Angriffe auf Sanitäter Retter immer öfter in Not

Die Zahl der Angriffe auf Rettungskräfte in Sachsen-Anhalt steigt. Betroffene berichten, dass sie beleidigt und sogar körperlich attackiert worden seien. Sie beobachten, dass die Hemmschwelle der Menschen sinke. Der Umgang mit diesem Thema ist für die Branche offenbar schwierig. Kaum jemand will öffentlich darüber sprechen.

von Mario Köhne, MDR SACHSEN-ANHALT

Es ist eine Situation, die man eigentlich niemandem wünscht: Ein Mensch benötigt medizinische Hilfe und der Rettungsdienst rückt an. Am Einsatzort werden die Retter aber von anderen beleidigt, bespuckt oder sogar körperlich angegriffen. Aber so etwas ist in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr 78 Mal auf Einsätzen von Rettungsdiensten und zehn Mal bei Feuerwehren passiert. Das geht aus Zahlen des Innenministeriums hervor, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegen.

Beim Blick auf die Vorjahre wird deutlich: Die Gesamtzahl der Angriffe auf Sanitäter und Feuerwehrleute steigt. Vor allem die Körperverletzungen nehmen zu. Besonders der Rettungsdienst ist davon betroffen.

Sensibles Thema

Meine Recherchen zum Thema werden mit der Zeit immer schwieriger. Vor allem die Suche nach einem Sanitäter, der mir vor dem Mikrofon von seinen Erfahrungen berichten will, scheitert am Ende. Ein Sanitäter sagt zunächst zu, dann aber wieder ab. Begründung sinngemäß: Sein Arbeitgeber möchte nicht, dass er über das Thema in den Medien spricht. Offenbar ist es also ein sehr sensibles Thema in der Branche.

Den Eindruck hat auch Sven Baumgarten. Er leitet die Landesrettungsschule von Deutschen Rotem Kreuz und Arbeiter-Samariter-Bund in Sachsen-Anhalt. Zu den Gründen des Schweigens kann er aber auch nur mutmaßen: Wollen die Rettungsdienste ihr Gesicht wahren? Wie weit verletzen mögliche Berichte die Schweigepflicht?

Bespuckt, bedroht, angegriffen

Rettungswagen
Tabuthema: Sanitäter wollen über Bedrohungen während ihrer Arbeit nicht öffentlich sprechen. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Eibner

Aus Telefonaten mit Sanitätern nehme ich mit, dass die Stimmung bei den Menschen im Einsatz aggressiver geworden ist. Einer berichtet mir davon, wie er bei einem Einsatz Polizeiunterstützung benötigte. Ein Jugendlicher unter Drogeneinfluss war außer Kontrolle geraten. Alkoholisierte Personen spuckten, bedrohten und würden sogar handgreiflich. Er sei seit mehr als 15 Jahren im Dienst und die Qualität sei eine andere geworden. Der Sanitäter führt das auf die hohe Erwartungshaltung der Menschen zurück. Die Situation sei manchmal schon aufbrausend, ohne dass der Rettungsdienst überhaupt etwas getan habe.

Was noch vor einigen Jahren in verbaler Gewalt den Rettern gegenüber gebracht worden ist, ist jetzt zum Teil auch Gewalt mit Fäusten.

Rettungsschulleiter Sven Baumgarten

Rettungsschulleiter Baumgarten ergänzt ein Beispiel: Manchmal wird es am Einsatzort ungemütlich, wenn die Retter zum Beispiel durch Stau aufgehalten werden: "Nach meiner Auffassung ist es so, dass die Spirale der Gewalt im Allgemeinen gestiegen ist. Was noch vor einigen Jahren in verbaler Gewalt den Rettern gegenüber gebracht worden ist, ist jetzt zum Teil auch Gewalt mit Fäusten oder mit anderen Dingen."

Sich selbst schützen

"Eigenschutz geht vor", diese Maßgabe erklärt mir ein Sanitäter bei einem anderen Gespräch. Das kann auch Baumgarten bestätigen. In der Ausbildung werde das Thema von Anfang mit aufgegriffen. Die Azubis würden schließlich direkt mit zu Einsätzen fahren. Behandelt wird das Thema theoretisch und praktisch. Neben Gewaltprävention dreht sich die Ausbildung in diesem Bereich vor allem um Sensibilisierung und Vorbereitung. Sanitäter müssen einen Einsatzort möglichst schnell abchecken können – um zu erkennen, wo Gefahren lauern, aber auch, wo möglicherweise ein Ausweg ist.

