Notizen in unruhigen Zeiten Das Virus und die Moral von der Geschicht...

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Die Situation gleicht einem Feldversuch in angewandter Sozialkunde: Das Coronavirus soll zwar nur rund 160 Nanometer groß sein – hat es aber geschafft, weltweit das Wirtschafts- und Sozialleben durcheinander zu bringen. Die Einwohner von Jessen und Schweinitz im Landkreis Wittenberg stehen komplett unter Quarantäne. So eingeschränkt in ihrem persönlichen Leben waren sie nicht mal zu DDR-Zeiten. Nun ist eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit entbrannt. Anmerkungen dazu von MDR SACHSEN-ANHALT-Kolumnist Uli Wittstock.

MDR-Reporter Uli Wittstock kniet sich 2015 in seine Reporter-Arbeit beim Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel vor der neuen Flüchtlingsunterkunft in Magdeburg im Beisein des Magdeburger Oberbürgermeisters Lutz Trümper
Kolumnist Uli Wittstock macht sich seine Gedanken über das Coronavirus und dessen Folgen. Bildrechte: dpa

"Frauen und Kinder zuerst" – so lautet ein Spruch, der im Notfall das soziale Verhalten an der Reling festschreibt, sofern ein Schiff zu sinken droht. Entwickelt hat sich diese Vorstellung aus einem Mangel heraus, nämlich dem Mangel an Rettungsbooten auf den großen Passagierschiffen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. In der aktuellen Corona-Krise heißt es nun "Alte und Risikogruppen" zuerst – und auch das wegen eines Mangels, nämlich des Mangels an adäquater medizinischer Behandlung. Gäbe es nämlich genügend Betten auf den Intensivstationen, genügend Beatmungsgeräte und vor allem genügend Personal, bräuchten wir wohl keine drakonischen Maßnahmen, um das Virus einzudämmen. Es wäre wohl medizinisch beherrschbar.

Erbitterte Debatten

Über die Frage, wie tödlich dieses Virus ist, werden erbitterte Debatten geführt, sowohl unter Experten, wie auch unter Politikern und natürlich auch im privaten Umfeld. Denn letztendlich geht es um die Frage, ob eine Mehrheit ihre wirtschaftliche und soziale Sicherheit opfern sollte, um eine Minderheit zu schützen, eben jene "Alten und Risikogruppen". Ob überhaupt nur diese ernsthaft gefährdet sind, vermag ich nicht zu beurteilen und diese Frage spielt für die weiteren Überlegungen auch keine große Rolle.

Es geht nämlich im Kern der Debatte um eine Risikobewertung. Zu einem besseren Verständnis lohnt sich da der Blick nach Übersee. Dort forderte der Vize-Gouverneur des US-Bundesstaats Texas, Dan Patrick, übrigens selbst Großvater, seine älteren Mitbürger auf, sich für die Zukunft der Enkel zu opfern. So radikal formuliert es in Deutschland derzeit niemand, aber die Fragen nach den Folgeschäden der bisherigen Pandemie-Politik werden auch hierzulande lauter.

 

Es sind naturgemäß die Ökonomen und Finanzexperten, die sich nun zu Wort melden. Der frühere Goldman-Sachs-Manager Alexander Dibelius fragte in einem Interview mit dem Handelsblatt, ob es denn richtig sei, zehn Prozent der Bevölkerung dadurch zu schützen, dass 90 Prozent der Bevölkerung sowie die gesamte Wirtschaft extrem behindert würden. Und verfolgt man die Debatten im Netz, dann zeigt sich schnell, dass dies keine Einzelmeinung ist. Denn solange das Virus nur "Alte und Risikogruppen" trifft, können relativ simple Kosten-Nutzen-Rechnungen erstellt werden.

Da werden dann ein oder zwei durch das Virus verlorene Lebensjahre von "Alten und Risikogruppen" dem Schicksal von Millionen Menschen gegenübergestellt. Deren Lebenswerk würde nämlich durch den wirtschaftlichen Absturz zerstört mit einer daraus folgenden höheren Sterblichkeit auf Grund von Arbeitslosigkeit und Armut. Und siehe da, schon stellt eine aktuelle Studie der Universität Bristol fest, dass in Großbritannien bei einem Rückgang der Wirtschaft um über 6,4 Prozent, die Zahl der Toten durch die Rezession höher sei, als die Zahl der Corona-Opfer.

Merkwürdigerweise wurden solche Berechnungen während Finanzkrise oder auch nach dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie in den 1990er Jahren nicht angestellt oder zumindest nicht öffentlich debattiert. Es ist dies allerdings ganz klar eine angstgetriebene Debatte. Denn wenn plötzlich der eigene Lebensentwurf bedroht scheint – weil ein Virus alle Lebensumstände in Frage stellt – ist das eine verständliche Reaktion. Allerdings ist dies auch eine Nutzwertdebatte, die unterteilt, welches Leben "mehr Wert" sei.

