Statistik zu Starts und Landungen Wie sich der Flugverkehr am "Geister-Airport" Cochstedt verdreifachen konnte

Thomas Tasler
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Fluggäste hat der Flughafen Cochstedt im Salzlandkreis schon seit Jahren keine mehr gesehen. Trotzdem verzeichnet der verwaist wirkende Platz von 2018 auf 2019 das mit Abstand größte Verkehrswachstum aller deutschen Flughäfen. Ein Blick in die Statistik zeigt, wie das zusammenpasst.

Rollfeld Flughafen Cochstedt Magdeburg
Auf dem Vorfeld des Flughafens Cochstedt ist es seit Jahren still. Statistisch ist der Flugverkehr von 2018 auf 2019 aber erheblich gewachsen. (Archivbild) Bildrechte: MDR/André Plaul

Der Flughafen Magdeburg-Cochstedt im Salzlandkreis hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Als Militärflugplatz gebaut, sollten nach der Wende auch zivile Maschinen auf dem Platz landen. Doch die großen Airlines machten um den "Airport Magdeburg Cochstedt international" einen großen Bogen. So blieb es auf der Start- und Landebahn des Platzes meist ruhig.

Das zeigt auch die Statistik der Deutschen Flugsicherung (DFS). Die DFS zählt alle Flüge in Deutschland, die nach sogenannten Instrumentenflugregeln durchgeführt werden – größtenteils sind das Flüge von Fluggesellschaften und Geschäftsflugzeugen. Und da konnte Magdeburg-Cochstedt 2016 nochmal punkten. Immerhin 518 IFR-Flugbewegungen pro Jahr konnten die Lotsen in dem Jahr zählen. Danach wurde der Flugbetrieb überwiegend eingestellt. 2017 waren es gerade einmal fünf Flugzeuge, die da auf dem Airport starteten oder landeten.

2019: Unglaubliches Verkehrswachstum in Cochstedt – scheinbar

Stewardess schließt die Tür einer RyanAir-Maschine
Zuletzt flog 2013 der irische Billigflieger Ryanair regelmäßig von Cochstedt aus. (Symbolbild) Bildrechte: Imago-Stock

Doch auch nach Betriebseinstellung erscheint Cochstedt immer wieder in der jährlichen Statistik der DFS. Zuletzt im Jahresbericht für 2019, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Und: Während deutschlandweit an den kleineren Regionalflughäfen die Zahl der Starts und Landungen deutlich zurückgegangen ist, taucht Magdeburg-Cochstedt mit einem schier unglaublichen Verkehrswachstum in der Statistik auf: Der Flugverkehr in Cochstedt soll sich 2019 im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht haben.

In absoluten Zahlen hat die Entwicklung in Cochstedt aber das Zeug zu einem Treppenwitz. 2018 startete oder landete gerade einmal ein einziges Flugzeug auf dem Airport. Es war also nicht schwer, diese Zahl im Folgejahr zu verdreifachen.

Flugverkehr trotz Aussetzens der Betriebsgenehmigung

Doch warum starten und landen überhaupt noch Flugzeuge in Cochstedt? Denn eigentlich wurde der Flughafen mit Aussetzen der Betriebsgenehmigung Ende 2016 vorübergehend geschlossen. Das Landesverwaltungsamt teilte MDR SACHSEN-ANHALT auf Nachfrage mit, dass die alte Betriebsgenehmigung zwar nicht erloschen sei, aber für die Flüge dennoch amtliche Genehmigungen erteilt werden mussten.

Von normalem Betrieb kann in Cochstedt also nicht die Rede sein. Das bestätigt auch Carolin Walaski von der DFS Aviation Service. Das ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Flugsicherung, das vor allem an kleineren Flugplätzen für die Flugsicherung sorgt: "Für normale Flüge gibt es keine Genehmigung, da Magdeburg-Cochstedt zur Zeit außer Betrieb ist und nur nach Bedarf für Testflüge zugelassen ist."

