Erinnerungen einer Reporterin Das Unglück von Nachterstedt und die Tage danach

Vor genau zehn Jahren rutschten in Nachterstedt im Salzlandkreis wegen eines Erdrutsches Häuser in die Tiefe. Drei Menschen starben. Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT war eine der ersten vor Ort. Sie blickt zurück auf die Tage nach dem Unglück.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Ich kann mich noch gut erinnern an die Nachrichten im Radio. Ich habe sie morgens ganz früh im Auto gehört. Katastrophe hieß es. Ich hatte mittendrin eingeschaltet. Und dann hörte ich von abgestürzten Häusern und von den Vermissten. Gleich um die Ecke, in Nachterstedt.

Wenig später rief die Redaktion an. Am Nachmittag bin ich nach Nachterstedt gefahren. Unser Übertragungswagen war den ganzen Tag und auch die Tage darauf vor Ort. Ich habe meine Kollegen Katja Luniak und Matthias Gold abgelöst, die die ersten Berichte aus Nachterstedt abgesetzt hatten.

Nachterstedt nach Unglück wie gelähmt

Reporterin Annette Schneider-Solis steht 2010 mit Mikrophon vor einem Hörmobil
Reporterin Annette Schneider-Solis, 2010 Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Das Entsetzen über das, was da am frühen Morgen geschehen war, lähmte den Ort. Und doch war da noch Hoffnung. Die Hoffnung, dass man die zunächst vier Vermissten noch finden würde. Tatsächlich tauchte einer von ihnen wieder auf. Ein junger Mann, der bei Freunden gewesen war.

Für die anderen beiden Männer und die vermisste Frau sank die Hoffnung mit jeder Stunde. Rettungskräfte, Landrat und Stadtverwaltung prüften jede Möglichkeit. Der See wurde abgeflogen, mit Infrarotkameras suchte man nach Lebenszeichen. So viele Möglichkeiten wurden durchgespielt. Könnte man Suchhunde losschicken? Wie weit konnte man die Unglücksstelle überhaupt betreten? Bis schließlich die Suche eingestellt werden musste.

Schwere Entscheidung: Suche nach Vermissten wurde eingestellt

Das Rathaus von Nachterstedt
Hinter dem Rathaus von Nachterstedt wurden Helfer und Betroffene versorgt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Eine Entscheidung, die allen Beteiligten schwergefallen ist. Das bestätigte mir Bürgermeisterin Heidrun Meyer, als ich sie jetzt 10 Jahre später noch einmal gesprochen habe. Eine Entscheidung, die so lange hinausgezögert wurde, wie eben auch nur ein Funke Hoffnung bestand, die Vermissten zu finden. Mucksmäuschenstill war es, als das verkündet wurde. Alle waren betroffen, obwohl fast jeder geahnt hat, dass diese Nachricht kommen würde. Das war gut zwei Tage nach dem Unglück.

Da war Nachterstedt längst zum regionalen Katastrophengebiet erklärt worden. Hilfskräfte kamen nicht nur aus der Umgebung. Hinter dem Rathaus war eine Stelle, an der die Helfer und auch die Betroffenen versorgt wurden.

Bewegende Schicksale

Heidrun Meyer war damals gerade Bürgermeisterin geworden, erst wenige Wochen im Amt, noch nicht einmal gewählt. Sie hatte die Geschäfte von ihrem Amtsvorgänger kommissarisch übernommen. An den Tagen nach dem Unglück herrschte der Ausnahmezustand. Ich führte viele Gespräche mit Nachterstedtern und Nachterstedterinnen, vor allem mit jenen, die ihre Häuser von jetzt auf gleich verlassen mussten. Es waren ergreifende Geschichten, die unter die Haut gingen.

Tagelang wurde geprüft, ob diejenigen, die ihre Wohnungen verlassen mussten, noch einmal zurückkehren durften. Um Dinge aus ihren Häusern zu holen, die ihnen wichtig waren: Fotos, Geschenke der Kinder, Dokumente. Auch diese Entscheidung wurde sorgsam abgewägt. Niemand wusste, wie stabil die Böschung war, ob es nicht noch einen Erdrutsch geben könnte, der weitere Menschen mit in die Tiefe reißen könnte. Eine riesige Verantwortung. Was würde geschehen, wenn die Böschung erneut ins Rutschen käme?

