Notizen in unruhigen Zeiten "Wenn wir nicht an Corona sterben, dann an Traurigkeit"

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

"Wenn wir nicht an Corona sterben, dann sterben wir an Traurigkeit" – so titelte unlängst eine große spanische Zeitung, nachdem in Madrid erneut Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden. Allmählich wird uns bewusst, dass sich unsere Lebensumstände stärker ändern, als zunächst gedacht. Und so ist viel von einer neuen Normalität die Rede, von der allerdings derzeit niemand so recht weiß, wie sie aussehen könnte. Notizen aus einer Übergangnormalität von unserem Kolumnisten Uli Wittstock

MDR-Reporter Uli Wittstock kniet sich 2015 in seine Reporter-Arbeit beim Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel vor der neuen Flüchtlingsunterkunft in Magdeburg im Beisein des Magdeburger Oberbürgermeisters Lutz Trümper
Kolumnist Uli Wittstock macht sich seine Gedanken über das Coronavirus und dessen Folgen. Bildrechte: dpa

Wer sich derzeit durch die Supermärkte treiben lässt, der kann sich kaum vorstellen, dass noch vor wenigen Monaten der soziale Friede gefährdet schien, weil sich Engpässe bei Toilettenpapier und einigen Mehlsorten abzeichneten. Der gegenwärtige Blick in die Regale zeigt, dass die Lieferketten inzwischen wieder geflickt sind und auch zu diesem Weihnachtsfest mit Stollen und Spekulatius im Überfluss gerechnet werden darf.

Allerdings zeichnet sich dafür ein anderer Mangel ab, der wohl nicht so einfach mit Lieferketten auszugleichen sein wird, nämlich ein Mangel an sozialer Nähe, was ja zu Weihnachten besonders problematisch sein kann. Die stille Nacht könnte also in diesem Jahr besonders still verlaufen, nicht nur weil in den Gottesdiensten allenfalls gesummt werden darf. Schon jetzt beklagen Gastronomen, dass zunehmend Betriebsweihnachtsfeiern abgesagt werden. Und wer in diesem Jahr Weihnachtsmärkte vorbereitet, der rechnet derzeit nicht nur mit Gäste- und Umsatzzahlen, sondern auch mit Abstandsregeln, Maskenpflicht und Hygieneverordnungen, immer in der Hoffnung, dass die Fallzahlen nicht deutlich ansteigen.

Und selbst die sogenannten Weihnachtshasser bleiben vom Schatten des Virus nicht verschont, denn der Wunsch, über die Feiertage einfach mal so ins Warme zu fliegen, dürfte in diesem Jahr wohl unerfüllt bleiben. Klar ist also: Corona nervt und bei allen Debatten über die Pandemieverordnungen dürfte sich zumindest in diesem Punkt schnell ein gesellschaftlicher Konsens erzielen lassen. Diese Feststellung ist allerdings wenig tröstlich, denn sie hilft kaum weiter.

Kultur in der Abstandsfalle

Dabei ist das Virus eigentlich ein Feigling und kulturfern zudem. Würde es sich zum Beispiel nur über den Austausch von Blut übertragen, fiele beim Schutz vieles leichter. Doch dieses Covid-Sars-Dings hat sich leider den einfachsten Infektionsweg gesucht, nämlich die Luft. Und weil ja die Kultur so wichtig wie die Luft ist, um mal ein abgestandenes Klischee zu bedienen, treffen die Pandemieregeln auch einen großen Teil der Kulturbranche, welche ja, oft zitiert, systemrelevant ist. Doch diese Relevanz scheint derzeit eher eine Behauptung als eine gelebte Realität zu sein.

Obwohl Sachsen-Anhalt mit den Pandemieregeln den Landeskindern eine ziemliche Freiheit ermöglicht, wird diese nur zögerlich genutzt. Noch mehr als sonst scheinen es die Menschen vorzuziehen, ihre Freizeit in häuslicher Umgebung zu verbringen, als sich unter Menschen zu wagen. Nach dem das Homeoffice sich anschickt, die Bürowelt zu ändern, könnte nun das Home-Entertainment folgen und unser Freizeitverhalten beeinflussen, ein Umstand, auf den die Computer-, Gaming- und Streaming-Industrie schon lange hinarbeitet. Man könnte auch von der Gefahr einer zweiten Sesshaftwerdung sprechen, nämlich der Haustierisierung des Menschen.

