Digital leben | Folge 26 Sachsen-Anhalts Open-Data-Szene

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Verkehrszählungen, Baumkataster, Feinstaubdaten – Daten und Statistiken, die vor allem in Behörden und Ämtern gesammelt werden. Diese Informationen sollten nicht nur den Ämtern, sondern allen zur Verfügung stehen, fordern Open-Data-Fans. Von ihnen gibt es einige in Sachsen-Anhalt. Und sie haben die große Politik auf ihrer Seite. Eigentlich.

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Podcast: Digital Leben Folge 26: Open Data

Folge 26: Open Data

Offene Daten sollen für jeden zugänglich sein und vieles können. eGouvernante Sabine Griebsch aus Bitterfeld-Wolfen und Open-Knowledge-Lab-Gründer Jens Winter aus Magdeburg sagen: Es kann gar nicht genug Open Data geben.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 18.02.2020 08:30Uhr 46:59 min

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Software-Entwickler Jens Winter nennt es einen "magischen Effekt", dem manche Behördenmitarbeiter zu erliegen scheinen. "Open Data ist für viele etwas Unheimliches, Unbekanntes und Gefährliches, dem sie sich nur vorsichtig annähern." Auf solche Vorbehalte träfe er vor allem in öffentlichen Stellen und Behörden, sagt Winter.

Der 42-jährige Software-Entwickler hat das Open Knowledge Lab in Magdeburg gegründet. Er programmiert, seitdem er zwölf Jahre alt ist: "Damals noch mit grünem Cursor auf schwarzem Bildschirm." Heute arbeitet Jens Winter bei der Magdeburger Firma MrAppware, die Software für klein- und mittelständische Unternehmen entwickelt.

Jens Winter
Jens Winter Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Das Open Knowledge Lab in Magdeburg

Aber seine Passion gilt der Open-Data-Idee. Etwa alle zwei Monate trifft er sich mit Gleichgesinnten zum Open Knowledge Lab. Ihr Ziel: Mit Hilfe von Open Data etwas Gutes für Magdeburg und die Region tun. "Magdeburg hat im vergangenen Jahr zum Beispiel das Baumkataster freigegeben. Aus den 80.000 Datensätzen ist einiges abzulesen", sagt Winter. Sein Plan: Im Frühjahr will er ein kleines Kunstprojekt rund um die Daten der Bäume in Magdeburg vorstellen. In ihnen steckten schließlich eine Menge Informationen: Positionsdaten, Stammumfang oder Kronendurchmesser. "Auch die Art der Bäume und wie sie sich entwickelt haben, lässt sich ablesen."

Blick auf eine lange Allee mit einem Leitpfosten im Vordergrund
Das Baumkataster bietet eine Menge Informationen (Archivbild). Bildrechte: MDR/André Plaul

Solche offenen Daten scheinen zunächst ohne große Bedeutung und nur etwas für Zahlen- und Statistik-Fans zu sein. "Aber auch, wenn ich keine konkrete Geschäftsidee habe: In Daten steckt immer viel mehr." Wenn er bei Behörden nach den Daten frage, sei eine der ersten Rückfragen oft, was er damit wolle. "Aber diese Frage spielt keine Rolle. Denn die Menschen sind extrem kreativ und es gibt so viele Beispiele, wie sich mit Open Data die Welt für viele Menschen verbessern lässt", sagt Winter.

Was sind Open Data?

Als Open Data, als offene Daten, bezeichnet man Daten, die frei verfügbar sind. Jeder kann sie zu jedem Zweck nutzen, verbreiten und weiterverwenden. Grundsätzlich sind Open Data nie personenbezogene Daten; denn letztere sind besonders schutzbedürftig und fallen unter die Datenschutz-Gundverordnung. Die Open Knowledge Foundation https://okfn.org/ verlangt von Open Data, dass sie maschinenlesbar sind und "zu nicht mehr als angemessenen Reproduktionskosten" am besten über das Internet bereitgestellt werden. Die Daten sollten in offenen Dateiformaten gespeichert sein – also eher CSV und nicht PDF- oder Excel-Dateien. Viele Experten sagen, mit Open Data sollten Nutzer alles anstellen können – auch Dienstleistungen daraus entwickeln, die sich verkaufen lassen. Nur sollten auch auf diesen Daten keine weiteren Lizenz-Beschränkungen liegen.

