Von Baden-Württemberg zurück in den Harz "Das Herz hängt am Harz" – Familie Festerling hofft auf Rückkehr

Nadine und Ronny Festerling wollen zurück in den Harz. Nach zehn Jahren in Baden-Württemberg fehlt die Familie und das Heimweh ist groß. Nun hofft die kleine Familie auf einen erfolgreichen Neustart in der Heimat. Auch wenn vieles noch ungewiss ist.

von Nadja Storz und Julian Kanth, MDR SACHSEN-ANHALT

Wir treffen Nadine und Ronny Festerling zufällig auf einer Rückkehrermesse, veranstaltet vom Landkreis Harz im Dezember im Wernigeröder Rathaus. Es ist die Zeit zwischen den Jahren 2018 und 2019. Der Ansturm ist riesig, viel größer als noch vor ein paar Jahren. Das Blatt hat sich gewendet: Unternehmen suchen jetzt auch im Osten Fachkräfte.

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Nadine und Ronny Festerling wollen von Stuttgart zurück in ihre alte Heimat, den Harz. Bildrechte: MDR/Julian Kanth

Ganz anders als vor zehn Jahren, als das junge, gut ausgebildete Paar aus Ilsenburg sich auf den Weg in den Südwesten machte, nach Baden-Württemberg. Sie hatten Sachsen-Anhalt verlassen, wie so viele, weil sich besser bezahlte Jobs im Westen boten. Doch nun, wo Tochter Sofia auf der Welt ist, wollen sie zurück – zu groß ist die Sehnsucht nach der Familie und nach der Heimat.

"Unser Ziel ist klar. Wir haben das Ziel, wieder hierher zu kommen", sagt die blonde junge Frau im Brustton der Überzeugung. Und: "Das Jahr 2019 wird das Jahr unserer Rückkehr." Das klingt nach viel Zuversicht und nach Kontakten, die den Festerlings auf der Messe Mut gemacht haben.

Familie lebt (noch) klassisches Rollenmodell

Nadine Festerling
Nadine Festerling möchte auch gern wieder arbeiten gehen. Bildrechte: Nadine Festerling

Mit zehn Firmen haben die beiden gesprochen, auch Nadine möchte wieder arbeiten gehen. Doch es ist nicht so leicht, wie gedacht. Denn zumindest Ronny Festerling würde viel aufgeben. Der 36-Jährige hat gute Arbeit gefunden in Sindelfingen bei Stuttgart, bei Daimler. Der gelernte Kfz-Mechaniker, ein ruhiger, besonnener Typ, hat Karriere gemacht, ist inzwischen Projektleiter. Er kann sich seinen Arbeitstag einteilen, verdient gutes Geld. Sie leben das klassische Rollenmodell: Vater bringt das Geld, Mutter bleibt zu Hause. Ihr Job: der Haushalt und die fast zweijährige Tochter Sofia. Auf die Frage, ob dies das perfekte Leben ist, antwortet Nadine zögerlich.

Ja, schon. So langsam wieder arbeiten, wäre aber auch schön. Dass die Sofia auch unter andere Kinder kommt. Aber das ist eben nicht möglich. Es gibt so wenige Krippenplätze hier.

Nadine Festerling

Guter Verdienst, aber kein Krippenplatz und kein Job für Nadine

Sendungsbild
In Stuttgart findet Nadine Festerling weder Arbeit noch Betreuung für ihre Tochter. Bildrechte: MDR/Nadja Storz

Hier, die neue Heimat, ist Ostfildern, eine Kleinstadt bei Stuttgart. Hier haben sie eine schöne helle Wohnung, der Mann verdient gut und kommt auch pünktlich nach Hause. Aber kein Krippenplatz, keine Familie in der Nähe – und so wird es auch schwierig mit einem Job für Nadine, trotz Marketing-Studiums mit Schwerpunkt Pharma. Vor Sofia ist sie von Stuttgart aus nach Baden-Baden gependelt. Nadine bewirbt sich wie ihr Mann inzwischen immer wieder in der alten Heimat. Bislang war aber noch nicht das Richtige dabei, auch weil Unternehmen flexible Arbeitszeiten nicht mehr kennen, sagt Nadine.

