26. Oktober: Ikea ist da – Sachsen-Anhalt schraubt endlich selbst

Dafür sind ja im Herbst 1989 die Menschen auf die Straße gegangen, endlich auch mal Billy zusammenbauen zu dürfen, so wie die Brüder und Schwestern im freien Westen. Es hat nochmal 26 Jahre gedauert, aber jetzt ist Ikea da. Da kannste nich meckern meint, Uli Wittstock.

An den ersten Döner meines Lebens (Berlin Kreuzberg, im Januar 1990)  kann ich mich noch gut erinnern, an meinen ersten Ikea-Besuch merkwürdigerweise nicht. Der muss wohl irgendwann im Jahr 1990 stattgefunden haben und zwar höchstwahrscheinlich in Braunschweig, wo sich einer der östlichsten Ikea-Märkte der westlichen Hemisphäre befand, nämlich kurz hinter der Mauer gelegen.

Nach einer von mir veranlassten aber keinesfalls repräsentativen Umfrage im Bekanntenkreis wurde seinerzeit das Begrüßungsgeld, also jene legendären einhundert D-Mark, jedoch nicht bei Ikea umgesetzt, sondern ging wohl eher für Essen und Trinken drauf, gelegentlich auch für Jeans oder Turnschuhe. So hielten Ikea-Möbel wohl erst nach der Währungsunion in Ostdeutschland Einzug, und zwar eine geraume Zeit danach.

Zunächst verdienten nämlich die Autohändler, während sich die Möbelhändler noch gedulden mussten, denn mit einer mit Schrankwand aus dem VEB Wohnraummöbel Bad Freienwalde ließ sich noch etwas länger leben als mit einem Trabant aus dem VEB Sachsenring Zwickau. Doch spätestens ab Mitte der neunziger Jahre rückten der Bausatz "Ivar", das Sofa "Klippan" oder das Regal "Billy" auch in ostdeutsche Haushalten ein, beinahe ein Heimspiel, denn das Heimgewerke war ja hierzulande weit verbreitet, wenn auch mitunter nur wegen der einen oder anderen Versorgungslücke. Das aber sollte nun aber endgültig vorbei sein, so war es uns ja von den Konstrukteuren der Deutschen Einheit versprochen worden.  

Mach's dir selbst

Was Abba für die Popmusik ist, das ist Ikea für die Möbelbranche, nämlich der erfolgreichste schwedische Exportartikel. Und ähnlich wie einst Abba setzt auch Ikea konsequent auf den globalen Massenmarkt, wobei es natürlich einen wichtigen Unterschied gibt: Abba lieferten wenigstens noch einen fertigen Song und nicht nur die Noten zum selber singen.

Findige Wissenschaftler haben untersucht, wie viele Stunden Mehrarbeit der Möbelkonzern auf seine Kunden abwälzt, der Gewinn ist jedenfalls beachtlich. Der Soziologe Günther Voss hat nachgerechnet. Etwa 30 Millionen Mal wurde das Regal "Billy" verkauft. Bei einer Aufbauzeit von 30 Minuten und einem Stundensatz von acht Euro hat Ikea immerhin 120 Millionen Euro Lohnkosten gespart.

Inzwischen sind auch viele andere Unternehmen und Institutionen auf die Idee gekommen, den Verbraucher in einen Leiharbeiter zu verwandeln und zwar zu einem, der auch noch umsonst malocht, weil er glaubt, damit irgendetwas zu sparen. Die Bahn AG zum Beispiel ist sehr erfolgreich mit dem Projekt, jeden Fahrgast zu seinem eigenen Fahrkartenverkäufer zu machen, nach dem Motto, wer eine Ikea-Aufbauanleitung versteht, ist möglicherweise auch in der Lage, einen Fahrkartenautomaten zu bedienen. Der Anreiz für den Kunden besteht nur in der offenen Drohung, dass ansonsten die Kosten für eine Bahnfahrt noch stärker steigen würden.

Inzwischen checken wir uns bei Fluggesellschaften selbst mit unserem Handy ein, weil sich so Kosten sparen lassen und werden von findigen Werbebotschaftern überredet, unsere finanzielle Zukunft nicht den Rentenkassen zu überlassen, sondern selbst etwas zu riskieren. Wir bestücken unsere Körper mit allerlei Sensoren und Handytechnologien, die Schlaf, Kalorienverbrauch und Bewegung überwachen, um uns der gefühlten Sicherheit überlassen zu können, selbst etwas für unsere Gesundheit zu tun. So gesehen erscheint das Leben so übersichtlich wie ein Ikea-Bausatz, sofern wir uns nur an die Anleitung halten und den Überkippschutz richtig an der Wand verschraubt haben.

Die Sache mit dem Lekvisk-Büffett

In der Werbepsychologie versteht man unter dem "Ikea-Effekt" allerdings noch eine weitere interessante Beobachtung. Denn nicht nur das Zusammenbauen der Möbel erweist sich als Vorteil für das Unternehmen, sondern auch der damit verbundene psychologische Effekt, vorausgesetzt man versteht die Aufbauanleitung.

Denn das Zusammenstecken,  Schrauben und Hämmern macht aus einem Haufen Spanplatten und Pappe einen Gegenstand, den wir selbst zusammengebaut haben. Diese Mühe wertet diesen Gegenstand zu etwas besonderem auf, auch wenn er ein Massenartikel bleibt, der nun allerdings durchs eigene Tun veredelt wurde.

Wer das Lekvisk-Büffett mit Oberschrank kennt, der weiß, wovon die Rede ist. 28 Seiten Anleitung, 28 Holzdübel und rund 50 unterschiedliche Schrauben, dazu noch Tütchen mit Nägeln, Türgriffe, Scharniere, ein Schloss mit Schlüssel und Magnete. Und jede Menge Bretter.  Aber zuerst eine Warnung, immerhin in 29 Sprachen, auch in Deutsch natürlich: "Wenn Möbelstücke umkippen, können ernste oder lebensgefährliche Verletzungen durch Einklemmen die Folge sein."

Ikea als Singlebörse

Doch der Blick in das wahre Leben zeigt; so manches Ikea Regal hält länger als eine Ehe. Drum prüfe, wer sich ewig bindet – das gilt sowohl für das Regal wie auch für den Partner. Mein Tipp: Zur Probe sich einfach mal gemeinsam am Beckväm Tritthocker versuchen, ist der am nächsten Tag noch immer trittsicher, dann sollte man zusammenziehen.

Unlängst erzählte mir jemand, dass so ein Ikea-Parkplatz deutlich besser sei, als jede Single-Börse im Internet, um alleinstehende Damen kennenzulernen. Diese Frauen fielen vor allem durch große Ikea-Pakete auf und ihren Versuch, die sperrigen Teile ohne fremde Hilfe in ihr Auto zu wuchten. Es seien Frauen, die sich nach ihrer Trennung neu einrichteten, so wurde mir erklärt.

Ob also die Zahl der Singlehaushalte weiter wächst, oder nicht, Ikea verdient immer mit. Nur vor dem allerletzten Möbelstück des Menschen schreckt die schwedische Möbelfirma noch zurück, einen Ikea-Sarg als Selbstbausatz gibt es noch nicht.

Mehr Kataloge als Bibeln

Neben Günthersdorf hat Sachsen-Anhalt nun also bald einen weiteren Ikea-Standort im Norden.

Übrigens werden pro Jahr über zweihundert Millionen Ikea-Kataloge gedruckt, aber nur einhundert Millionen Bibeln und das Reformationsjubiläum in Wittenberg wird daran wohl auch nichts ändern.  Aber wenigstens sind die Schweden Lutheraner und deshalb freuen wir uns schon auf den Klappstuhl "Martin".

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