Schadeleben und Nachterstedt Leichtsinnige Gäste: Concordiasee droht erneute Sperrung

Am Concordiasee soll der Tourismus angekurbelt werden. Seit kurzem ist ein kleiner Teil des Sees zum Baden frei. Doch Gäste betreten auch noch gesperrte Uferstellen. Das ist lebensgefährlich. Schon seit vielen Jahren beschäftigt der See Anwohner und Politik. Ein Rück- und Ausblick:

von Marko Litzenberg, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Betreten verboten-Schild steht am Concordiasee
Ein Betreten verboten-Schild steht am Concordiasee Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schadeleben 2002/2005: Ein Jahrzehnt nach der Schließung des ehemaligen Braunkohlewerkes (BKW) und dem Wegfall vieler Arbeitsplätze keimt die Hoffnung auf eine Zukunft als Tourismusstandort. Das Tagebaurestloch, so hatte man es versprochen, würde geflutet. Baden, Surfen, Segeln am und im Wasser, Zeltplatz und Ferienhaussiedlung am Ufer. Die Pläne fliegen hoch.

Landtagsabgeordnete, sogar der damalige Landrat Thomas Leimbach, springen bei kaltem Septemberwetter und ebenso kaltem Wasser in den See. Symbolisch soll das vermitteln: Mit Härte und Willenskraft werden wir das schaffen und die Region umkrempeln. Später kommt ein blechgewordenes Symbol hinzu. Mit viel Aufwand wird ein Ausflugsschiff, die Seelandperle, über den langen Landweg an den See am Harzrand gebracht. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Das Wasser im See steigt

Nachterstedt 2002/2005: Eine ehemalige Mülldeponie am Rande des Sees ist inzwischen mit viel Aufwand saniert worden. Böschungen, künstlich durch den jahrzehntelangen Braunkohletagebau entstanden, sind abgeflacht. Häuser, in denen sich vormals vom Wohnzimmer der Blick auf eine Tagebau-Mondlandschaft eröffnete, sind schick gemacht worden. Jetzt hat man ja Seeblick – winkt von der Terrasse eventuell sogar den Touristen auf der Seelandperle zu. Eine eigene Anlegestelle für das Schiff auf dieser Seeseite, würde irgendwann, wenn das Wasser genügend angestiegen ist, die Orte sogar – einer Fährverbindung gleich – verbinden.

Die Katastrophe vor zehn Jahren

Schadeleben 2009: Die Besucherterrasse des neuen Ausflugsrestaurant "Arche Noah" lockt am 18. Juli 2009 Touristen der anderen Art an. Zwischen vier und fünf Uhr morgens hatte es auf der gegenüberlegenden Seeseite einen Erdrutsch gegeben. Von hier aus staunen Schaulustige und Medienvertreter über die an Land liegende "Seelandperle" unterhalb der Terrasse. Eine Art Tsunami, ausgelöst durch den Erdrutsch, hat das Schiff ans Ufer gehoben. Mit Ferngläsern wird versucht zu sehen und zu begreifen was sich ereignet hat. Zurück bleibt Fassungslosigkeit.

Der Concordiasee von oben
Der Concordiasee von oben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachterstedt 2009: Katastrophenalarm. Rettungskräfte im Dauerstress. Weinende Angehörige. Der Erdrutsch hat einen Aussichtspunkt verschluckt, Häuser, Menschen. 3 Tote sind zu beklagen. Über 40 Menschen werden über Nacht obdachlos. Der Ort wird deutschlandweit zum Synonym für die Unberechenbarkeit der vom Menschen geschundenen Natur. Wenige Tage später werden symbolisch die Todesopfer zu Grabe getragen - und mit ihnen die Hoffnungen, Sehnsüchte, Zukunftspläne einer ganzen Region.

Viel Hoffnung in Schadeleben

Schadeleben 2019: "Was für ein Anblick", schwärmt Sebastian Kruse am Rande des Concordiasees. Er ist der Geschäftsführer der Seeland GmbH, zuständig für die Entwicklung des Gebietes. Draußen auf dem Wasser sind Kitesurfer unterwegs. Am Ufer geht ein Pärchen eng umschlungen mit dem Hund spazieren. Kleine Wellen plätschern ans Ufer, die Takelage eines einsamen Segelbootes klappert im Wind. Es sind die Bilder und Geräusche einer neuen Hoffnung. Seit einem Monat darf der See wieder genutzt werden. Teilweise. 400 Meter Ufer und 200 Hektar Wasserfläche wurden wieder freigegeben.

