Porträt Lucas Flöther – der Notarzt für Unternehmen

Wenn Unternehmen in finanzielle Not kommen, treten Insolvenzverwalter auf den Plan. Sie versuchen, von der Firma zu retten, was zu retten ist. Einer der bekanntesten ist der Hallenser Lucas Flöther, der auch für den Fahrradhersteller Mifa verantwortlich war.

von Sven Stephan, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein großes, etwas nüchternes Büro in einer schmucken halleschen Gründerzeit-Villa ist der Arbeitsplatz von Lucas Flöther. Er gehe jeden Tag mit Freude an seine Arbeit, sagt der Jurist, der sich als erfolgreicher Insolvenzverwalter einen Namen gemacht hat. Was er und seine Kollegen da eigentlich genau tun, dürfte für die meisten Menschen ein Buch mit sieben Siegeln sein. "Meinen Kindern erkläre ich immer: das ist so ein bisschen der Notarzt für Firmen", sagt Flöther. "Man kommt in ein Unternehmen, das in einer großen Not ist und Hilfe braucht. Der Patient liegt sozusagen schon auf dem OP-Tisch und ist am Verbluten und man versucht, das zu stoppen und versucht, den Patienten wieder auf Spur zu kriegen."

In den letzten Jahren sind die "Patienten" für die Kanzlei Flöther und Wissing immer größer und bedeutender geworden. Von den Nöten des Fahrradherstellers Mifa nahm man wohl noch am ehesten in Sachsen-Anhalt Notiz – aber 2016 wurde Flöthers Team mit dem Insolvenzverfahren des Leipziger Internet-Dienstleisters Unister betraut, im letzten Jahr dann mit den Angelegenheiten der in die Pleite gerutschten Air Berlin.

Welche Teile der Firma sind erhaltenswert?

Zwei Aufträge, die die hallesche Kanzlei mit einem Schlag in den Fokus der Öffentlichkeit rückten – zum einen ausgelöst durch den tragischen Unfalltod des Unister-Gründers Thomas Wagner, zum anderen durch das große Interesse am Schicksal der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. An eine Arbeit in aller Stille, wie sie in der Branche üblich ist, war in diesen Fällen nicht zu denken. Beeinflussen lassen darf sich ein Insolvenzverwalter davon aber nicht.

Er kommt dann zum Einsatz, wenn sich ein Unternehmen am Tiefpunkt einer Krise befindet. Dann ist rasches Handeln gefragt. Denn am Ende sein muss das Unternehmen auch im Insolvenzfall noch lange nicht. Der Insolvenzverwalter muss herausfinden, welche Teile der Firma erhaltenswert und für Investoren interessant sind. Zugleich muss er viele verschiedene Interessen der Gläubiger bedienen: Banken wollen ihre Sicherheiten bestmöglich verwerten, Lieferanten wollen den Vertragspartner halten, an den sie liefern können, Kunden wollen einfach ein Produkt abnehmen und die Mitarbeiter wollen ihre Arbeitsplätze nicht verlieren. "Der Verwalter hat für den Ausgleich dieser Interessen zu sorgen und für alle Beteiligten im Durchschnitt die beste Lösung zu finden", sagt Lucas Flöther.

Verkauf von Unternehmen immer besser mit Fachkräften

Respekt sei wichtig – und die Verantwortung, sowohl das Recht eines jeden Gläubigers ernst zu nehmen, als auch die Schicksale, die hinter einer Insolvenz stehen. "Auch die Mitarbeiter sind ja in der Regel Gläubiger", so Flöther, "insofern zählen die natürlich auch als ganz wichtige Beteiligte an einem solchen Verfahren, die natürlich auch das Interesse haben, vor allen Dingen natürlich ihren Arbeitsplatz zu erhalten und auch das spielt als Nebenaspekt immer eine wichtige Rolle in einem Insolvenzverfahren."

