Interview mit Juliane Uhl "Wir werden alle sterben" – Ein Gespräch über den Tod in Corona-Zeiten

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Juliane Uhl ist ständig mit dem Thema Tod konfrontiert. Sie arbeitet in einem Krematorium in Gröbers bei Halle und setzt sich für eine bessere Sterbekultur ein. Als Soziologin und Publizistin beschäftigt sie sich mit den Corona-Todesfällen und kritisiert den Umgang mit der Krise.

Blick auf einen Friedhof
Juliane Uhl erinnert daran, dass jeder ein Mal sterben wird. Bildrechte: Colourbox.de

Eine politische Opposition scheint es in diesen Corona-Zeiten nicht zu geben. Sowohl in den Landtagen wie auch im Bundestag stützt eine sehr große Mehrheit der Abgeordneten den derzeitigen Kurs der Bundesregierung, das Virus durch Einschränkungen in Schach zu halten. Wer das kritisiert, gerät schnell in den Verdacht, die Solidargemeinschaft aufkündigen zu wollen oder gilt als Anhänger verschwörerischer Ideen. Beides weist die Hallenserin Juliane Uhl weit von sich. Doch die Soziologin und Medientheoretikerin hat beruflich viel mit dem Tod zu tun und warnt vor einer allgegenwärtigen Corona-Panik. Ein Interview.

Juliane Uhl arbeitet als Pressesprecherin im Krematorium in Gröbers bei Halle, ist Chefredakteurin eines Magazins für Endlichkeitskultur und engagiert sich seit Jahren für eine bessere Sterbe- und Erinnerungskultur. 2015 erschien ihr Buch "Drei Liter Tod – Mein Leben im Krematorium".

Frau Uhl, Sie haben sich in den letzten Wochen immer wieder zur aktuellen Pandemie in den sozialen Netzwerken geäußert. Was ist Ihre Kritik?

Juliane Uhl, Pressesprecherin im Krematorium in Gröbers bei Halle
Juliane Uhl Bildrechte: Knut Müller

Ich bin jemand, der immer dafür ist, genauer hinzuschauen und zu fragen: Was passiert gerade? Und das auf einer möglichst wissenschaftlichen und sehr sachlichen Basis. Grundsätzlich kann ich bei Corona natürlich schwer einschätzen wie dramatisch die Erkrankung wirklich ist. Aber ich sehe, dass wir in unserem Krematorium nicht mehr Verstorbene haben als im gleichen Zeitraum des letzten Jahres. Zugleich kann ich auch die Regierung verstehen, wenn sie sagt, wir wissen nicht, wie gefährlich das ist. Und da kann dann auch erstmal eine Panikreaktion eintreten, das ist verständlich. Aber diese Phase müsste jetzt meines Erachtens langsam vorbei sein. Vor allem aber müsste man aus dem Angstmodus raus, der ja auch medial beinahe stündlich befeuert wird.

Das ist eine klare Medienkritik. Allerdings ist das Corona-Problem ja ein weltweites und nach allem, was wir wissen, keine böse Erfindung dunkler Mächte. Was schlagen Sie vor?

Wir haben immer die ganze Welt im Blick und dann werden immer diese totalen Zahlen von Toten veröffentlicht, die aber nicht in Relation zur Gesamtsterblichkeit gesetzt werden. Diese Zahlen hören sich dann immer sehr bedrohlich an, aber wenn man weiß, dass pro Tag in Deutschland rund 2.600 Menschen sterben, dann ist das eben nicht mehr so erschreckend. Außerdem wäre ich dafür, die emotionalen Begriffe aus der Berichterstattung heraus zu nehmen, die heizen nämlich die Stimmung zusätzlich an.

Aber faktisch ist ja jeder von diesem Thema betroffen. Es trifft also alle, wenn auch sehr unterschiedlich. Sind da Emotionen nicht eine ganz natürliche Folge?

Ich sage es jetzt mal hart: Wir werden alle sterben. Das war aber vorher auch schon so. Wenn man sich also dessen bewusst ist, dann muss man sich auch fragen, wie möchte man sterben. Im Moment wird also diskutiert, dass Alte und schwerkranke Menschen nicht wegen des Virus sterben sollen. Aber alte und kranke Menschen sterben nun einmal. Ob das nun ein Corona-Virus, ein Grippe-Virus oder eine Lungenentzündung wäre. Und man muss fragen, ob die Behandlung, auf die es letztendlich hinaus läuft, nämlich die Beatmung an einem Gerät, überhaupt die beste Möglichkeit ist.

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Wenn man Ihnen zuhört, klingt das sehr hart und fatalistisch nach dem Motto, so ist das eben. Ist das nicht eine Aufgabe von Solidarität?

Das ist dann immer der emotionale Vorwurf. Ich muss allerdings sagen, dass ich sehr viel Erfahrung mit dem Tod habe. Und natürlich hat sich dieser Blick erst im Umgang mit dem Tod entwickelt. Ich weiß also, dass wir alle sterben werden und da bin ich sehr rational geworden, denn ich sehe ja täglich, wie viel gestorben wird. Und ich sage auch nicht, dass alle so denken sollen. Der Tod ist neben der Geburt das einzige Ereignis, dass garantiert alle treffen wird. Was also bringt es, wenn wir davor Angst eingebläut bekommen. Ich plädiere für den Mut, dies anzuerkennen und die Tatkraft, den Tod möglichst lange herauszuschieben durch ein gelingendes Leben.

