#MDRklärt 7-Tage-Inzidenz: Warum die 35 als Grenzwert gilt

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Gibt es schon wieder einen neuen Schwellenwert für die 7-Tage-Inzidenz? Erst war das große Ziel ein Wert ab 50, jetzt sollen weitere vorsichtige Lockerungen wie Öffnung des Einzelhandels ab einer 7-Tage-Inzidenz von 35 kommen. Das ist das Ergebnis der Bund-Länder-Gespräche vom 10. Februar. Woher der Grenzwert von 35 kommt und was er bedeutet – ein #MDRklärt.

Die Sieben-Tage-Inzidenz am 11. Februar 2021
Das Corona-Dashboard des RKI zeigt, dass in keinem Bundesland am 11. Februar 2021 die 7-Tage-Inzidenz unter 50 liegt. Bildrechte: Dasboard RKI | Grafik MDR

Lange Zeit hat niemand von ihr gesprochen – und plötzlich ist sie wieder in aller Munde: die 7-Tage-Inzidenz von 35. Nach den Bund-Länder-Gesprächen am Mittwoch, den 10. Februar 2021, haben sich die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel darauf geeinigt, den Shutdown bis 7. März fortzuführen. Erste vorsichtige Lockerungen, etwa die Öffnung des Einzelhandels, sollen nach Schulöffnungen erst ab einem Inzidenzwert von 35 greifen.

Merkel sagte: "Aus heutiger Perspektive, vor allem vor dem Hintergrund der Unsicherheit bezüglich der Verbreitung von Virusmutanten, kann der nächste Öffnungsschritt bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von höchsten 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner durch die Länder erfolgen."

Aber was heißt das genau und woher kommt dieser Wert von 35? Kann schon gelockert werden, wenn ein Landkreis unter diesem Wert liegt aber die bundesweite Inzidenz noch über der Schwelle?

Hier sehen Sie die Statements von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Video.

Warum ist die 7-Tage-Inzidenz der Maßstab?

Der Inzidenzwert, also die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner der vergangenen sieben Tage, sollte nie allein betrachtet werden. Er hat sich jedoch in der Vergangenheit als relativ zuverlässiger Indikator für die Entwicklung der Corona-Virusausbreitung herausgestellt. Vor allem dafür, ab wann die Gesundheitsämter – zumindest nach Aussage der Politik – wieder in der Lage sind, die Infektionsketten vollständig nachzuvollziehen.

Trotzdem sollte der Inzidenzwert immer im Zusammenhang beispielsweise mit der Verdopplungszeit oder der Reproduktionszahl oder der Auslastung der Intensivkapazitäten betrachtet werden.

So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Pressekonferenz nach den Bund-Länder-Gesprächen am 10. Februar, man wisse jetzt, dass die Virusmutation eine Realität sei. Laut Experten entscheidet sich in der Zeitspanne von März bis April, ob die neue Variante die Oberhand bekommen könnte.

Merkel sagt: "Die Frage ist, wie schnell nimmt sie zu? Wir wissen, dass unser R-Faktor nicht unter 0,7 liegt. Er liegt meist bei 0,8 oder 0,85. Wenn diese Variante um 0,3 aggressiver ist, dann würde unser Reproduktionswert wieder bei über 1 liegen. Das heißt, wir würden sehr schnell wieder bei einem exponentiellen Wachstum sein. Deshalb ist da eine dritte Welle angelegt, die wir bekämpfen müssen. Die können wir nur bekämpfen, wenn wir die Inzidenzahlen wirklich runter bekommen, wenn die Gesundheitsämter wieder die Kontrolle bekommen, in dem Sinne, dass sie die Kontakte nachzuvollziehen können."

Ihr Ziel: "Wir wollen alles dafür tun, dass wir nicht in eine Wellenbewegung hoch und runter kommen."

In diesem Daten-Update wird erklärt, warum es um die 7-Tage-Inzidenz immer wieder Verwirrung gibt, welche Behörde wie rechnet und welche Zahl entscheidend ist.

Wo ist der Schwellenwert der 7-Tage-Inzidenz von 35 geregelt?

Im November 2020 ist im Infektionsschutzgesetz ein neuer Paragraf 28a eingeführt worden, der die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Verbreitung regelt.

Hier wird ausgeführt, dass ab einer Inzidenz von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen sind. Ziel ist: eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens. Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von 35 müssen "breit angelegte Schutzmaßnahmen" ergriffen werden. Hier ist das Ziel: die schnelle Abschwächung des Infektionsgeschehens.

Liegt die 7-Tage-Inzidenz unter 35, "kommen insbesondere Schutzmaßnahmen in Betracht, die die Kontrolle des Infektionsgeschehens unterstützen" – so heißt es im Infektionsschutzgesetz.

Welcher Wert gilt: bundesweit, länderweit oder regional?

Was heißt das, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: Ab einer Inzidenz von 35 können weitere Öffnungsschritte erfolgen? Gilt das schon, wenn ein Landkreis darunter liegt – zugleich aber das Bundesland oder Deutschland noch über 35 liegt?

