Schafzucht in der DDR Schäferstadt Wettin: Aus Wolle Geld spinnen

Maximilian Fürstenberg
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In der DDR musste jedes Dorf Schafe haben. Im ganzen Land gab es aber nur eine Schäferschule und die befand sich in Wettin bei Halle. Wolle war wie Gold und wer Wolle hatte, konnte sich theoretisch einen Trabant leisten. Ein Rückblick.

Ein Schaf schaut in die Kamera 45 min
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Wettin ist bekannt als kleines, schönes Städtchen an der Saale nördlich von Halle. Dass die Stadt einst Schäferstadt war, wissen viele nicht: Zwischen 1955 und 1991 gab es in Wettin die einzige Schäferschule Mitteleuropas. Sie war damit auch eine der wenigen Schäferschulen weltweit.

Durch Zufall zur Schäferschule

Die Idee für eine Schäferschule entstand um 1955 zufällig: Das Berufsschullehrerpaar Brudny beobachtete einen Schäfermeister und seine Herde auf den Wettiner Fluren. Ihnen fiel der entspannte Umgang des Schäfermeisters mit den Schafen und dem Hütehund auf.

Oberburg Wettin - ehemalige Schäferschule der DDR.
Oberburg Wettin - ehemalige Schäferschule der DDR. Bildrechte: MDR/Simank Film

Sie machten daraufhin aus der "Berufsschule für Landwirtschaft" die "Zentrale Berufsschule für Schäfer". Da die Schäferschüler dauerhaft bei ihrer Herde sein mussten, wurden auch Internatsplätze geschaffen. Die Theoriestunden fanden auf der Oberburg in Wettin statt, die praktische Ausbildung im 2,5 Kilometer entfernten Mücheln. Der staatliche Tierschutzbetrieb Wettin hatte dafür extra einen Stall in dem Ort geschaffen.

Ab 1964 ging aus der Berufsschule die "Spezialschule für Schäfer" hervor. Sie war gleichzeitig die einzige Schule in der DDR, die eine derartige Spezialausbildung besaß.

Warum gerade in Wettin?

Wettin war aus folgenden Gründen perfekt geeignet für die Einrichtung einer Schäferschule:

  • natürliche Voraussetzungen
  • Umgestaltung der Landwirtschaft: aus Neubauern wurden Kollektivbauern
  • Flächenzusammenlegung mit Gründung der LPG und des VEG Tierzucht
  • Ausbildungsstätte Burg als landwirtschaftliche Berufsschule
  • Nähe der Universität Halle und die damit verbundene  wissenschaftliche Forschung
  • staatliche Vorgaben mit dem Ziel der Zentralisierung von Bildungseinrichtungen in Splitterberufen

Jährlich 250 Jungen und Mädchen erlernten zu DDR-Zeiten in Wettin den Schäferberuf. Aufnahme Mitte der 1970er Jahre.
Jährlich 250 Jungen und Mädchen erlernten zu DDR-Zeiten in Wettin den Schäferberuf. Aufnahme Mitte der 1970er Jahre. Bildrechte: MDR/A. Hager

Jedes Dorf in der DDR muss Schafe haben

In der DDR gab es den Parteiauftrag, dass jedes Dorf eine Schafherde haben musste, erinnert sich der Schäfermeister Lutz Hager aus Barby in einem Interview für "Der Osten – Entdecke wo du lebst". Dafür wurden tausende Schäfer benötigt, die an der Schäferschule in Wettin ausgebildet und anschließend in der gesamten Republik verteilt wurden.

Die Agrarplaner der DDR starteten Anfang der 1970er Jahre ein einzigartiges Programm: 2,65 Millionen Schafe grasten auf den Wiesen der DDR zwischen Fichtelberg und Kap Arkona. "Pfennigsucher" nannte man die Tiere, da sie sehr genügsam waren.

Doch was hatte man mit ihnen vor? Wurde das Fleisch der Schafe in der DDR hauptsächlich für den Verzehr verwendet? #MDRklärt warum im Osten weniger Lammfleisch gegessen wurde, als im Westen:

Es geht um die Wolle

Vorzugsweise ging es der DDR um die Wolle. Jedes Kilo, das auf den Rücken der Schafe wuchs, musste nicht aus Australien oder Neuseeland teuer importiert werden. 1971 erreichten die Wollerträge Rekordzahlen: Die sogenannten Merinolangwollschafe gaben pro Tier bis zu sechs Kilo Wolle pro Jahr ab.

Lehrlinge der Schäferschule Wettin. Aufnahme Mitte der 1970er Jahre.
Lehrlinge der Schäferschule Wettin. Aufnahme Mitte der 1970er Jahre. Bildrechte: MDR/A. Hager

Die Schäferei, die bis dahin die letzten 100 Jahre in der Landwirtschaft das "fünfte Rad am Wagen" war, wurde in der DDR plötzlich rentabel. Um die hohen Divisen der Wollimporte einzusparen, hat sich die DDR ein hohes Ziel von 50 Prozent Eigenproduktion gesetzt. Dieses wurde allerdings nie erreicht.

