Forschungsprojekt in Sachsen-Anhalt Kann Künstliche Intelligenz die Arbeit in Kinderheimen erleichtern?

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Salzlandkreis hat sich das Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke mit der Otto-von-Guericke-Universität zusammengetan. In einem bundesweit einmaligen Forschungsprojekt will man herausfinden, ob Algorithmen die Erzieherinnen entlasten und Kinder vor Stresssituationen bewahren können. Zurück geht die Idee auf Sven Schulze, Betreiber des Zentrums, wie er MDR Sachsen-Anhalt erklärt.

In Groß Börnecke arbeiten sie an der Zukunft der Sozialarbeit. Eine Firma aus dem Ort ist derzeit Teil eines in Deutschland einmaligen Projekts. Im Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke soll getestet werden, wie Künstliche Intelligenz das Leben von Heimkindern und ihren Betreuungskräften verbessern kann. Angefangen hat all das mit Sven Schulze und dem "Pädagogischen Tagebuch".

Ein Mann im legeren Pullover und ein Kind sitzen am Tisch, der Mann hat einen Laptop, das Kind schreibt in ein Arbeitsheft
Ein Betreuer im Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke macht Hausaufgaben mit einem Kind. Auf seinem Laptop kann er derweil Beobachtungen über das Kind in ein Programm namens "Pädagogisches Tagebuch" schreiben Bildrechte: Simon Köppl/MDR

Schulze, 49, Betriebswirt und Erzieher, leitet das Kinder- und Jugendhilfezentrum. Er hat es von seiner Mutter übernommen, die die ehemals kommunale Einrichtung 1996 privatisiert hat. Ein Kinderheim, wie das Zentrum umgangssprachlich heißt, muss viel protokollieren, Berichte für die Jugendämter schreiben. Vor elf Jahren hatte Schulze die Idee, diese Arbeit zu digitalisieren und zu vereinfachen: mit dem "Pädagogischen Tagebuch".

Die Software "Pädagogisches Tagebuch"

Das ist eine Software, in die Schulzes Angestellte zu jeder Zeit Beobachtungen über die Kinder notieren oder Noten vergeben können. Letztere gibt es für unterschiedliche Lebensbereiche wie Familie, Gesundheit, Persönlichkeit und das Verhalten in sogenannten Milieus, also in Bezugsgruppen wie Wohngruppe oder Schule.

Sven Schulze, Leiter Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke
Sven Schulze leitet das Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke, das jetzt Teil eines bundesweit einzigartigen Forschungsprojekts ist Bildrechte: Simon Köppl/MDR

Gespeichert werden die Daten online. Das wollte Schulze von Anfang an, damit das Programm ortsunabhängig und zu jeder Zeit funktioniert. Geschrieben hat es Jens Münster von der Magdeburger Skyrix Software AG. Anfangs habe man die Daten noch nur per Computer eintragen können, mittlerweile geht es von praktisch jedem Endgerät, auch Smartphones.

Neben den Einschätzungen der Fachkräfte enthält das Programm einen Wochenplan für jedes Kind und eine Erfassung der Medikamentengabe. Einige der Kinder in den Gruppen erhalten das Psychopharmakon Ritalin. Das wird bei ADHS eingesetzt.

"Wir haben mit dem Programm 90 Prozent unserer Erziehungsprozesse abgebildet", sagt Schulze. 250.000 Datensätze haben sich so in den Jahren gesammelt. Schon jetzt ließen sich aus den Daten Entwicklungstendenzen der Kinder herauslesen, so Schulze. Die kommen automatisiert per E-Mail. Das nächste Update des "Pädagogischen Tagebuchs" soll aber viel umfassender sein. Denn das Programm soll um Anwendungen Künstlicher Intelligenz erweitert werden.

Das Forschungsprojekt mit der Otto-von-Guericke-Universität

Gemeinsam mit der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und anderen Partnern ist Sven Schulzes Kinder- und Jugendhilfezentrum dafür nun Teil eines aus Bundesmitteln geförderten Projekts. "Digitale Unterstützung partizipativer pädagogischer Arbeitsprozesse in Einrichtungen der Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen" heißt es etwas sperrig. Oder kurz: KiJuAssistenz.

