Stipendien fürs Medizinstudium Medizinische Versorgung: Künftiger Chef der Kassenärzte möchte "Ärzte kaufen"

Ein Mann steht in einem Garten
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Die medizinische Versorgung auf dem Land ist schon lange kein Selbstläufer mehr: Kleine Krankenhäuser schließen, Arztstellen werden nicht wiederbesetzt. Ein Stendaler Arzt und designierter Landeschef der Kassenärztlichen Vereinigung will jetzt "Ärtze kaufen", wie er es nennt.

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand
Für eine bessere medizinische Versorgung im ländlichen Raum: Der künftige Chef der Kassenärzte in Sachsen-Anhalt kann sich ein Stipendium vorstellen, um mehr junge Menschen als Mediziner aufs Land zu locken. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Insbesondere im ländlichen Raum fehlen Ärztinnen und Ärzte. Schon jetzt sind 275 Planstellen für Hausärztinnen und Hausärzte in Sachsen-Anhalt nicht besetzt. Allein im Landkreis Stendal könnten 9,5 Hausarztstellen und 8,5 Facharztstellen besetzt werden. In anderen Regionen sieht es ähnlich gravierend aus.

Es gebe dringenden Handlungsbedarf, sagt der Stendaler Allgemeinmediziner Jörg Böhme, der ab 2021 Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalts (KVSA) ist. Es sei absehbar, dass die medizinische Versorgung insbesondere in den ländlichen Regionen in Zukunft schwierig werde. "Da müssen wir gegensteuern", sagt Böhme.

Augenarzt bei der Arbeit 4 min
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MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mi 15.04.2020 19:00Uhr 03:48 min

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Manche Mediziner sind mit über 80 Jahren noch im Dienst

Ein Mediziner sitzt an seinem Schreibtisch.
Jörg Böhme ist ab dem neuen Jahr Chef der Kassenärzte in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Jörg Böhme selbst kennt drei Hausärzte im Landkreis Stendal, die bereits über 80 Jahre alt sind und immer noch praktizieren, viele Kollegen sind schon jenseits der 70 Jahre.

Es werde Zeit, dass jüngere Ärzte in die ländlichen Regionen kommen. "Ärzte kaufen" nennt Böhme seinen Vorschlag. Diesen hat der 53-jährige Hausarzt jetzt im Sozialausschuss des Landkreises Stendal vorgestellt. "Meine Überlegungen sind, dass man für einen Studenten der Humanmedizin die Studiengebühren an einer ausländischen Universität innerhalb der EU finanziert", sagt Böhme. Bedingung des Stipendiums für die angehenden Ärzte solle es dann sein, dass sie nach dem Studium in den Landkreis Stendal kommen und dort mindestens sechs Jahre lang arbeiten und auch ihre Facharztausbildung absolvieren.

"Das würde für den Landkreis etwa 72.000 Euro pro Student kosten", so Böhme. Er könne sich vorstellen, dass weitere Partner zur Finanzierung mit ins Boot geholt werden, wie Kommunen oder Krankenhäuser. Sein Finanzierungsmodell sieht vor, dass die Studierenden über ein Darlehen in Vorleistung gehen und dann mit jedem Jahr ihrer Tätigkeit im Landkreis ein Sechstel der Summe erstattet bekommen.

Sozialausschuss in Stendal kann sich Stipendium vorstellen

Böhme sieht einen großen Vorteil im Auslandsstudium deutscher Studenten. Damit könnten vor allem zusätzliche Mediziner ausgebildet werden, die es sonst möglicherweise gar nicht geben hätte. Denn an den deutschen Hochschulen gibt es den Numerus Clausus, der nur Bewerber mit einem sehr guten Abitur fürs Studium zulässt. Bisherige Stipendienmodelle sehen die Unterstützung für Studierende vor, die bereits einen Studienplatz haben, so etwa Stipendien der Stadt Osterburg.

Im Stendaler Sozialausschuss stieß die Idee von Jörg Böhme auf offene Ohren. Kreistagsmitglied Joachim Röxe von den Linken sagt: "Fünf Ausbildungen halte ich durchaus für möglich und finanzierbar für den Landkreis, zumal die Finanzierung ja zunächst über ein Darlehen erfolgen soll und erst in sechs oder sieben Jahren für den Kreishaushalt zu Buche schlägt." Ein wichtiger Faktor für einen Landkreis, der nahezu pleite ist. Röxe plädiert für einen Mix aus verschiedenen Stipendienmodellen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA)

Burkhard John
Burkhard John übergibt das Amt des KVSA-Chefs zum Jahreswechsel. Bildrechte: Burkhard John

Die KV Sachsen-Anhalt vertritt alle niedergelassenen und angestellten Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten. Dies sind etwa 4.200. Die KV ist die Interessenvertretung der Ärzte gegenüber den Krankenkassen, etwa beim Abschluss von Verträgen, in den Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen sowie bei der Prüfung der ärztlich erbrachten Leistungen bzw. der verordneten Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. Sie vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber der Politik, anderen gesundheitspolitischen Akteuren und in der Öffentlichkeit.