Quellen für Open Data liegen bei Behörden (Open Government Data), aber können auch "erschaffen" werden. Zum Beispiel haben Millionen Menschen weltweit für das Projekt OpenStreetMap Geodaten gesammelt und so eine Alternative zu kommerziellen Navigationsdienstleistern und Kartendiensten entwickelt. In der Digitalen Agenda hat sich auch Sachsen-Anhalt zu Open Data bekannt (S.47).

Gutes tun mit Open Data

"Es ist erstaunlich, was mit Daten gemacht wird, ohne dass ich selbst auf die Idee gekommen wäre. Nur weil ich nicht weiß, was man damit macht, heißt das nicht, dass andere nicht tolle Ideen damit verwirklichen können", sagt Jens Winter im Podcast "Digital leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT. Eines seiner Lieblingsbeispiele ist die wheelmap des Berliner Vereins "Sozialhelden". Dabei tragen Freiwillige eine interaktive Karte zusammen, mit der sich Rollstuhlfahrer ihre Wege organisieren können. Ein klassisches Beispiel für Open Data, bei dem Menschen Daten extra zusammentragen und zum Beispiel bewerten, wie gut Restaurant-Toiletten für Menschen im Rollstuhl zugänglich sind.

Ich fände es wunderbar, wenn städtische Unternehmen alles veröffentlichen.

Software-Entwickler Jens Winter

Neben Behörden und Ämtern haben auch städtische Unternehmen Daten. Material, das Winter als Open Data ansieht. "Ich fände es wunderbar, wenn städtische Unternehmen alles veröffentlichen." In Magdeburg hätten sich bislang zum Beispiel die Verkehrsbetriebe MVB damit schwer getan. Mittlerweile gibt es einen Beschluss des Stadtrates dazu. Danach sollen die Abfahrtzeiten MVB auch bei Google Maps und Open Street zur Verfügung gestellt werden. "Das ist super. Aber eine öffentlich dokumentierte, frei zugängliche Schnittstelle kenne ich nicht."

Magdeburgs Google-Maps-Problem

Wer allerdings derzeit (Februar 2020) probiert, über bekannte Navigationsplattformen den öffentlichen Nahverkehr in Magdeburg zu nutzen, der scheitert. Will man mit Bussen und Bahnen von A nach B kommen, zeigen Google Maps und Bing Maps für Magdeburger und Magdeburg-Touristen absurde Vorschläge an: Vom Hauptbahnhof zum Herrenkrug empfehlen sie zum Beispiel eine Regionalbahn der Deutsche Bahn und einen langen Fußweg, zur MDCC-Arena einen 41-minütigen Fußweg (Stand 19. Februar).

Auch bei einem anderen Thema hat sich Jens Winter mehr Entgegenkommen bei der Stadt Magdeburg gewünscht. "Ich habe über die Plattform fragdenstaat.de die Daten der Verkehrszählung angefragt und auch bekommen. Allerdings als einzelnes PDF-Dokument für eine einzige Kreuzung." Das wird offenbar von jedem Protokoll angefertigt, das für einen der 600 Verkehrsknotenpunkte in der Stadt erstellt wurde. "Die Daten waren nicht konsolidiert oder in einer einfach verwendbaren CSV-Datei. Es sah so aus, als würden die Zettel der Verkehrszählung einfach nur abgeheftet." Und: Die Stadt Magdeburg wollte zunächst 46 Euro für die PDF-Datei haben. Bislang hat sie diese aber nicht in Rechnung gestellt.

