Chaotische Rückholung durch Auswärtiges Amt Ausgangs- und Ausreisesperre wegen Coronavirus: Gestrandet in Indien

Freundliche, junge Frau mit langen braunen Haaren, schwarzem T-Shirt und brauner Jacke vor Betonwand
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Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT sitzt wegen des Coronavirus in Indien fest. Ihr Rückflug aus dem Urlaub: gestrichen. Sie wartet nun darauf, mit einem Rückhol-Flug des Auswärtigen Amts von Chennai nach Deutschland zurückkehren zu können. Doch ein Problem erschwert die Rückreise massiv: In ganz Indien gilt derzeit eine Ausgangssperre. Die Anreise zum Flughafen ist unmöglich. Von den deutschen Behörden kommt wenig Hilfe.

Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT ist wegen des Coronavirus in Südindien gestrandet und wartet auf eine Rückholung nach Deutschland.
Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT ist wegen des Coronavirus in Südindien gestrandet und wartet auf eine Rückholung nach Deutschland. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Ich sitze in meiner großzügig ausgestatteten Ein-Zimmer-Wohnung in der südindischen Stadt Tiruvannamalai und blicke durch die riesige Fensterfront nach unten. Vögel zwitschern, ein Pfau schreit, doch auf den Straßen herrscht gähnende Leere. Seit Dienstagabend steht Indien für 21 Tage unter einer kompletten Ausgangssperre. Die Polizeipräsenz auf den größeren Straßen sei enorm, Regelverstöße würden teilweise öffentlich "gemaßregelt", erzählen uns mehrere Bekannte. Wir selbst waren seit zwei Tagen nicht mehr vor der Tür.

Unser eigentlicher Rückflug aus dem Indien-Urlaub wurde gecancelt. Online sind Flugbuchungen schon lange nicht mehr möglich. Weil auch unser Besuch am Flughafen Chennai am 18. März nichts brachte, warten wir auf eine Rückholung nach Deutschland durch das Auswärtige Amt. Dieses organisiert gerade weltweit in verschiedenen Ländern Rückholaktionen für Deutsche.

Ausreiseverbot und Polizeisperren auf dem Weg zum Flughafen

So weit, so gut. Aber die Rückholung läuft nicht so glatt wie erhofft: Am 20. März bekommen wir von offizieller Stelle per Mail und am Montag telefonisch die Anweisung, mit der Anreise nach Chennai zu warten, bis das Flugdatum bekannt sei. Am Dienstag erhalten wir eine weitere Mail, in der gesagt wird, man solle sich nun "zeitnah" für die Rückholung nach Chennai begeben, da der Flug kurzfristig angekündigt werden könnte. Die Anreise erfolge aber "auf eigenes Risiko", ein beigefügter Passagierschein "könnte bei der Anreise eine Erleichterung sein".

Die zögerlichen Formulierungen haben gute Gründe: In ‪Tiruvannamalai, der Stadt, in der ich momentan festsitze, herrscht nicht nur Ausgangs-, sondern auch eine Ausreisesperre. Das heißt: Es sind keine Taxis und privaten Autos mehr erlaubt, Züge und Busse fahren schon seit einigen Tagen nicht mehr. Die Menschen dürfen nur noch nach draußen, um Essen und Medikamente zu kaufen. Zwischen den Städten hat die Regierung mehrere Polizeisperrungen errichten lassen.

Hohes Risiko für Reisen innerhalb Indiens

Wir finden deshalb verständlicherweise keinen Fahrer, der sich traut, uns in die vier Stunden entfernte Stadt Chennai zu bringen, von wo unser Rückhol-Flug gehen soll. Manche haben Angst, dass ihnen das Auto weggenommen und die Polizei gewalttätig wird. Andere fürchten, dass sie mit uns in Quarantänestationen gebracht werden.

Natürlich wollen wir nicht, dass jemand so ein Risiko auf sich nimmt, um uns nach Chennai zu bringen. Durch Medienberichte und die Regierung haben Europäer bei der indischen Polizei momentan keinen guten Stand. Jeder, der nach dem 15. Februar ins Land gekommen ist – wie auch wir, wir sind am 29. Februar eingereist – soll laut Regierung eigentlich in örtliche Quarantänevorrichtungen gebracht werden.