Bei aller Debatte scheint es aber einen Konsens innerhalb des demokratischen Diskurses zu geben. Das Menschenleben ist das höchste Gut, zumindest in Friedenszeiten. Das gibt man nicht so einfach Preis.

Ja, das stimmt, aber meiner Meinung nach sollte jeder selbst entscheiden, was für ihn ein Leben ist, das er möchte. Das ist eine Qualitätsfrage und das kann aber nicht von außen bestimmt werden. Wenn es also um ein Sterben geht, das medizinisch hinausgezögert wird, aber kein Leben mehr möglich macht, dann sollte darüber geredet werden.

Nun sind solche Debatten mit Blick auf die täglichen Corona-Zahlen schwierig, vor allem mit den Bildern aus Italien oder New York im Kopf: Da scheint jetzt keine unvoreingenommene Debatte möglich. Müssen wir auf das Ende der Pandemie warten?

Ich finde, dass es jetzt debattiert werden muss, weil ja jetzt Patienten mit Covid-19 auf den Intensivstationen liegen. Nach meiner Information werden über 70 Prozent davon beatmet und die Erfolgschancen sind sehr schlecht. Und deswegen sollte jeder nachdenken, was er persönlich möchte, wenn er wegen einer Infektion in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Man muss also jetzt darüber reden. Und deshalb plädiere ich ja dafür, von diesen Horrormeldungen Abstand zu nehmen. Wenn ich die aktuellen Zahlen aus den USA oder Italien höre, dann macht mich das nur verrückt. Und wenn ich ängstlich bin, kann ich keine guten Entscheidungen treffen.

Umso aktiver sind jetzt die Verwaltungen. Nahezu wöchentlich gibt es neue Verordnungen. Aber immerhin darf man ja in Halle wieder ein Buch auf einer Parkbank lesen.

Ja, das ist eben leider auch so einer Folge dieser Hysterie. Am Anfang hat die Politik reagiert, auch auf Grund der Berater vom Robert Koch Institut. Jetzt aber habe ich die Befürchtung, dass sie in eine Schiene geraten sind, aus der sie gar nicht so einfach wieder herauskommen. Es wird immer weiter herumgedoktert an diesen Beschlüssen und dann kommen eben so lächerliche Sachen heraus, wie diese Parkbank-Verordnung. Ich sehe dabei aber eine echte Gefahr. Wenn nämlich die Menschen so viel Lächerlichkeit spüren, dann kann sich auch ein großes Maß an Wut anstauen. Wir kennen ja alle die Geschichte vom Rattenfänger. Und was passiert eigentlich, wenn jetzt jemand diese Wütenden politisch sammelt. Diese Gefahr macht mir derzeit wirklich Sorgen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/uw

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18 Kommentare

ElBuffo vor 22 Wochen

Allein entscheidend dürfte erstmal die Zahl der im Krankenhaus resp. Intensivstation behandlungsbedürftigen Infizierten sein. Das war von Anfang das Ziel, mit dem diese ganzen massiven Eingriffe begründet wurden. Dafür wurden jetzt seit mehr als einem Monat geplante OPs abgesagt, werden Menschen von Krankenhäusern abgewiesen, finden Vorsorgeuntersuchungen nicht statt, wurden Spielplätze gesperrt, Schulen und Kitas dicht gemacht etc. pp.
Stand heute wurde nicht ein einziges zusätzliche Krankenhausbett benötigt und es wurden noch Hunderte Patienten aus dem Ausland aufgenommen. Krankenhäuser machen inzwischen Kurzarbeit.
Es ist also nicht entscheidend, wieviele erkrnkt sind.

Grosser Klaus vor 22 Wochen

Entscheidend ist:
1. Wieviele Erkrankte gibt es?
2. Wie schwer ist die Erkrankung, wie sind die Krankheitsverläufe?
3. Wieviele Neuinfizierte, wieviele Genesene gibt es?
4. Wie hoch ist die Dunkelziffer von Neuinfizierten und von Genesenen?

Das korrekte Erfassen und die Weitergabe der Zahlen zeigt wie gut die örtlichen Gesundheitsämter arbeiten.
Zum Beispiel in der Stadt Jena sieht man deutlich an den Zahlen, die das Gesundheitsamt seit dem 18.03.2020 veröffentlicht bzw. nicht veröffentlicht, wie schlecht das Gesundheitsamt arbeitet und wie überfordert sie immer noch sind.
Da der Krisenstab und das Gesundheitsamt in Jena immer wieder versagen, deshalb gibt es die Maskenpflicht.

nie wieder cdu vor 22 Wochen

Angesichts der massiven Einschränkungen von Grundrechten warnte Schäuble auch davor, dem Schutz von Leben alles unterzuordnen. "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig." Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gäbe, dann sei das die Würde des Menschen. "Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen", sagte Schäuble. Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. "Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben."

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