Gastbeitrag Die Lehren der Zeit: Wir müssen Lernen und Schule verändern!

Ines Bieler, Martin-Luther-Universität Halle
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Dass Lernen auf absehbare Zeit nicht mehr wie bisher ablaufen wird, sollte jedem klar sein. Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte kämpfen sich durch die von COVID19 verursachte Krisensituation. Ines Bieler, lange selbst Lehrerin und heute wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Projekt "Digital kompetent im Lehramt" an der Uni Halle sagt: Jetzt ist die Zeit, grundlegend etwas zum Besseren zu verändern.

Die 14 Jahre alte Lilli hat auf einem Laptop die Lernplattform "mebis" für bayerische Schulen geöffnet.
Alles gehört auf den Prüfstand: Nach der Corona-Krise müssen wir lernen, neu zu lernen, meint unsere Gastautorin. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Tobias Thiel hat in seinem Blogbeitrag sehr eindrücklich die Elternsicht geschildert. Sein Bericht zeigt aber auch, wie Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer mit der Situation umgehen. Der Blogbeitrag gibt zwar nur einen kleinen, dafür aber sehr konkreten Blick in den Alltag von Familien mit schulpflichtigen Kindern.

Daran lassen sich einige strukturelle Probleme im Bildungsbereich erkennen, die durch die Krisensituation deutlicher als bisher sichtbar werden. Ich bin sehr skeptisch, ob sich diese Probleme mit der stufenweisen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts verbessern. Denn erfolgreiches Lernen geht nur, wenn alle Beteiligten – Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrerinnen und Lehrer – einbezogen werden und gemeinsam diesen Prozess gestalten.

Distanzlernen hinterfragt Schule

Den gewohnten, den alten Unterricht wird auch die langsame und stufenweise Aufhebung der Lockerungsmaßnahmen nicht wiederbringen. In der Zeit des Distanzlernens wird die Rolle von Schule und Lernen hinterfragt. Es wird klar: Lernen ist nicht allein an Schule gebunden. Schule ist nur die bisher im gesellschaftlichen Konsens gefundene organisatorische Form des Lernens.

Eine Frau mit blonden Haaren und dunkler Brille
Ines Bieler ist überzeugt, dass der "alte" Unterricht nicht wiederkommt. Bildrechte: Ines Bieler

Jetzt spüren Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern deutlich, dass Lernen ein sehr individueller Prozess ist, der vor allem intrinsische Motivation braucht. Sie muss geweckt und unterstützt werden. Und das ist sehr stark von der Beziehungsarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden abhängig.

In der Handreichung des Landesinstituts für Schulqualität und Lehrerfortbildung vom 30. April 2020 werden Anregungen und Hinweise bei Wiederaufnahme des Schulbetriebes gegeben. Dort steht: "Entscheidend ist eine sinnvoll geplante Verknüpfung beider Phasen (Distanz- und Präsenzlernen) durch die Bereitstellung von Materialien, Medien, Arbeitsaufträgen oder Lernarrangements."

Diese Verknüpfung von Distanz- und Präsenzlernen ist derzeit die große Herausforderung für Lehrende. Denn sie trifft die meisten unvorbereitet. Bis jetzt war das Lernen in der Schule immer als Präsenzveranstaltung mit altbekannten und festgeschriebenen Rollenverständnissen verbunden: Kontrolle, Vermittlung und Überprüfung waren selbstverständlich für Lehrerinnen und Lehrer.

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Lernen und Lehren in der Digitalität

Durch das krisenbedingte Distanzlernen sind viele dieser etablierten Organisationsformen von Lernprozessen nicht mehr möglich. Und es zeigt sich: Diese Art der Organisation von Lernprozessen ist lehrerzentriert, wenig an den Schülerinnen und Schüler orientiert und muss deshalb überdacht werden.

Deshalb sollten nicht einfach nur neue Wege gefunden werden, um analoges Lernen und die damit verbundenen bisherigen Abläufe zu digitalisieren. Wichtig wird sein, die Neuartigkeit des Lehrens und Lernens unter den Bedingungen der Digitalität zu verstehen, zu nutzen und weiterzuentwickeln.

Alles gehört auf den Prüfstand

Ein Schüler vor einem Berg voller Hausaufgaben.
Das pure Ausfüllen von Arbeitsblättern sieht Bieler besonders kritisch. Bildrechte: Doreen Lang

Distanzlernen und auch, wie jetzt in dieser Phase der Wiederaufnahme des Schulbetriebs, Blended Learning, die Kombination von Distanz- und Präsenzphasen, verändern Lehren und Lernen. So werden Noten, Bewertungen, Prüfungen und Lehrpläne weniger wichtig und das Lernen transparenter und individueller. Und selbst der Unterrichtsbeginn und die Zeitstrukturen von Schule werden womöglich anders gestaltet werden müssen.

Fünf Forderungen von Ines Bieler

1. Wir müssen über Distanzlernen sprechen – nicht über Homeschooling. Beim Distanzlernen müssen Lehrerinnen und Lehrer vor allem die Motivation der Schülerinnen und Schüler wecken.

2. Noten, Prüfungen und Lehrpläne müssen im ersten Schritt an das Distanzlernen angepasst werden, gehören aber auch generell hinterfragt.

3. Schülerinnen und Schüler sollten fächerübergreifende, langfristige Arbeitsaufträge bekommen – Lehrerinnen und Lehrer sollten individuelle Beratung geben.

4. Das Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler kollaborative und kreative Lösungen für ihre Arbeitsaufträge finden und präsentieren.

5. Lehrerinnen und Lehrer sollen Schülerinnen und Schüler bei ihren Arbeitsaufträgen beraten. Denn Lehren und Lernen müssen als Beziehungsarbeit begriffen werden.

