Deutschlandpakt und Deutschlandtakt So sieht Sachsen-Anhalts Zugverkehr der Zukunft aus

Bundesregierung, Branchenverbände und Gewerkschaften haben den "Schienenpakt" unterzeichnet. Der sieht unter anderem einen Gesamtfahrplan für Deutschland vor. In Sachsen-Anhalt soll Dessau wieder ans Fernverkehrsnetz angeschlossen werden. Auch am Bahnhof Barby soll es dann wieder Verkehr geben.

Bahnhofsschild Dessau Hauptbahnhof
Dessau Hbf wird wieder zum IC-Systemhalt, auf der Strecke Berlin-Leipzig. Bildrechte: MDR/André Plaul

Die Bahn in Deutschland soll bis 2030 doppelt so viele Menschen befördern, 25 Prozent statt 18 Prozent aller Güter transportieren – und dabei pünktlicher, schneller und auch in der Fläche präsenter sein. Das sind die Ziele im so genannten "Schienenpakt", den Bundesregierung, Branchenverbände und Gewerkschaften am Dienstag beschlossen haben. Kern des Vorhabens ist ein in sich verzahnter Gesamtfahrplan für Deutschland, der Deutschlandtakt. Er plant bereits auf die Minute genau voraus, wann wo in Zukunft welcher Zug wie oft fahren wird. Der mittlerweile dritte Entwurf sieht für Sachsen-Anhalt neue Verbindungen vor – lässt aber auch Hoffnungen platzen. MDR SACHSEN-ANHALT-Bahnauskenner André Plaul beantwortet die wichtigsten Fragen.


Wie soll sich der ICE- & IC-Verkehr in Sachsen-Anhalt entwickeln?

  • Im Fernverkehr soll sich das Angebot dem Entwurf zufolge mehr auf die Bahn-Knoten Halle und Bitterfeld verlegen. Beide erhalten demnach einen Halbstundentakt auf der Relation Berlin-Erfurt. München und Frankfurt sind stündlich angebunden.
  • Dessau soll nach einigen Jahren Pause zurück ans Fernverkehrsnetz. Vorgesehen ist eine zweistündliche Verbindung nach Potsdam und Berlin beziehungsweise Leipzig.
  • Magdeburg, Köthen und Halle bleiben mit stündlichem Fernverkehr verbunden, alle zwei Stunden könnte eine Direktverbindung über Leipzig nach Chemnitz entstehen.
  • Magdeburg erhält laut Plan eine zweistündliche Fernverkehrsverbindung nach Berlin. Über die Bundeshauptstadt wird auch der Fernzug-Korridor in Richtung Ostsee verlaufen. Für Magdeburg hingegen ist im Deutschlandtakt kein Fernverkehr in Richtung Norden, etwa nach Rostock, vorgesehen.
  • Stendal wird im Deutschlandtakt auf der Schnellfahrstrecke Berlin-Hannover eine noch untergeordnetere Rolle spielen. Bereits 2023 wird nach aktuellen Plänen die Anbindung auf der Strecke Amsterdam-Berlin wegfallen. 2030 soll es schließlich keine regelmäßige Anbindung nach Hannover mehr geben. Im Plan steht ein zweistündlicher ICE-Halt je Richtung zwischen Berlin und Karlsruhe.


Welche Änderungen sind im Nahverkehr vorgesehen?

  • Bemerkenswert ist die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke zwischen Schönebeck, Barby und weiter nach Zerbst. Der Abschnitt zwischen Barby und Güterglück wurde erst Ende 2004 stillgelegt. 2013 wurden sogar die Gleise entfernt. Bis 2030 sollen hier nun wieder Züge rollen – im Stundentakt, auf der Relation Uelzen-Magdeburg-Barby-Leipzig.

Rostige Bahnschienen zwischen Bäumen
Erst abmontiert, künftig wahrscheinlich wieder neu verlegt: Gleise zwischen Barby und Güterglück. Bildrechte: MDR/André Plaul

  • Zudem sieht der Deutschlandtakt eine Verlegung der einzigen Magdeburger S-Bahn-Linie vor. Sie verläuft Zeit ihres Bestehens zwischen Schönebeck-Bad Salzelmen und Zielitz. Bis 2030 soll der Halbstunden-S-Bahn-Takt jedoch zwischen Schönebeck-Bad Salzelmen und Burg fahren. Zielitz soll in der Hauptverkehrszeit aber zusätzlich angebunden bleiben.
  • Eingetaktet ist auch die nördlich von Calbe(Saale) geplante Gleiskurve aus beziehungsweise nach Bernburg, womit Züge nicht mehr im Ost-Bahnhof wenden müssen. Geplant ist eine neue stündliche Linie Magdeburg-Schönebeck-Bernburg-Halle-Merseburg-Querfurt.
  • Naumburg, Weißenfels, Merseburg, Großkorbetha, Bad Dürrenberg und die Lutherstadt Eisleben werden ins Mitteldeutsche S-Bahn-Netz angebunden – und somit an den Knoten Leipzig.


Kehrt für Magdeburg das ICE-Zeitalter zurück?

