#miteinanderstark Gemeinsam gegen Depression: "Jetzt ist die Zeit für Nächstenliebe"

Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperre sollen die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen und uns schützen. Diese weitgehende soziale Isolation ist für alle eine Herausforderung. Für Menschen mit einer psychischen Erkrankungen wie einer Depression ist sie aber besonders problematisch.

von Marie-Kristin Landes, MDR Sachsen-Anhalt

Ein Mann mit mittellangem Haar und Sonnebrille auf dem Kopf legt seine flache Hand auf die Brust und lächelt.
Thomas Rettig versucht, trotz Coronakrise positiv zu bleiben und anderen zu helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn Thomas Rettig aus Aschersleben über Depressionen spricht, weiß er genau, wovon er spricht. 2009 wurde bei ihm zum ersten Mal eine Depression diagnostiziert. Er hat sich durch Klinikaufenthalte gekämpft, eine Selbsthilfegruppe gegründet und gilt derzeit als stabil. Wer ihn heute trifft, erlebt ihn als lebenslustigen, offenen und gut gelaunten Menschen.

Von Anfang an hat Thomas Rettig versucht, offen über seine Erkrankung zu sprechen. Das ist selten. Vielen fällt es schwer, über ihre Depression zu reden. Und genau darin liegt in der aktuellen Situation eine große Gefahr.

Selbsthilfegruppen fallen aus

Der 51-Jährige erklärt, worin er derzeit die größte Schwierigkeit sieht: "Ich glaube, für einen psychisch Erkrankten ist jetzt das Corona gar nicht das, was im Vordergrund ist. Sondern einfach die Panik, die Angst und eben die Kontaktsperre. Sie haben sich irgendwann geöffnet, nutzen Möglichkeiten und auf einmal ist das weg."

Aufgrund der geltenden Beschränkungen in der Ausnahmesituation reduzieren Kliniken ihr Tagesangebot. Teilweise werden Therapiesitzungen verschoben und Selbsthilfegruppen fallen aus. Allein die vom Paritätischen Wohlfahrtsverband betreute Selbsthilfekontaktstelle Halle-Saalekreis koordiniert mehr als 200 verschiedene Selbsthilfegruppen. Keine davon trifft sich derzeit – und niemand weiß genau, wie lang das so sein wird.

Selbsthilfegruppe digital

Auch die Selbsthilfegruppe, in der Thomas Rettig heute Mitglied ist, hat ihre Treffen ausgesetzt. Allerdings bleibt sie, wie viele andere auch, digital in Kontakt. "Also es gibt ja Möglichkeiten: die Chatgruppen. Dann gibt's das Telefon und sicherlich in Ausnahmefällen trifft man sich mit allen Vorgaben die man hat," sagt Rettig. Er befürchtet, dass die Zahl Suizide jetzt steigen wird.

Eine Angst, die nicht unbegründet ist. Nicht alle können auf ein stabiles Netzwerk aus Familie, Freunde und Selbsthilfegruppe zurückgreifen. Auch war es schon vor Corona nicht einfach, einen Termin bei Therapeuten zu bekommen, jetzt noch weniger. Eine feste Tagesstruktur ist ein wesentliches Element im Kampf gegen eine Depression. Viele müssen das erst wieder lernen.

Trotz Kontaktverboten: feste Tagesstruktur ist wichtig

Bei Ausgangssperren und Kontaktverboten sich jetzt selbst, schlimmstenfalls allein zu Hause, eine solche Strutkur zu geben, ist eine enorme Herausforderung. "Wenn Sie im Hilfenetz drin sind, wenn Sie einen Therapeuten hatten, wo Sie vielleicht vorher einmal die Woche hingangen sind: Den können Sie auch weiterhin anrufen und so weiter. Aber die, die in dem Hilfesystem noch nicht drin sind, die haben es jetzt richtig schwer", sorgt sich Thomas Rettig, der Mitglied des Landespsychiatrieausschusses von Sachsen-Anhalt ist.

Er kritisiert, dass es keinen richtigen Notfallplan für Menschen mit psychischen Erkrankungen in dieser Situation gibt. So vermisse er eine einheitliche Nummer, die jetzt für alle im Land gelte und Hilfe anbietet.

Nicht verzweifeln, es gibt Hilfe

Hilfslos muss trotzdem niemand sein. Im Notfall wird keine Klinik Betroffene abweisen. Die psychosozialen Dienste der Gesundheitsämter arbeiten auf Hochtouren. Auch die Notfallnummern wie das kostenfreie Info-Telefon Depression sind weiterhin erreichbar. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat ihr Online-Tool "iFightDepression" freigeschalten. Es ist auf mehreren Sprachen verfügbar und soll begleitend das Selbstmanagement unterstützen.

Nächstenliebe leben

Für sich selbst hat Thomas Rettig beschlossen, so gelassen wie möglich zu bleiben, sich nicht von den vielen Nachrichten verunsichern zu lassen. "Corona geht irgendwann wieder, die Sonne kommt raus. Es ist schön." Sein Ratschlag: Sich jeden Tag etwas vornehmen, an die frische Luft gehen und von den Problemen ablenken. Etwas anderes mache er auch nicht.

Was er sich außerdem wünscht: "Jetzt ist doch die Möglichkeit, wo wir Nächstenliebe leben können. Dass man jetzt auch mal als Angehöriger sagt: Ich hab es vielleicht die ganze Zeit nicht verstanden. Jetzt nutze ich die Zeit, auch aus der Distanz, um den Hörer in die Hand zu nehmen, zu reden und zu sagen: Es wird gut."

Sie brauchen Hilfe oder kennen jemanden, der Hilfe benötigt? Info-Telefon Depression: 0800 33 44 533

Kinder- und Jugendtelefon: 0800 11 10 333

ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116/117

Zum Selbsttest, um eine Depression zu erkennen, geht es hier.

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Quelle: MDR/mkl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. März 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 10:27 Uhr

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