Kurz gesagt: Alle drei Perspektiven sind zu berücksichtigen – zuerst die bundesweite, dann der Wert in den Ländern und in den Regionen. Ist das Infektionsgeschehen deutschlandweit über einem der Schwellenwerte von 35 oder 50, dann gelten bundesweite Absprachen. Liegt der Wert bundesweit darunter, dann müssen die Maßnahmen auf die Länder beziehungsweise Regionen bezogen werden.

Denn das Infektionsschutzgesetz bestimmt, dass Schutzmaßnahmen regional sein müssen, also auf Landkreise, Bezirke oder kreisfreien Städte bezogen. Aber nur, wenn "Infektionsgeschehen innerhalb eines Landes nicht regional übergreifend oder gleichgelagert sind."

Im Infektionsschutzgesetz steht: Wird der Schwellenwert von 50 bundesweit überschritten, sind bundesweit abgestimmte umfassende Schutzmaßnahmen anzustreben. Wird er landesweit überschritten, sind landesweit abgestimmte umfassende Schutzmaßnahmen anzustreben.

Jeder veröffentlicht die Inzidenz: Welche Zahlen gelten?

Auch das ist klar geregelt. Immer wieder gibt es Verwunderungen, warum die Zahlen der Kreise oder Ländersozialministerien teilweise so stark von den Zahlen abweichen, die auf den Seiten des Robert Koch-Instituts (RKI) veröffentlicht werden. Die Ursache liegt meist an den Veröffentlichungszeiträumen. Je räumlich näher, umso aktueller können die Werte sein. Dafür können aber beispielsweise Nachmeldungen oder Korrekturen den Wert stärker beeinflussen. Auf den Seiten des Robert Koch-Instituts werden die Zahlen stärker "bereinigt". Das heißt nicht, dass sie manipuliert werden, sondern dass Nachmeldungen und Korrekturen korrekt den jeweiligen Tagen zugeordnet werden – soweit das möglich ist. Das geht erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, ist dann letztlich aber genauer.

Deswegen sind am Ende die im Dashboard des Robert Koch-Instituts veröffentlichten Zahlen für die Landkreise, Bezirke oder kreisfreien Städte ausschlaggebend.

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Rechenbeispiel: So berechnet man die 7-Tage-Inzidenz

Die 7-Tage-Inzidenz zeigt die Dynamik und die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Virus an – und zwar als vergleichbarer Wert. Egal, ob man in einem Dorf mit 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern oder in einer Stadt mit 500.000 lebt. Sie zeigt nicht an, wie viele Menschen gerade tatsächlich positiv auf das Virus getestet wurden. Das ist oft ein großes Missverständnis.

Aber wie wird der Wert berechnet? Die 7-Tage-Inzidenz gibt an, wie viele Menschen in den vergangenen sieben Tagen, bezogen auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner neu positiv getestet wurden. Es werden also alle gemeldeten Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage addiert. Danach wird das Ergebnis durch die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner geteilt. Im Anschluss wird das Ergebnis mit 100.000 multipliziert.

Ein Beispiel: Die kreisfreie Stadt Magdeburg in Sachsen-Anhalt hat laut RKI am 11. Februar 112 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen. Außerdem hat die Stadt 237.565 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand: Bevölkerungsstatistik Sachsen-​Anhalt 31.12.2019). Das heißt, die 7-Tage-Inzidenz liegt bei gerundet 47.

Ein anderes Beispiel: Wolmirstedt in der Börde in Sachsen-Anhalt hat nach eigenen Angaben etwa 11.900 Einwohnerinnen und Einwohner. Am 10. Februar 2021 wurden zusammengerechnet 13 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen registriert. Die Wert von 13 Neuinfektionen wird durch die Einwohnerzahl von 11.900 geteilt und dann mit 100.000 multipliziert. Das ergibt eine Inzidenz für die Stadt von 109.

MDR, Martin Paul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Februar 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

Konzernzentrale vor 2 Wochen

Warum erklärt der MDR die Systematik nicht? Oder ist es wirklich so, wie das hier im Artikel geschrieben steht???? Soll wirklich erst Gesamtdeutschland unter 35 fallen, bevor Öffnungen möglich sind? Also MDR, bitte Klarheit schaffen.....

Rain Man vor 2 Wochen

Warum die 35 als neuer Grenzwert gilt? Damit die verfassungswidrig handelnde Merkel-Regierung einen ewigen Lockdown inszenieren kann. Ganz einfach!

Es werden einfach immer neue Regeln und Grenzwerte ausgedacht, um die Menschen eine ewige Hygiene-Diktatur aufzuzwingen. Was in diesem Land vor sich geht, ist einfach nur noch unfassbar!

Sonnenanbeter vor 2 Wochen

Warum die 35 als neuer, vermutlich auch nicht als letzter Grenzwert gilt? Nun, damit die knallharten Corona - Einschränkungen auch noch über Wochen, um nicht zu sagen Monate aufrechterhalten werden können. Was passiert wohl, wenn man gleichzeitig die Schulen wieder öffnet? Da dürfte es schon schwer werden, die 50 anzureißen. Und mit der 35 wähnt man sich wohl auf der sicheren Seite. Es wird allerhöchste Zeit, dass die Gerichte dieser Beliebigkeit ein Ende setzen. Es ist kein Zufall, dass Psychologen, Soziologen, Kinderärzte etc. bisher nicht in Merkels Beraterkreis vordrangen. Aber die sind jetzt wenigstens nicht mehr zu überhören...

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