Das wird dann mit Schauspielern auch nochmal praktisch geübt: "In der Praxis sieht das so aus, dass die Teilnehmer dann mit aggressiven Schauspielern konfrontiert werden und da lernen sollen, wie man solchen Gewaltexzessen aus dem Wege gehen kann", sagt Baumgarten.

Wieder mehr Respekt in der Gesellschaft schaffen

Für Baumgarten gibt es zwei Lösungen: Einerseits hofft er darauf, dass sich der gesellschaftlich Umgang miteinander wieder ändert, also dass der Respekt vor anderen wieder zunimmt. Andererseits sieht er die Justiz in der Pflicht: "Oft ist es so, dass diese Anzeigen fallen gelassen werden, weil man natürlich sagt, ein Alkoholisierter hat einen anderen rechtlichen Status." Das mache es frustrierend. Retter hätten auch keine Lust, sich wegen einer solchen Sache nach dem Dienst noch eine Stunde auf das Polizeirevier zu setzen. Und dann dauere die Aufarbeitung durch die Gerichte auch noch ein halbes bis zu einem ganzen Jahr.

Die Situation kann alle treffen, die Hilfe vom Rettungsdienst benötigen. Und das Letzte, was man in dieser Notlage braucht, sind Menschen, die Retter angreifen.

Mario Köhne
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Über den Autor Mario Köhne kommt gebürtig aus dem Emsland und arbeitet seit Anfang 2017 als freier Journalist bei MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist für den Hörfunk in der Nachrichtenredaktion und als Reporter unterwegs. Für das Studio Magdeburg berichtet er regelmäßig aus dem Landkreis Börde. Er schreibt außerdem für mdrsachsenanhalt.de.

Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, arbeitete er als Radiojournalist im niedersächsischen Lokalfunk. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Schloss Hundisburg mit dem alten Steinbruch und das Elbufer in Magdeburg.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Juli 2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2018, 09:45 Uhr

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10 Kommentare

15.07.2018 01:12 Andreas 10

Gerichte sollten auf alle Fälle solche Ausreden wie Alkohol und Drogen nicht mehr gelten lassen. Es gibt Menschen die sind von Natur aus Aggressiv und unter Alkohol gehts dann Richtig los. Hatte mal eine Discothek und es waren immer die gleichen Patienten die Theater gemacht haben. Bei jeder Gerichtsverhandlung gab es die verminderte Schuldfähigkeit und das ist ja der Witz. Die Wissen ja das schon vorher das sie so drauf sind unter Alkohol. Es zwingt einem ja keiner zu Saufen.

14.07.2018 20:42 Udo K 9

Mediator 8, Sie können sicher die "regelmäßigen Berichte des MDR" über Rechtsradikale, die Löscheinsätze behindern oder Krankenwagen mit Steinen attackieren, konkret benennen.
Aber bitte nicht nur je EIN Beispiel, welches wochenlang durch die Medien gejagt wurde.
Neben Deutschen ( keinesfalls nur Rechtsradikale, sondern auch oder gerade "Aktivisten") gehören in nicht geringem Anteil auch Ausländer ( Flüchtlinge, Migranten, ...) zu denen, die Angriffe auf Rettungskräfte und Ärzte verüben.
Und genau über diese gibt es reichlich Berichte im Internet zu finden.
Also bitte schön bei der Wahrheit bleiben, keine Fake News und Hetze!

14.07.2018 16:49 Mediator an Wolfis (4) 8

Ein ganz schwacher Versuch deinerseits fremdenfeindlcihe hetze zu betreiben. Rede einfach einmal mit den Mitarbeitern von Rettungsdiensten und dir wird klar, dass diejenigen die Rettungskräfte angreifen in der Regel deutsche Landsleute sind die schlicht und ergreifen aggressiv, besoffen oder auf Droge sind. Man muss auch ueilich neben der Spur sein um die Menschen anzugreifen, die z.B. den eigenen Kumpel gerade helfen wollen.

Der MDR berichtete ja regelmäßig über Rechtsradikale, die Löscheinsätze behindert oder Krankenwagen mit Steinen attackiert haben. Also sparen sie sich ihre Hetze! Sie sind ja sogar zu feige Roß und Reiter zu benennen.