Leere Stadien und Kinos

Bemerkenswerterweise wird dies gerade im Fußball offensichtlich, dem ja eine ausgeprägte Fankultur zu Eigen ist. Für die Fans gehört es dazu, alle Höhen und Tiefen des Ligaalltags mit der Mannschaft zu teilen. Doch obwohl derzeit die Zahl der Eintrittskarten für die Heimspiele stark limitiert ist, fand der erwartete Ansturm nicht statt. Sowohl in Magdeburg wie auch in Halle blieben viele der freigegebenen Sitzplätze leer und das liegt wohl nicht nur an der gegenwärtigen Spielschwäche beider Klubs.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Kinos. Einsam summen die Popkornmaschinen im Dämmerlicht, während sich der Vorhang vor einer handvoll Besucherinnen und Besucher öffnet. Und so manche Leinwand könnte alsbald dauerhaft dunkel bleiben. So hat vor kurzem der weltweit zweitgrößte Kinobetreiber „cineworld“ alle Kinos in den USA und Großbritannien geschlossen, nachdem der Aktienkurs dramatisch eingebrochen war. Ein Grund dafür sind die großen Hollywood-Studios, die in großem Maße ihre Blockbuster ins nächste Jahr verschoben haben.

Weder den Ghostbusters noch den Superhelden und nicht einmal James Bond ist es vergönnt, gegen das Coronavirus coram publico anzutreten, denn nahezu alle Filmstarts wurden mangels Besuchern ins nächste Jahr verschoben. Couch statt Kino? Dieser, seit der Erfindung des Fernsehens oft gestellte Frage, verleiht das Virus eine scharfe Aktualität.

Festivals und Klubs bangen

Ebenfalls betroffen ist die Musikbranche. An Festivals und Großkonzerte ist derzeit ohnehin nicht zu denken, aber auch die kleineren Klubs oder Kneipen scheitern an den gegenwärtigen Hygieneregeln. Zwar hat Sachsen-Anhalt beschlossen, dass am ersten November die Klubs wieder öffnen können, doch was nach Angaben vieler Klubbetreiber fehlt, ist eine halbwegs entspannte Stimmung.

Trotz vieler Berichte über das nächtliche Unwesen junger Partypeople in Berlin, Stuttgart oder München bleiben hierzulande die Anbieter auf einem Teil der Karten sitzen. Das bestätigt auch Christian Szibor. Er ist Chef der Festung Mark in Magdeburg, einem der größten Klubs in Sachsen-Anhalt. Statt Anzeichen einer oft beschworenen neuen Realität, spüre er vor allem Verunsicherung und Angst beim Publikum, auch verursacht durch das tägliche Fallzahlen-Bombardement der Medien. Doch eigentlich bemängeln Musikerinnen und Musiker in Sachsen-Anhalt schon länger eine schwindende Nachfrage nach Livemusik, mit der Folge, dass immer mehr Klubs ihr Angebot einschränken oder ganz aufgeben. Auch hier beschleunigt das Virus möglicherweise eine Entwicklung, die sich so seit Jahren schon abzeichnete.

Auch Laienkunst betroffen

Nun könnte man das – angesichts von mehr als fünf Millionen Kurzarbeitern – als eine Luxusdebatte abtun, auch wenn in der deutschen Kultur- und Kreativbranche nach jüngsten Zahlen immerhin rund 1,2 Millionen Menschen beschäftigt sind, die jedoch die Pandemie sehr unterschiedlich trifft. Die Werbeindustrie verzeichnet weniger Umsatzeinbrüche als die Veranstaltungsbranche und wer in fester Anstellung in städtischen Theatern arbeitet, den trifft es weniger als freiberufliche Musikerinnen und Musiker.

Aber auch die große Schar derjenigen, die in ihrer Freizeit singen, tanzen oder sich einem historischen Brauchtum verschreiben, haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Allein der Landes-Chorverband verzeichnet rund zehntausend Sängerinnen und Sänger von Arendsee bis Zeitz, die nun erheblich bei der Ausübung ihres Hobbys eingeschränkt sind. Derzeit sieht Sachsen-Anhalts Pandemie-Verordnung einen Mindestabstand beim Chorsingen von einem Meter fünfzig vor. Da wird es für einen Chor mit 40 Sängerinnen und Sängern schwer, geeignete Proberäume zu finden, die auch noch bezahlbar sein müssen.

Reißt Corona Lücken in die Chorlandschaft?

