Nach Halle-Anschlag Forscher kritisiert Polizeiarbeit in Sachen Cyber-Kriminalität

Hasskommentare werden im Internet täglich geschrieben, jeder kann von ihnen betroffen sein oder sie selbst verfassen. Gleichzeitig radikalisieren sich online einige Menschen, wie im Fall des Halle-Attentäters. Extremismus-Forscher Florian Hartleb fordert jüngere Ermittler und mehr Expertise, wenn es um die Kriminalität im Internet geht. Ein Einblick in die Extremismus-Szene.

Florian Hartleb
Extremismus-Forscher Florian Hartleb kritisiert im Interview die Arbeit der Sicherheitsbehörden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herr Hartleb, aktuell wird im Bezug auf Extremismus und Hasskommentare im Internet öffentlich diskutiert, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind. Wo ziehen Sie diese?

Florian Hartleb: "Es geht darum, dass man Grenzen zieht, wenn andere beleidigt werden, zum Beispiel ethnische Gruppen. Wenn Schwarze als "Nigger" bezeichnet werden oder wenn die Rede von der jüdischen Weltverschwörung ist. Sehr stark aufgekommen ist der Hass in der Diskussion um Flüchtlinge im Herbst/Winter 2015. Es ist so, dass der Diskurs vergiftet ist – deshalb muss man hier auch genauer hinschauen. Außerdem muss man schauen, ob Gewalt im Spiel ist. Also ob jemand zu Gewalt aufruft."

Nach dem Attentat in München haben Sie die Arbeit der Sicherheitsbehörden stark kritisiert. Wie sieht das für den Fall in Halle aus?

"Im Fall von München war es so, dass die Tat als unpolitisch galt. Und auch durch meine Initiative gilt die Tat jetzt, zumindest teilweise, als politisch motiviert, weil der Täter hier ganz klar das Ziel hatte, andere ethnische Minderheiten umzubringen. Die Sicherheitsbehörden haben hier weggeschaut. Gerade was die virtuellen Räume betrifft. Im Fall von Halle muss man jetzt abwarten. Die Behörden sind jetzt erst am Anfang, um eben auch herauszufinden: Wie hat sich der Täter radikalisiert? Gab es Mitwisser? Und hier geht es dann in allererster Linie auch um die virtuellen Räume, weil der Täter von Halle im normalen Leben sehr stark isoliert war."

Wie ordnen Sie das Vorgehen und Verhalten des Halle-Attentäters ein?

"Ein klassischer einsamer Wolf. Jemand, der sich eben nicht an die lokale Szene in Sachsen-Anhalt gewendet hat, sondern es ist jemand, der mit dem Livestreaming eine Weltöffentlichkeit erreichen wollte. Und die Tat von Halle muss man eben auch im Zusammenhang mit anderen Taten von rechtsextremistischen Einzeltätern sehen. Vor allem diese Tat von Christchurch in Neuseeland. Das war der erste Fall eines Livestreaming-Terrorismus und auch diese Tat war politisch motiviert."

Wie schätzen Sie das Know-How der Polizisten in Sachen Cyber-Kriminalität ein?

"Oftmals ist es so, dass man kurz vor der Mittagspause mal ins Internet geht und googelt. Und wir reden jetzt hier von Twitter und Facebook. Aber die Gefahr ist sehr viel größer und die Täter sind uns hier einen Schritt voraus, weil sie sich 16 bis 18 Stunden am Tag im virtuellen Raum befinden und vor dem Computer sitzen. Deshalb sind sie auch sehr fit, was zum Beispiel Verschlüsselungen anbetrifft. Sie spielen teilweise Gewaltspiele und tauschen sich dabei auch politisch aus."

Sollten deshalb beispielsweise Gamer oder andere Leute, die sich aktiver im Internet aufhalten, für die Polizisten arbeiten?

"Ja, grundsätzlich ist es so, dass wir junge Ermittler brauchen, die diese Lebensräume genauer durchleuchten können. Es ist hier auch so, dass sich ein böser Scherz mit bitterem Ernst miteinander vermischt. Das haben wir in Halle gesehen. Es ist eben sehr schwierig zu sehen, was eben ein schlechter Scherz ist, was Aufruf zur Gewalt und was im Grunde auch Ausdruck einer Radikalisierung, was wie im Fall von Halle auch zu Morden führen kann."

