Kinder und Lehrerin in Klassenzimmer
Die Klasse 7e an der Johannes-Gutenberg-Sekundarschule in Wolmirstedt beim Unterricht an der interaktiven Tafel. Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Digitalisierung in der Bildung So geht Schule 2.0

Digitaler Unterricht ist an manchen Schulen in Sachsen-Anhalt bereits Realität. Dennoch spielt das Land eher in der dritten Liga, was Digitalisierung angeht, sagt Bildungsexperte Olaf Kleinschmidt. Der Magdeburger bietet selbst Konzepte für interaktiven Unterricht an, war jahrelang Lehrer und hat Erfahrung im Umgang mit digitalen Klassenzimmern.

Kinder und Lehrerin in Klassenzimmer
Die Klasse 7e an der Johannes-Gutenberg-Sekundarschule in Wolmirstedt beim Unterricht an der interaktiven Tafel. Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Herr Kleinschmidt, wo steht Sachsen-Anhalt in Sachen Digitalisierung im Bundesvergleich?

Ich würde sagen, wir spielen dritte Liga, wir sind Durchschnitt hier in Sachsen-Anhalt.

Der Bundesvergleich ist relativ schwer, weil die Informationen fehlen und weil jedes Land seine eigene Bildungspolitik macht. Im Bundesvergleich sind wir auf bestimmten Ebenen ziemlich weit vorn. Auf anderen Ebenen sind wir ziemlich weit hinten. 

Olaf Kleinschmidt, ein Mann sitzt vor einer Tafel
Bildungsexperte Olaf Kleinschmidt Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Ich habe Ende Oktober das IKT-Konzept des Landes Sachsen-Anhalt (IKT = Informations und Kommunikations-Technologien) gemeinsam mit dem Finanzministerium und dem Altmarkkreis auf dem Landkreistag in Thüringen vorgestellt. Konzeptionell, auch was die Verteilung von Fördermitteln betrifft, sind wir sehr weit vorn. Die Umsetzung ist letztlich etwas, wo es hakt, weil da verschiedene Player an verschiedenen Stellen parallel arbeiten müssen, um die ganze Sache voranzutreiben. Am Ende hängt es an Personen: an engagierten Schulleitern, engagierten Lehrern und auch an Landkreisverwaltungen.

Wir wissen heute, dass sich die Rolle des Schulträgers im Rahmen der Digitalisierung komplett verändern wird. Und es braucht auch Personen in den Gremien der Ministerien, die sich das auf ihre Fahnen schreiben und das vorantreiben.

Da haben wir dann wieder verschiedene Ministerien mit verschiedenen Zuständigkeiten. Das Finanzministerium ist für die Infrastruktur zuständig, das Bildungsministerium ist zuständig für die bildungspolitischen Inhalte und dann gibt es auch noch ein Digitalisierungsministerium. Diese Player muss man irgendwie zusammen bringen und je mehr Player es sind, umso mehr Stolpersteine gibt es dann in der Umsetzung. 

Welche Chancen bietet Digitalisierung in der Schule?

Ein Mädchen schaut auf einen Tablet-Computer.
Unterricht am Tablet Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Das Hauptaugenmerk in der Schule muss auf Schüler und Lehrer gerichtet sein. Wir sprechen heute viel zu viel über Technik. Wir sprechen viel zu viel über Breitband und ähnliche Dinge. Wir sprechen aber viel zu selten über Pädagogik.

Meiner Meinung nach muss die Digitalisierung im Bildungswesen dazu führen, dass die Schüler lernen, mit diesen Umständen der Digitalisierung umzugehen. Und das sollte individualisiert geschehen. Jeder in seinem Lerntempo, mit seinen Chancen und nicht, wie es im Normalfall läuft, dass alle das Gleiche machen, dass der Lehrer Frontalunterricht macht, dass alle das gleiche Lerntempo haben. Das funktioniert in einer digitalisierten Schule – und das sind internationale Erfahrungen – gar nicht. 

Ich sage immer, Pädagogik vor Technik. Die beste Technik macht schlechten Unterricht nicht besser. Man kann nicht mit alten Fragen an die neue Technik heran gehen. Dass die Schüler den Umgang mit der digitalen Technik lernen, ist dringend notwendig- denn in der Zukunft werden „Wissensarbeiter“ gebraucht. Lehrer sind dabei im besten Fall nicht mehr allwissend, sondern  "Lernbegleiter".

Ist ein Whiteboard – also eine digitale Tafel – der entscheidende Schlüssel für digitalen Unterricht? 

Wie bei allen Dingen macht die Dosis das Gift. Die interaktive Tafel hat ihre Einsatzchancen und kann aber bestimmte Dinge auch nicht.

Ein wichtiger Punkt ist für den Lehrer, dass er die Lerninhalte abspeichern und fortführen kann. Im normalen System ist die Tafel irgendwann voll und wird abgewischt. 