Flöther und sein Team sind inzwischen bekannt dafür, aktiv das Gespräch mit allen Beteiligten zu suchen – auch und gerade mit Betriebsräten und Gewerkschaften. Almut Kapper-Leibe war auf Seiten der IG Metall Halle-Dessau an den Mifa-Insolvenzverfahren beteiligt. "Ich habe ihn als sehr kommunikativen Menschen erlebt, der versucht, die Belange, die Ängste, die Erwartungen der Beschäftigten im gesamten Verfahren im Blick zu behalten." sagt die Gewerkschafterin. "Herr Flöther hat immer mit gesehen, dass – wenn er die Beschäftigten weiterhin an Bord hält, wenn er die Motivation bei den Beschäftigten erreicht – man auch ein gutes Insolvenzverfahren machen kann. Ein Verkauf von einem Unternehmen ist immer besser mit Fachkräften, als leere Hallen zu verkaufen."  

Beruf hat sich gewandelt

Ob es daran liegt, dass die Aufträge für die ostdeutsche Kanzlei inzwischen immer größer und prestigeträchtiger werden, vermag Flöther nicht zu sagen. Fakt ist, dass das Team von Flöther und Wissing mit mehr als 100 Mitarbeitern groß genug ist, um Verfahren jeder Größenordnung bewältigen zu können.

Jeder Insolvenzverwalter ist nur so gut wie sein Team und deswegen, glaube ich, haben wir nicht nur wegen mir, sondern auch wegen der Mannschaft, die dahinter steht, diese auch größeren Verfahren bekommen.

Lucas Flöther, Insolvenzverwalter

Zudem habe sich das berufliche Profil des Insolvenzverwalters in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Er sei heute nicht mehr der klassische Konkursverwalter, der nur aktiv werde, um ein Unternehmen abzuwickeln. "Jetzt sind Insolvenzverwalter eher Krisenmanager, die versuchen, Unternehmen zu erhalten", definiert Flöther seine Tätigkeit. Man sei eine Art Berater, der dem Unternehmer in Not zur Seite stehen wolle. "Und da spielen plötzlich auch ganz andere Eigenschaften für den Insolvenzverwalter eine Rolle. Er muss vielleicht auch manchmal als Mediator tätig sein, weil keine Sanierung gelingt, wenn nicht alle Gläubiger oder wenigstens alle wesentlichen Gläubiger an einem Strang ziehen."

"Restrukturierungskanzlei des Jahres"

Der Erfolg scheint Lucas Flöther recht zu geben. Die hallesche Kanzlei Flöther und Wissing mit ihren insgesamt elf Standorten zählt in einem aktuellen Ranking der "Wirtschaftswoche" zu den fünf größten deutschen Insolvenzverwaltern. Im Herbst 2017 wurde sie mit dem Titel "Restrukturierungskanzlei des Jahres" ausgezeichnet. Den Erfolg könnten er und sein Team durchaus genießen – auch wenn sie immer erst dann zum Einsatz kämen, wenn es einem Unternehmen besonders schlecht gehe. "Ich sehe ja dann, was ich aus dem Unternehmen, das in Schwierigkeiten gewesen ist, gemacht habe. Wir haben Unternehmen betreut, die beschäftigen heute mehr Mitarbeiter als vor der Insolvenz und das sind dann schon schöne Momente, wenn man sagen kann: das ist doch eigentlich eine erfolgreiche Sanierung."

Selbst wenn die Sanierung nicht gelänge, sei ein geordnetes Ausscheiden des betroffenen Unternehmens volkswirtschaftlich wichtig, sagt Lucas Flöther. Gebraucht zu werden, Interessen auszugleichen und vielleicht sogar Hoffnungen erfüllen zu können – das sei sein ganz persönlicher Antrieb. "Man lernt viele Menschen kennen, die in der Krise einem ihr Herz öffnen und froh sind, dass endlich mal jemand da ist, der einen ganz neutralen Blickwinkel hat – ich glaube, dass sind solche Momente, die einen antreiben. Wenn man sieht: da kommt man und man wird auch mit offenen Armen empfangen."

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Quelle: MDR/ms

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 10:20 Uhr

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1 Kommentar

19.02.2018 22:20 part 1

... so schön, so gut, der Verkauf mit Fachkräften hat sich schon immer bewährt, die Führungskräfte dürfen bleiben, vorerst weil vertraglich vereinbart, die Fäden im Hintergrund auch zur Beiseitigung von Betriebsräten stricken andere Konsortien über die die Aufsichtsbehörden jeglichen Überblich verloren haben.