Das Auf und Ab des Flughafens Cochstedt

Der Flughafen Cochstedt wurde 1957 von den Streitkräften der Sowjetunion als Stützpunkt ihrer Luftwaffe eingerichtet. Nach der Wiedervereinigung wurde dem Flughafen 1994 eine Betriebsgenehmigung als Verkehrsflughafen erteilt. Ende der 1990er Jahre wurden große Teile des Flughafens mit Millionenförderung umgebaut. Allerdings machten immer wieder die Insolvenzen des Flughafens Schlagzeilen.

2010 verkaufte das Land den Flughafen an einen Investor aus Dänemark. Zeitweise flogen Ryanair und Germania von und nach Cochstedt. Nach einer erneuten Insolvenz wurde der Flubetrieb 2016 größtenteils eingestellt.

Forschungsflüge am Airport

Ein Forschungsflugzeug des DLR
Mit diesem Airbus A320 will der DLR in Cochstedt Lärmschutzmaßnahmen erproben. Bildrechte: dpa

Statt Urlaubs- oder Linienfliegern am Flughafen willkommen zu heißen, habe man Walaski zufolge im vergangenen Jahr lediglich für Forschungsflüge des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) einen Fluglotsen bereitgestellt. Darüber hinaus sei es dem Landesverwaltungsamt zufolge auch zu Testflügen eines am Flugplatz ansässigen Herstellers von Kunstflugzeugen gekommen.

Trotz dieser gelegentlichen Flüge bleibe der Kontrollturm in Cochstedt Walaski zufolge aber die meiste Zeit unbesetzt: "Nach Bedarf meldet sich das DLR bei der Flugsicherung. Die müssen eine Genehmigung erhalten und wir entsenden dann einen Lotsen, der an den Flugtagen vor Ort ist."

Testflüge für den Lärmschutz

Das DLR ist Walaski zufolge bislang aber der einzige Kunde in Cochstedt, der die Dienstleistung der Lotsen in Anspruch nehme. Kein Wunder, schließlich hat das DLR Mitte 2019 den Flughafen gekauft. Bereits in wenigen Monaten soll es eine ganze Reihe von Forschungsflügen in Cochstedt geben.

Andreas Schütz vom DLR erklärt, dass es dabei vor allem um das Thema Lärmschutz gehe: "Wir testen an großen Flugzeugen konstruktive Maßnahmen, um den Lärm von landenden und startenden Flugzeugen zu senken." Zum Einsatz komme dafür das DLR-eigene Forschungsflugzeug, ein Airbus A320.

Forscher setzen auf Drohnen

Langfristig soll auf dem Gelände in Cochstedt aber ein nationales Erprobungszentrum für zivile unbemannte Luftfahrtsysteme entstehen. Die Forscher wollen dort autonome Drohnen und Hubschrauber testen, erklärt Schütz.

Der erste Forschungsschwerpunkt liege dabei darin, wie man Drohnen oder unbemannte Lufttaxis in den Flugverkehr integrieren kann. Dafür soll vor allem in die Gebäude am Airport investiert werden. Im Mai 2021 soll dem DLR zufolge dann auch der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden – ohne die bisher notwendigen Sondergenehmigungen.

Thomas Tasler
Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Über den Autor Thomas Tasler arbeitet seit Juni 2019 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Er schreibt in der Online-Redaktion und ist als Reporter im Radio zu hören. Bevor der gebürtige Südthüringer nach Magdeburg kam, hat er schon bei MDR AKTUELL in Leipzig gearbeitet. Davor hat er bei der Zeitung "Freies Wort" und bei mephisto 97.6 erste journalistische Erfahrungen gesammelt. In seiner Freizeit dreht sich fast alles um die Luftfahrt – kein Wunder, dass er bei diesem Thema Ansprechpartner Nummer eins im Funkhaus ist.

Quelle: MDR/tt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24. Januar 2020 | 11:30 Uhr

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