Die Mitglieder der KV behandeln ihre Patienten hausärztlich, fachärztlich oder psychotherapeutisch und erfüllen so den gesetzlichen Auftrag, eine flächendeckende wohnortnahe und ambulante Versorgung in Sachsen-Anhalt sicherzustellen.

Organe der KVSA sind die Vertreterversammlung als Selbstverwaltungsorgan und der hauptamtliche Vorstand, die für eine sechsjährige Legislaturperiode amtieren. Die Vertreterversammlung besteht aus 30 von den KV-Mitgliedern gewählten Ärzten und Psychotherapeuten und wählt den Vorstand, der aus dem Vorsitzenden, dem stellv. Vorsitzenden und einem weiteren Mitglied besteht. Vorsitzender ist seit 2001 der Schönebecker Arzt Burkhard John. Ab 1. Januar 2021 übernimmt Jörg Böhme das Amt. 

Neuer Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt

Jörg Böhme wird den Blick bald auch über den Landkreis Stendal hinaus werfen müssen. Wobei seine Idee auch Modellcharakter für andere Regionen haben kann. Ab dem 1. Januar tritt der Stendaler als Vorsitzender des Vorstandes bei der Kassenäztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt (KVSA) an. Er löst den Schönebecker Arzt Burkhard John ab, der das Amt seit 19 Jahren inne hat. Die Interessenvertretung kümmert sich um etwa 4.200 angestellte und niedergelassene Vertragsärzte und Psychotherapeuten.   

Ein Arzt ist auf einem Monitor mit Webcam zu sehen. 4 min
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Für Böhme wird der neue hauptamtliche Job zu einem Spagat werden. Er möchte weiterhin auch zeitweise in seiner Arztpraxis in Stendal tätig sein. "Das ist wichtig, um zu wissen, was an der Basis los ist." Außerdem: "Es ist mein Traumjob." Studiert hat der zweifache Familienvater zu Wendezeiten in Magdeburg. Schon der Großvater war Arzt. Mit seiner Mutter zusammen führt er die Praxis in Stendal. "Man betreut Familien über Generationen. Man erlebt Freud und Leid mit", sagt Böhme.

Mitgestalten, statt zu meckern

Der Stendaler wird künftig auch vermehrt in Berlin sein, um dort Lobbyarbeit zu leisten. "Ich vertrete ja den gesamten Berufsstand", sagt er. Seine eigenen politischen Aktivitäten schraubt er dafür zurück. Sein seit Jahren ausgeübtes CDU-Mandat im Stendaler Stadtrat wird er zum Ende des Jahres aufgeben. Im Kreistag möchte er vorerst noch weiter machen. Der neue Job werde ihn sehr fordern. "Zwei halbe Sachen ist gar nichts", ist sein Credo.

Neben dem Gegenwirken zum Ärztemangel sieht er die größte Herausforderung in der Digitalisierung des Arztberufes. "Die Infrastruktur für Telemedizin muss aufgebaut werden", sagt Böhme. Außerdem müsse der Bürokratismus eingedämmt werden. "Die Leute ersticken in der täglichen Routine." Er möchte mitgestalten, statt zu meckern, sagt er.

Ein Mann steht in einem Garten
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Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. November 2020 | 12:00 Uhr

3 Kommentare

part vor 7 Tagen

Ich empfehle eine Anfrage in Havanna, bei der Brigade Henry Reeve, die haben bisher noch in jeder Kriesenregion dieser Welt ausgeholfen, sofern mann sie lässt oder darum bittet.

Friedensengel vor 7 Tagen

Warum werden in Deutschland nicht mehr Medizinische Studienplatze geschaffen und der Unsinn das nur 1ser Abiturenten Medizin studieren können abgeschafft. Warum baut man keine ärztliche Gemeinschaffts -Praxis wo mehre Ärzte tätig sind man braucht keine Urlaubsvertretung und die medizinische Einrichtung der Praxis ist so kostengünstiger in meiner Gemeinde funktioniert das "Super " wurde aber alles von einen Arzt privat organisiert

Steffen 1978 vor 7 Tagen

Von medizinischer Versorgung kann man in dieser Bananenrepublik schon lang nicht mehr sprechen mittlerweile wird man in so mancher Notaufnahme als Hilfesuchender abgewiesen

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