Das Forschungsprojekt will die im Tagebuch gesammelten Daten besser nutzbar machen: Die Software soll zu einer Art Assistentin werden. Sie soll die Daten künftig fortlaufend analysieren und anhand dieser den Betreuerinnen und Betreuerinnen Empfehlungen geben, wie sie Problemsituationen mit Kindern lösen können.

"Bevor ein Betreuer zu einer Gruppe kommt, soll die Software ihm sagen: Die und die Kinder sind gerade da, spiel’ Fußball mit ihnen", so Schulze. Künstliche Intelligenz eben.

Das Forschungsprojekt "KiJuAssistenz" in Zahlen 303.928 Euro für die Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke GmbH
234.760 Euro für die Mensch-Technik-Organisation-Planung GmbH, Magdeburg
526.217 Euro für die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
236.035 Euro für die Hoffbauer gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Potsdam

Laufzeit: 1. März 2020 (Corona-bedingt auf 1. Juni verschoben) bis 28. Februar 2023

Dafür gibt das Bundesforschungsministerium jetzt 1,3 Millionen Euro. Nicht ganz ein Viertel davon geht an Schulzes Firma. Er hat nach eigener Aussage bereits 600.000 Euro in das Projekt gesteckt.

Robert Kummer vom Fraunhofer Institut in Magdeburg und dem Kompetenzzentrum von Mittelstand-Digital stellte den Kontakt zur Otto-von-Guericke-Universität her. Gemeinsam bewarb man sich bei der Fördervergabestelle in Karlsruhe. Beim Auswahlverfahren sei dann schnell klar geworden, dass die Verbindung von Künstlicher Intelligenz und Sozialarbeit in Deutschland bislang einmalig sei.

KI-Vortragsreihe von Mittelstand-Digital Mittelstand-Digital informiert nach eigenen Angaben kleine und mittlere Unternehmen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Das Projekt des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie betreibt mehrere Kompetenzzentren in Deutschland, darunter in Magdeburg, Chemnitz und Ilmenau. Unter dem Aufruf "Trauen Sie sich, ein KI-Projekt in Ihrem Unternehmen zu Starten" läuft derzeit eine Online-Vortragsreihe für Unternehmen. https://www.vernetzt-wachsen.de/online-vortragsreihe-ki-projekte-im-eigenen-unternehmen-starten/ 

Von den neuen Mitteln zahlt Schulze einen Projektleiter und eine Stelle für die Programmierung. Allein, letztere konnte er bislang nicht besetzen. Doch Schulze kennt sich mit Fachkräftemangel bereits aus.

Antwort auf Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt

Rund 4.900 junge Menschen haben 2019 eine Hilfe durch Heimerziehung oder eine andere Form des betreuten Wohnens erhalten. Mehr als die Hälfte war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt oder jünger. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. In den fünf von Schulze betriebenen Wohngruppen leben 75 Kinder. Hinzu kommen eine Tagesgruppe und eine ambulante Hilfe. Um all das kümmern sich rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, oft unter hohem persönlichen Einsatz.

Ein Mann sitzt an einem Computer und hat ein Programm geöffnet, das mehrere Tabellen und ein Diagramm zeigt
In das "Pädagogischen Tagebuch" tragen die Fachkräfte ihre Beobachtungen zu den Kindern ein und sehen, wie diese sich entwickeln Bildrechte: MDR/Simon Köppl

Der Markt für diese Fachkräfte sei umkämpft, sagt Schulze: "Die Arbeitsbedingungen sind unattraktiver als beispielsweise in einer Kita, die Arbeit selbst anspruchsvoller." Neben den Kitas konkurrieren Einrichtungen wie seine auch mit der Schulsozialarbeit und den Sozialämtern um die wenigen Fachkräfte.

