Umstrittenes Granulat Mikroplastik in Kunstrasen: Vereine in Sachsen-Anhalt fordern Klartext

Das von der Europäischen Union geplante Verbot von Mikroplastik könnte auch Kunstrasenplätze etlicher Vereine und Kommunen in Sachsen-Anhalt bedrohen. Der Grund: Sie sind häufig mit Gummi-Granulat gefüllt, das schädlichen Abrieb verursacht. Es gibt Alternativen, aber die Umrüstung von Plätzen ist teuer. Sport- und Kommunalverbände fordern daher Übergangsfristen und finanzielle Hilfe.

Angesichts eines drohenden Verbots von bestimmten Kunstrasen-Granulaten fordert der Fußballverband Sachsen-Anhalts Klarheit. Geschäftsführer Christian Reinhardt sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er wünsche sich eine verbindliche Aussage für die Vereine.

Die Eckfahne eines Kunstrasenplatzes
Dutzende Kunstrasen-Spielfelder gibt es in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

Hintergrund ist eine geplante EU-Richtlinie, die ein Verbot von Gummigranulat ab 2022 vorsieht. Dieses wird in einigen Kunstrasen als Füll- und Polsterstoff zwischen den Plastikhalmen genutzt. Durch Abrieb im Spielbetrieb entstehen jedoch nicht unerhebliche Mengen Mikroplastik – laut Berechnungen jährlich gut 8.000 Tonnen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will sich bei der EU für eine sechsjährige Übergangsregelung einsetzen. Dieser Forderung schließt sich der Fußballverband Sachsen-Anhalt an. Auch der Landessportbund ist dafür, erfuhr der MDR auf Nachfrage.

Sachsen-Anhalts Europaabgeordneter Sven Schulze sagte am Montag, im Falle eines Verbots von Kunstrasen-Granulat drohten den Fußballvereinen aus dem Amateurbereich große finanzielle Probleme. "Ich erwarte von der neuen EU-Kommission um Ursula von der Leyen, dass hier schnell eine verträgliche Lösung gefunden wird. Schließlich sollte der Jugend- und Breitensport gefördert und nicht durch derartige Verbote gehemmt werden".

Das Bundesumweltministerium stellte am Montag klar, dass Sportplätzen mit Kunstrasen derzeit nicht das Aus drohe. Ein Sprecher teilte mit, ob die EU-Kommission ein Verbot des Plastik-Einstreumaterials vorschlagen werde, stehe noch längst nicht fest. Die Europäische Chemikalienagentur sei erst in einer frühen Phase der Meinungsbildung zum Thema Mikroplastik.

Was ist Mikroplastik?

Als Mikroplastik gelten Kunststoffteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Es entsteht einerseits durch Verrottung, andererseits durch Abrieb, zum Beispiel bei Reifen. Aber es wird auch absichtlich hergestellt – als Trübungsmittel oder Reinigungspartikel in Kosmetika und Reinigungsmitteln.

Was macht Mikroplastik gefährlich?

Einmal in die Umwelt gelangt, lässt sich Mikroplastik nur schwer wieder einfangen. Selbst Kläranlagen filtern die Teilchen nur bedingt heraus. Es dauert Jahrhunderte, bis sie abgebaut sind. Zwischenzeitlich gelangen sie in die Nahrungskette. So ist davon auszugehen, dass sämtliche Organismen im Meer Mikroplastik zu sich nehmen. Es ist zu befürchten, dass dies Verdauung und Fortpflanzung negativ beeinflusst. Die Auswirkungen auf den Menschen sind bislang wenig erforscht. Das Bundesumweltministerium geht davon aus, dass durch die Nahrung aufgenommene Teilchen größtenteils wieder ausgeschieden werden.

Wie viel Mikroplastik gerät durch Kunstrasen in die Umwelt?

Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts vom Juni 2018 werden in Deutschland jährlich 330.000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt gegeben, das macht etwa 4 Kilo pro Person pro Jahr. Den Löwenanteil macht demnach Reifenabrieb aus – mit gut 100.000 Tonnen Mikroplastik im Jahr. Fußball-Kunstrasen-Abrieb kommt immerhin auf 8.000 Tonnen pro Jahr. Durch Hockey-Kunstrasenplätze kommen weitere 400 Tonnen hinzu. Mikroplastik in Kosmetik schlägt laut Studie hingegen mit rund 1.500 Tonnen jährlich zu Buche.

Wie viele Vereine und Sportstätten von dem drohenden Verbot und den Folgen betroffen wären, ist derzeit unklar. Laut Landessportbund (LSB) gab es zuletzt 85 Sportstätten mit – zum Teil mehreren – Kunstrasenplätzen. Die meisten liegen demnach in Halle und Magdeburg, betroffen sind in erster Linie Fußball- und Hockeyvereine. Eine LSB-Sprecherin sagte MDR SACHSEN-ANHALT, zuerst müsse geklärt werden, wie viele Plätze tatsächlich Kunstrasen mit Granulat-Füllung verwenden. Als Alternativen gelten etwa Kork oder Sand.

Vereinen und Kommunen drohen hohe Kosten

Der Städte- und Gemeindebund fordert unterdessen finanzielle Hilfen von Bund und Ländern. Dies sei nötig, damit Kommunen und Vereine drohende Umrüstungen stemmen könnten, sagte der Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Rheinischen Post". Er sprach von rund 200.000 Euro Kosten pro Platz. Auch der Städte- und Gemeindebund fordert eine Übergangszeit bis 2025 – wie zuvor bereits der Deutsche Fußballbund. Dieser hatte Mitte Mai 2019 auf mehr als 6.000 kommunale und sportvereinseigene Kunststoffrasenspielfelder unterschiedlichen Alters in ganz Deutschland verwiesen, jedoch fehle eine aktuelle Sportstättenstatistik.

Anfang Mai hat der Deutsche Olympische Sportbund eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Sportverbänden und Wissenschaft gegründet, die sich intensiver mit Kunststoffrasenplätzen beschäftigt. Sie fordert neben einer Bestandsaufnahme einfach umsetzbare Maßnahmen für Kommunen und Vereine, damit der Sport nicht eingeschränkt werden muss.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 22. Juli 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2019, 20:00 Uhr

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6 Kommentare

23.07.2019 11:31 Sr.Raul 6

Es wird bereits jetzt Quarzsand zum PVC-Granulat aufgebracht, @5 (Andreas). Kann mir bei Kork auch keine lange Haltbarkeit, schon allein aus Belastungsgründen, wirklich vorstellen. Muss man sich nur mal einen Flaschenkorken zerbröseln. Überzeugt bin ich davon nicht und man soll auch mal die Kirche einfach im Dorf lassen und nicht alles dramatisieren. Da gibt es weit schlimmere Umweltsünden, wo Nix aber auch gar Nix dagegen passiert.

23.07.2019 10:43 Andreas 5

Ich verstehe die Diskussion nicht!
Kunststoff absaugen, Kork oder Quarzsand drauf und fertig! Bis 2022 muss unabhängig von der EU jeder Platz professionell gereinigt, gepflegt und gewartet werden. Da kann man das alles mitmachen! Es muss kein Platz geschlossen werden.
Kork oder Sand kann man schon immer bei den Herstellern bestellen. Es ist halt nur teurer als Kunststoff.

23.07.2019 09:59 Leser 4

Als die ersten davon aufkamen, wurden sie gefeiert. Die Hersteller sollten in die Pflicht genommen werden, nicht die Nutzer.

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