Notizen in unruhigen Zeiten Martin Luther und der Klimawandel

Heute vor 502 Jahren, also am 31. Oktober 1517, soll Martin Luther seine Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt haben. Als Flugschrift verbreitet, wurden die Thesen sehr schnell berühmt und leiteten die Reformation ein. Ein halbes Jahrtausend später scheint die Stimmung in Deutschland und Europa in mancher Hinsicht jener Zeit Luthers zu gleichen. Was also können wir vom Reformator lernen und was auch nicht? – Kolumnist Uli Wittstock mit Anmerkungen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick auf das Denkmal des Reformators Martin Luther (1483-1546) und die Kirchturmspitze der St. Andreaskirche in Lutherstadt-Eisleben.
Damals wie heute aktuell: Martin Luthers Gedanken. Bildrechte: dpa

Wenn nach zwei Dürresommern nun auch Sachsen-Anhalts Landwirte den Klimawandel als ein ernstzunehmendes Problem wahrnehmen, so sind sie dennoch in einer unvergleichlich besseren Situation als ihre Vorfahren vor über 500 Jahren. Die waren nämlich weniger von Dürre und Hitze geplagt als vielmehr von Nässe und Kälte. Forscher sprechen inzwischen von einer kleinen Eiszeit, die ab dem 14. Jahrhundert in Europa zu dramatischen Veränderungen führt: Nach mehreren Missernten verdreifachen sich im Winter 1314/15 die Getreidepreise und Europa wird von einer Hungersnot heimgesucht, in deren Folge mehrere Millionen Menschen sterben.

Doch dem Hunger wird bald eine viel schlimmere Geißel folgen. Im Jahr 1347 landet in Genua ein Handelsschiff, von der Krim kommend, mit tödlicher Fracht an Bord – yersinia pestis, der Erreger der Lungen- und Beulenpest. Innerhalb weniger Jahre stirbt jeder dritte Europäer an der Seuche und ganze Landstriche werden entvölkert. Zum Pfingstfest 1349 erreicht die Pest die Stadt Magdeburg. Als Schuldige werden die Juden ausgemacht, sie hätten die Brunnen vergiftet, so der Vorwurf, was zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung führt. Im Jahr darauf wütet die Pest in Halle und auch zu Luthers Zeiten wird sie immer wieder aufflammen.

Geld als Seelenheil

Das Geburtshaus des deutschen Reformators Martin Luther in der Lutherstraße 16 in Eisleben
Das Geburtshaus des deutschen Reformators Martin Luther in Eisleben. Bildrechte: dpa

Als Martin Luther im Jahr 1483 in Eisleben geboren wird, wächst er in einem Zeitalter der Angst auf. So mancher ist überzeugt, das Ende der Welt sei nun angebrochen und der sündige Mensch werde für seine Taten bestraft. Wer Geld hat und es sich leisten kann, tut gute Werke, lässt Kirchen und Dome bauen, in denen die Gläubigen für das Seelenheil der Stifter beten. Wer nicht so reich ist, begnügt sich mit Ablassbriefen, die von Sünden und vor allem von der Höllenqual befreien sollen. Ein lukratives Geschäft mit der Angst.

Diesem Geschäft sagt Martin Luther den Kampf an. Er geht aber noch weiter, indem er auch die verbreitete Praxis der "guten Werke" in Frage stellt. Man müsse viel Gutes tun, so die Idee, um vor Gott durch eigene Taten gerechtfertigt zu sein. Das lehnt Luther als Irrlehre ab. Der Mensch sei durch eigenes Handeln nicht in der Lage, seine Sünden abzuarbeiten. Nur der Glaube sei der richtige Weg.

Fünfhundert Jahre später, in einem weitgehend entkirchlichten Umfeld, scheint diese Denkfigur merkwürdig fern und fremd zu sein, hat aber bei näherem Hinsehen durchaus einige Brisanz auch für die aktuellen Debatten. Es ist wohl kein Zufall, dass Skeptiker der Klimapolitik inzwischen von einer "Klimareligion" sprechen, vor allem mit dem Ziel, die Wissenschaft zu diskreditieren. Aber es stellt sich auch die Frage, ob die aufgeregten Debatten nicht an die Glaubenskämpfe der Reformationszeit erinnern.

Martin Luthers Kritik der "guten Werke" richtet sich nämlich nicht gegen die Idee "Gutes" zu tun, sondern nur gegen die Vorstellung, deshalb gottgefälliger zu sein, oder modern ausgedrückt, der bessere Mensch zu sein. Diese Idee Luthers kommt einer ideologischen Befreiung gleich, die auch bei heutigen Debatten durchaus hilfreich sein könnte.

Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist.

Wer im Bioladen Kunden beobachtet, kann gelegentlich den Eindruck einer gewissen frömmlerischen Selbstgerechtigkeit gewinnen. Und wenn schließlich der Wochenendeinkauf mit einer dreistelligen Summe gebongt wird, dann stellt sich beim Kunden mitunter ein feines Lächeln ein. Dies ist wohl der Gewissheit geschuldet, der Weltenrettung ein paar Euro gestiftet zu haben, was man sich allerdings auch leisten können muss. Letztendlich mündet dieses Verhalten in der Überzeugung: Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist.

Bioladen
Statussymbol Bioladen!? Bildrechte: IMAGO

Dies lässt sich natürlich auf beliebige Lebensumstände übertragen, von der Automarke bis zur Wohnungseinrichtung. Wobei interessanterweise oft ausgeblendet wird, unter welchen sozialen Bedingungen die jeweiligen Waren hergestellt und vertrieben werden. Es gibt zwar Ökosiegel und Debatten über den CO2-Fußabdruck, der soziale Fußabdruck wird aber bislang kaum nachgefragt und fehlt deshalb zumeist. Dieser Selbstgerechtigkeit hätte Luther mit Sicherheit den Kampf angesagt.

Unversöhnliche Diskussionen voller Härte

Nach den letzten drei Landtagswahlen wird verstärkt über eine Spaltung der Gesellschaft debattiert. Und diese Spaltung ist ganz offenbar nicht nur eine soziale, sondern umfasst auch den kulturellen und ideologischen Raum, wie die Wahlergebnisse der AfD zeigen. Die Debatte um Lebensweisen, Werte und Überzeugungen kann sich am Schulessen entzünden, am Hubraum oder an unterschiedlichen Vorstellungen über den Begriff Heimat. Was aber alle Diskussionen eint, ist die Härte und Unversöhnlichkeit, mit der sie geführt wird.  

Martin Luther lebte in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen: Kolumbus entdeckte Amerika, Kopernikus entwickelte das heliozentrische Weltbild und der Buchdruck wurde in Europa erfunden. Altgeglaubte Gewissheiten gingen verloren.

So mancher wähnt sich nun erneut in einer Zeitenwende angesichts von Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und den neuen Möglichkeiten der Biotechnologie. Und wieder sind es die Ablasshändler, die jetzt ihr Geschäft machen, mit düsteren Prophezeiungen, Weltuntergangsphantasien, meist gekoppelt mit dem Verweis auf dunkle Mächte, die da den großen Bevölkerungsaustausch planen würden.

Der Anschlag von Halle hat zudem gezeigt, dass selbst mittelalterliche Reflexe wie der des Antisemitismus noch immer eine furchtbare Wirkung entfalten können. Für die Pest machte der Täter von Halle die Juden nicht verantwortlich, dafür aber für die muslimische Einwanderung. Vor Irrglauben war jedoch auch Luther nicht gefeit, sein Antisemitismus ist bekannt.

Aber der klare Aufruf, sich von den Angstmachern nicht in die Irre führen zu lassen, weder finanziell noch ideologisch, den können sich auch kirchenferne Zeitgenossen zu Eigen machen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in der Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ff

Zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2019, 08:08 Uhr

2 Kommentare

Heimatloser vor 11 Wochen

@Georg,
welche Qualifikation berechtigt Sie Herrn Wittstock zu dequalifizieren?
Schreiben Sie doch ein paar unkrude (vernünftige) Sätze zum heutigen Tag.
Sie haben Sinn und Inhalt dieses Kommentars durch ihre kruden Gedanken nicht verstanden.Es fällt eben VIELEN sehr schwer in der heutigen Zeit sozial-
politisch zu denken.Herr Wittstock kann es!

Georg vor 11 Wochen

Ich kann bei den Philosphischen Betrachtungen des Autors und der Überschrift " Luthers und der Klimawandel " nur den Kopf schütteln.
Da werden wieder Themen der Klimasekte, die AFD und Antisemitismus in ein paar kruden Sätzen durcheinander Gemengt. Und was qualifiziert den Journalisten ? Er wurde in Wittenberg geboren. Das bin ich auch und kenne einige aus unserer Stadt, die
ein paar vernünftige Worte zum heutigen Tag gefunden hätten.

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