Schiedsrichter in Sachsen-Anhalt "Hatten schon bessere Zeiten"

Weil Schiedsrichter fehlten, wurde in Halle ein kompletter Spieltag abgesagt. Doch wie ernst ist die Situation bei den Referees im Land tatsächlich? Warum tun sich Vereine so schwer, neue Schiedsrichter zu gewinnen? Und was muss man machen, wenn man Schiedsrichter werden möchte? MDR SACHSEN-ANHALT beantwortet die wichtigsten Fragen.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Schiedsrichter gestikuliert.
Ohne Schiedsrichter gibt es keine Fußballspiele. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Groß war die Aufregung, als in Halle ein Spieltag wegen Schiedsrichtermangels ausfallen musste. Insgesamt 15 Partien wurden abgesagt. Markus Scheibel, Schiedsrichter-Obmann beim Fußballverband Sachsen-Anhalts, nimmt der Absagenflut etwas die Dramatik, wenn er sagt: "Auch in früheren Jahren kam so etwas schon mal vor, im Salzlandkreis etwa. Schön ist das aber sicherlich nicht." Was unweigerlich die Frage nach dem Zustand der Schiedsrichterei im Land aufwirft.

Wie ist die Situation der Schiedsrichter in Sachsen-Anhalt?

Aktuell gibt es 1.487 Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen im Land. Ein Jahr zuvor waren es noch 1.622. Auf Bundesebene vertreten drei Schiedsrichter das Land. Miriam Schweinefuß pfeift in der Frauenbundesliga, Josefin Böhm in der 2. Frauenbundesliga und Felix-Benjamin Schwermer in der 3. Liga. Schiedsrichter-Obmann Scheibel gibt unumwunden zu, dass es sicher schon bessere Zeiten für die Schiedsrichter in Sachsen-Anhalt gegeben habe: "Unser Ansetzer haben richtig zu tun, um regelmäßig alle Spiele zu besetzen." Er sagt aber auch, die Situation sei nicht dramatisch. "Ausfälle wie in Halle sind eine Ausnahme."

Momentan gibt es in allen Ligen einen geordneten Betrieb, weil die meisten Schiedsrichter sehr viele Spiele leiten. Vorgeschrieben sind 15 Einsätze pro Jahr. Viele, vor allem ältere Referees, sind jedes Wochenende mehrfach im Einsatz und kommen so auf 50 oder 60 Spiele pro Saison. Manche sogar auf 120.

Welche Probleme gibt es?

Schiedsrichter sind ehrenamtlich tätig. Für die Spiele bekommen sie eine Aufwandsentschädigung. Diese variiert je nach Höhe der Liga. Hinzu kommt eine Erstattung der Fahrkosten. Doch offenbar haben immer weniger Menschen Lust, in ihrer Freizeit Fußballspiele zu leiten. Scheibel führt den Rückgang der Schiedsrichterzahl vor allem auf ein verändertes Freizeitverhalten zurück. Auch die Arbeitszeiten seien sicherlich andere als noch vor 20 Jahren. Hinzu kämen krankheitsbedingte Ausfälle.

Auch Gewalt ist ein Problem. Schiedsrichterbeleidigungen sind auf vielen Plätzen Alltag. Für viele, gerade jüngere Schiedsrichter ist das sicher ein Grund, die Pfeife, an den Nagel zu hängen. Oder gar nicht erst als Schiedsrichter anzufangen. Auch Markus Scheibel sagt: "Jede Anfeindung ist eine zu viel." Er ergänzt aber, dass einzelne Vorfälle heute viel schneller mediale Wellen schlagen würden als früher. "Ich denke, es gibt nicht mehr Vorfälle als vor zehn oder vor 20 Jahren. Aber die Wahrnehmung hat sich geändert." Insgesamt verlaufe der allergrößte Teil der Spiele in geordneten Bahnen. Sonderberichte, also eine zusätzliche Erklärung zu besonderen Vorfällen, seien die absolute Ausnahme.

Ein weiteres Problem ist der fehlende Nachwuchs. Schiedsrichter, die zum Teil jahrzehntelang auf dem Platz standen, beenden ihre Karrieren nach und nach. Jüngere Referees kommen längst nicht in dem Maß nach, wie es notwendig wäre. Vereine tun sich schwer, junge Spieler als Schiedsrichter zu rekrutieren. Daran ändern auch die Strafzahlungen wenig, die Vereine leisten müssen, wenn sie zu wenig Schiedsrichter stellen.

Vereine stellen Schiedsrichter In der FSA-Spielordnung heißt es: "Jeder Verein hat für jede Männer- und Frauenmannschaft sowie Alt-Herrenmannschaft, die im Punktspielbetrieb eingeordnet sind sowie die erste A- und B-Juniorenmannschaft je einen einsatzfähigen Schiedsrichter zu stellen. Die Zahl erhöht sich auf drei Schiedsrichter für alle Männermannschaften, die ab der Landesklasse aufwärts spielen."