Bei den interaktiven Tafeln machen für den Lehrer Kleinigkeiten den großen Unterschied. Eine interaktive Tafel in einem Klassenraum ist definitiv kein Lehrerwerkzeug sondern ein Werkzeug für die Schüler: um zusammenzuarbeiten, um Dinge zu entwickeln, Problemlösungen zu finden und diese dann abzuspeichern und an andere verteilen zu können. Solche Dinge sind Tafel 2.0. Frontalunterricht an einer interaktiven Tafel ist aber nur Bildung 1.0. 

Geht das auf Kosten der klassischen Lerninhalte und Fähigkeiten – lesen, schreiben, rechnen, werken?

Das ist die klassische Skeptikerfrage. Es gibt natürlich Berichte in den Medien, da heißt es über einzelne Schulklassen, `die machen alles nur noch mit ihrem Tablet´. Im Unterricht arbeiten, Zuhause arbeiten oder Abiturprüfungen auf dem Tablet. Das ist ein Szenario, das kompletter Unsinn ist.

Eine herkömmliche Abiturprüfung auf einem Tablet abzulegen, also fünf Stunden einen Deutsch-Aufsatz zu schreiben, ist Unsinn. Man müsste in dem Fall auch das Setting der Prüfung komplett verändern.  

Kinder in einem Klassenraum. Ein Mädchen scannt einen QR-Code, der auf einem Blatt an einer Tafel steht
Verschwindet die normale Tafel aus den Klassenzimmer? Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Und dann kommt immer die Frage, `Lernen die jetzt nicht mehr, mit der Hand zu schreiben?´, `Lesen die keine Bücher mehr?´ Das ist alles Unsinn, denn digitales Lernen ist die Integration einer zusätzlichen Technologie, die in das Lernszenario hinein kommt und keine Verdrängung.

Alle, die von Verdrängung reden, müssen beruhigt werden. Kein Schüler der Welt wird Handschrift mit dem Tablet-PC lernen. Er wird den Tablet-PC aber mit einem Stift vielleicht besser bearbeiten als mit der Maus. 

Müsste der Zugang zu schnellem Internet zügiger gehen?

Alles, was wir heute über die Digitalisierung wissen und hören ist seit 30 Jahren bekannt. Der Computer hat sich nur in seinem Design und seiner Geschwindigkeit verändert. Es gab damals schon einige, die es erkannt haben, dass die Computer ihren Platz im Bildungsbereich finden müssen, zum Beispiel Steve Jobs. Also das ist alles nicht neu. 

Eine Lehrerin erklärt Kindern etwas an einem Tisch.
Mathelehrerin Josephine Mewes mit Klasse 7e in Wolmirstedt. Bildrechte: MDR/Uta Kroemer

Das große Problem ist der Zugang zum Internet. Das ist das große Problem, das in Deutschland und Sachsen-Anhalt stiefmütterlich behandelt wurde und nicht vorankam. Wenn man jetzt sagt, bis 2020 soll sich der Status verbessern, dann ist die Tatsache einfach, dass es aktuell gar nicht so viel Glasfaserkabel gibt. Es gibt auch nicht genug Baufirmen. Es wird also nicht funktionieren. Man müsste noch in diesem Jahr starten, um bis 2022 eine sinnvolle, flächendeckende Versorgung zu haben.

Es gibt sogar Schulen, die mieten sich eigenständig einen Radlader und buddeln übers Feld um an den nahegelegenen Internetanschluss zu kommen. 

Allerdings: Wenn die Schulen aber erst in zwei Jahren den schnellen Internetanschluss für ihre heute beschaffte Technik bekommen, ist diese dann schon wieder veraltet.

Sollte das Bildungsministerium Vorgaben für die Digitalisierung an den Schulen machen?

Ja, und es sollten Vorgaben sein, die auch durchzusetzen sind. Das heißt, in den entsprechenden Gremien der Ministerien müssen nicht nur Fachleute sitzen sondern auch Entscheider. Und man muss die Ziele so stecken, dass sie erreichbar sind.

Die Vorgaben sollten auch regeln, die digitale Spaltung, die durch die Elternhäuser und deren finanzielle Kapazitäten auftaucht, zu beseitigen. Lernfortschritt und eine Vorbereitung auf die Berufswelt muss in den Vorgaben enthalten sein. Das muss das Ministerium so konkret und so praxisnah wie möglich vorgeben.

Wir haben es in Sachsen-Anhalt nach fünf Jahren geschafft, dass wir eine Rahmenempfehlung haben, wie IT in der Schule aussehen soll. Die ist inzwischen schon zwei Jahre alt. Das heißt, wir müssen die Rahmenempfehlungen wieder überarbeiten. Andere Länder haben solche Vorgaben im Wesentlichen nicht. Da, wo diese Vorgaben da sind, sind die Schulträger vor allem sehr dankbar, weil sie wissen, in welchen Bereichen sie planen und agieren können. Wir brauchen daher auch pädagogische Vorgaben.

