Ein Mann mit Schal und anthrazitfarbenem Mantel lehnt an einer Außenwand einer Kirche
Antwortensuchenden Menschen Hilfestellung zu geben, sei sein Antrieb, sagt der angehende Pfarrer Jürgen Wolff. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Die langen Wege des Herrn Pfarrer gesucht in Sachsen-Anhalt

Die Kirchenmitglieder werden immer weniger – und trotzdem suchen evangelische und katholische Kirchen Nachwuchs. Doch warum sollte man heute noch Pfarrer werden? Und wie sollen immer kleinere Gemeinden künftig versorgt werden? Ein Priesteramtsanwärter erzählt, warum Pfarrer sein Traumberuf ist und ihm ein Beispiel aus der Altmark, wo ein Pfarrer für 27 Kirchen zuständig ist, keine Angst macht.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann mit Schal und anthrazitfarbenem Mantel lehnt an einer Außenwand einer Kirche
Antwortensuchenden Menschen Hilfestellung zu geben, sei sein Antrieb, sagt der angehende Pfarrer Jürgen Wolff. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Jürgen Wolff ist mit 47 Jahren nicht der typische Priesteramtsanwärter. Der gebürtige Rheinländer studierte zunächst BWL und arbeitete bei einer großen Bank, bevor er Theologie studierte. "Ich wollte nach dem Abitur schon Priester werden, habe es mich aber nicht getraut. Aber als ich mich mit dem Promotionsthema beschäftigt habe, hab ich mich wieder sehr stark mit religiösen Themen beschäftigt – da kam das alles wieder hoch." Er fragte Eltern und Freunde, was sie von der Idee hielten und niemand riet ihm davon ab. "Da habe ich dann im Vertrauen auf Gott gesagt: Wenn du das willst, dann mache ich das – dann musst du mir aber auch helfen. Und bis jetzt hat er mir geholfen", sagt Wolff und zwinkert.

Nach dem Propädeutikum, in dem angehende Priester zum Beispiel Latein, Altgriechisch und Hebräisch lernen, und dem vierjährigen Studium ist Wolff nun in der 18-monatigen Ausbildung in einer Pfarrei – in seinem Fall ist es die Pfarrei "Heilige Familie" in Bitterfeld. Von Brehna bis Gräfenhainichen reicht das Gebiet in etwa und ist damit noch relativ übersichtlich. Manche Pfarrer haben deutlich weitere Wege. "Für die Pfarreien Salzwedel und Gardelegen zusammen ist nur ein Pfarrer zuständig – obwohl das Gebiet größer als das Saarland ist", erzählt die Pressesprecherin des Bistums Magdeburg, Susanne Sperling.  

Ein Pfarrer für 27 Kirchen

In der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) liegt der "Spitzenwert" bei 27 Gemeinden, die durch Pfarrer Silvio Scholz betreut werden. Von Schmölau an der niedersächsischen Grenze bis kurz vor Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts reicht das Gebiet. Auf ihm wohnen rund 1.000 Kirchenmitglieder, entlang von etwa 30 Kilometern, rund um Osterwohle. Durchschnittlich betreut ein Pfarrer der EKM nur 4,4 Gemeinden – und mancher auch nur eine Stadt. Doch auf dem Land können die Wege weit werden.

Natürlich hätten die Kirchen gern mehr Personal. Doch sie müssten auch wirtschaftlich denken: Die Kirchenkreise, die mit Landkreisen vergleichbar seien, erhalten von der Landeskirche ein Personalkostenbudget, erklärt Friedemann Kahl, Pressesprecher der EKM in Magdeburg. Das Budget wird anhand der Kirchenmitglieder, der Einwohner und den kommunalen Strukturen jährlich neu berechnet. Sinkt einer dieser Faktoren, wie aktuell etwa die Mitgliederzahl, sinkt auch das Budget. "Da perspektivisch in den meisten Regionen Sachsen-Anhalts die Zahl der Einwohner und damit auch die Zahl der Kirchenmitglieder zurückgeht, wird es auch künftig zu Aufhebungen von Pfarrstellen kommen müssen", so Kahl.