Jetzt wären auch Philosophen, Wohlfahrtsverbände und Kirchen gefragt

Wikipedia erklärt, dass der Begriff "Triage" aus der Militärmedizin stammt und das Sortieren von Patienten beschreibt und zwar nicht nach der Schwere ihrer Verletzungen, sondern nach ihren Überlebenschancen. Folgt man den Beschreibungen aus den Corona-Hotspots in Italien, Frankreich und Spanien, so ist dies in den dortigen Krankenhäusern unumgänglich geworden. Genau dies zu verhindern, war das erklärte Ziel der Bundesregierung – eine Strategie, die bis jetzt aufgegangen ist. Und sie ist im Übrigen wohl auch durch das Bundesverfassungsgericht gedeckt. Dieses entschied im Jahr 2006, dass menschliches Leben nicht gegeneinander aufgerechnet werden dürfe. So sei der Abschuss eines von Terroristen entführten Passagierflugzeuges nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, auch wenn dadurch andere Menschen gerettet werden könnten.

Mit der durchaus verständlichen Entscheidung zum "Lockdown" hat sich nun die Triage-Debatte aus dem Krankenhaus in Gesellschaft verlagert. In den ersten Tagen konnte die Vokabel "alternativlos" noch einen Teil des Diskurses abfedern, doch das scheint zunehmend schwieriger zu werden. Hier nun wären also nicht nur Politiker und Ökonomen gefragt, sondern auch Philosophen, Wohlfahrtsverbände oder Kirchen. Vor allem letztere fallen derzeit durch beredtes Schweigen auf, was schon fast an eine Art Selbstaufgabe erinnert. Allerdings entlässt das nicht die Politik aus ihrer Verantwortung für alle Teile der Gesellschaft.

 Rund 40.000 Arbeitslose allein in Sachsen-Anhalt erwartet

Eine rasche Exit-Strategie sei nötig, sagt Rent Gropp, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Denn je kürzer der Stillstand dauere, umso leichter könnten die wirtschaftlichen Folgen bewältigt werden. Allein für Sachsen-Anhalt erwartet die Agentur für Arbeit rund vierzigtausend Arbeitslose, sollte der Stillstand sich über mehrere Wochen hinziehen. Zudem bekommt in Sachsen-Anhalt jeder vierte Arbeitnehmer Mindestlohn, wer davon nun nur noch 60 Prozent als Kurzarbeitergeld bezieht, dürfte kaum über die Runden kommen.

Doch auch anderen Gründen scheint die derzeitige Situation überaus problematisch zu sein. In einem Häuschen mit Garten oder einer 160-Quadratmeter-Penthouse-Wohnung mit Elbblick lassen sich Tage deutlich besser verbringen, als in einer WBS 70-Wohnung – auch, wenn sich die Warnungen vor einer Zunahme häuslicher Gewalt bislang nicht in den Polizeiberichten widerspiegeln.

Die Decke der Zivilisation ist dünn, das zeigt sich in diesen Tagen erneut und dem sollte die Politik Rechnung tragen.

Aus Halle berichten ambulante Pflegerinnen und Pfleger des Martha-Maria Krankenhauses von Beleidigungen in der Öffentlichkeit, nachdem bekannt wurde, dass es in dem Krankenhaus einen Corona-Fall gegeben habe. Ähnliche Probleme gibt es offenbar in Jessen und Schweinitz, wo nach der Ausrufung der Quarantäne in beiden Orten gegen mutmaßliche "Schuldige" gehetzt wurde.

Es braucht eine Perspektive

Die Decke der Zivilisation ist dünn, das zeigt sich in diesen Tagen erneut, und dem sollte die Politik Rechnung tragen. "Es geht um Leben und Tod", so hatte Ministerpräsident Haseloff die Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens begründet. Und bislang scheint sich ja die Mehrheit der Sachsen-Anhalter auch an die Vorgaben zu halten. Doch ohne die Perspektive ist dieser Zustand nicht mehr allzu lange aufrecht zu erhalten. Es ist Richtlinienkompetenz gefragt.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ld

2 Kommentare

W.Merseburger vor 9 Wochen

Herr Wittstock,
ich habe mir ihren Kommentar sehr genau durchgelesen und bin sehr erstaunt, dass jetzt Artikel 1 des Grundgesetzes vielleicht außer Kraft gesetzt wird und sie wie auch andere schon diskutieren dürfen, welches Leben wertvoller ist und dass die Risikogruppe "kranke Senioren" ihr Leben eigentlich gelebt haben und deswegen unseren kranken Kapitalismus nicht behindern dürfen. Obwohl ich hier klare Worte habe, schreibe ich sie nicht.
Ihnen wünsche ich: bleiben sie schön gesund, haben sie immer genügend Geld und werden sie niemals alt.

kleinerfrontkaempfer vor 9 Wochen

Disziplin + Selbstdisziplin statt Selbstdarstellung und Selbstinszenierung.

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