So viele Kinder und junge Erwachsene lebten 2019 in Sachsen-Anhalt in Heimen und Wohngruppen
  insgesamt davon 18 Jahre alt oder jünger
in dem Jahr begonnene Hilfen 1.643 1.487
Hilfen am 31.12.2019 3.236 1.689
2019 beendete Hilfen 1.637 1.094
Hilfen insgesamt 4.873 2.783

Zahl der Hilfen/Beratungen durch Heimerziehung und sonstige betreute Wohnformen (nach § 34 SGB VIII) für Menschen zwischen 0 und 27 Jahren. Daten: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt

Das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration bestätigt gegenüber MDR Sachsen-Anhalt den Fachkräftemangel. Im Oktober waren 244 Stellen im Bereich Kinderbetreuung und -erziehung noch unbesetzt. Den teils hohen Anforderungen im Beruf stünden aber auch viele Gestaltungsmöglichkeiten und die langfristige Wirkkraft der eigenen Arbeit gegenüber.

Sven Schulze hat aber noch eine andere Frage, die ihn umtreibt: "Was sind die Zutaten für eine gute professionelle Beziehung zwischen Kind und Erziehenden?" Bis heute könne man das nicht exakt sagen. Die Ausbildung und umfangreiche Fachliteratur würde Betreuerinnen und Betreuer nicht ausreichend auf die Arbeit mit oftmals traumatisierten Kindern vorbereiten.

So lange leben Kinder in Sachsen-Anhalt in Heimen und Wohngruppen
Dauer bis zu 1 Jahr 1 bis zu 2 Jahre 2 bis zu 5 Jahre mehr als 5 Jahre
Anteil 49% 22% 22% 7%

Dauer der insgesamt 1.637 im Jahr 2019 beendeten Hilfen durch Heimerziehung oder sonstige betreute Wohnformen (nach § 34 SGB VIII) für Menschen zwischen 0 und 27 Jahren. Daten: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt. Berechnungen: MDR Sachsen-Anhalt

Schulze hofft, dass Künstliche Intelligenz eben hier weiterhelfen und zu einer Entlastung seiner Angestellten führen wird. In zwei Jahren, so Schulze, soll die Software erste Empfehlungen abgeben. Mit denen könnten dann etwa Impulsausbrüche von Kindern präventiv verhindert werden. Auch die Vergabe von Medikamenten könnte durch die Analysen effektiver und möglicherweise schonender gestaltet werden.

Die Kinder selbst sehen nicht, was über sie digital erfasst wird. Das Kinder- und Jugendhilfezentrum in Groß Börnecke kann auch nur Kinder betreuen, deren Eltern oder Vormund der Verwendung der Daten zustimmen. Bislang habe sich niemand verweigert.

Schulze hat noch weitere Ideen. Die Kinder etwa durch regelmäßige Interviews direkt in das Programm einzubeziehen oder eine automatisierte Lautstärkemessung in den Räumen der Einrichtung. Damit könnte der Stresspegel der Jugendlichen digital ermittelt werden. Da seien noch datenschutzrechtliche Fragen zu klären, sagt er.

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin.

Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

Mehr zum Thema

Screenshot einer Videokonferenz mit vier Menschen: den beiden Podcastmachern Marcel Roth und Stephan Schulz und ihren Gästen Alexander Alten-Lorenz und Doris Aschenbrenner 88 min
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

KI, Sachsen-Anhalt und Gesundheit:Wir sprechen mit Doris als Professorin in den Niederlanden und mit Alex als jemand, der auch im Silicon Valley gearbeitet hat. Zwei Bundestagsabgeordnete kommen auch zu Wort.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 06.11.2020 15:33Uhr 88:21 min

Audio herunterladen [MP3 | 80,9 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 161,1 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/podcast/digital/podcast-digital-leben-ki-und-gesundheit-in-sachsen-anhalt100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Quelle: MDR/tv

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | 13. November 2020 | 21:45 Uhr

1 Kommentar

jackblack vor 2 Wochen

Scheinbar gibt es keine NATÜRLICHE Intelligenz mehr- sehr traurig.

Mehr aus Salzlandkreis, Magdeburg, Börde und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt