Eine Jugendweihegesellschaft steht für ein Familienfoto beisammen.
Weihling Max Ziebart (Mitte) mit seinen Geschwistern und Eltern vor dem Dr.-Tolberg-Saal in Schönebeck Salzelemen, wo seine Feierstunde stattfand. Bildrechte: privat

Tradition in Sachsen-Anhalt "Jugendweihe gehört einfach dazu"

Die Zahl der Jugendweihen in Sachsen-Anhalt ist seit Jahren stabil. Jetzt im Mai finden die meisten statt. Doch warum wurde die Jugendweihe im Osten Deutschlands so populär und wie wird heute gefeiert? Hausbesuch bei einem Weihling in Barby bei Magdeburg.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Jugendweihegesellschaft steht für ein Familienfoto beisammen.
Weihling Max Ziebart (Mitte) mit seinen Geschwistern und Eltern vor dem Dr.-Tolberg-Saal in Schönebeck Salzelemen, wo seine Feierstunde stattfand. Bildrechte: privat

Weißes Hemd, graue, kleinkarierte Hose, schwarze Fliege, Hosenträger und Bluson-Jacke, dazu schwarze Wildlederschuhe – Max fühlte sich in seinem Jugendweihe-Outfit sichtlich wohl. "Das würden so bestimmt nicht viele tragen, aber ich mag es, ein bisschen was anderes zu haben", sagt der 13-Jährige. Am 4. Mai konnte er sich darin bei der Feierstunde im Dr.-Tolberg-Saal in Schönebeck Bad Salzelmen präsentieren. Neben seinen Eltern waren seine Geschwister dabei – extra aus anderen Bundesländern angereist und sichtlich stolz auf den jüngsten Bruder. "Es war ein besonderer Moment, auf der Bühne zu stehen, um offiziell aufgenommen zu werden in den Kreis der Erwachsenen", sagt Max anschließend. Für ihn war es keine Frage, ob er Jugendweihe feiern will: "Aus meiner Klasse haben fast alle mitgemacht - bis auf einen, der sich konfirmieren lässt".

Etwa 6.000 Weihlinge in Sachsen-Anhalt pro Jahr

Max Ziebart mit seinen Eltern Melanie und Erik Hunker in Barby
Max' Eltern sind zufrieden mit der Organisation der Jugendweihe und den zusätzlichen Angeboten. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Auch dieses Jahr sind es gut 6.000 Jugendliche in Sachsen-Anhalt, die den symbolischen Übertritt vom Kindes- ins Erwachsenenalter feiern. Im Schnitt ist es etwas mehr als die Hälfte eines Jahrgangs, der sich anmeldet. Rund 150 Feierstunden organisiert der Landesverband für Jugendweihe in diesem Jahr. Wobei die der Feierstunde vorangehenden Angebote für die Weihlinge unterschiedlich stark nachgefragt sind. Im Programm sind zum Beispiel Workshops wie alkoholfreies Cocktail-Mixen, Tagesausflüge zu Amtsgerichten, zu Vereinen, dem Landtag und Gedenkstätten oder auch Knigge-Kurse. Durch solche Unternehmungen können sich die Jugendweihlinge mit dem Erwachsensein beschäftigen, die Teilnahme ist freiwillig.

In Max' Schule haben von 80 Schülern nur er und 11 weitere einen Tanzkurs absolviert. Seine Eltern finden das schade. "Ich finde, es gibt viele sinnvolle Angebote für dieses Alter, wie einen Knigge- oder einen Tanzkurs", meint etwa Erik Hunker. Der Schulleiter einer Dessauer Schule hat er es nur einmal geschafft, eine Klasse zu einem Kniggekurs zu führen. "Der Verein macht sehr viel, ohne Frage, man muss sich den kleinen Prospekt ja nur ansehen. Aber die Resonanz ist recht gering, obwohl das alles keine Reichtümer kostet."

Jugendweihe 2019 in Sachsen-Anhalt • etwa 6.200 Jugendliche feiern im April beziehungsweise Mai Jugendweihe
• ein zentraler Verein organisiert über mehrere Dutzend regionaler Kontaktstellen landesweit rund 150 Feiern
• beliebte Kleidung der Weihlinge: Abendkleider für die Mädchen, für die Jungs eher Anzug oder Chinos mit Hemd und Hosenträgern

Schule ist nicht mehr Haupt-Organisatorin

Die Meinungen, an wem die zumindest in Max' Klasse eher geringe Beteiligung liegt, sind am Küchentisch in Barby recht unterschiedlich. "Die Schule sollte das mehr in die Hand nehmen", findet seine Mutter Melanie. "In seiner Schule zum Beispiel wurden nicht mal die Anmeldebögen zur Feierstunde verteilt." – "Die Schule ist auch nicht dafür da, private Angelegenheiten zu arrangieren", hält ihr Mann dagegen, "wir organisieren ja auch keine Konfirmationen. Wer Interesse hat, soll sich selbst informieren." Für beide war die Jugendweihe zu DDR-Zeiten praktisch Pflicht, wenn auch eine angenehme. "Man erinnert sich vor allem an die Familie und natürlich Geschenke", erzählt Erik Hunker. "Ich habe mir von dem Geld das erste Moped gekauft, eine gebrauchte 'Star' – da war ich sehr stolz." – "Bei mir waren es Bettwäsche und Handtücher. Und: ein SKR 700-43 – ein supertolles Radio-Kassettengerät", ergänzt Melanie Hunker mit einem glücklichen Lächeln. "Heute wünschen sich die meisten Geld", sagt Max. Er selbst freut sich über seinen eigenen Computer.