Dazu ein Beispiel: Hat ein Verein zwei Herrenmannschaften, ein Alt-Herren-Team und eine A-Jugend, müssen vier Schiedsrichter gestellt werden. Spielt die erste Mannschaft in der Landesklasse oder höher, erhöht sich die Zahl der benötigten Schiedsrichter auf sechs.

Wie können Vereine und Verbände die Situation verbessern?

Die Gewinnung von Schiedsrichtern ist in erster Linie Sache der Vereine. Doch Markus Scheibel und der FSA wissen, "dass wir die Klubs damit nicht alleine lassen können". Deshalb gibt es verschiedene Ansätze, um die Situation zu verbessern. Seit Beginn des Spieljahres gibt es deshalb höhere Aufwandsentschädigungen. "Die Vereine tragen das mit, um so eine höhere Anerkennung der Schiedsrichter auszudrücken", sagt Scheibel. Ausbildungskosten und die Ausrüstung werden ohnehin schon in den meisten Fällen übernommen.

Zudem will der Landesverband nun versuchen, Spieler anzusprechen, die in ihren Mannschaften nicht so oft zum Einsatz kommen. In Magdeburg fand vor einiger Zeit ein Projekt mit dem Ziel statt, Schüler für die Schiedsrichterei zu begeistern. In Kürze soll das wiederholt werden.

Eine andere Stimmung auf den Plätzen könnte ebenfalls helfen, jungen Schiedsrichtern den Einstieg zu erleichtern. Markus Scheibel appelliert deshalb an die Vereine, insbesondere auf die Eltern einzuwirken, damit diese dem Schiedsrichter mit Respekt begegnen. "Auch ein Schiedsrichter muss reifen und wachsen. Dazu braucht er bestimmte Erfahrungen." Kritik sei natürlich erlaubt, aber der Ton mache die Musik.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um Schiedsrichter zu werden?

Jeder ab einem Alter von 14 Jahren kann Schiedsrichter werden. Einzige Voraussetzungen sind Interesse am Fußball und die Mitgliedschaft in einem Verein. Neben der Leitung von 15 Spielen pro Jahr ist auch die Teilnahme an Weiterbildungen vorgeschrieben.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Oktober 2017 | 19:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 15:50 Uhr

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3 Kommentare

11.10.2017 13:49 Axcel - Teil III 3

Er ist allein gegen 22 Spieler plus Trainer. Aus der Psychologie ist bekannt, dass sich in die Ecke gedrängte Personen durch „Flucht nach vorne“ verteidigen. Aber solche Theorien sind, die nicht adäquat ausgebildeten Ausschussmitgliedern, sicherlich fremd.

11.10.2017 13:48 Axcel - Teil II 2

Eine Erhöhung der Spesen ist absolut kontraproduktiv – niemand sollte Spiele aus monetären Aspekten leiten, sondern die Motivation muss stimmen. Hier sollte der FSA ansetzen, vielleicht auch durch Maßnahmen, welche die Identifikation der Schiedsrichter mit dem Verband fördern. Der größte Fehler den Herr Scheibel jedoch, als OBMANN der Schiedsrichter, begeht, besteht in der Tatsache Anfeindungen gegen Schiedsrichter klein zu reden. Wenn ein 14jähriger Schiedsrichter in Jugend- oder Seniorenspielen von Eltern, Trainer und Zuschauer angepöbelt wird und der Verband keine vernünftigen Lösungen offeriert, dann muss man sich nicht wundern, wenn er die „Pfeife an den Nagel hängt“. In der Schule werden Werte wie Würde und Respekt vermittelt, die auf dem Platz keinerlei Beachtung finden. Das passt nun mal nicht in das Weltbild junger Menschen, die sich noch im Reifeprozess befinden. Herr Petersen hat grundsätzlich Recht mit seinen Aussagen, jedoch muss man auch den Schiedsrichter verstehen.

11.10.2017 13:47 Axcel - Teil I 1

Das Problem, was hier umrissen wird, ist seit Jahren existent. Allerdings sind Personen, wie Herr Scheibel die absolute Fehlbesetzung, um diesen Problemen Herr zu werden. Allein, dass die FSA Schiedsrichterseite erst vor gut 3 Wochen aktualisiert wurde, zeigt welchen Stellenwert diesem Bereich im FSA gewidmet wird – obwohl Herr Scheibel hier hauptamtlich tätig ist. Betrachtet man die Einstufung der NOFV Schiedsrichter und Beobachter muss festgestellt werden, dass Sachsen-Anhalt hier die hinteren Plätze einnimmt. Die Schiedsrichterförderung in Sachsen-Anhalt ist ineffizient und vor allem immer noch eine Vetternwirtschaft. Schiedsrichter sind primär Sportler, die durch effektive Fördermaßen geschult und somit auch auf höhere Aufgaben vorbereitet werden müssen. Das muss für alle Schiedsrichter ermöglicht werden und nicht nur für Verwandte von Ausschussmitgliedern auf Kreis- oder Landesebene.

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