Das gilt als unwahrscheinlich. Trotz Modernisierung sind die Strecken um Magdeburg nicht für Hochgeschwindigkeitsfahrten geeignet. Auch sieht der Deutschlandtakt je nach Linie bereits konkrete Zugformen vor. Zwischen Hannover-Magdeburg-Halle sollen 200 km/h schnelle Züge zum Einsatz kommen. Denkbar sind hier die Triebwagen-IC-Züge vom Typ KISS, wie sie bereits zwischen Berlin und Rostock fahren. Auch die kommenden ECx-Fernzugmodelle der Deutschen Bahn sehen solch ein Tempo vor. Zwischen Magdeburg und Berlin wird laut Deutschlandtakt mit 160 km/h gefahren. Dafür eignen sich die lokbespannten Doppelstock-IC-Züge, wie sie jetzt bereits ein Mal pro Tag auf der Strecke fahren. Die Fahrzeitersparnis im Vergleich zum Regionalverkehr soll zwischen den Hauptbahnhöfen Magdeburgs und Berlins 15 Minuten betragen.


Ist es sicher, dass diese Pläne bis 2030 so umgesetzt werden?

Nein. Der Deutschlandtakt ist der angestrebte Fahrplan, wenn die Baumaßnahmen des Bundesverkehrswegeplans umgesetzt werden. Rechtlich verbindlich ist der Plan nicht, er legt auch keine Finanzierungsvereinbarungen oder Streckenvergaben fest. Dennoch ist der Plan nicht aus der Luft gegriffen: Die Wünsche der Bundesländer zu Linien und Takt wurden berücksichtigt. Außerdem sind ausdrücklich auch einzelne Züge über den Deutschlandtakt hinaus möglich.


Wieso gibt es nicht schon längst einen Deutschlandtakt?

Das liegt vor allem in der Geschichte der Bahn in Deutschland. Mit der Bahnreform 1994 wurden die verschuldete Bundesbahn und die verschuldete Reichsbahn vereint. Ein über Jahre angestrebter Börsengang der Deutschen Bahn hat wenig Spielraum dafür gelassen, dass neue Angebote entwickelt werden.

Der Fernverkehr wird eigenwirtschaftlich betrieben, konzentriert sich somit nur auf nachfragestarke Strecken. Der Nahverkehr wird hingegen mit Steuergeldern über die Regionalisierungsmittel durch die Länder organisiert. Zu gering nachgefragte Strecken werden eingestellt.

Der Deutschlandpakt dreht dieses Prinzip um, entwickelt das Angebot nicht nach der Nachfrage. Stattdessen wird zuerst der Fahrplan erstellt, darauf die Infrastrukturplanung aufgebaut. Im komplexen System Bahn, das aus Technik, Infrastruktur und viel Personal besteht, benötigen Zukunftskonzepte einen nicht unerheblichen zeitlichen Vorlauf.


Kann der Deutschlandtakt 2030 in Sachsen-Anhalt gelingen?

Durch den modernen Güterbahnhof in Halle und die weitere Digitalisierung in diesem Bereich ist Sachsen-Anhalt beim Ziel, mehr Güter auf die Schiene zu bringen, gut aufgestellt. Die Strecke Magdeburg-Stendal bleibt, wenn auch nicht für den Fernverkehr bedeutend, ein wichtiger Güterverkehrskorridor. Die nach Plan wieder aufgebaute Strecke über Barby bildet eine weitere Elbquerung zur Entlastung des Güterverkehrs.

Im Personenverkehr sind die geplanten Fernlinien Magdeburg-Berlin und Berlin-Dessau-Leipzig ein deutliches Bekenntnis, die parallel verlaufenden Autobahnen 2 und 9 zu entlasten. Das Umlegen, Zusammenlegen und Verknüpfen von bisher einzelnen Strecken ermöglicht neue Reiseverbindungen. Der S-Bahn-Ballungsraum Halle-Leipzig wird zugunsten vieler Pendler erweitert. Mehr Zugverkehr in den Regionen findet, bis auf die Reaktivierung der sehr ländlichen Strecke über Barby nicht statt. Die westliche Altmark bleibt das größte zusammenhängende Gebiet Sachsen-Anhalts ohne Zugverkehr.

Ein gelbes Backsteingebäude mit Wildwuchs neben Bahnschienen
2004 fuhr durch Barby der letzte Personenzug, der Bahnhof ist verfallen. Bildrechte: MDR/André Plaul

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | Podcast "Der Tag" | 05. Juli 2020 | 17:00 Uhr

9 Kommentare

Rotti vor 20 Wochen

Der Prügelknabe Bahn, wie Sie ihn so schön nennen, hat zig wunderschöne Bahnhöfe vergammeln lassen. An solchen Fakten sollten sich die Millionen - Vorstands-Gehälter und Boni orientieren.

Rotti vor 20 Wochen

Sachsen-Anhalt war mal recht gut in der Fläche mit dem Schienennetz erschlossen. Leider ist das zu einem erheblichen Teil der "Deindustrialisierung" des Landes zum Opfer gefallen.
Was mich sehr verwundert ist, dass man in den Städten offenbar zu vergessen scheint, wie wichtig der Erhalt der Kulturlandschaft durch die Dörfer ist.
Die Blüten treibt beispielsweise der Drömling.

Dab vor 20 Wochen

Hallo werter Altmagdeburger.Das schöne Sachsenanhalt hat eine Schnellfahrstrecke (Berlin-Stendal-Wolfsburg-Braunschweig/Hannover),teilweise durch ein Naturschutzgebiet genehmigt,die angeblich Schneller ist,als ein kurzer Halt in Magdeburg .Somit hat es unsere Landesregierung (mit kleiner Enschädigung) selbst Verursacht,das die Landeshauptstadt kein ICE -Halt mehr Wert ist.

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