Gamer vor dem Bildschirm, der langsam in Pixel übergeht.
Bildrechte: MDR/COllage/IMAGO-STOCK

Was fordern Sie von der Polizei und den Sicherheitsbehörden mit Blick auf zukünftige Ermittlungen?

"Dass man endlich diese Gamer-Branche genauer ins Visier nimmt, denn es ist immer noch nicht politisch angekommen, dass man sich mit dieser Gamer-Subkultur beschäftigt. Und man muss diese globalen, virtuellen Räume international denken. Es geht nicht darum, wie viele in Sachsen-Anhalt rechtsextrem sind, sondern in den virtuellen Räumen. Darin hat sich auch der Täter von Halle bewegt. Und da fehlt immer noch dieses Bewusstsein, dass man diese Räume genauer durchleuchtet, wie zum Beispiel 4chan."

Und damit meinen Sie alle Leute, die sich in den virtuellen Räumen aufhalten oder ganz speziell die Gamer?

"Grundsätzlich ist es hier schwierig zu pauschalisieren. Es ist immer noch ein bisschen so, dass man die Nadel im Heuhaufen suchen muss. Und es sind natürlich viele Gamer persönlich beleidigt, wenn man hier eine Verbindung zum Terrorismus zieht. Nur ist es eben so, dass es nicht mehr ausreicht über Facebook und Twitter zu sprechen. Sondern man muss auch diese Spieleplattformen genauer ins Visier nehmen, wie Steam. Das hat eben auch der Fall von München vor über drei Jahren gezeigt, dass hier eine Vernetzung über Steam stattfand."

Was können die Bürger, beispielsweise die Sachsen-Anhalter, tun, um dem Extremismus entgegenzuwirken?

"Grundsätzlich erst einmal das Bewusstsein schaffen. Wir haben eben eine Radikalisierung, auch von Rechts. Wir haben im Zuge vom 11. September 2001 sehr stark über islamistischen Terrorismus gesprochen. Und man muss jetzt eben auch diese Radikalisierung von Rechts stärker ins Visier nehmen. Allerdings warne ich auch davor, zum Beispiel zu sagen, dass die AfD jetzt der verlängerte Arm des Terrorismus ist. Also auch hier ist es eben so, dass man die Radikalisierung auch in schulischen Räumen stärker betrachten muss und man ein Frühwarnsystem entwickeln kann."

Die Fragen stellte Johanna Daher, Online-Redakteurin bei MDR SACHSEN-ANHALT.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 04. November 2019 | 22:05 Uhr

2 Kommentare

C.T. vor 29 Wochen

Zuallererst müssten die Begriffe, deren verbale oder schriftliche Äußerung strafbar sein soll, ganz klar definiert werden. Das wird schon schwieriger, will man nicht zu sehr die freie Meinungsäußerung einschränken. Aber mal ehrlich, was für eine Welt soll das sein? Eine Welt in der wir nicht über Minderheitenwitze lachen können? Warum sollen Judenwitze diskriminierend und rassistisch sein - Osfriesen- oder Sachsenwitze nicht? Fragen über Fragen zu einer vollkommen überzogenen und langsam lächerlich werdenden Debatte...

Jana vor 29 Wochen

Es ist doch furchtbar einfach:

Verbale Gewalt wird sehr schnell auch zu realer Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten. Aus diesem Grund ist verbale Gewalt massiv zu ahnden. Wer andere Menschen bedroht, beleidigt, verächtlich macht oder ganze Ethnien rassistisch diffamiert, der begeht Straftaten und muss entsprechend spürbar und schnell zur Rechenschaft gezogen werden, bevor sich so eine braune Welle aufbaut wie wir sie im Umfeld der AfD sehen. Die Grenze des sagbaren wurde hier bewusst häppchenweise nach rechts verschoben bis es für manche Leute völlig normal ist sich rassitisch auszudrücken und wie Höcke dabei die Sprache des Nationalsozialismus zu wählen.

Die Herren mit den Diäten in den Landtagen werden sicher niemanden umbringen, aber sie sind Influencer für eine gewalttätige Kultur, die sich immer häufiger nicht nur mit verbaler Gewalt begnügt. Dass nach verbaler GEwalt ganz real Flüchtlingsheime brannten haben wir alle erlebt.

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