Aktionstag Ich sehe was, das du anders siehst – Leben mit Sehbehinderung

Der 15. Oktober ist der "Tag des weißen Stocks 2019". Der Aktionstag soll auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten aufmerksam machen. Bernd Peters, Leiter des Blinden- und Sehbehindertenverbands Sachsen-Anhalt, erklärt, wie schwierig der Alltag für Sehbehinderte in Sachsen-Anhalt sein kann.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Das Rathaus Magdeburg aus Sicht eines Sehbehinderen, dessen Augen 30 Prozent Sehkraft haben.
So sieht das Rathaus Magdeburg für eine sehbehinderte Person aus, deren Augen etwa 30 Prozent Sehkraft haben. Anmerkung: Die Abbildung ist eine vereinfachte Darstellung ohne auf weitere Diagnosen einzugehen. Bildrechte: Original: Wiebke Koch, Veränderung: MDR/Johanna Daher

Etwa 2.500 Menschen waren im vergangenen Jahr in Ihren vier Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt. Weshalb kamen sie vorbei?

Bernd Peters, Leiter der Geschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenverbands Sachsen-Anhalt
Bernd Peters leitet die Geschäftsstelle des Blinden- und Sehbehindertenverbands Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Bernd Peters

Bernd Peters: "Sie hatten ganz vielfältige Anliegen. Zum Beispiel haben sie sich über Hilfsmittel, wie den Blindenstock, erkundigt. Oder es waren Personen da, deren Oma plötzlich schlecht sehen kann. Sie wollen dann wissen, wie man ihr am besten helfen und eine Freude machen kann. Manchen Menschen zeigen wir auch, wie man einen Schwerbehinderten-Ausweis oder andere Anträge ausfüllt. Was wichtig ist und wir immer wieder betonen: Wir ersetzen nicht den Gang zum Augenarzt. Sollten sich nach dem Augenarzt-Besuch noch Fragen ergeben, helfen wir natürlich gerne."

Wo sind die Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt?

Zum Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen-Anhalt zählen vier sogenannte "Blickpunkt Auge"-Beratungsstellen:

  • Magdeburg: Hanns-Eisler-Platz 5, Tel.: 0391/289 62 31
  • Halle: Bugenhagenstraße 30, Tel.: 0345/444 11 44
  • Stendal: Dr.-Kurt-Schumacher-Straße 23, Tel.: 03931/71 30 19
  • Dessau-Roßlau: Parkstraße 5, Tel.: 0340/230 10 66


Zusätzlich gibt es ein Beratungsmobil, das zu unterschiedlichen Zeitpunkten in einzelnen Orten in Sachsen-Anhalt vorbeikommt. Die genauen Termine können auf der Homepage des Verbands nachgeschaut werden.

Also kommen eher jüngere Leute zu den Beratungsstellen?

"Es kommen vorwiegend ältere Personen, weil viele Sehbehinderungen heutzutage durch die Medizin besser und früher behandelt werden können. Aber ja: Es kommen eben auch jüngere, unter anderem weil sie sich für ihre Oma oder andere Familienmitglieder informieren wollen."

Sind das viele oder wenige Ratsuchende im Vergleich zu den Vorjahren?

"Diese Zahl 2.500 ist recht stabil. Mal sind es etwas mehr, mal etwas weniger. Was sich aber bei unseren Beratungsstellen geändert hat: Sie heißen jetzt "Blickpunkt Auge". Jedem ist klar, dass da unser Blinden- und Sehbehindertenverband dahinter steckt. Viele Personen haben aber nach ihrer Diagnose Angst bekommen, wenn sie gesagt bekommen haben, dass sie mal zum Blindenverband gehen sollen. Deshalb dieser neue Name."

Wie viele Sehbehinderte gibt es in Sachsen-Anhalt?

Bernd Peters sagt, dass man die Gesamtheit aller Blinder nicht genau nennen könne. Aus dem Jahresbericht 2018 des Behindertenbeauftragten der Stadt Magdeburg und eigenen Zahlen, käme er auf folgende Werte:

  • Ende 2018 gab es in Magdeburg 265 Blinde, etwa 200 hochgradig Sehbehinderte und 1.500 erheblich Sehbehinderte.
  • In Sachsen-Anhalt gab es zum Jahresende 2.463 Blindengeldempfänger, 1.907 von ihnen mit einer hochgradigen Sehbehinderung, erhielten das "kleine" Blindengeld.

Wie sehbehindertengerecht ist Sachsen-Anhalt denn?

"Das kann man so nicht genau sagen. Natürlich gibt es Leuchttürme, wie die Straßenbahnhaltestellen in Magdeburg. Deren Leitlinien sind schon sehr gut. Nicht nur für Personen mit einem Blindenstock, sondern auch weil der Farbkontrast gegeben ist."

Und was läuft nicht so gut?

"Abellio hatte bis vor kurzem Zugaußenansage, über die zu hören war, welcher Zug gerade einffährt. Seit ein paar Wochen ist die aus. Wir wissen leider auch nicht, wieso. Das bemängeln einige Leute. Ja, es gibt diese gelben Knöpfe an den Bahnsteigen in Magdeburg. Wenn man da draufdrückt, wird gesagt, welche Linie kommt. Manchmal kommen aber auch mehrere Bahnen gleichzeitig und das vielleicht nicht in geplanter Reihenfolge. Deshalb ist es für uns schon besser, wenn die Straßenbahn selbst sagt, welche Bahn sie ist. Außerdem ist der Hauptbahnhof Magdeburg problematisch. Wenn man den verlässt, steht man auf einem großen Platz. Ja, da ist ein Taxistand. Wo genau, ist für einen Blinden, der dort noch nie war, sehr schwierig herauszufinden. Denn dort gibt es kein Leitsystem."