Datensatz zu Falschparkern in Magdeburg

Harald von Bose, Landesbeauftragter für den Datenschutz in Sachsen-Anhalt
Harald von Bose, Landesbeauftragter für die Informationsfreiheit Bildrechte: MDR/Patrick Eicke

Der Umgang der Stadt Magdeburg mit Open Data wurde im vergangenen Jahr auch von hoher Stelle gerügt. Allerdings nicht aus technischer, sondern aus juristischer Perspektive: Der Landesbeauftragte für die Informationsfreiheit rügt die Stadt in seinem Tätigkeitsbericht vor allem in einem konkreten Fall. Ein Magdeburger hatte die Stadt nach dem Informationszugangsgesetz um eine Statistik zu Falschparkern gebeten. In seinem Schreiben bat er ausdrücklich darum, einen Kostenvoranschlag zu bekommen.

Weil die Stadt ihm aber die 80.000 Datensätze direkt zuschickte und später einen Kostenbescheid über 250 Euro, schreibt der Landesbeauftragte für die Informationsfreiheit, Harald von Bose: "Ich halte die von der Landeshauptstadt Magdeburg gewählte Vorgehensweise nicht nur für bürgerunfreundlich, sondern auch für rechtswidrig."

Wo bleibt Sachsen-Anhalts Open-Data-Strategie?

Manuel Mohr
Manuel Mohr, Datenjournalist bei MDR SACHSEN-ANHALT Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Was sich mit den Daten zu Falschparkern in Magdeburg anstellen lässt, hat MDR SACHSEN-ANHALT-Datenjournalist Manuel Mohr gezeigt. Er sagt im Podcast: "Open Data ist für Bürger und Journalisten wichtig. Behörden nehmen öffentliche Aufgaben wahr und es gibt oft keinen Grund, solche Zahlen nicht zu veröffentlichen. Ich würde mir eine radikale Offenheit wünschen." Das sei gut für die Demokratie, weil sich Amtsträger und Behörden so besser kontrollieren ließen – und mit einer radikalen Offenheit würden sie sich auch weniger angreifbar machen.

Zwar gibt es gesetzliche Regeln. Aber die gehören nach Ansicht vieler überarbeitet. Der Landesbeauftragte für Informationsfreiheit fragt in seinem Tätigkeitsbericht, wo die Open-Data- und Open-Gouvernment-Strategie des Landes blieben und stellt fest: "Sachsen-Anhalt braucht mehr Transparenz: Strategisch, gesetzlich, praxisorientiert!"

Sachsen-Anhalt kommt nicht gut weg

Auch im deutschlandweiten Vergleich hinkt Sachsen-Anhalt hinterher: Das Portal "Tranzparenzranking", des Verein "Open Knowledge Foundation Deutschland", hat die Gesetzeslage in den Bundesländern verglichen. Unter 13 Bundesländern, die ein entsprechendes Gesetz haben, erreicht Sachsen-Anhalt den 10. Platz. Der Umfang der Informationsrechte sei im Vergleich mit anderen Bundesländern unzureichend. Informationen würden kaum aktiv veröffentlicht, Bürger hätten kein Recht auf Kopien und auch Ablehnungen seien nicht gebührenfrei, bemängeln die Open-Data-Experten.

Dabei ist Open Data von allen Politikern gewollt. Jedenfalls auf vielen Papieren: Es gibt eine Erklärung der G8, eine EU-Richtlinie, ein Informationsfreiheitsgesetz im Bund und ein Informationszugangsgesetz in Sachsen-Anhalt. Nur was nutzen Gesetze, wenn die Verwaltungen nicht mitspielen können oder wollen?

Open-Data-Vorreiter in Halle

In Halle setzt auch Mike Elstermann auf Open Data. Er ist 56 Jahre alt und betreibt den Blog #geoObserver. Sein Steckenpferd sind vor allem Geodaten, also Daten mit Bezug zur echten Welt: Karten, Koordinaten, Topografie. Und auch Elstermann sagt: "Die Gesetzeslage ist problematisch. Wenn der Bund ein gutes Open-Data-Gesetz beschließt, gilt das nicht für Sachsen-Anhalt und schon gar nicht für die Stadt Halle, sondern nur für Bundesbehörden."

