Schiedsrichterboykott in Halle Kein Fußball ohne Schiris!

Die Schiedsrichter in Halle haben zwei Spieltage abgesagt. Zeit wird es. Denn die Probleme mit Bedrohungen, Beleidigungen und Gewalt sind lange genug klein geredet worden. Ein Kommentar.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Fußball-Schiedsrichter verlassen nach einem Amateurspiel in der Landesliga einen Fußballplatz
Keine Schiris, kein Fußball – diese Botschaft senden Halles Referees am Wochenende. Bildrechte: dpa

Vor zwei Jahren habe ich mich zum letzten Mal in größerem Umfang mit den Schiedsrichtern in Sachsen-Anhalt beschäftigt. Damals ging es um die generelle Situation der Männer und Frauen an der Pfeife. Das Thema Gewalt war auch damals schon aktuell, blieb aber ein Randaspekt.

Darauf angesprochen sagte Markus Scheibel, Schiedsrichter-Obmann beim Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA): "Jede Anfeindung ist eine zu viel." Er ergänzte aber, dass einzelne Vorfälle heute viel schneller mediale Wellen schlagen würden als früher. "Ich denke, es gibt nicht mehr Vorfälle als vor zehn oder vor 20 Jahren. Aber die Wahrnehmung hat sich geändert." Insgesamt verlaufe der allergrößte Teil der Spiele in geordneten Bahnen, hieß es damals.

Ein lauter Hilferuf

Nun, zwei Jahre später, haben die Schiedsrichter in Halle angekündigt, am kommenden Wochenende und am ersten Spieltag nach der Winterpause zu streiken. Als Grund werden drei tätliche Übergriffe innerhalb eines Jahres genannt. Hinzu kommen zahlreiche gelbe und rote Karten wegen Beleidigung. Auch nur ein Wahrnehmungsproblem? Nein, das ist eine richtig ernste Angelegenheit. Denn viel lauter kann ein Hilferuf nicht sein.

Doch fragt man beim FSA nach, wiederholt Geschäftsführer Christian Reinhardt fast wortgleich die Formulierungen von Schiri-Obmann Scheibel. Tenor: "So schlimm ist es gar nicht." Das ist verheerend und sendet ein furchtbares Signal an die Schiedsrichter und solche, die es vielleicht werden wollen.

Gewalt führt nur selten zum Karriereende

Natürlich haben die FSA-Verantwortlichen Recht, wenn sie sagen, dass es in Sachsen-Anhalt im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gesittet zugeht. Und es ist richtig und anerkennenswert, dass die Schiedsrichterausbildung verändert wurde, damit junge Referees besser auf schwierige Situationen vorbereitet sind.

Anfang 2018 wurde vom FSA eine große Schiedsrichterstudie vorgestellt, die in Kooperation mit der Hochschule Harz entstanden ist. Die Haupterkenntnis: Gründe für einen Unparteiischen, seine Karriere zu beenden sind nur selten Gewalt und Beleidigungen sondern eher Familie, Job oder Umzug.

Schiedsrichter haben ein dickes Fell

Doch bei Sabine Elfring, der verantwortlichen Professorin der Studie, ist noch etwas anderes hängengeblieben: "Am meisten hat mich überrascht, dass die Schiedsrichter so wenig von den Beleidigungen berührt sind. Also in dem Sinne, dass die sagen, wenn ich hier beleidigt werde, höre ich auf. Beleidigungen werden einfach hingenommen, als ob sie dazu gehören."

Die Schiedsrichter haben also ein dickes Fell und hören lieber mal weg, statt den Konflikt zu suchen. Aber nur weil in Sachsen-Anhalt nicht regelmäßig jemand umgeboxt wird, heißt es ja noch lange nicht, dass alles gut ist. Statt das Problem kleinzureden, sollte es von den Verantwortlichen immer wieder benannt werden. Klar und deutlich.

Beleidigungen sind keine Emotionen

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass die Schiedsrichter in Halle nun für zwei Wochenenden streiken. Nur so entsteht Öffentlichkeit und vielleicht auch ein Bewusstsein bei manchem Beteiligten, dass die "Emotionen", wie verbale Ausfälle gerne genannt werden, eben doch ziemlich überzogen sind.

Nun mosern einige Vereinsvertreter, dass die Spiele dann ja an Ostern oder in der Woche nachgeholt werden müssen und dafür wieder Zeit mit der Familie draufgeht. Klar, ärgerlich. Aber so ein Protest ist eben nur wirksam, wenn er ein bisschen wehtut. Und vielleicht beschleunigt er die Erkenntnis, dass Fußball nur gemeinsam funktioniert. Keine Schiris, kein Fußball, das ist die simple Botschaft des Boykotts.

Die Schiedsrichter in Halle wünschen sich mehr Respekt und fordern ihn völlig zu Recht ein. Wer das nicht versteht und auch nicht bereit ist, sich auf dem Sportplatz an ein paar allgemeingültige Anstandsregeln zu halten, braucht sich nicht mehr über falsche Abseitsentscheidungen oder einen nicht gegebenen Elfmeter zu echauffieren. Der soll dann lieber zu Hause bleiben und alleine spielen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. Dezember 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2019, 08:41 Uhr

1 Kommentar

jackblack vor 5 Wochen

Die Aktion ist richtig, aber in einer immer respektloseren Gesellschaft OHNE Strafen sehe ich für die Zukunft SCHWARZ.

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