Zudem sind Chorkonzerte unter den gegenwärtigen Bedingungen ohnehin eher selten, so dass es wenig sinnvoll erscheint, unter solchen Bedingungen überhaupt zu proben. Und so könnte es passieren, dass Corona auch Lücken in Sachsen-Anhalts Chorlandschaft reist, vor allem dort, wo es ohnehin schon mühselig war, ein attraktives Chorleben zu gestalten, nämlich in den ländlichen Regionen.

Was für Chöre gilt, kann auch auf Blaskapellen, Tanzgruppen oder Karnevalsvereine übertragen werden: Die Hygieneregeln sorgen für ehebliche Probleme. In Sachsen-Anhalts Bordellen gilt natürlich auch Maskenpflicht, wobei man sich Sex mit einem Mund-Nasenschutz noch als eine spielerische Variante vorstellen kann, Blasmusik mit Maske ist hingegen Unsinn.

Langzeitfolgen könnten dramatisch sein

Solche Vorgaben finden sich in Sachsen-Anhalts Pandemie-Verordnungen, die von der Landesregierung aller paar Wochen aktualisiert werden.

Derzeit werden wir von Pandemiestäben regiert, die damit beschäftigt sind, die Gegenwart des Virus zur Grundlage des politischen Handelns zu machen und die Öffentlichkeit, so scheint es, debattiert vor allem beherzt über die Vorzüge und Nachteile des Maskentragens. Wo aber ist der Ort, um über die Langzeitfolgen einer kulturellen Selbstvereinzelung zu debattieren? Wer fragt nach den tiefgreifenden kulturellen Änderungen, die sich im Corona-Kontext abzeichnen?

In diesen Tagen haben wir bundesweit an dreißig Jahre deutsche Einheit gedacht und, stärker als bislang, kamen diesmal auch die schwierigen neunziger Jahre in den Blick. Aus jener Zeit wissen wir Ostdeutschen, dass Strukturen, die plötzlich verschwinden, wenn überhaupt, später nur sehr mühselig wieder aufgebaut werden können. Sachsen-Anhalts Kino-, Orchester- und Theaterlandschaft wurde seinerzeit ausgedünnt und auch die Laienkunst erlebte eine deutliche Einschränkung der Möglichkeiten. Selbst wenn es derzeit nicht im Fokus der Debatte steht, so ist doch eine neuerliche Kürzungsrunde zu erwarten, wenn es nach Corona um die Frage geht, wo denn nun eigentlich gespart werden könne.

Die Kulturinstitutionen, aber auch die Künstlerinnen und Künstler scheinen derzeit vor allem damit beschäftigt zu sein, ihren Arbeitsalltag coronakonform zu organisieren, dies ist ihnen nicht vorzuwerfen. Wo aber wird eine Debatte geführt, die über die aktuellen Infektionszahlen hinausblickt, also nicht von der Pandemie getrieben ist, sondern von dem Versuch, den Begriff „neue Normalität“ mit Inhalt zu füllen?

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST | 12. Oktober 2020 | 22:10 Uhr

5 Kommentare

pkeszler vor 2 Wochen

Der MDR hat berichtet, dass über 4 Millionen Beschäftdigte in Deutschland nicht entsprechend ihrer eigentlichen Qualifikation beschäftigt werden. Andererseits haben über 1 Million Beschäftigte keinen Abschluss und werden trotzdem wie Facharbeiter bezahlt. Da klinkt es geradezu als Hohn, das viele Gesundheitsämter beklagen, dass sie nicht genügend Arbeitskräfte haben, Statt selbst auszubilden, wird eben gespart und darauf gewartet, dass der Staat die Kosten übernimmt.

Grosser Klaus vor 2 Wochen

Absolute Hilflosigkeit und ungehemmter Aktionismus, wir müssen was machen, egal was, aber ganz schnell, und jeder etwas anderes, damit er beachtet wird.
Die Einheitlichkeit so denn überhaupt sinnvoll ergäbe sich ganz einfach, wenn jeder nur das macht, was der gesunde Menschenverstand ihm sagt. Der würde ihm bestimmt nicht einflüstern, dass es OK ist, wenn ein Thüringer zwei Wochen in Berlin feiern geht und dann beim Zurückkommen nicht getestet wird, nur so ein Beispiel.

pepe79 vor 2 Wochen

Traurig aber wahr. Der Artikel beingt vieles auf den Punkt, die Kurzsichtige einseitige Betrachtung von den politischen Akteuren und was wir drohen dadurch zu verlieren, unsere geistige und kulturelle Vielfallt und geistige Gesundheit.

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