Mike Elstermann
Mike Elstermann Bildrechte: Mike Elstermann

Seinen Blog betreibt er seit mehreren Jahren und schreibt täglich einen Newsletter für mehrere hundert Menschen, die sich für Neues rund um Geodaten interessieren. "Mit dem #geoObserver will ich zeigen, was geht und was state of the art bei Open Data und Geodaten ist." Elstermann ist studierter Verfahrenstechniker und seit 30 Jahren mit dem Thema Geodaten und Geoinformationssysteme befasst. Er war erst bei der Stadt Halle angestellt, seit zwanzig Jahren bei der IT Consult GmbH, einem Tochterunternehmen der Stadtwerke Halle. Elstermann ist quasi der Vater der Geodatensysteme der Stadt Halle.

Halles #geoObserver

"Ich habe jahrelang programmiert. Jetzt machen es andere Leute für mich und ich habe nicht mehr genug Übung. Ich kümmere mich um die Daten und neuen Geotechnologien", sagt Elstermann. Er hat vor allem Überzeugungsarbeit zu leisten: Auf Anraten von Elstermann hat die Stadt Halle vor drei Jahren ihre Geodaten-Software umgestellt – auf offene Software: "Das funktioniert jetzt besser als vorher und spart der Stadt jährlich einen fünfstelligen Betrag an Software-Wartungsgebühren." Die kommerzielle Software, die Halle dafür vorher genutzt hat, war umgerechnet auf die Zahl der Nutzer die teuerste der ganzen Stadt.

Und so kann Halle jetzt einen ordentlichen Open-Data-Schatz vorweisen. Auf dem eigenen Portal opendata.halle.de stehen mehr als 110 Datensätze mit Kartenbezug zur Verfügung. In verschiedenen Dateiformaten, natürlich alle georeferenziert, also mit Raumbezug. Denn das ist Elstermann besonders wichtig: "Warum sollte man es kompliziert machen, wenn es einfache und offene Dateiformate gibt? Die Daten müssen nicht schön aussehen, sie müssen vor allem maschinenlesbar sein. Bei Open Data geht es tatsächlich um Rohdaten."

Über Luftbilder im Foto-Format JPG, wie sie die Stadt Magdeburg als Open Data veröffentlicht, kann der Hallenser nur den Kopf schütteln: "Das bringt doch ohne Koordinaten nichts. Die muss man erst erneut geoferenzieren, also an die richtige Stelle in der Welt ziehen, skalieren und drehen, aber das macht alles unnötig kompliziert. Bei Geodaten ist der Raumbezug von vornherein Pflicht!" Deshalb sei die digitale Stadtgrundkarte von Halle am coolsten, sagt Elstermann. Trotzdem trifft er auch bei der Verwaltung in Halle nicht immer auf offene Ohren. Das sei in einer gewissen Weise auch zu verstehen: "Schließlich generiert eine Stadt mit Kartendaten auch Einnahmen – Gebühren von Investoren oder Dritten."

Geld verdienen mit Open Data

Open Data könne aber auch für Einnahmen sorgen: Eine Schätzung der EU-Kommission geht davon aus, dass EU-weit in den Jahren 2016 bis 2020 in Open Data ein Wertschöpfungspotenzial von 325 Milliarden Euro liegt. 100.000 Arbeitsplätze würden daran hängen. Und wo Wertschöpfung stattfindet und Arbeitsplätze sind, da werden Steuern gezahlt.

