Blaulicht auf Polizeifahrzeug
Bildrechte: IMAGO

Nach Gewaltverbrechen im Harz Polizei ermittelt zu Totschlag und Rentenbetrug

Es klingt fast unglaublich: Im Harz soll eine Frau vor rund 20 Jahren ihren Nachbarn getötet und seitdem seine Rente kassiert haben. Aufgefallen ist das erst jetzt, nachdem eine Behörde der Polizei einen Hinweis auf den Rentenbetrug gegeben hatte. Wie ist es überhaupt möglich, so lange Rente von einer anderen Person zu kassieren?

Blaulicht auf Polizeifahrzeug
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Im Fall um den vor 20 Jahren getöteten Mann aus Rieder bei Ballenstedt ermittelt die Polizei weiter zum Tathergang und zu Hintergründen eines Rentenbetrugs. Demnach handelt es sich bei dem Mitte der neunziger Jahre getöteten Mann um den Nachbarn der 59-jährigen Tatverdächtigen, teilten die Beamten mit. Die Frau soll ihren damals 76 Jahre alten Nachbarn erschlagen und daraufhin jahrelang seine Rente kassiert haben.

Wie der Rentenbetrug über einen so langen Zeitraum unentdeckt bleiben konnte, ist noch unklar. Die Deutsche Rentenversicherung wollte sich auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT nicht zu diesem konkreten Fall äußern. In der Regel erfahre die Versicherung durch Meldebehörden, Bestatter oder auch Angehörige vom Tod eines Rentners. Zahlungen über den Tod hinaus seien nur dann möglich, wenn es - wie in diesem Fall - keine Bestattung gab und der Tod nicht gemeldet wurde. In der Regel leite die Rentenversicherung eigene Ermittlungen ein, wenn Schreiben nicht zustellbar sind und zurückkommen.

Frau kümmerte sich um Nachbarn

Unklar ist auch weiterhin, wie die Tatverdächtige an das Geld ihres Nachbarn kommen konnte. Laut Rentenversicherung erfolgen Zahlungen grundsätzlich auf das Konto des jeweiligen Rentners. Allerdings sei es auch möglich, dass andere Personen eine Vollmacht für das Konto bekommen. Wenn ein Rentner schriftlich erkläre, dass die Rentenzahlungen auf das Konto einer anderen Person überwiesen werden sollen, sei auch das möglich - unabhängig davon, ob eine Verwandtschaft besteht.

Inwiefern das eine Rolle im Fall in Ballenstedt spielt, lässt sich aktuell noch nicht sagen. Bisher bekannt ist lediglich, dass sich die Frau einige Zeit um den Mann gekümmert hatte. Bei ihrer Vernehmung hatte sich die Beschuldigte in Widersprüche verstrickt. Schließlich hatte sie eingeräumt, einen Mann getötet zu haben, der heute 96 Jahre alt wäre. Anschließend hatte sie die Ermittler zu einem Skelett auf ihrem Wohngrundstück geführt.

Ereignete sich das Verbrechen wirklich vor 20 Jahren?

Bisher stellt sich die Tat derzeit als Totschlag dar – und ist damit verjährt. Nach derzeitigem Ermittlungsstand gehen die Beamten von einer Tatzeit zwischen Mai 1994 und Oktober 1995 aus. Nach dem Strafgesetzbuch verjährt Totschlag nach 20 Jahren. Anhaltspunkte für Mordmerkmale wie Habgier gebe es derzeit nicht, so die Beamten. Im Gegensatz zu Totschlag verjährt Mord nicht. Nichtsdestotrotz wird laut Polizeiinformationen weiter ermittelt. Auch werde noch einmal genau untersucht, ob der Todeszeitpunkt des Mannes wirklich zwischen 1994 und 1995 lag. War es später, ist der Fall möglicherweise nicht verjährt.

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2016, 11:52 Uhr

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3 Kommentare

29.10.2016 20:45 Hans-Elmar 3

Natürlich war bei diesem Tötungsdelikt Habgier im Spiel. Das beweist schon allein daß die Frau unberechtigt die Rente des Mannes mehr als 20 Jahre kassiert hat. Es ist grundsätzlich von Mord auszugehen, es sei denn die Frau kann beweisen daß es nur Todschlag war. In den meisten Ländern der Welt wird dieses Tötungsdelikt als Mord aus Habgier bewertet. Warum das hier anders sein soll ist mehr als fragwürdig.

29.10.2016 20:30 Oswald 2

"Anhaltspunkte für Mordmerkmale wie Habgier gebe es derzeit nicht, so die Beamten."

Was ist das denn sonst für ein Motiv die Rente eines anderen zu kassieren....?

29.10.2016 18:56 Ottje83 1

Warum wird diese mit Heimtücke geplante und zur eigenen Bereicherung durchgeführte Tat nicht als Mord eingestuft?
Es wäre doch die ultimative Verhöhnung des Getöteten, wenn man keine Bestrafung - außer der für Rentenbetrug - wegen der Verjährung des "Totschlags" verhängen könnte.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Bei einem vorsätzlichen Tötungsdelikt unterscheidet das Strafrecht zwischen Mord und Totschlag. Damit ein solches Delikt als Mord eingestuft wird, müssen bestimmte Merkmale, wie Heimtücke oder Grausamkeit, vorliegen. Das zu entscheiden, obliegt den Ermittlern.

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