Das zarte Tourismuspflänzchen, vor zehn Jahren katastrophal zugrunde gegangen, es keimt wieder. "Wir warten noch auf den versprochenen Jahrhundertsommer. Jetzt kann er langsam kommen", scherzt Sebastian Kruse. Die Bilanz nach dem ersten Monat: "Wir sind ganz zufrieden. Es wird gebadet, gesurft, die Kiter sind da. Wir wollten starten. Das ist für dieses Jahr erstmal das Ziel." Die Katastrophe 2009 lässt die Verantwortlichen in kleinen Schritten denken - von Euphorie ist man weit entfernt. Und: "Viele kommen auch noch und fragen nach dem Erdrutsch, erinnern sich. Wir reden viel darüber mit den Leuten", so Kruse. Es gäbe aber niemanden, der die erneute Nutzung des Sees kritisiert. Im Gegenteil, die Hoffnung auf einen Neuanfang ist stärker.

Kitesurfer auf dem Concordiasee
Der Concordiasee ist als Ziel für Touristen und Sportler geeignet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lebensgefahr in gesperrten Bereichen

Nachterstedt 2019: Baucontainer steht an Baucontainer. Funkgesprächsfetzen sind zu hören: "Die 2 fährt jetzt rein." "OK", antwortet der Dispatcher. Er weiß genau wer sich an dieser Seite des Sees am Ufer befindet. Welcher Bauarbeiter gerade wo ist. Sicherheitsbestimmungen geben die Prozedur vor. Denn hier ist es noch immer lebensgefährlich. "Es ist immernoch ein Tagebau", sagt Dietmar Onnasch nachdrücklich. Der Abteilungsleiter der Lausitzer und Mitteldeutsche Berbauverwaltungsgesellschaft LMBV deutet auf einen Monitor und steuert mit einem Joystick eine Kamera. "Das ist der Rutschungskessel von 2009. Den sanieren wir jetzt", erläutert Onnasch. Und blickt mit Sorgenfalten auf der Stirn nach gegenüber - nach Schadeleben.

Denn die Teilfreigabe hat neue Probleme mit sich gebracht. "Es hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen, dass es sich wirklich nur um eine Teilfreigabe handelt. Es gab Mitbürger, die das nicht akzeptiert haben, die Absperrungen ignoriert und überwunden, sich dem Tagebau genähert und in Lebensgefahr gebracht haben", so Onnasch. "Wir sind zuständig für die Sicherheit im Tagebau, wir müssen garantieren, dass die Öffentlichkeit den Tagebau nicht betritt." Natürlich ist nicht der ganze See eingezäunt, dafür ist er einfach zu groß. Hinweis- und Warnschilder müssen als Abschreckung reichen. Und weil sich einige nicht daran halten, schwebt die erneute Komplettsperrung wieder wie ein Damokles-Schwert über dem Concordiasee. 

Dietmar Onnasch vom Bergbausanierer LMBV
Dietmar Onnasch vom Bergbausanierer LMBV. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn wir die Ordnung und Sicherheit nicht garantieren können, kann es passieren, dass das Bergamt sagt, hier muss die öffentliche Nutzung wieder eingestellt werden. Und wir müssen das dann umsetzen", so Dietmar Onnasch von der LMBV. Ungeachtet dessen wird es auch richtig teuer für jene, die dabei erwischt werden, wenn sie den See und das Ufer außerhalb des freigegebenen Bereichs betreten. Drakonische Geldstrafen drohen.

Vorsichtige Zukunftspläne

Schadeleben/Nachterstedt 2019: Beiderseits des Sees wird nach vorn geschaut. In Schadeleben hofft man auf noch möglichst viele Besucher, in Nachterstedt, dass diese sich an die Regeln halten. In Schadeleben schmiedet man vorsichtig Zukunftspläne, in Nachterstedt auch. In zwei oder drei Jahren soll auf der einen Seite der Tourismus florieren, auf der anderen langsam an das Ende der Sanierung gedacht werden. Und dann? Dann beginnt das Wasser zu steigen im See, denn 20 Meter fehlen noch bis zum Endwasserstand. Und beiderseits des Concordiasees hofft man, dass dann weitere zehn Jahre später alle Absperrungen verschwinden.

Bis dahin aber – und das sagt man sowohl in Schadeleben als auch in Nachterstedt – kann alles noch zunichte gemacht werden. Durch erneute, immernoch mögliche lebensgefährliche Katastrophen, aber auch durch unvorsichtige Menschen, die das Wort "Teilfreigabe" nicht verstanden haben. Denn einige Besucher drängen in Uferbereiche vor, die noch gesperrt sind, auch in die Nähe der alten Abbruchstelle in Nachterstedt. Das ist lebensgefährlich. Das Landesbergamt könnte als letztes Mittel mit einer vollständigen Sperrung des Sees reagieren.

Luftbild vom Erdrutsch in Nachterstedt vom 19.07.2009. Am Ortsrand von Nachterstedt war eine mehrere hundert Meter breite Böschung mit einem Doppelhaus und einer weiteren Haushälfte in einen Tagebausee abgerutscht.
18. Juli 2009
In den frühen Morgenstunden des 18. Juli rutschen am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordiasee etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ab. Zwei Häuser der Wohnsiedlung "Am Ring" werden 100 Meter in die Tiefe gerissen.
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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2019, 08:11 Uhr

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