Bahn betreibt bundesweit etwa 800 Empfangsgebäude. Viele stammen aus der Gründerzeit der Eisenbahn. Doch die Zeiten stuckverzierter Wartesäle sind vorbei. Ihre Funktion hat sich verändert. Die meisten dieser Gebäude sind aus heutiger Sicht überdimensioniert und wären oft nicht wirtschaftlich zu betreiben, schreibt die Deutsche Bahn in einer Mitteilung.

In Sachsen-Anhalt unterhält die Bahn zehn Empfangsgebäude, unter anderem in Magdeburg, Aschersleben, Bitterfeld, Dessau, Halle und Lutherstadt Wittenberg. 374 Empfangsgebäude gehören nicht mehr zum Bestand der Bahn. Sie gehören Fremdeigentümern, wurden verkauft oder abgebrochen. In ganz Mitteldeutschland will die Bahn etwa 90 weitere Empfangsgebäude verwerten.

Robert Podzuweit hilft bei Aufräumarbeiten im Bahnhof Güsten.
Robert Podzuweit hat ebenfalls einen Bahnhof gekauft. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Ein Bahnhof in Ostdeutschland sei eine Möglichkeit, preiswert große Flächen zu kriegen, sagt er. "Wenn man ein Projekt starten will, wo ich ein bisschen Platz haben will, um dort ein Angebot schaffen zu können, dann ist das einfach etwas, was für Leute, die nicht reich geboren werden, realistisch ist." Er habe sich durch Kataloge gearbeitet. Dadurch habe sich auch der Kontakt nach Güsten ergeben. Und jetzt packt er hier mit an.

Großer Andrang beim Tag des offenen Denkmals

Ein paar Güstener haben auch zugesagt, helfen zu wollen. Die Anwohner dürften gespannt sein, was in dem Bahnhof passiert. Als die neuen Eigentümer zum Tag des offenen Denkmals Führungen anboten, kamen sie in Scharen. Viele Güstener haben bei der Bahn gearbeitet, früher gab es hier ein Bahnbetriebswerk. Doch das ist lange her. Geblieben ist nur die Bahnhofsruine.

Bahnhof Güsten von innen.
Beim Tag des offenen Denkmals haben viele Güstener den Bahnhof besichtigt. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Wenn alles klappt, wollen die neuen Eigentümer einen Förderverein gründen. Ein erster Schritt. Auch über das Revita-Programm haben sich die neuen Bahnhofsbesitzer schon informiert. "Solche Objekte, in der Größenordnung und in dem Zustand, das findet man bei uns in Baden-Württemberg kaum noch. Das Objekt ist wirklich schön. Und: Warum nicht?", sagt Tim Allgeier. Die Verkehrsanbindung jedenfalls ist schon mal klasse.

Revita-Programm

Seit 2006 gibt es in Sachsen-Anhalt ein Programm zur Wiederbelebung von Bahnhofsgebäuden. Kommunen und private Eigentümer werden mit einer Förderung unterstützt, wenn Bahnhofsgebäude modernisiert und wieder Anlaufpunkt für Reisende oder die Öffentlichkeit werden – also mit Wartezone, Tourismusinformation, Gastronomie oder modernen Toiletten. Etwa 19 Millionen Euro Zuwendungen sind von 2008 bis 2018 geflossen.

Vom Förderprogramm REVITA haben unter anderem bereits Bahnhofsgebäude in Bad Kösen, Bernburg, Haldensleben, Lutherstadt Eisleben, Salzwedel und Thale profitiert.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Er produziert Hörfunkbeiträge, schreibt Texte für die Online-Redaktion und ist ab und zu auch für das Regionalmagazin MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE mit der Kamera unterwegs. Aufgewachsen ist er in Aschersleben. Zum Hörfunk gekommen ist er als Teenager. Nach einem Praktikum bei einem Freien Radio hat er viele Jahre im Vorharz gefunkt. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 31. Oktober 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2019, 13:26 Uhr

1 Kommentar

Altmagdeburger vor 17 Wochen

Schön das es noch Menschen gibt die Historische Bahnhöfe retten. Was bei Mehdorn egal war, da ging es nur um Geld geht. Bahnhöfe kosten Geld und Personal, Haltepunkt nicht, das macht Hauptsächlich die Technik, wenn sie funktioniert. Und da ist auch egal ob einige Fahrgäste im Regen und im Winter in der Kälte stehen und wenn sie noch Pech haben, hat der Zug noch eine wunderschöne Verspätung.

Mehr aus Salzlandkreis, Magdeburg, Börde und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt