Pendeln | Homeoffice als Alternative Pendler-Expertin: "Arbeitswege sind Zeitverschwendung"

Daheim arbeiten ist eine ernst zu nehmende Alternative zum täglichen Pendlerstress, findet auch Simone Janson. Sie ist Expertin in Berufs- und Personalfragen, arbeitet als Kolumnistin und betreibt das Karriere-Weblog berufebilder.de. Viele Aufgaben, die sie seit Jahren im Homeoffice unter einem Hut bündelt. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Janson als Expertin und Betroffene über die Homeoffice-Alternative zum Pendeln gesprochen.

Frau Janson, sie arbeiten von zu Hause aus. Wann waren Sie denn das letzte Mal im Büro?

Das war bei meiner einzigen Festanstellung vor 13 Jahren.

Mussten Sie damals lange pendeln?

Es war in derselben Stadt, aber ich hatte schon einen Arbeitsweg. Das hat mich zum Beispiel auch gestört. Ich finde, Arbeitswege sind Zeitverschwendung.

Haben Sie seitdem nicht nur mehr Freizeit, sondern auch gesundheitliche Verbesserungen bemerkt?

Das ist relativ. Der Nachteil ist, wenn man im Homeoffice ist, kann man sich auch schön selbst ausbeuten. Das ist so ein bisschen das Problem, das ich zu Anfang meiner Selbstständigkeit hatte. Man muss lernen, mit sich selbst ein bisschen sorgsamer umzugehen. Zum Beispiel habe ich jetzt feste Arbeitsrhythmen, sodass ich mittags auch spazieren gehe und regelmäßig essen gehe, dass man eben auch mal rauskommt. Ich glaube, das ist wichtig beim Homeoffice.

Deutschland hängt anderen Ländern in Sachen Heimarbeit hinterher. Das hat zumindest eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben. Was glauben Sie denn, warum ist das so?

Weil die Präsenzkultur in Deutschland immer noch sehr stark ausgeprägt ist. Es gibt große Unternehmen wie Microsoft oder Coca Cola, die schon länger komplett flexible Arbeitszeiten eingeräumt haben. Aber natürlich mit der Einschränkung, dass die Leute auch selbst wissen müssen, wann sie da sein sollen und wann nicht. Es gibt erste Ansätze, aber man ist immer noch sehr skeptisch. Die Präsenzkultur ist in Deutschland immer noch sehr stark ausgeprägt, weil Arbeitgeber sehen wollen, dass man eben arbeitet. Das bricht erst langsam auf, gerade in traditionellen Unternehmen.

Natürlich ist es einfacher, mit Leuten zu kommunizieren, die im selben Büro sitzen oder auf dem Flur direkt um die Ecke, als wenn man erst anrufen muss. Dann ist derjenige vielleicht nicht da, weil er vielleicht einkaufen ist oder die Kinder in den Kindergarten bringt. Und das macht natürlich Kommunikation schwieriger.

Nun ist es so, dass die Hälfte der Deutschen gern mehrmals in der Woche zu Hause arbeiten würde. In den Niederlanden gibt es sogar einen gesetzlichen Anspruch auf Heimarbeit. Wann kommen wir in Deutschland denn dahin?


Da wage ich nicht unbedingt eine Prognose. Die ersten Unternehmen haben aber auch schon erkannt, dass es für sie günstiger sein könnte, die Arbeitsplätze auszulagern. Die sparen ja dadurch zum Beispiel auch Büroplatz. Aber auf jeden Fall ist es ein bisschen schwierig, diese Kultur aufzubrechen. Also, ich denke, das wird langsam passieren, indem eben die großen Unternehmen anfangen und dann die kleinen nachziehen. Das Beispiel Sachsen-Anhalt: Gerade wenn sie jetzt einen Standort haben, an dem es nicht so viele Bewerber gibt, dann müssen die Unternehmen auch etwas tun, um attraktiv zu sein für Arbeitnehmer. Also da wird sich, denke ich, ein Umdenken einstellen.

Dazu kommt noch, dass zum Beispiel im Zuge der Digitalisierung es sowieso mehr und mehr dahin geht, dass man flexibel und global arbeitet und eben nicht nur an einem Ort.

Sie sind seit einigen Jahren Heimarbeiterin. Welche Vorteile hat denn Heimarbeit für Sie?

Für mich, da ich im Kreativbereich arbeite, ist der Vorteil, dass ich auch morgens um vier aufstehen kann und eine Idee verwirklichen kann, die ich gerade habe, was ich in einem Büro eben nicht könnte. Ich kann praktisch arbeiten wann und wie ich will. Wenn jemand einen Biorhythmus hat, sodass er lieber spät anfängt, dann kann er das im Homeoffice machen. Oder wenn man eben Kinder hat und die Kinder zum Kindergarten bringen muss, dann hat das auch Vorteile. Also Homeoffice hat klar den Vorteil, dass man sich seinen Tagesablauf selbst einteilen kann.

Mal andersrum gefragt: Für wen ist Homeoffice überhaupt nichts? Stichwort: Prokrastination, also Dinge aufschieben.

Da ist natürlich ein Problem, das viele Leute immer anführen. Also zum Beispiel bei mir ist es so, dass ich zu Hause überhaupt nicht prokrastiniere, sondern viel effizienter arbeiten kann als im Büro, weil ich mich voll auf die Arbeit konzentriere. Es gibt natürlich Leute, die lassen sich durch alle möglichen Sachen ablenken – durch Kinder, durch Einkaufen, durch Putzen. Das ist ein Problem.

Ein anderes ist, wenn jemand sehr stark auf Kommunikation fokussiert ist. Es gibt ja unterschiedliche Menschentypen, manche definieren sich sehr stark über den Austausch mit anderen. Ich habe zum Beispiel mal den General Manager von Skype Estland interviewt. Der sitzt im Großraumbüro, weil er sagt, er lebt von der Kommunikation mit den Kollegen. Wenn solche Leute jeden Tag alleine zu Hause sitzen, gehen die natürlich auch ein wie eine Primel.

Homeoffice ist eine gute Möglichkeit, flexibel zu arbeiten, sich seine Zeit frei einzuteilen, man muss eben nur aufpassen, dass man sich dabei nicht selbst ausbeutet.

Simone Janson, Personal-Expertin

Was auch ein Problem ist, ist die Sichtbarkeit: Dass natürlich die Leute im Unternehmen Karriere machen, die gesehen werden, die mehr wahrgenommen werden. Wenn man aber zu Hause das fleißige Bienchen am Computer ist und einfach die Arbeit macht, dann wird man aber trotzdem im Unternehmen nicht so wahrgenommen wie wenn man im Meeting öfter mal was sagt. Das ist für Frauen im Übrigen ein häufiges Problem.

Wenn ich jetzt lange pendeln muss: Was wäre eine gute Idee, meinen Chef zu überzeugen, doch wenigstens ein paar Heimarbeitstage in der Woche einzuschieben?

Naja, man könnte natürlich sagen, dass man die Zeit die man pendelt vielleicht noch für den Job aufwenden kann. Ob das jetzt die optimale Methode ist, weiß ich nicht. Man könnte sagen, dass man dann frischer und unverbrauchter ist. Außerdem kommt man nicht so oft zu spät – bei Pendlern mit Stau und Zugverspätungen ein häufiges Problem.

Und dann kommt der Chef und sagt: Ja, aber wie kann ich denn kontrollieren, dass Sie wirklich Ihre Arbeit so verrichten, wie ich das gerne hätte und auch die Zeiten einhalten? Was kann man entgegen, sodass der Chef einem vertraut?

Der Punkt ist doch einfach: Es ist wichtig, dass die Arbeit am Ende des Tages gemacht ist. Nur dazusitzen und Däumchen zu drehen und auf dem Computer irgendwas hin- und herzuschieben, was auch viele Leute im Büro nachgewiesenermaßen machen, ist schwachsinnig. Das hängt halt wirklich sehr von der Denke des Chefs ab. Das ist so ein bisschen das Problem.

Ihr Plädoyer für Homeoffice in einem Satz?

Homeoffice ist eine gute Möglichkeit, flexibel zu arbeiten und sich seine Zeit frei einzuteilen, Man muss eben nur aufpassen, dass man sich dabei nicht selbst ausbeutet.

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 12:52 Uhr

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