Margot Käßmann im Interview Sachsen-Anhalt und der christliche Glaube

Sinkende Mitgliederzahlen bei den Kirchen: Wie steht es im Geburtsland von Martin Luther um den christlichen Glauben? Die ehemalige niedersächsische Landesbischöfin und Botschafterin des Reformationsjubiläums Margot Käßmann gibt im Interview Antworten darauf.

Margot Käßmann
Margot Käßmann spricht darüber, wie sie den Glauben der Sachsen-Anhalter wahrnimmt. Bildrechte: IMAGO

MDR SACHSEN-ANHALT: 2017 wurde das 500-jährige Reformationsjubiläum gefeiert, da waren Sie Botschafterin. Wie haben Sie den Glauben der Sachsen-Anhalter wahrgenommen?

Margot Käßmann: In Sachsen-Anhalt sind die Christen in einer sehr kleinen Minderheit. Das ist ganz anders als in Niedersachsen, wo ich Landesbischöfin war. Was ich aber toll fand, war, dass wir beispielsweise in Wittenberg sehr, sehr offen aufgenommen wurden als Christinnen und Christen mit dieser Reformationsfeier. Die Leute waren auch echt neugierig und es gab überhaupt keine Abwehr, wie einige am Anfang Angst hatten. Ich erinnere mich daran, wir hatten zu einem Podium mal zum Thema Ernährung Sarah Wiener eingeladen. Die konnte nicht kommen. Und dann hat spontan die Bäckersfrau in Wittenberg gesagt: "Dann mache ich den Part."

Und wir hatten eine Abend-Andacht, jeden Abend 18 Uhr auf dem Marktplatz in Wittenberg. Am Anfang waren da mal fünf Leute, mal zehn Leute – zum Schluss 300 bis 400, weil manche Wittenberger gesagt haben: "Och, das hat mich inzwischen auch angesprochen." Das war wirklich erfreulich.

Besucher des 36. Evangelischen Kirchentages versammeln zum Festgottesdienst
2017 wurde in Wittenberg das 500-jährige Reformationsjubiläum gefeiert. Bildrechte: dpa

Sie haben öfter in Sachsen-Anhalt gepredigt, zum Beispiel in Zeitz. Haben Sie da über die Jahre eine Veränderung bei den Kirchgängern wahrgenommen?

Uns ist ganz klar, dass die Kirche Probleme hat, junge Leute an den Glauben heranzuführen oder an die Kirche zu binden. Die Evangelische Kirche in Deutschland beschäftigt sich gerade auf ihrer Synode auch mit der Frage, wie Glaube und Jugend wieder in einen neuen Dialog kommen können. Das Problem ist in Ostdeutschland immer noch wesentlich massiver und ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen hier, die in Pfarrämtern riesengroße Gemeinden über viele Dörfer hinweg zu versorgen haben.

Das ist eine Herausforderung, aber ich sag' mal: Früher war es in Westdeutschland üblich, dass jeder zur Kirche gegangen ist. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich. Wer sich jetzt zur Kirche dazugehörig fühlt, der tut das ganz bewusst. Ich finde, das ist für die Kirche ja auch ein Gewinn.

Sie haben den Unterschied von Ost- und Westdeutschland angesprochen. Viele sprechen vom "entkirchlichten Osten". Sehen Sie das auch so?

Auf jeden Fall. Ich meine, wenn Sie Luthers Geburtsstadt Eisleben nehmen, dann sind da heute sieben Prozent der Menschen Teil einer Kirche, in Wittenberg sind es 15 Prozent. Das ist in Westdeutschland schon sehr anders.

Man muss aber auch sagen: In der DDR war es schwer, bei der Kirche zu bleiben. Kinder durften oft kein Abitur machen, nicht studieren. Ich kann das gut nachvollziehen, dass Eltern dann überlegt haben: "Was ist das Beste für mein Kind?" Aber da ist es dann jetzt auch schwer anzuknüpfen. Denn wenn du als Kind in den Glauben hineingewachsen bist, dann ist das wesentlich einfacher, als wenn du zum allerersten Mal etwas davon hörst.

2017 hatte die Evangelische Kirche in Sachsen-Anhalt 7.000 Kirchenmitglieder weniger als im Vorjahr. Nur 12,4 Prozent der Sachsen-Anhalt sind Teil dieser Glaubensgemeinschaft. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt sicher einerseits an der Situation in der DDR, wo versucht wurde, Kirchlichkeit auszutreiben. Wir haben traditionell in Sachsen und Thüringen immer einen stärkeren Kirchgang gehabt als in Sachsen-Anhalt. Aber ich würde das lieber als Herausforderung sehen, die wir als Kirchen annehmen, um Menschen einzuladen und zu sagen: "Hier wäre ein Angebot für dich, für dein Leben Halt und Orientierung zu finden."

Was wünschen Sie sich denn im Bezug auf den Glauben für Sachsen-Anhalt?

Ich wünsche mir, dass Gottesdienste so sind, dass Leute gerne hingehen, Lust haben hinzugehen und bestärkt da wieder herausgehen und sagen: "Das brauche ich nicht nur Weihnachten, das tut mir auch so zwischendurch mal sehr gut."

Die Fragen stellte Johanna Daher.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 14. November 2018 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 18:56 Uhr

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7 Kommentare

17.11.2018 09:23 Solschen nyzyn 7

Aua Frau Kässmann, hallo MDR.
Was soll so ein Interview?
Frau Kässmann, bitte kommen Sie von ihrem hohen Ross herunter.
Als Christ*nnen kenne ich Frau Kässmann bereits persönlich und auch aus langer gemeinsamer Vergangenheit. Nur soviel:
Ich habe selten jemande erlebt, der so unglaubwürdig ist wie diese Frau. Wenn Frau Kässmann den Glauben und die Glaubensferne erklären will und muss, na dann - Gute Nacht für Gott und die Welt.

17.11.2018 00:22 So ein Unfug 6

"durften oft kein Abitur machen, " Ach ja? Hat die Pfarrerstochter etwa nicht Physik studiert? Waren in meiner Seminargruppe (Ingenieurstudium) etwa nicht bekennende Christen vertreten? Hat mein bester Kumpel etwa nicht Abitur gemacht und studiert?

17.11.2018 00:11 "Junge Leute an den Glauben 5

...heranführen" wird nicht funktionieren. Mit dem Indoktrinieren muß man nämlich schon im Kindesalter beginmnen - sonst wird das nichts. Also sich immer schön die Kindergärten greifen und sich das vom Staat bezahlen lassen - und den Religionsunterricht hübsch von der 1. Klasse an geben. Dann klappt's auch mit dem Aberglauben-Verbreiten.