Der Kern der Jugendweihe scheint damals wie heute also derselbe – nur entpolitisiert. Ein Verein organisiert nun alles: 12 Hauptamtliche und rund 150 Ehrenamtliche zwischen 14 und 70 Jahren sind es aktuell im sachsen-anhaltischen Landesverein. Auch Max möchte im nächsten Jahr ehrenamtlich mitwirken, als Moderator bei einer Feierstunde für den nächsten Jahrgang.

Geschichte der Jugendweihe beginnt Ende des 19. Jahrhunderts

Steffi Kaltenborn, Otto von Guericke-Universität Magdeburg
Historikerin Steffi Kaltenborn forscht zu DDR-Geschichte Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Doch woher kommt die Jugendweihe ursprünglich? Viele verbinden sie mit der DDR, doch es gab sie auch schon weit davor. "Freireligiöse Gemeinschaften suchten Ende des 19. Jahrhunderts ein Ritual auf dem Weg ins Erwachsenenalter – das aber nicht mit der Institution Kirche zusammenhängen sollte", erklärt Steffi Kaltenborn, die sich an der Otto von Guericke-Universität Magdeburg mit der Geschichte der DDR beschäftigt. "Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung greifen die sich entwickelnde Jugendweihe dann auf und bis in die 1930er Jahre hinein finden sie statt – nicht für die Mehrheit der Bevölkerung, aber Teile von ihr." Der Jugendweihe-Verein nennt 1852 als Jahr der ersten Jugendweihe. Pfarrer Eduard Baltzer, der auch Abgeordneter der ersten Deutschen Nationalversammlung 1848 in der Frankfurter Paulskirche gewesen sei, habe 1847 die Freie Protestantische Gemeinde Nordhausens gegründet und wenige Jahre später die Jugendweihe als außerkirchliche Alternative zur Konfirmation ins Leben gerufen.

Die Feier erfreute sich wachsender Beliebtheit – bis die Nationalsozialisten die Feiern 1933 verbieten, da sie nicht mit der politischen Ideologie vereinbar waren und als "links" galten, erklärt Kaltenborn weiter. Auch die Arbeiterparteien wurden 1933 verboten; ein Weiterbestehen der Jugendweihen hätte nicht dazu gepasst.

Jugendweihe von der DDR instrumentalisiert

Nach Kriegsende griffen freireligiöse Vereinigungen die Jugendweihe wieder auf – doch wieder wurde sie verboten, dieses Mal von der SED. Wohl aus Angst vor etwas Unkontrollierbarem, was man nicht im Griff haben könnte, so Kaltenborn. Stattdessen sollte es Schulentlassungsfeiern am Ende der 8. Klasse geben. "Doch weil die nicht politisch genug waren, ging die SED ab 1954 dazu über, Jugendweihen gezielt einzuführen und durchzusetzen", erklärt die Geschichtswissenschaftlerin. Die Schüler sollten nun ein Gelöbnis sprechen, unter anderem wurden sie gefragt:

Jugendweihe in Sonneberg
"Ja, das geloben wir!" Bildrechte: DRA

Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: Ja, das geloben wir!

Jugendweihe-Gelöbnis in der DDR

Auch Steffi Kaltenborn hat diese Worte gesprochen, 1978 – aber ohne sie wirklich zu glauben, sagt sie. Sie muss nachschlagen, was sie einst gelobt hatte. Die meisten Jugendlichen hinterfragten die Weihe mit ihrem Gelöbnis auf die DDR und den Sozialismus wohl nicht – "eine politische Erziehung war man ja aus dem Alltag gewöhnt, in der Schule, im Fernsehen, man hatte die Pioniernachmittage, Staatsbürgerkunde und Heimatunterricht. Da war die politische Unterweisung bei der Jugendweihe nur eine mehr", so Kaltenborn.

Max Ziebart zu Hause
Für Max Ziebart aus Barby zählt allein das Ritual – eine Art zweiter Geburtstag. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Es wurde schlicht erwartet, dass an der Jugendweihe teilgenommen wird. "Besonders in den 50er Jahren wurde über die Schulen großer Druck auf die Jugendlichen ausgeübt. Es wurden zum Beispiel Klassenleiter zu Elternbesuchen aufgefordert: um neben dem Problem, das vielleicht der 10-jährige Sohn in Mathe hat, auch darauf hinzuweisen, dass die 14-jährige Schwester doch bitteschön zur Jugendweihe gehen möge." Auch auf der Arbeit sollten Eltern daran erinnert werden, ihre Kinder zur Jugendweihe zu schicken. Schließlich konnte das Fernbleiben ganz persönliche Folgen haben, erzählt Kaltenborn: "Jugendliche, die zur Oberschule gehen und Abitur machen wollen, durften das nur, wenn sie zur Jugendweihe gingen. Es gibt viele belegte Fälle, wo Jugendlichen in den 50er Jahren zumindest gedroht wurde, dass sie sonst nicht studieren dürften. Einem Mädchen aus Magdeburg wurde zum Beispiel der Ausbildungsplatz als Erzieherin wieder entzogen, Begründung: sie sei ungeeignet."

