Mobilität Welchen Einfluss das Coronavirus auf Radverkehr in Sachsen-Anhalt hat

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Während der Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus waren weniger Menschen unterwegs. Auf den zeitweise sehr leeren Straßen sind in Berlin spontan Radwege auf Autospuren entstanden. Städte wie Stuttgart kopieren die Idee. Was ändert Corona am Radverkehr in Sachsen-Anhalt?

Fahrradfahrer vor einer Fahrt der Critical Mass durch Halle
Critical Mass in Halle: Demo für den Radverkehr. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die Lockdown-Maßnahmen in der Corona-Krise haben in Sachsen-Anhalt für zeitweise menschenleere – und autofreie – Innenstädte gesorgt. Die Mobilität der Menschen hat sich in der Phase verändert, zeigen etwa Auswertungen einer App. Die Menschen waren deutlich weniger unterwegs, vor allem nutzten sie weniger öffentliche Verkehrsmittel. Zu Fuß gehen und Radfahren nahmen dagegen zu.

Volker Preibisch vom ADFC Halle hat beobachtet, dass der Radverkehr in Halle zur Zeit der Corona-Beschränkungen zugenommen hat. Ein möglicher Grund dafür sei, dass es schlicht ein geringeres Verkehrsaufkommen gegeben habe. Die Straßen waren also freier als sonst. Preibisch sagt: "Daran sieht man: Wenn die Infrastruktur fürs Radfahren da ist, wird das auch angenommen."

Nur vereinzelte Autos fahren über Halles gröߟten Verkehrsknotenpunkt, den Riebeckplatz
Während des Corona-Lockdowns waren die Straßen in Halle zeitweise autofrei. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Mit den Lockerungen der Maßnahmen gegen das Coronavirus habe allerdings auch der Straßenverkehr wieder zugenommen. Preibisch sagt zu den Monaten im Corona-Lockdown: "Das hat uns das Potenzial gezeigt, wie viel Zuwachs im Radverkehr wir unter guten Bedingungen in Halle haben könnten." Leider gebe es in Halle keine automatischen Zählstellen, die Radfahrer aufzeichneten und somit keine exakten Daten, wie viel der Radverkehr zugenommen habe.

Keine großangelegten Mobilitätsstudien durchgeführt

Das Landesverkehrsministerium teilte MDR SACHSEN-ANHALT auf Nachfrage mit, dass in den vergangenen Monaten keine größeren Mobilitätsstudien durchgeführt worden seien. Somit seien auch keine validen Aussagen zu Veränderungen möglich. Es lässt sich also nicht sagen, ob wirklich mehr Sachsen-Anhalter während der Corona-Beschränkungen aufs Fahrrad gestiegen sind.

Darüber hinaus hat der Radverkehr in Sachsen-Anhalts Städten allgemein in den vergangenen Jahren zugenommen. Und laut Verkehrsministerium ist mit weiteren Zuwächsen zu rechnen. Das Ministerium weist zudem darauf hin, dass zwischen Mai und September witterungsbedingt ohnehin immer mehr Fahrrad gefahren werde als in den kalten Monaten. Mehr Radfahrer auf den Straßen in den vergangenen Frühlingsmonaten müssen also nicht zwangsläufig mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen.

Corona beeinflusst Radverkehrsplanung in Sachsen-Anhalts Städten nicht

In Städten wie Berlin hat das Coronavirus dazu geführt, dass sogenannte Pop-Up-Radwege entstanden sind, bei denen Autospuren zu Fahrradstreifen umgewidmet wurden. Die Stadt prüft nun, welche dieser Wege auch nach den Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen beibehalten werden können. Das Virus hat somit Einfluss auf die Verkehrskonzepte der Stadt genommen. Städte wie beispielsweise Stuttgart haben die Idee der Pop-Up-Radwege kopiert.

In Sachsen-Anhalt ist das nicht der Fall. Den Städten Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau zufolge entspreche die Zunahme im Radverkehr der vergangenen Wochen den üblichen Jahreszeit-Schwankungen, heißt es vom Verkehrsministerium. Insofern nehme das Coronavirus auch keinen Einfluss auf Verkehrskonzepte; Projekte für den Radverkehr werden stattdessen wie zuvor geplant umgesetzt. Kurzfristige oder temporäre Maßnahmen seien nicht angedacht.

Keine Pop-Up-Radwege in Halle – aber viele mögliche Strecken

Auch Preibisch vom ADFC Halle berichtet, dass die Stadt in Corona-Zeiten nicht verstärkt auf den Fahrrad-Club zugegangen sei. "Es gibt im Stadtrat Halle ein paar Radverkehr-Fans. Aber es ist keine größere Diskussion entstanden."

Ein roter Teppich wird auf die Straße als Radweg gelegt.
In Halle gab es nicht wie beispielsweise in Leipzig (Foto) eine Aktion für Pop-Up-Radwege. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Halle gibt es auch keine Pop-Up-Radwege. Dabei seien sie in Halle eigentlich viel leichter umzusetzen als in Berlin, meint Preibisch: Halles Bevölkerung sei in den vergangenen 30 Jahren um etwa 70.000 Menschen geschrumpft, während Berlins Bevölkerung in den Zeitraum gewachsen sei. Dadurch sei es in Halle bei manchen Strecken nicht mehr erforderlich, vier Autospuren vorzuhalten. Beispiele für Strecken, bei denen eine Autospur an Radfahrer abgetreten werden könnte, fallen ihm viele ein: etwa die Magistrale in Halle-Neustadt, der Böllberger Weg sowie die Volkmannstraße.

