Kluges Proberaum So halten sich Sachsen-Anhalts Musiker in der Corona-Krise über Wasser

Musikredakteur Tobias Kluge
Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Jeden Monat stellen wir Musiker in unserem Musikpodcast "Kluges Proberaum" vor. Dabei fährt der Macher des Podcasts, Musikredakteur Tobias Kluge, in der Regel durchs Land und trifft in Proberäumen, bei Sessions, Auftritten oder zuhause zum Kaffee Musiker und Musikerinnen von hier. Bis vor wenigen Tagen war dies schlicht weg unmöglich. Fakt ist, die Musikbranche liegt brach. Jede Band ist derzeit arbeitslos und viele stehen ohne Einnahmen da. Ein Rundruf quer durch die Musikszene Sachsen-Anhalts.

Eine Grafik mit mehreren Instrumenten und der Aufschrift Kluges Proberaum. 38 min
Bildrechte: MDR/Lars Weise

Klaus Adolphi, HORCH

Klaus Adolphi, Frontmann von "The Aberlours" und der renommierten Band "Horch", die im letzten Jahr 40-jähriges Bandjubiläum gefeiert haben, genießt seit einigen Wochen vermehrt die Ruhe und die Zeit für seinen riesigen, wunderbaren Hof, den er bewirtschaftet. Kreativ bleibt er außerdem. Er schickt fast wöchentlich die nächste Song-Idee als "Hausaufgaben" an seine Bandkollegen los. Klaus lässt sich mental nicht unterkriegen, wie er sagt.

Wir werden uns nicht in ein Loch vergraben und warten, bis der Atomschlag vorbei ist.

Klaus Adolphi

Klaus wohnt in dem lauschigen Ort Elben, tief vergraben in der Mansfelder Platte, da hatte noch niemand was mit Corona zu tun und auch um ihn herum, kennt Klaus niemanden. Umso schwerer ist es für ihn, die Situation so anzunehmen, da sie für ihn und seine Musikerkollegen ein Desaster mit schweren Folgen nach sich zieht.

In den Wintermonaten macht er normalerweise Theater am Steintor in Halle und auch hier weiß niemand, ob das dann überhaupt wieder weitergeht.

In den warmen Monaten ist er mit seinen Bands auf Tour. Er hofft zwar, dass er im Herbst noch eine Bühne entern kann, aber es hagelt rund um die Uhr Konzertabsagen. Er hat aber noch Hoffnung, auch wenn er bereits ahnt, dass er sowohl seine eigenen Veranstaltungen in Elben als auch die von externen Veranstaltern eigentlich geplanten Events alle abgesagt werden müssen.

Er hofft, dass überhaupt erstmal der Dialog wieder beginnt mit der Politik und auf Antworten: ab wann Veranstaltungen und welcher Größenordnung wieder losgehen dürfen und unter welchen Auflagen.

Jule Werner, Sängerin

Jule Werner, Sängerin aus dem Raum Quedlinburg, ist selbst auch voller Hoffnung und dennoch sehr froh, dass sie noch ein drittes Standbein hat. Sie arbeitet als Onlinejournalistin. "Sonst wären wir jetzt bei Null", sagt Jule, die eigentlich mit ihrem Lebenspartner das Theatercafé in Quedlinburg betreibt und selber in Kürze wieder zahlreiche Konzerte gesungen hätte.

Ihre Bewältigungsstrategie: Kuchen backen und die täglichen Ergebnisse als Beweis ins Netz stellen.

Das Gute ist, dass die Musikszene zusammenhält.

Jule Werner

Natürlich schreiben sie jetzt die Kollegen und Freunde nicht mehr an, um ihr eine Konzertanfrage zu schicken, sondern weil sie ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. 

Der Kuchen, um mal bei diesem Bild zu bleiben, ist zur Zeit sehr klein und eigentlich gibt es für jeden nur ein paar Krümel. Doch "das hat mich positiv beeindruckt, wie der Zusammenhalt unter uns Musikern aber auch generell in der Gesellschaft wächst. Wir sitzen alle im selben Boot. Und ich glaube, sowas gab es vorher noch nicht", meint Jule Werner.