Zehn Jahre danach Das Unglück von Nachterstedt – eine Chronologie

Luftbild vom Erdrutsch in Nachterstedt vom 19.07.2009. Am Ortsrand von Nachterstedt war eine mehrere hundert Meter breite Böschung mit einem Doppelhaus und einer weiteren Haushälfte in einen Tagebausee abgerutscht.
18. Juli 2009
In den frühen Morgenstunden des 18. Juli rutschen am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordia See etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ab. Zwei Häuser der Wohnsiedlung "Am Ring" werden 100 Meter in die Tiefe gerissen. Drei Menschen werden vermisst.
Bildrechte: IMAGO
Luftbild vom Erdrutsch in Nachterstedt vom 19.07.2009. Am Ortsrand von Nachterstedt war eine mehrere hundert Meter breite Böschung mit einem Doppelhaus und einer weiteren Haushälfte in einen Tagebausee abgerutscht.
18. Juli 2009
In den frühen Morgenstunden des 18. Juli rutschen am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordia See etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ab. Zwei Häuser der Wohnsiedlung "Am Ring" werden 100 Meter in die Tiefe gerissen. Drei Menschen werden vermisst.
Bildrechte: IMAGO
Eine Luftaufnahme zeigt das Ausmaß des Erdrutsches 2009 am Concordiasee in Nachterstedt.
19. Juli 2009
Die Einwohner können für kurze Zeit in ihre Wohnungen zurück. Sie holen wichtige Gegenstände, ehe sie wieder in Ferienwohnungen oder bei Bekannten unterkommen.
Bildrechte: dpa
Absperrzaun mit Schild: Betreten verboten
21. und 22. Juli 2009
Die Bergbaubehörde des Landes Sachsen-Anhalt gibt bekannt, dass das Unglücksgebiet vermutlich nie wieder bewohnt werden wird. Die Sicherheitsvorkehrungen um den Concordia See werden verstärkt, weil neue Abbrüche drohen. Zufahrtsstraßen und Wege zu dem 350 Hektar großen See werden mit Bauzäunen und Erdwällen versperrt.
Bildrechte: MDR/Anja Schlender
Ein Abrissbagger reißt in Nachterstedt ein Haus ab
31. März 2013
Der Abriss der Siedlung "Am Ring" beginnt. Zwölf Doppelhaushälften, ein Einfamilienhaus und 48 Nebengebäude müssen weichen.
Bildrechte: Jens Schlueter/dapd
Der Concordiasee von oben
23. Februar 2016
Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen zu dem Erdrutsch ein. Der Verdacht einer fahrlässigen Tötung habe sich nicht erhärtet. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht bei der Errichtung oder Pflege der abgerutschten Böschung.  
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Seeland-Bürgermeisterin Heidrun Meyer
28. Juni 2017
Ein Jahr nach einem weiteren Erdrutsch in Nachterstedt ist die Aussicht auf touristische Nutzung des Concordia Sees weiter ungewiss. Bergbausanierer LMBV und das Landesbergamt haben sich aus Sicherheitsgründen gegen eine Freigabe für einen Teil des Sees entschieden. Sie war für dieses Jahr geplant. Die Bürgermeisterin der Stadt Seeland, Heidrun Meyer, ist enttäuscht. Sie sagt, das Seeland-Projekt sei wichtig für die Region. Die Ungewissheit darüber, wann der See genutzt werden kann, sei zermürbend.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Markierter Schaden auf Fahrbahn
9. Juni 2019
Auf der A36 bei Nachterstedt hat sich die Fahrbahn abgesenkt. Zwischen Hoym-Nachterstedt und Quedlinburg-Ost hat sich ein Hohlraum gebildet. Die abgesenkte Stelle ist laut Chef der Landesstraßenbaubehörde, Uwe Langkammer, durch Hitze entstanden. Mutmaßungen, die Nähe zum Concordia See sei schuld, wies er zurück.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Steg im Concordiasee
13. Juli 2019
Der Concordia See ist teilweise freigegeben. Nun dürfen die Menschen wieder darin baden – zumindest am Schadeleber Ufer. Auch Segelboote und Surfer dürfen wieder auf den See. Dadurch ist eine touristische Nutzung des Sees möglich.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18.07.2019 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/agz,mh
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Luftbild vom Erdrutsch in Nachterstedt vom 19.07.2009. Am Ortsrand von Nachterstedt war eine mehrere hundert Meter breite Böschung mit einem Doppelhaus und einer weiteren Haushälfte in einen Tagebausee abgerutscht.
18. Juli 2009
In den frühen Morgenstunden des 18. Juli rutschen am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordiasee etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ab. Zwei Häuser der Wohnsiedlung "Am Ring" werden 100 Meter in die Tiefe gerissen.
Bildrechte: IMAGO

Ein letztes Mal ins Zuhause

Doch die Menschen drängten – sie wollten noch einmal in ihre Häuser. Niemand wollte in der Haut jener stecken, die entscheiden mussten. Die Vorsichtsmaßnahmen waren entsprechend streng. In jede Wohnung durfte nur eine Person ein einziges Mal zurückkehren – in Begleitung und gesichert mit Seilen.

Absperrung bei Nachterstedt, die seit zehn Jahren die Zufahrt zum Concordiasee versperrt
Bis heute ist die Zufahrt zum Concordia See gesperrt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Feuerwehrleute und Kameraden von der Bergwacht erklärten sich bereit, die Betroffenen zu begleiten. Aufregung und Anspannung beherrschten diesen Tag, der gründlich vorbereitet war. Die Menschen wussten, dass sie nur diese eine Chance hatten, einen Teil ihrer Sachen aus den Häusern zu holen. Sie hatten lange in den Familien beratschlagt, was ihnen am wichtigsten war. In Koffern holten sie heraus, was sie tragen konnten. Ich erinnere mich speziell an Manfred Fraust, der seine geliebten Fische im Haus zurücklassen musste. Er hatte Tränen in den Augen, als er von dem traurigen Anblick seines Aquariums erzählte.

Zehn Jahre nach dem Unglück: Blick nach vorne

Gedenkstein für die Todesopfer des Unglücks von Nachterstedt
Ein Gedenkstein erinnert an die drei Toten. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Zehn Jahre danach verstellt noch eine Absperrung den Weg zum Concordia See. Ein Gedenkstein erinnert an die drei Toten. Der Ort wird die Erinnerung an die Katastrophe vom 18. Juli 2009 bewahren und vor allem die an die drei Todesopfer.

Nachterstedt schaut trotzdem nach vorne. Die Uhren haben sich weitergedreht, vor wenigen Tagen wurde der Concordia See von Schadelebener Seite freigegeben. Zur Freigabe waren auch Nachterstedter gekommen, die damals Angehörige und ihr Zuhause verloren haben.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. Juli 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2019, 19:17 Uhr

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