Dennoch erlebte die Schafwolle ihre Blütezeit in der DDR. Die Produktion belief sich auf 4000 Tonnen Wolle jährlich, wodurch sie zu einem wichtigen Standbein der Textil- und Modeindustrie wurde.

Das Motto war daher: So viele Schafe wie möglich zu halten. Die Schäfer wurden deshalb auch von der DDR-Regierung mit viel Geld gelockt. Für ein Kilo Reinwolle bekamen die Schäfer eine Prämie von 60 bis 120 Mark. Wer eine Schafherde von rund 40 Tieren besaß, konnte sich, rein theoretisch, von dem Erlös einen Trabant kaufen.

Zuchtausstellung anlässlich 30 Jahre DDR - Zu dieser Zeit lebten 2,2 Millionen Schafe in Ostdeutschland.
Zuchtausstellung anlässlich 30 Jahre DDR - Zu dieser Zeit lebten 2,2 Millionen Schafe in Ostdeutschland. Bildrechte: MDR/A. Hager

Nach der Wende

1991 wurde die Schäferschule in Wettin aufgelöst. Die ausgebildeten Schafe wurden hauptsächlich geschlachtet, was viele der Schäfer nicht verkrafteten. Die 6000 Schäfer bangten folglich um ihre Zukunft, denn nach 1991 wurde keinerlei Wert mehr auf Wollschafe gelegt.

Zu DDR-Zeiten erhielten die Schäfer für eine Tonne Wolle 50.000 Mark. Heute sind es nur noch um die 300 Euro. Die Schafwolle war für die LPG oftmals ein finanzielles Rückgrat, das fast wie Gold gehütet wurde. Mittlerweile gibt es nur noch rund 1000 Schäfer in Deutschland und auch die Schafbestände nehmen jährlich ab. Der Beruf Schäfer ist noch nicht ausgestorben, aber Wettin als Schäferstadt, existiert nicht mehr.

Heute kann man eine Ausbildung als Tierwirt in einer Schäferei noch in Bayern in Triesdorf bei Nürnberg machen.

Maximilian Fürstenberg
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Maximilian Fürstenberg arbeitet seit 2020 in der Onlineredaktion des MDR Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Der gebürtige Magdeburger arbeitete vor seinem Medienmanagementstudium im Offenen Kanal Magdeburg als FSJler und im Theaterjugendclub des Theater Magdeburg als Leiter der Kindertheatergruppe. Anschließend an sein Bachelorstudium machte er ein Praktikum bei MDR SACHSEN in der Online- und Fernsehredaktion, bevor er in Erfurt im Master Kinder- und Jugendmedien studierte. Wenn er nicht im Landesfunkhaus unterwegs ist, arbeitet er im Bereich Medienbildung. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Naumburg, der Elberadweg und der Wörlitzer Park.

Quelle: MDR/mf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Der Osten – Entdecke wo du lebst | 04. August 2020 | 21:00 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 24 Wochen

Danke, dass Sie Ihre Erfahrungen teilen. Unser Artikel basiert auf einer Recherche mit Zeitzeugen. Ein Kollege hat einen Film über die Schäferschule in Wettin gedreht, den Sie in der ARD-Mediathek ansehen können: https://www.ardmediathek.de/mdr/video/der-osten-entdecke-wo-du-lebst/laemmer-fuer-die-reeperbahn-wettin-und-seine-schaeferschule/mdr-fernsehen/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy8wMTk1NTFjMS00NmNmLTQ4MTYtODdlMC0wNDZmOTIxOWE5ZGI/

Kelte vom Oechsenberg vor 24 Wochen

Zu meinen Zeiten gab es nicht in jedem Dorf (6 Stück an der Zahl westlich meines Oppidums) zu meinen Füßen eine Schafsherde. Also ist diese Aussage falsch. Lediglich in einem Dorf gab es einen Schäfer. Dieser hatte zwar Schafe aus den umliegenden Ortschaften in seiner Obhut, aber kein Dorf war gezwungen Schafe zu halten. Dies taten die jeweiligen Besitzer aus eigenem Antrieb. Ich verstehe schon, daß man nach über 30 Jahren mal den Blick für manche vergangene Realität verliert, aber alles pauschal zubewerten ist gefährlich und verzerrt das wahre Leben. Ich habe so das Gefühl, daß etliches von damals heute über einen Kamm geschert wird. Gott sei Dank gibt es noch Menschen, die im DDR System eigene Erfahrungen gemacht haben und nicht nur alles über einen Kamm scheren.

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