Nachwuchs ist gesucht

Dennoch freuen sich die Kirchen derzeit über jeden angehenden Pfarrer oder Priester, da in den nächsten Jahren eine Ruhestandswelle zu erwarten ist. "Wir suchen aktiv Nachwuchs", sagt Michael Lehmann, Personaldezernent der EKM. Über die letzten Jahre seien jährlich etwa 15 neue Pfarrer eingestellt worden. In diesem Jahr beginnen 22 Menschen ihren Probedienst. "Das ist für mich eine großartige Nachricht. Ich freue mich sehr, dass es so viele und hochmotivierte Personen gibt, die in den Entsendungsdienst kommen wollen", so Lehmann. "Im Vergleich zu anderen Gegenden ist das eine richtig gute Quote und tatsächlich brauchen wir sie auch."

Den Bedarf auf eine genaue Zahl festzulegen, sei aber schwierig, sagt Thomas Kriesel, Leiter der Personaleinsatzplanung im Bistum Magdeburg. Weil der Personalschlüssel jedes Jahr neu berechnet wird, könne man auch schwer sagen, wie viele Pfarrer gebraucht würden. Und da, wo die Wege länger werden, brauche es neue Konzepte. "Wir müssen wegkommen von dem Bild einer Versorgungskirche, von dem Bild: ein Pfarrer für ein Dorf", so Thomas Kriesel. "Da wo nur zwei, drei Leute zusammenkommen, da ist doch schon Gemeinschaft und Kirche – ob da noch ein Pfarrer dazukommt oder nicht. Also: mehr Selbstverwaltung der Gläubigen."

Strukturen im Wandel

Der demografische Wandel fordere neue Strukturen, meint auch Michael Lehmann von der EKM. "Wir haben in unserem Gebiet sowohl thüringische Dörfer mit 2.000 Einwohnern und 80 Prozent Gemeindegliedern, aber zum Beispiel auch Dörfer in der Altmark mit 80 Einwohnern und nur 20 Prozent Mitgliedern – dass da das Motto 'ein Pfarrer, ein Kirchturm' nicht mehr passt, ist offensichtlich."

Das Interesse an Kirche bleibe aber bestehen, sind sich Michael Lehmann und Jürgen Wolff einig. Kein anderer gesellschaftlicher Akteur komme auf so hohe Mitgliedszahlen wie die Kirche, selbst wenn der letzte Bäcker im Ort schließe und der Bus nur noch dreimal am Tag fahre, sei die Kirche der Mittelpunkt des Dorfes und identitätsstiftend. "Es bilden sich zum Beispiel Kirchenbauvereine, die die Kirche in Stand halten. Es gibt so viele Ehrenamtliche, die Aufgaben übernehmen: vom Waschen des Altartuches bis zum Aufschließen der Kirche. Das  große Engagement zeigt den Stellenwert der Gemeinschaft – auch von Leuten, die selbst keine Kirchenmitglieder sind", sagt Lehmann. Und für Jürgen Wolff ist klar: "Es wird immer Menschen geben, die Fragen haben. Jeder Mensch will wissen, warum er auf der Welt ist. Darauf Antworten zu geben oder Hilfestellung, das ist toll und mein Antrieb."

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

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Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 19. Dezember 2018 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 18:57 Uhr

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4 Kommentare

20.12.2018 12:02 part 4

17.000.000.000,- € jedes Jahr, das sind die Gelder mit der die BRD jedes Jahr mit Subventionen die Kirchenfinanzen mästet, diese Gelder kommen vom Steuerzahler egal welchen Glauber er verfallen ist. Muslim, Jude, Atheist, Konfessionsloser ... jeder bezahlt mit seinen Steuern diese Milliardensubventionen mit. Zusätzlich zu diesen Unsummen erhalten die Kirchen jedes Jahr noch ca. 9 Mrd. Euro an Kirchensteuern, die der Staat für sie einzieht als Inkassounternehmen. Und noch einmal zusätzlich erhält die Kirche, dieses milliardenschwere goldene Kalb, über 10 Mrd. Euro jährlich für die kirchlichen Sozialeinrichtungen, die der Staat zu weit über 90% finanziert.
Die Trennung von Staat und Kirche ist deshalb oberstes Gebot, das endlich faktisch durchgesetzt werden sollte.

20.12.2018 10:44 Jan 3

@1 typische Antwort eines unwissenden Mode-Atheisten,mehr nicht.

20.12.2018 08:26 Denkschnecke 2

@1: Dummer Kommentar. Erstens kennt Herr Wolff auch die freie Wirtschaft. Zweitens kenne ich genug Pfarrer und -innen, aber nicht eine(n), der auch nur im entferntesten mit 40 Stunden pro Woche auskäme.

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