Die Familie fehlt

Mit dem Rückkehr-Gedanken tragen sich beide schon seit Jahren. Und seit das Kind da ist, ist der Wunsch noch stärker geworden, sagt Nadine. "Mit Kind merkt man, dass Verwandte hilfreich wären." Und sie hat Heimweh. "Das Herz hängt am Harz. Klingt komisch, aber so ganz angekommen sind wir hier nicht. Das ist zwar die zweite Heimat. Sie ist ja auch hier geboren. Aber das Herz hängt am Harz."

Pläne für Rückkehr werden konkret

Blick auf Daimler in Sindelfingen
Für eine Rückkehr in die Heimat würde Ronny Festerling seinen gut bezahlten Job opfern. Bildrechte: MDR/Nadja Storz

Nun haben sie aber Nägel mit Köpfen gemacht, Tatsachen geschaffen. Nadine und Ronny Festerling haben ein Grundstück gekauft, in der Nähe der Eltern. Stolz steht das Paar auf einer Wiese bei Stapelburg und läuft den Grundriss des geplanten Hauses ab: "Hier stehen wir im Badezimmer. Das ist unser Grundstück."

In Stapelburg wartet Nadines Mutter. Monatelang konnten sie mit ihrer Tochter nur telefonieren, ihre Enkeltochter nicht in den Arm nehmen. Sie würde den Alltag auch gern mit den Kindern teilen: "Zu sagen: Jetzt kommt Oma und nimmt die Kleine. Aber die 600 Kilometer. Das ist nicht möglich. Wenn man große Kinder hat und sieht, dass die ihr Leben meistern und man kann daran nicht teilhaben. Das tut schon weh."

Hoffen auf eine Zukunft in der Heimat

Sieben Stunden Autofahrt liegen zwischen erster und zweiter Heimat der Festerlings. Und die ungewisse Frage: Werden sie einen Job finden für beide Partner? Sie sind bereit, weniger zu verdienen, vielleicht auch schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Heimat sei wichtiger als Geld, sagt Ronny. Und gibt die Hoffnung nicht auf – auf einen Job und eine Zukunft für sich und seine Familie in Sachsen-Anhalt.

"FAKT IST"-Bürgertalk am 17.06.2019 Viele Sachsen-Anhalter sind nach der Wende weggezogen – dorthin, wo es Arbeitsplätze gab, nach Bayern, Hamburg, Baden-Württemberg. Jetzt wollen immer mehr zurückkommen: Die Heimat ruft oder die Familie, die hier geblieben ist. Doch wie leicht ist das? Welche Probleme gibt es dabei? Was muss die Politik tun für gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West?

Darum geht es beim ersten "FAKT IST"-Bürgertalk, der am 17.06.2019 ab 20:45 Uhr live aus dem MDR-Landesfunkhaus in Magdeburg übertragen wird.

Zuvor läuft ab 20:15 Uhr die Reportage "Weggehen oder wiederkommen? – Der Preis der Heimat". Der Film von Nadja Storz und Julian Kanth erzählt von jungen Menschen, die von Rückkehr träumen und von Unternehmen, die auf genau diese Menschen setzen.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | "FAKT IST!"-Bürgertalk | 17. Juni 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 13:20 Uhr

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2 Kommentare

18.06.2019 06:17 Kerstin 2

Wir wagen den Schritt zurück zu kommen Ende 2019/Anfang 2020. Wir freuen uns sehr wieder in unsere Heimat Magdeburg zurück zu kommen. Das Gefühl bei seiner Familie und in der Heimat zu sein, kann keiner ersetzen. Wir haben viel Glück gehabt und hoffen, dass es in der Planung so weiter geht. Bisher haben alle Ämter und Behörden uns sehr gut geholfen. Ich hoffe, dass das andere Menschen motiviert. Ich denke, wenn man es in der Öffentlichkeit zum Thema macht, hat das eine positive Wirkung. Ich war, nach der Ausstrahlung der Sendung „Fakt ist“, noch motivierter und selbstbewusster.
Wir freuen uns auf unser geliebtes Magdeburg.

17.06.2019 19:59 konstanze 1

An alle Rückkehrer: Herzlich Willkommen.
Das was Heimat bedeutet, hat unser Liedermacher Kurt Demmler einmal so beschrieben:

...Heimat ist wie sterben.
Man kommt immer darauf zurück.
Ist kein Wort für den Verstand,
ist kein Wort für den Versand,
ist vom Herzen ein ganzes Stück. ..

Schönes Lied. Sollte man sich mal anhören.

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