Eine Schwangere
Hebammengeleitete Kreißsäle könnten den hohen Anteil von Kaiserschnitt-Geburten senken, sagen Hebammenverband und Sozialministerium. Bildrechte: Colourbox.de

Modellprojekt zu Geburtsstationen Hebammen sollen Kreißsäle leiten

Hebammen in Sachsen-Anhalt sollen eigene Kreißsäle leiten – und damit unabhängiger von Ärzten arbeiten als bisher. Im Rahmen eines Modellprojektes sollen ab 2019 hebammengeleitete Kreißsäle im Land getestet werden. Der Hebammenverband hat solche Geburtshäuser innerhalb von Kliniken schon lange gefordert.

Eine Schwangere
Hebammengeleitete Kreißsäle könnten den hohen Anteil von Kaiserschnitt-Geburten senken, sagen Hebammenverband und Sozialministerium. Bildrechte: Colourbox.de

Sachsen-Anhalt will Hebammen zu Chefinnen machen, in hebammengeleiteten Kreißsälen. Im nächsten Jahr soll dieser neue Ansatz in einem Modellprojekt ausprobiert werden. Laut Sozialministerium gibt es zwei Bewerber für das Projekt, das ein Ergebnis von gemeinsamen Beratungen des Hebammenverbandes mit der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt und dem Ministerium ist.

Was sind Hebammenkreißsäle? Hebammenkreißsäle werden von Hebammen geleitet – und nicht von Ärzten, wie es in Krankenhäusern üblich ist. Natürliche Geburten werden hier allein von den Hebammen begleitet. Das betrifft die Schwangerschaftsbegleitung, die Geburt selbst und die Nachsorge. Ein Arzt wird nur hinzugezogen, wenn es bei Mutter oder Kind gesundheitliche Probleme gibt, die eine medizinische Versorgung erforderlich machen.

Hebammengeleitete Kreißsäle gibt es bisher in einigen Städten in den alten Bundesländern und in einigen anderen europäischen Staaten, etwa Schweden und Dänemark, der Schweiz und Österreich.

Berufsbild attraktiver machen

In Sachsen-Anhalt haben in den letzten Jahren viele Geburtsstationen geschlossen. Während im Jahr 2000 noch in 33 Kliniken Geburten möglich waren, sind es inzwischen nur noch 22.

Karte Geburtenstation

ine Karte mit Geburtenstationen in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Zuletzt hat die Helios-Klinik in Zerbst den Betrieb ihres Kreißsaals eingestellt – ein Grund dafür ist der Fachkräftemangel. 2017 waren die Geburtskliniken in Weißenfels und in Bitterfeld-Wolfen geschlossen worden. Der Hebammenverband Sachsen-Anhalt fordert, die Rahmenbedingungen für die Geburtsstationen grundlegend zu verändern – um so das Berufsbild der Geburtshelferin wieder attraktiver zu machen und junge Menschen für diese Arbeit zu gewinnen.

Hebammenkreißsäle lange gefordert

Gegenwärtig fühlten sich viele Hebammen, die in großen Kliniken arbeiten, eher wie OP-Helferinnen, klagt Petra Chluppka, die Landesvorsitzende des Hebammenverbandes. "Wir sind ausgebildet, Kinder auf die Welt zu holen – und wir wollen erst an die Ärzte abgeben, wenn irgendetwas nicht stimmt. Aber in den Krankenhäusern sei das Gegenteil der Fall."

Aus Angst würde bei Geburten oft prophylaktisch ein Arzt hinzugezogen, was zur Zunahme von Kaiserschnitten führe, sagt Chluppka. Sie fordert von der Politik, die Rahmenbedingungen grundlegend zu ändern und hebammengeleitete Kreißsäle zu ermöglichen. Bisher gibt es solche Kreißsäle in ostdeutschen Bundesländern nicht. Mit dem Start des Modellprojektes würde sich das 2019 ändern.

Dabei sollen die neuen Kreißsäle keine Konkurrenz zu ärztlich geleiteten Geburtsstationen bilden, betont Chluppka: "Unser Fokus ist die natürliche Geburt. Ärzte haben den Fokus auf das, was schief geht. Du bist nicht krank, wenn Du schwanger bist." Der Hebammenverband glaubt, so die Arbeitsbedingungen für Hebammen verbessern zu können.

Krankenhausgesellschaft eher skeptisch

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft betrachtet das Konzept des Hebammenverbandes eher zurückhaltend. Hauptgeschäftsführer Georg Baum sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Die Pflegeberufe wollen selbstbestimmter arbeiten. Die Hebammen wollen das auch. Aber ein Krankenhaus ist nach Gesetz definiert als eine Einrichtung unter ärztlicher Leitung. Wenn man das ändert, wäre das eine gravierende Systemumstellung."

Allerdings deutet Baum an dass er sich prinzipiell eine solche Änderung vorstellen kann: "Ich persönlich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis man die Kreissäle in die Hände der Hebammen legt." Voraussetzungen dafür seien ein Monitoring und die Förderung gegenseitigen Verständnisses.

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Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 27. August 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 10:22 Uhr

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1 Kommentar

28.08.2018 06:01 Steffen 1

Vielleicht sollte man den Hebammen einfach mal wesentlich mehr zahlen! Sie haben mehr Verantwortung für uns, als viele denken. Machen sie ein Fehler, kann das “ganze“ Leben dadurch gekennzeichnet sein. Auch die Belastung im Job durch immer weniger nachkommende Hebammen und die Gesundheitliche Belastung, z.b. durch immer dicker werdende Frauen sind Argumente.