Anmerkung: Das Verkehrsunternehmen Abellio Rail Mitteldeutschland hat auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT erklärt, dass sie viele Beschwerden bezüglich der Zugaußenansagen erhalten hätten. Matthias Neumann, Pressesprecher des Unternehmens, erklärt: "Wir haben bei den kleineren Bahnhöfen so viele Nachrichten bekommen, dass sich die Anwohner von den Lautsprecheransagen gestört fühlen. Deshalb haben wir die abgestellt. Am Anfang haben wir darauf nicht reagiert, aber dann wurden es wirklich so viele Beschwerden." Neumann sei sich bewusst darüber, dass es ein Problem für Menschen mit Sehbehinderung darstellt und stehe deshalb in Kontakt mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen-Anhalt. Eine entsprechende Erklärung schicke er zeitnah an den Verband. Neumann verweist auf die größeren Stationen, wie den Magdeburger Hauptbahnhof. Dort würden selbstverständlich Durchsagen gemacht, weil dort viele Züge fahren. Das bestätigte auch Holger Auferkamp, Leiter Kommunikation Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bei der Deutschen Bahn. Dort würden die Züge immer durchgesagt."

Ab wann gelten Menschen als sehbehindert?

Laut des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands gibt es unterschiedliche Stufen. Die sind abhängig davon, wie viel die betroffene Person sehen kann:

  • Mit weniger als 30 Prozent Sehvermögen auf dem besser sehenden Auge gilt man als sehbehindert.
  • Weniger als 10 Prozent Sehvermögen: "wesentlich sehbehindert"
  • Weniger als 5 Prozent Sehvermögen: "hochgradig sehbehindert"
  • Weniger als 2 Prozent Sehvermögen: "blind"

Sind Sie selbst eigentlich auch sehbehindert?

"Ja, ich sehe auf dem einen Auge etwa zehn Prozent. Eine Brille hilft da nicht weiter, wahrscheinlich ist der Sehnerv das Problem. Ich wurde so geboren. Ich merke immer wieder, dass mir Gegenden, die ich nicht so gut kenne, oder kurzfristige Gleisänderungen bei der Bahn deshalb etwas schwer fallen und ich aufpassen muss. Auto fahren darf ich auch nicht. Es gibt dazu zwar keine eindeutige Grenze, aber man sagt so, dass man unter 60 Prozent Sehkraft auf einem Auge nicht fahren sollte. Allerdings ist es auch so, dass man seinen Führerschein nicht abgeben muss, wenn man ihn einmal hatte und die Augen dann schlechter werden."

Dann ist es auf jeden Fall die eigene Vernunft, nicht sich und andere in Gefahr bringen zu wollen. Aber wenn Sie auf einem Auge fast blind sind, dann können Sie doch auch nicht räumlich sehen, oder?

"Genau, ich sehe 3D nicht. Das ist wie, wenn Leute auf einem Ohr nichts hören können und dann stereo nicht wahrnehmen. Deshalb ist Autofahren unter anderem nicht möglich."

Welche Hilfsmittel gibt es für Sehbehinderte?

Für die unterschiedlichen Situationen im Alltag gibt es verschiedene Gegenstände, die beim Sehen unterstützen können. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat diese Hilfsmittel beispielhaft aufgelistet:

  • Lupen – werden von Menschen mit und ohne Sehbehinderung zum besseren Erkennen genutzt. Der Unterschied: Für Sehbehinderte gibt es spezielle Lupen, die Verzerrungen, Farbfehler und Spiegelungen vermeiden.
  • Lupenbrillen – dienen dem besseren Sehen im Nahbereich und haben den Vorteil, dass der Sehbehinderte beide Hände frei hat. Das ist beispielsweise bei Hausarbeiten wichtig.
  • Fernrohrbrillen – haben den selben Effekt wie Lupenbrillen, nur dass sie für den Fernbereich gemacht sind.
  • Kantenfiltergläser – filtern einen bestimmten Teil des Farbspektrums heraus, so dass das Bild für den Menschen mit Sehbehinderung wieder kontrastreicher wird.
  • Bildschirmlesegeräte – können Briefe, Kontoauszüge, Bücher und Co. am Bildschirm vergrößern.


Außerdem gibt es Hilfsmittel wie Armbanduhren, Telefone und Waagen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie eine große Anzeige oder eine Sprachausgabe-Funktion besitzen.

Heute ist der 15. Oktober, der offizielle Tag des weißen Stocks. Haben Sie da etwas geplant?

"Ja, vor dem Rathaus in Magdeburg gibt es eine Protestkundgebung. Wir demonstrieren gegen Elektro-Autos, die keine Motorengeräusche imitieren. Wir finden sie einfach nicht gut, weil Blinde oder Leute mit Smartphone in der Hand diese nicht wahrnehmen könnten. Das ist unserer Meinung nach eine große Gefahr."

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren."

Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2019, 18:27 Uhr

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