Sebastian Raetzel, THE BASEBALLS

Sebastian Raetzel, einer der dutzenden Magdeburger Musiker, der bei einem aufhörenden Projekt "Unser Song – unsere Stadt" mitgewirkt hat, verrät über Skype, dass Meckern nichts bringt und er positiv bleibt. Dabei strahlt er in gewohnter Weise.

Der Sänger, den einige von der Band THE BASEBALLS kennen, hofft auch noch, dass die große Herbsttour stattfinden wird, wenngleich er sagt, er "sei Realist und kann es sich doch kaum vorstellen, dass das noch klappt".

Ihr neues Album wollen sie trotzdem aufnehmen – im Home-Office. Ähnlich wie beim Songprojekt aus Magdeburg, wo aller Hand Musiker der Stadt zuhause ihre Gesangsspuren zu "Die Welt steht still" eingesungen haben und dann an die Produzenten verschickt haben, wird wohl auch das neue Baseballs-Album entstehen. Die Bandmitglieder wohnen in Deutschland verstreut und da geht das nun mal in diesen Zeiten nicht anders.

Es ist für uns alle eine herausfordernde Situation.

Sebastian Rätzel

Er selbst kommt finanziell im Moment noch gut klar, da er auch noch als Moderator bei einem Berliner Radiosender arbeitet.

TÄNZCHENTEE, Band

Anders sieht es da bei den Profimusikern der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Partyband Tänzchentee aus. Die Gruppe spielt in der Hauptsaison eigentlich jedes Wochenende im Schnitt zwei bis drei Auftritte und alle Bandmitglieder leben von der Musik.

Die Band Tänzchentee im Bühnenoutfit
Die Band Tänzchentee im Bühnenoutfit. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Tobias Kluge

Die meisten freischaffenden Musiker haben bei uns in Sachsen-Anhalt Anspruch auf eine Soforthilfe von 400 Euro. Darüber hinaus könnten sie noch die Investitionsbank anpumpen. Doch das Geld greift in der Regel nur für Festkosten, nicht für ausgefallene Einnahmen als Musiker. "Der Proberaum kostet nicht die Welt. Den Tour-LKW könnten wir vielleicht noch abrechnen, aber von dem Geld kann ich mir nicht den Kühlschrank vollmachen", erzählt Andreas Koch, Bassist bei der Band Tänzchentee, den ich selten so niedergeschlagen erlebt habe. Kein Wunder. Denn Musiker haben in der Regel keine Rücklagen für schlechte Zeiten.

Genauso ist das. Du hast drei Mark dreißig übrig und dann sparst du schon auf die nächste neue Gitarre. So funktioniert Musiker.

Andreas Koch

Was die Zukunft bringt

Das eigentliche Problem: Musiker müssten genau jetzt das Geld für den Winter verdienen, weil da jedes Jahr kaum Konzerte sind. Das passiert nun aber gerade nicht und in ein paar Monaten gibt es dann auch keine Soforthilfen mehr und viele wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.

Zum Ende unseres Gesprächs höre ich dann doch wieder das gewohnte herzhafte Lachen von Andreas Koch. Er erzählt mit Freude davon, dass Sascha Pries, der bis dato Sänger bei Tänzchentee war, kurz vor Corona ausgestiegen ist, um in seinen alten Beruf als Sozialpädagoge zurückzukehren. "Sascha hat seinen Ausstieg genau richtig gelegt. [lacht] Sascha, du bist ganz weit vorne! Ganz anders unser neuer Sänger Rick, der ist bei uns in die Band eingestiegen, ohne bisher auch nur ein Konzert zu spielen. Das muss man erstmal hinkriegen."

Wenigstens der Humor ist noch nicht auf der Strecke geblieben und er hat gerade zumindest viel Zeit für sein Hobby: Angeln gehen. Hoffen wir, dass ein dicker Fisch anbeißt.

Musikredakteur Tobias Kluge
Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Tobias Kluge stellt sich vor Ich heiße Tobias Kluge, Jahrgang '78 und bin Musikredakteur und Musiker.

Großgeworden bin ich als gebürtiger Wittenberger in der Dübener Heide.

Vielleicht kennen Sie mich aus dem Radio als Musikexperten von MDR SACHSEN-ANHALT und von MDR KULTUR. Davor habe ich viele Jahre bei MDR SPUTNIK moderiert.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. Mai 2020 | 07:00 Uhr

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