Zusammengefasst brauchen wir eine technische Basis. Dazu brauchen wir inhaltliche Regeln und dann kann jeder diese Technik benutzen. Das muss das Ziel der Ministerien sein.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 13.11.2017 | 22:05 Uhr

Quelle: MDR/as

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2017, 05:26 Uhr

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7 Kommentare

15.11.2017 15:40 Altlehrer 7

Sicherlich hat Herr Kleinschmidt als ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik durchaus Verbindungen zu aktuellen Bildungsproblemen. In erster Linie ist er aber Inhaber einer Firma, die ihre Umsätze mit der Digitalisierung des Unterrichts in S-A generiert. Das ist legitim, sollte aber auch erwähnt werden.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Das stimmt, wir haben es deshalb in den Vorspann geschrieben.

15.11.2017 06:50 Frauke Garstig 6

Ein interaktives Whiteboard sollte mittlerweile als Grundausstattung eines jeden Klassenzimmers gehören, ebenso die dazugehörige vernetzte Hardware für die Schüler/innen! Diese quarkige Diskussion wäre vor 15 Jahren schon längst überfällig gewesen!

13.11.2017 21:02 Daniela Küllertz 5

Es ist eine nicht zu übersehende Tatsache, dass wir in digital-vernetzten Lebensräumen arbeiten, an Gesellschaft teilhaben und gemeinsam (tatsächlich weltweit) sehr viel einfacher Wissen produzieren und teilen können. Wenn Schule es möglich macht, auf der Höhe technischer Möglichkeiten zu lernen, irgendwann erfolgreich erwerbstätig zu sein und selbstbestimmt zu leben, hat sie ihren Bildungsauftrag erfüllt. Die Möglichkeiten, die uns durch Digitalisierung und Vernetzung gegeben sind, verändern auch den Umgang mit anderen Kulturtechniken. Dennoch werden diese dort, wo es pragmatisch Sinn macht, weiterhin ihre Berechtigung haben. Und nicht zuletzt können problematische Handlungsweisen in digital-vernetzten Lebensräumen (zB. Hate-Speech, unreflektierte Selbstpräsentation, FakeNews) nur verstanden werden, wenn ich um informatische / technische Strukturen weiß. (Ganztags-)Schule ist der beste Ort, diese Kompetenzen zu erwerben.

13.11.2017 18:36 Helmut Thiel 4

Ich bin der Schulleiter der Ganztagsschule "J. Gutenberg", der Schule, an der der Fachtag stattgefunden hat. Es hat mich sehr gefreut, so viele interessierte und kompetente Teilnehmer an meiner Schule begrüßen zu können. Alles Verantwortungsträgers, die erkannt haben, dass die Digitalisierung im privaten Leben, aber vor allem im Berufsleben bereits nicht mehr wegzudenken ist. Genauso wurde aber sichtbar, dass der Bildungsbereich deutliche Reserven aufweist. Ich wünsche mir eine förderliche Zusammenarbeit der Verantwortungsträger auf allen Ebenen. Lassen Sie uns gemeinsam die Voraussetzungen für ein erfolgreicheres Lernen durch eine pädagogische Digitalisierung schaffen. Zweifler und Mahner gehören zu jedem Entwicklungsprozess, zwingen sie uns doch Veränderungen lieber zweimal zu überdenken und Ergebnisse konkret nachzuweisen. Lassen Sie uns aber auch Mut haben, alles für eine gute Zukunft unser Kinder und Jugendlichen zu tun. Positive Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten.

13.11.2017 18:30 Kurt Schulze 3

@1: Durch die digitalen Medien wird die Arbeit für Lehrer nicht weniger sondern viel mehr. Auch deshalb scheuen sich viele Lehrer vor diesem Medium - denn alte Stundenvorbereitungen sind mit der Einführung des digitalen Unterrichts nur noch für den Reißwolf.
@2: Die Zeiten lassen sich auf dem flachen Land (Altmark) sich noch leicht überbieten. Und "ja" - hier ist die KMK gefragt. Evtl. sollte man tatsächlich wieder über Abi nach 13 Jahren nachdenken (wie es bereits einige anderen Bundesländer bereits machen).

13.11.2017 12:30 Ein Vater 2

Bevor man über die Digitalisierung nachdenken sollte, müsste generell die Bildung überdacht werden. Es kann doch nicht sein, dass Kinder in der heutigen Zeit keine Freizeit mehr haben. Meine Tochter geht in die 7. Klasse (Gym) Montag ist Sie 16.45 Uhr zu hause und Di, Mi, Do 15.45 Uhr. Dann noch Hausaufgaben und lernen für Klassenarbeit und Tests. Kein Tag in der Woche ist Sie vor 18.00 Uhr fertig mit der Schule! Das ist mehr, wie jeder Berufstätige arbeitet! Wie soll sich das weiter entwickeln?

13.11.2017 11:08 Hannchen 1

Schule 2.o klingt gut und ich bin bestimmt eine moderne Oma. Aber ich werde von meinen Enkeln nie einen handgeschriebenen Weihnachtsgruß bekommen, weil durch pc, Smartphones sie. die Handschrift so vernachlässigt Wird, dass alles nur noch digital geschieht. Das ist total traurig. Hauptsache für die Lehrer weniger Arbeit.

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