Auch unser Vermieter musste der Polizei vor einigen Tagen Auskunft geben, wer bei ihm wohnt und wann die Gäste nach Indien gekommen sind. Wir können darum nicht ausschließen, in den nächsten Tagen in eine solche "Unterkunft" gebracht zu werden, obwohl wir uns kerngesund fühlen und sowieso nicht nach draußen gehen.

Kein Auto von der Deutschen Botschaft

Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT ist wegen des Coronavirus in Südindien gestrandet und wartet auf eine Rückholung nach Deutschland.
Die Wohnung zu verlassen, ist während der Ausgangssperre riskant. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Die Probleme sind dem Generalkonsulat Chennai, der Deutschen Botschaft in Delhi und auch dem Auswärtigen Amt durchaus bekannt, wie verschiedene Telefonate und E-Mails ergeben haben. Doch unsere Bitten nach einem offiziellen Auto, das uns aus Tiruvannamalai nach Chennai in das vom Konsulat empfohlene Hotel bringt, könnten aus Kapazitätsgründen nicht erfüllt werden. Der Ratschlag vom Generalkonsulat Chennai bleibt immer derselbe: Wir sollten die Anreise nach Chennai "versuchen".

Am Mittwochabend konnten wir schließlich einen Fahrer ausfindig machen, der am Morgen eine Touristin nach Chennai gefahren hat. Sein Vorgesetzter, der lange in Deutschland gelebt hat und mit dem wir in Kontakt stehen, macht am Telefon klar: "Das macht er nicht wieder." Der Fahrer sei von der Polizei massiv beleidigt und bedroht worden. Er habe zwar geschafft, die Touristin in Chennai abzuliefern, sei aber fast nicht zurück nach Tiruvannamalai gelassen worden. Der Passagierschein des Konsulats werde von der Polizei nicht anerkannt.

Unterstützung durch indische Kontakte

Ein indischer Kontakt, der uns von Maren Schuster, der Leiterin meines Masterstudiengangs MultiMedia & Autorschaft der Uni Halle vermittelt wurde, versucht momentan vor Ort, eine Kooperation zwischen dem Konsulat und der örtlichen Polizei zu erwirken.

Doch die Kommunikation mit dem deutschen Generalkonsulat Chennai erweist sich als schwierig. Während sie uns vor zwei Stunden telefonisch zusicherten, der Sache ernsthaft nachzugehen, haben sie uns eben nochmals den "Passagierschein" per Mail geschickt.

Trotz der sich zuspitzenden politischen Lage bemühen sich hier vor Ort sehr viele Menschen, uns zu helfen. Egal ob es um Essen, eine Mietpreissenkung oder eine Telefonrecherche in Landessprache geht: Die Solidarität scheint mit jeder neuen Einschränkung vonseiten der Regierung sogar zu wachsen. Dafür sind wir sehr dankbar, denn es macht das Warten auf Neuigkeiten um einiges leichter. 

Freundliche, junge Frau mit langen braunen Haaren, schwarzem T-Shirt und brauner Jacke vor Betonwand
Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Über die Autorin Ann-Sophie Henne kommt ursprünglich aus einem kleinen Ort bei Stuttgart und studiert MultiMedia & Autorschaft in Halle. Während ihres Bachelor-Studiums arbeitete sie als freie Mitarbeiterin bei zwei Zeitungen und verwaltete die Social Media Accounts von mehreren Start-Up Unternehmen. Online-Journalismus bedeutet für sie: Neugierig sein, schnell reagieren und lernen, sich kurz zu fassen.

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Quelle: MDR/mh

2 Kommentare

Toronto vor 14 Wochen

Sie waren noch nie in Indien, richtig? Indien ist eines der faszinierendsten Reiseländer überhaupt und normalerweise ist gerade der Süden sehr gut bereisbar, auch für "Asienanfänger".

Emil Kaminsky vor 14 Wochen

Ich denke mal in Indien ist es aus gesundheitlichen Gründen auch ohne Corona Virus bedenklich das Haus zu verlassen.

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