Interview Corona-Krise: Verhaltenspsychologe erklärt die Ungeduld in der Bevölkerung

Die aktuelle Lage durch das Coronavirus ist für uns neu und herausfordernd. Die damit verbundenen Einschränkungen sind nur schwer zu ertragen. Hinzu kommen unterschiedliche Positionen von Experten. Viele Menschen sind ratlos – und werden ungeduldig. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit dem Sozialpsychologen Florian Kaiser gesprochen, der an der Uni Magdeburg zum Verhalten von Menschen in Krisen forscht.

Portraitforo eines älteren Mannes mit Brille
Sozialpsychologe Florian Kaiser forscht an der Uni Magdeburg. Bildrechte: Roland Kaiser

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Kaiser, Sie forschen zum Verhalten von Menschen. Was fällt Ihnen aktuell in der Corona-Krise auf?

Florian Kaiser: Das Verhalten der Menschen besteht aus zwei Komponenten. Es gibt eine Motivations- und eine Kostenkomponente. Das heißt, wenn die Motivation groß genug ist, um die Kosten [jeder Art, nicht nur finanzielle, Anm. d. Red.] zu tragen, dann besteht die Chance, dass die Kosten tatsächlich getragen werden.

Das kann man in der Krise gut erkennen. Vor allem jetzt, nachdem die anfängliche Motivation, die Beschränkungen zu befolgen, langsam zurückrtritt, sieht man, dass die Leute ungeduldig werden. Das bedeutet, dass die Kosten des Zuhausebleibens langsam größer werden, was völlig nachvollziehbar ist. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, da Menschen verschieden sind. Aber das Zuhausebleiben hat offensichtlich wenig persönliche Vorteile.

Das ist Florian Kaiser

Florian Kaiser ist seit Anfang November 2008 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Zu seinen Forschungsgebieten gehören individuelle Einstellung, Einstellungs-Verhaltenskonsistenz, Person-Situationsinteraktion, evidenzbasierte Politikunterstützung, großskalige Einstellungsänderung und Verhaltenssteuerung. Thematisch interessiert ist er an Umweltschutz, Umweltbildung für nachhaltige Entwicklung, Stress und Gesundheit.

Kaiser promovierte 1992 an der Universität Bern und wurde 1999 an der Universität Zürich habilitiert.

Irgendwann ist man ausgeruht genug, nachdem man so lange nicht arbeiten konnte. Dann hat es nur noch negative Seiten. Es kommt die Frage auf: "Warum bleibe ich zu Hause?" Und dann stellt man fest: Man tut das, weil man etwas für die anderen macht.

Jetzt haben wir das klassische Problem, wenn wir uns prosozial verhalten müssen, also anderen helfen oder etwas tun, wovon wir weniger Nutzen haben als andere: Die Motivation dafür ist vergleichsweise gering.

Die Menschen bekommen teils widersprüchliche Signale aus der Politik und von Experten. In sozialen Medien kann man die Verärgerung der Menschen darüber lesen. Wie kann man mit solchen Ambivalenzen umgehen?

Vielleicht muss man das Ganze andersherum betrachten. Warum sucht man überhaupt unterschiedliche Empfehlungen der Politiker? Das passiert, weil man einen Ausweg aus der Situation sucht. Es drückt aus, dass die Leute unzufrieden sind. "Also die wissen ja auch nicht, was sie wollen", ist eigentlich eine Begründung, warum ich aufhören kann, das zu tun, was ich tue. Dass man solche Widersprüche überhaupt so ernst nimmt, hängt damit zusammen, dass die Bevölkerung mittlerweile genug hat, dass die Kosten zu groß werden.

Man kann eigentlich nur umdenken und sagen: "Vielleicht ist die Erwartung zu groß, dass die Politiker hier einer Meinung sein müssen. Wir sind eben noch zu Hause, bis das gelockert wird." Wir sollten uns nun eher dem Fatalismus hingeben als zu versuchen, irgendwelche Gründe zu finden, weshalb wir uns nicht an die Maßnahmen halten sollten.

Wenn die Politik nicht mit einer Stimme spricht, dann drückt das auch ihre Unsicherheit aus. Die Politiker wissen nicht genau, was sie tun müssen. Wie schwierig es ist, der Bevölkerung einen solchen Lockdown zuzumuten, sehen wir jetzt alle.

Welche innere Einstellung können Sie Menschen aus verhaltenspsychologischer Sicht empfehlen?

Es gibt ein Gebet, das ganz gut passt: "Lieber Gott, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag und die Dinge zu ertragen, die ich nicht zu ändern vermag. Und gib mir die Weisheit zu unterscheiden, welche Dinge ändern kann und welche nicht."