Der Schwerpunkt der Lehr- und Lernprozesse muss auf altersgerecht angepassten, langfristigen und komplexen Arbeitsaufträgen liegen. Sie sollten am besten fächerübergreifend sein – ein Aspekt, der bisher viel zu wenig Beachtung fand und ein Neudenken der Lehrplanvorgaben erfordert. Aber nur so können Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler zu kreativen und bestenfalls kollaborativen Lösungen führen. Deshalb sehe ich das einfache Ausfüllen von Arbeitsblättern besonders kritisch.

Lernen heißt Beziehungen pflegen

Der wichtigste Aspekt aber, unabhängig von Distanz- oder Präsenzphase, ist die Beziehungsarbeit, denn Lernen ist immer Beziehungshandeln. Und dies muss auf einer sehr persönlichen, individuellen Ebene stattfinden. Hierfür lassen sich hervorragend digitale Tools nutzen – zum Beispiel um individuelle Beratungen in Sprechstunden anzubieten.

Lehrerinnen und Lehrer können so für jeden flexibel erreichbar sein und als Ansprechpartner fungieren. Deshalb wird es auch weiter nicht mit der "Bereitstellung von Materialien, Medien, Arbeitsaufträgen" getan sein.

Es geht darum, eine Atmosphäre des Vertrauens und der Fürsorge zu schaffen und die dialogische Struktur des Lernens auch ohne Präsenz aufrechtzuerhalten. Die digitalen Werkzeuge machen es möglich! Nutzen wir sie – auch damit Eltern nicht mehr über Schulfrust schreiben müssen!

Ines Bieler, Martin-Luther-Universität Halle
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Ines Bieler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "DikoLa - digital kompetent im Lehramt" am Zentrum für Lehrer:innenbildung der Martin-Luther-Universität in Halle. Sie war mehr als 20 Jahre lang Lehrerin für Deutsch, Englisch und Geschichte und hat an verschiedenen Gymnasien unterrichtet. In ihrem Blog "Ines Blog" schreibt sie regelmäßig über die digitalen Möglichkeiten im Bildungsbereich.

Quelle: MDR/mar,ld

9 Kommentare

makeratschool vor 18 Wochen

Wenn ich so einen hirnverbrannten Unsinn lese, wie die Texte, die "Altlehrer" und "Exilzeitzer" hier verzapfen, dann registriere ich mich sogar beim MDR.
Genau solche Typen sitzen in allen Etagen und Einrichtungen unseres Bildungssystems und verhindern seit Jahrzehnten eine Weiterentwicklung bzw. Modernisierung.
Technologiefeindliche, um ihr "Herrschaftswissen" besorgte "alte weiße Männer" die versuchen mit aller Gewalt ein System aufrechtzuerhalten, dass vor allem Ungleichheit unterstützt. Eine Ungleichheit in der sich solche Typen gemütlich eingenistet haben und alles dafür tun, dass sie unter sich bleiben.
Vor allem, wenn man dann auch noch Unwahrheiten verbreitet die einer kurzen Überprüfung nicht standhalten und in solchen Sätzen gipfeln: "Webseiten, die nicht von der Schule organisiert und übergeordneten Behörden genehmigt wurden, dürfen nicht von Lehrern genutzt werden.". Wenn ich so einen Schmarrn lese geht mir der Hut.
Schämt euch

Anja Stuebig vor 18 Wochen

Was ich nicht verstehe, warum immer nur Kommentare von frustrierten Eltern und Bildungswissenschaftlern veröffentlicht werden. Warum fragt man nicht mal Lehrerinnen und Lehrer. Es wird immer so getan, als seien wir Lehrerinnen und Lehrer nicht willig, aber dem ist nicht so. Wir stoßen nur auch an unsere Grenzen. Als Lehrer ist man auch frustriert, wenn man den Schülern tolle kreative Aufgaben gibt oder Videos dreht und sich die Hälfte der Schüler diese nicht mal anschaut. Wenn Eltern ihren Kinder das Internet abdrehen, weil sie arbeiten sind und die Kinder nicht daddeln sollen, so dass sie nicht am Onlineunterricht teilnehmen können. Oder wenn Schüler ein eigenes Video drehen sollen und die Schüler keins drehen, weil das ja alles Datenschutz ist. Das Schulsystem in Deutschland ist auch nicht fächerübergreifend angelegt. Es wäre besser, wenn sich alle Beteiligten mal zusammensetzen, anstatt immer solche Kommentare in diversen Zeitungen zu veröffentlichen, dass bringt niemanden etwas.

Anja Stuebig vor 18 Wochen

Ich bin Lehrerin an einem Gymnasium. Wenn ich jeden meiner Schüler/innen anrufen müsste, dann würde ich 200 Telefonate in der Woche führen. Wenn jedes Telefonat nur 10 Minuten dauert, dann sind das schon alleine fürs anrufen nur 33h. Dann soll ich mir tolle digitale Unterrichtsideen ausdenken und das bitte nicht nur als schnödes Arbeitsblatt sondern ja bitte ein bisschen mehr Methodenvielfalt. Nebenbei betreue ich dann noch meine Kinder (ja auch Lehrer haben welche), da die Notbetreuung eine Stunde früher schließt als sonst. Achja, und der Präzenzunterricht in Klasse 11 (ein Lehrer in zwei Räumen gleichzeitig) und die Abiturprüfungen müssen auch noch abgedeckt werden... wir Lehrer stoßen dabei auch an unsere Grenzen. Ich selber organisiere Videokonferenzen, aber leider können nicht alle Schüler daran teilnehmen, weil sie in einem Dorf wohnen, wo das Internet wegen der ganzen Homeoffice-Leute überlastet ist. Vielleicht sollte man das bedenken, bevor man wieder lehrerbashing betreibt.

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