Trotzdem spürt Elstermann, dass sich Verwaltungen mit Open Data zurückhalten. "Man muss sie permanent unter Druck setzen und zeigen, dass Open Data nicht Verbotenes ist, sondern vor allem Gutes hervorbringt." Das Hauptproblem seien oft nicht die Daten an sich, sondern fehlende Offenheit und mangelndes Vertrauen. "Was willst du mit meinen Daten – dieser Satz gehört verboten." Denn das sei die falsche Frage. "Man muss es umdrehen: Ich arbeite für die Daten und wäre froh, wenn andere sie nutzen." Denn nur so könnten sie besser werden.

Bessere Daten und mehr Transparenz

"Auf jeden Datensatz hat jeder seinen eigenen Blick: Das Tiefbauamt einen anderen als das Kulturamt." Je mehr Leute auf Daten schauten, umso besser würden sie werden. Kritik führe zu besseren Daten, ist sich Elstermann sicher. Deshalb ist er auch bei der Qualität der Daten nicht perfektionistisch: Datensätze müssten nicht 100-prozentig vollständig sein. Das ginge quasi auch nie. "Wenn ich zum Beispiel den kompletten Halleschen Norden erfasst habe, aber den Süden nicht, dann kann ich das trotzdem veröffentlichen, wenn ich es einfach dazu schreibe." So hätte man wenigsten schon Daten zu halb Halle veröffentlicht. "Das ist Physikunterricht der 6. Klasse: Die Grenzen des Modells benennen."

Natürlich sei all das Mehrarbeit für eine Verwaltung. Aber Open Data sorgten für mehr Transparenz. Und auch die Sorge, dass sich Daten immer für oder gegen eine Sache auslegen ließen, kann Elstermann nicht verstehen: "Wenn meinetwegen die Kaufkraft in einem Teil von Sachsen-Anhalt schlecht ist, dann wird sie ja nicht besser, wenn man solche Daten nicht veröffentlicht."

Weil Elstermann Open Data am Herzen liegt, wird er auch hin und wieder impulsiv. "Oft heißt es auch, man könne Daten wegen Datenschutzbedenken nicht veröffentlichen. Das ist bei Open Data himmelschreiender Unsinn, weil es dabei nie um personenbezogene Daten geht." Deshalb ärgert Elstermann in Sachsen-Anhalt vor allem eines: Das Land sei das einzige in ganz Deutschland, das seine Liegenschaftskarte mit Flurstücknummern für alle Grundstücke nicht öffentlich anbietet. Angeblich weil sich daraus Rückschlüsse auf personenbezogenen Daten ziehen lassen könnten. Theoretisch ist das mit jeder Art Daten möglich, sagt Elstermann. "Mit demselben Argument könnten wir auch die Zahl 1 verbieten, weil sie in personenbezogenen Daten vorkommen kann. Oder die 5."

Open Data selbst gemacht

Und Mike Elstermann erzeugt auch jeden Tag selbst Open Data: Vom Fensterbrett aus. Vor zwei Jahren hat er im Eigenbaukombinat in Halle, einem sogenannten Maker-Space, einer Mitmachwerkstatt, einen Feinstaubsensor gebaut. "Er misst die Feinstaubbelastung in unserer Straße. Er ist zwar bei hoher Luftfeuchtigkeit nicht zuverlässig, aber es gibt von diesen Sensoren in Halle viel mehr als die drei, die offiziell in der Stadt installiert sind." Beim Zusammenbauen des Feinstaubsensors im Eigenbaukombinat hat Mike Elstermann auch Sabine Griebsch kennengelernt, die eGouvernante, die auch im Podcast "digital leben" beim MDR SACHSEN-ANHALT zu Gast ist. Griebsch sagt über Elstermann: "Der GeoObserver wirkt auch innerhalb der Verwaltung, kann Mitarbeiter überzeugen und Ängste beim Thema Open Data nehmen."