Positive Entwicklungen für Radtouristen

Grundsätzlich gibt es in der halleschen Verkehrsplanung aus Sicht von Preibisch Licht und Schatten, was den Radverkehr betrifft. Preibisch lobt zum Beispiel den Ausbau von eher touristischen Radwegen, etwa an der Wilden Saale und in der Talstraße in Kröllwitz. Bereits beschlossen ist außerdem ein elf Kilometer langer Radweg am Saale-Elster-Kanal zwischen Leuna und Leipzig-Plagwitz – ebenfalls ein Projekt für Freizeit-Radfahrer.

Für Alltagsradfahrer in Halle sieht Preibisch dagegen weiterhin Verbesserungsmöglichkeiten. So kritisiert er beispielsweise den derzeitigen Ausbau der Merseburger Straße: Dort seien bei der Planung Autos bevorzugt worden; die Radverkehrsanlagen seien zu schmal geraten. Ein weiteres Thema sei die Anbindung der umliegenden Ortschaften an die Stadt.

Unterstützung des Radverkehrs durch das Land

Auf Landesebene ist Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr – also noch vor Corona – endlich gelungen, was schon seit 2010 auf dem Plan stand: Die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen (AGFK) Sachsen-Anhalt ist im November 2019 gegründet worden. Die AG soll dabei helfen, gemeindeübergreifend den Radverkehr zu fördern. Sie erhält jährlich 150.000 Euro vom Land.

Vor der Corona-Krise ist laut Verkehrsministerium bereits Personal für die Geschäftsstelle eingestellt worden. Dieses habe Kontakt zu den insgesamt 36 Mitgliedsgemeinden der AG aufgenommen und bereits erste Ideen entwickelt. Doch die Geschäftsstelle kann nicht im Alleingang Geld für bestimmte Projekte ausgeben. Darüber entscheiden die Mitgliedskommunen auf einer Versammlung.

Und an dieser Stelle hat Corona die Radverkehrsplanung in Sachsen-Anhalt tatsächlich beeinflusst – nur leider negativ: Bisher konnte wegen des Virus laut Verkehrsministerium noch keine Mitgliederversammlung stattfinden. Sobald es die Situation wieder zulasse, solle diese Versammlung stattfinden.

Sachsen-Anhalt bezuschusst Lastenräder

In diesem Jahr hat das Land Sachsen-Anhalt außerdem die Anschaffung eines neuen Lastenrads finanziell unterstützt. Bis zu 50 Prozent des Kaufpreises, maximal aber 1.500 pro Rad, übernimmt das Land. Insgesamt stehen dafür 300.000 Euro Fördermittel zur Verfügung.

Mitte Juni lagen nach Angaben des Landesverkehrsministeriums bereits 269 vollständige Förderanträge vor, diese würden derzeit bearbeitet. Nach Schätzungen würden die zur Verfügung stehenden 300.000 Euro Fördermittel für etwa 220 Anträge ausreichen, heißt es vom Ministerium. "Die Fördermittel sind mit den vorliegenden Anträgen demnach ausgeschöpft."

Ein Mann fährt mit einem Lastenrad
Den Kauf neuer Lastenräder hat das Land finanziell gefördert. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/photothek

Neuer Landesradverkehrsplan soll noch 2020 veröffentlicht werden

Noch etwas hat das Land Sachsen-Anhalt 2020 in Sachen Radverkehr geplant. Im vergangenen Jahr ist ein Entwurf des "Landesradverkehrsplans 2030" – ein Konzept, mit welchen Maßnahmen der Radverkehrs in Sachsen-Anhalt gefördert werden soll – erarbeitet worden. In diesem Jahr solle er veröffentlicht werden, kündigt das Verkehrsministerium an, sobald alle relevanten Akteure beteiligt worden seien. Derzeit noch gültig ist ein Radverkehrsplan aus dem Jahr 2010.

Auf Bundesebene wird der "Nationale Radverkehrsplan" momentan ebenfalls fortgeschrieben. Der aktuelle Plan ist nur noch bis Ende 2020 gültig.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

2 Kommentare

part vor 23 Wochen

Die Straßen in diesem Land dienen dem Mobilitätsanspruch der Wirtschaft und Bevölkerung zu deren Entwicklung und Wertschöpfung. Die Errichtung des Straßensystems wird finanziert durch die KFZ- Steuer und weitere Steuern, die entsprechend ungeleitet werden. Es ist jedoch nicht hinnehmbar, das immer mehr Radfahrer die öffentlichen Straßen als ihre persönliche Sportstätte betrachten und den Verkehr, die Infrastruktur, die Wirtschaft und Mobilitätsansprüche der Bevölkerung behindern, bei gleichzeitigem Vorhandensein von Natur, Feldwegen und Radwegen.

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 23 Wochen

Unglaubliche Begründungen warum jemand mit dem Rad fährt.

Die Leute sind aus purer Angst angehalten zu werden mit dem Rad gefahren.

Die pure Angst vor den horrenden Bußgeldern war das.


""Daran sieht man: Wenn die Infrastruktur fürs Radfahren da ist, wird das auch angenommen." "
So viel Quatsch habe ich lange nicht gelesen, an der Infrastruktur für Radfahrer hat sich nichts, aber rein gar nichts geändert.

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