Teilnehmerzahlen steigen in 1950ern rasant

In den 50er-Jahren war die Jugendweihe somit praktisch unerlässlich – wenn auch begleitet von durchaus interessanten Angeboten für die Jugendlichen, meist Ausflügen in die nähere Umgebung, zu Betrieben, später auch ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, erzählt Kaltenborn. "Man muss sich vor Augen führen: Das ist eine Generation, die noch im Krieg oder kurz danach geboren wurde – da waren die Ausflüge für viele ein echtes Erlebnis." So hätte man sich nach und nach an die Jugendweihe gewöhnt, während die Bindung zur Kirche schwächer wurde. Das Wichtige sei damals wie heute gewesen: ein Familienfest, bei dem man im Mittelpunkt steht, mit Geschenken. So stieg die Zahl der Teilnehmer an Jugendweihen innerhalb weniger Jahre auf deutlich über 90 Prozent.

Bis der Mauerfall 1989 einiges änderte. Einen sozialistischen Staat, auf den man schwören könnte, gab es nicht mehr – doch die Jugendlichen wollten auf die Erfahrung ihrer Eltern und größeren Geschwister nicht verzichten. So gründeten sich Jugendweihe-Vereine, die unpolitische Feiern ausrichten und einen "weltlichen Humanismus" vertreten wollten. Doch die Form einer feierlichen Stunde, mit Reden, einem Geschenkbuch und Urkunde, blieb. In dieser Weise hat sich die Jugendweihe erhalten - ohne Gelöbnis, unabhängig von der Schule, privat organisiert.

Andere Feiern bleiben ebenfalls gefragt

Ein junger Mann, mit einer weißen Rose in der Hand, lächelt.
Erwachsenwerden kennt viele Wege – Max hat sich für die Jugendweihe entschieden. Bildrechte: privat

Die meisten Jugendlichen in Sachsen-Anhalt entscheiden sich für eine Jugendweihe, doch auch andere Feiern bleiben interessant. Bei den evangelischen Konfirmationen pendelt die Zahl der Teilnehmer seit Jahren um die 1.500, bei den katholischen Firmungen sind es mittlerweile weniger als 300. Daneben nehmen etwa 1.000 Jugendliche an Segensfeiern teil – sie richten sich vor allem an nichtgetaufte Jugendliche und ersetzt nicht die Konfirmation. "Aber sie nimmt – wie die Konfirmation – die Jugendlichen ernst auf ihrem Weg selbstständig zu werden und bestärkt sie, als Teil der Gesellschaft unsere Welt mitzugestalten", erklärt Friedemann Kahl, Sprecher der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands.

Neben diesen Angeboten hat sich seit etwa 20 Jahren noch eine weitere Form besonders im Raum Halle entwickelt: die Lebenswende. Organisiert von den Kirchen, soll die Feier ohne missionarischen Hintergrund eine weitere Alternative sein. 2018 entschieden sich rund 800 Jugendliche für diese Feier, die ähnlich wie die Jugendweihe in einer Feierstunde endet. Außerdem ist mit den "Jugendfeiern" der Humanisten besonders in Magdeburg ein weiteres Angebot dazugekommen. Gemeinsam haben alle, dass sie das Erwachsen-Werden junger Menschen symbolisieren wollen.

Christine Warnecke
Christine Warnecke Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Autorin: Christine Warnecke Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

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Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. Mai 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 11:14 Uhr

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11 Kommentare

18.05.2019 14:34 Sonja 11

@ 9 R I C H T I G !! scheint der aber nicht zu begreifen !

18.05.2019 10:23 Hans Frieder Leistner 10

@ Merseburger. Wenn sie den Beitrag 1 lesen und die Frau schreibt, daß in der DDR im Gegensatz zu heute Alles in Ordnung war, muß man als normaldenkender Mensch Widerspruch erheben. Da mag das Thema heißen wie es will. Die DDR war eine Diktatur. Wir haben heute aber noch demokratische Verhältnisse in der Bundesrepublik .Aber ich kann mir schon vorstellen, daß Menschen,die fleißig mit an den Untaten beteiligt waren, das nicht hören wollen.

17.05.2019 18:40 W. Merseburger 9

@ 8, lassen sie sich sagen, dass obiges Thema "Jugendweihe" heißt. Ihr Beitrag, der zu Recht gestrichen wurde, allerdings kurzzeitig zu lesen war, ist einfach für obiges Thema nicht relevant gewesen. Sie haben sich da im Ton vergriffen und das endlose Thema zum Unrecht in der DDR ohne Zusammenhang zur Jugendweihe bzw. Konfirmation uns vorgesetzt.

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