Open Data ist derzeit auch in der Politik wieder ein Thema: Die EU-Kommission hat am 19. Februar ihre Datenstrategie vorgestellt und betont darin, wie wichtig Daten sind, die mit öffentlichen Geldern erzeugt wurden. Vom öffentlichen Sektor erzeugte Daten und der damit verbundene Mehrwert sollten dem Gemeinwohl dienen. Die EU-Kommission macht sogar erstaunliche Rechnungen auf: Wenn sich durch Echtzeit-Navigation Staus vermeiden lassen, würden so 730 Millionen Stunden eingespart – das entspräche 20 Milliarden Euro in Arbeitsstunden. Und durch die Echtzeit-Benachrichtigung über verspätete Züge könnten 27 Millionen Arbeitsstunden im Wert von 740 Millionen Euro eingespart werden.

Viele Ideen in der Politik

Die Bundesregierung will eine deutsche Datenstrategie entwickeln. Dazu hat das Bundeskanzleramt eine Expertenanhörung veranstaltet und die zweieinhalb Stunden erstmals live ins Internet übertragen. Und auch verschiedenen Thinktanks haben sich mit Open Data beschäftigt. So kann sich die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung vorstellen, dass marktbeherrschenden Unternehmen zum Teilen von Roh-Daten verpflichtet werden können. Und die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung schlägt eine proaktive Veröffentlichungspflicht von Open Data für Behörden vor und will außerdem Forschungsdaten und Daten öffentlicher Unternehmen in die Open-Data-Regeln einbeziehen.

Die gesetzliche Lage

Die Gesetzgebung zu Open Data ist mannigfaltig. Auf internationaler Ebene hat sich Deutschland 2013 in der Staatengruppe G8 zu Open Data bekannt. Darin orientieren sich die Staaten daran, Daten standardmäßig als Open Data für alle nutzbar zu machen, Daten für Innovationen und für eine Verbesserung der Regierungsführung freizugeben.

Seit dem vergangenen Jahr ist in der EU eine neue Richtlinie über offene Daten und die Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors in Kraft.

Für Bundesbehörden gilt seit 2017 das Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung, es wird auch Open Government-Gesetz genannt. Im Bund gilt auch das Informationsfreiheitsgesetz. 13 Bundesländer haben auch solche Gesetze, in Sachsen-Anhalt heißt es Informationszugangsgesetz und gilt seit 2008. Es soll laut Koalitionsvertrag der Regierungsfraktionen von 2016 zu einem Informationsfreiheitsgesetz entwickelt werden, das u.a. die Kosten für Anfragen "deutlich" herabsetzen soll.

Außerdem gilt in Deutschland seit 2017 das Onlinezugangsgesetz. Darin geht es aber weniger um Open Data sondern vor allem darum, wie Bürger und Unternehmen auf digitalem Weg Anträge o.ä. stellen können. 575 Verwaltungsdienstleistungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sollen bis 2022 digital genutzt werden können. Eine vollständige Umsetzung bis dahin schätzt der Digitalverband BITKOM als unrealistisch ein.

Das empfiehlt auch die Wettbewerbskommission der Bundesregierung. Unternehmen der öffentlichen Daseinsvorsorge und Unternehmen, die öffentliche Aufträge annehmen, sollten die dabei entstandenen Daten unter bestimmten Bedinungen als Open Data zur Verfügung stellen.

Jens Winter
Jens Winter Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Die Zeiten für Open Data stehen also eigentlich gut. Aber es sei nur menschlich, dass es in der alltäglichen Verwaltung manchmal schwierig ist, glaubt Open-Knowledge-Lab-Gründer Jens Winter aus Magdeburg: "Man muss geduldig sein und konstruktiv zusammenarbeiten. Denn so wie ich nicht verstehe, wie Verwaltung funktioniert, verstehen Behörden nicht, wie ich als Softwareentwickler ticke."

Open-Data-Fans verfolgen ein hehres Ziel, sagt Jens Winter: "Warum machen wir das denn? Weil wir uns eine informierte Gesellschaft wünschen! Populisten, die Dinge behaupten, können nur mit Fakten widerlegt werden." Das sei die eigentliche und wichtigste Bedeutung von Open Data.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/pow

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