Ich glaube, das ist die eine Schiene. Und die andere ist: Man kann natürlich immer auf die Dinge schauen, die man nicht machen kann. Aber das hilft wenig. Schauen wir doch auf die Dinge, die wir gewinnen. Damit kann man seine Stimmung etwas heben.

Wenn die Einschränkungen nach dem 19. April nicht gelockert werden: Wie würde sich das Verhalten der Menschen entwickeln?

Eines ist leicht vorhersagbar: Die Kosten des Zuhausebleibens werden weiter zunehmen. Das heißt, es würde stärkere Restriktionen brauchen, um das Zuhausebleiben einzufordern. Zwei Interessen treffen dabei aufeinander; des Staates, die Leute zu Hause zu behalten, und der Bevölkerung, die langsam vom Zuhausebleiben genug hat. Wie man diesen Interessenkonflikt angeht, entscheidet darüber, wie der soziale Friede aussehen wird.

Als Beispiel: Wenn Politik und Polizei zu restriktiv beginnen, Bußgelder einzufordern, wird es die Stimmung nicht verbessern. Wenn sie aber nichts tun, wird das auch nicht dazu beitragen, dass die Leute zu Hause bleiben. Genau die richtige Balance zu finden, ist die Kunst, damit das Ganze nicht eskaliert.

Wie kann sich die Politik in diesem Dilemma am besten verhalten?

Politik ist ja letztlich der Versuch, widerstrebende Interessen so zu kanalisieren, dass ein Kompromiss zustande kommt, der für jeden gangbar ist. Im Moment ist es so, dass dieser Kompromiss sehr stark der Viruskontrolle dient.

Die Viruskontrolle ist viel dominanter als alle anderen Werte unserer Gesellschaft. Mittelfristig muss die Politik nun die anderen Werte miteinberechnen und einen Kompromiss finden, der alle Bedürfnisse besser abdeckt – und nicht nur eines.

Anders ausgedrückt: Die Politik muss wieder zur Politik werden. Dann haben wir auch wieder den Alltag zurück.

Das Interview führte Olga Patlan.

Quelle: MDR/pat

6 Kommentare

Critica vor 13 Wochen

Ein Glück, dass es Verhaltenspsychologen gibt. Und ein Glück für diese, dass wir jetzt eine Krise haben, was täten sie sonst?
Unsere Vorfahren haben Kriege überlebt - ohne Verhaltensforscher und Verhaltenspsychologe. Sie haben sich auf sich selbst und ihre Familie verlassen. Die Crux heute ist, dass man (fast) keine Familie mehr hat; man wechselt den Partner "wann es mal wieder in ist". Man hat auch kaum noch Freunde, nur noch Whatsapp-Gruppen, alles andere kann man mit Geld beschaffen: Essen, Wohnung, Ansehen, Titel etc.
In einer Situation wie der derzeitigen wissen viele nicht, dass sie auch eigene Kräfte haben und entwickeln können - auch ohne Verhaltenspsychologen. Für diese Berufsgruppe wäre es dann allerdings schade, wenn Menschen sich tatsächlich auf ihre eigenen Kräfte besinnen würden.

Rico Marbach vor 13 Wochen

Die Merkel-SPD-Regierung und auch Staatsvirologe Drosten, sprechen mit den Deutschen (den steuerzahlenden Bürgern, die diese Leute finanzieren), wie mit Kindern. Bitte schauen Sie sich alle an, wie Frau Merkel die aktuelle Pressekonferenz verlassen hat - das spricht Bände. Der Machtrausch dieser Leute macht Angst und zeigt, dass angemessenes Reagieren, Verhältnismäßigkeit und tägliches Abwägen, jedenfalls dort, nicht an der Tagesordnung ist. Hoffnung macht die Studie aus NRW. Selbstverständlich muss jetzt zur Wiederherstellung der Demokratie/der Freiheitsrechte zurückgekehrt werden. Dazu gehört auch die Forderung der AfD ab dem 14. April 2020 freiheitseinschränkende Maßnahmen zurückzunehmen. Ich bitte in diesem Zusammenhang, die freie Presse, ausdrücklich um Unterstützung! Übrigens, die Zahl der Genesenen (endlich wird auch dies veröffentlicht) steigt täglich fast so stark, wie die der NeuInfizierten. Damit begrenzt sich die Zahl derer, die das Virus übertragen können deutlich.

Anhaltiner vor 13 Wochen

Corona-Krise: Verhaltenspsychologe erklärt die Ungeduld in der Bevölkerung.Es eine regelrechte Experteninflation .Wir erleben es tagtäglich in allen Medien und Sondersendungen und Nachrichten .Sie sind voller Experten aller Couleur,die uns geduldig erklären wie wir uns zu verhalten haben

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