Herausforderungen in der Krise Wie es sich anfühlt, in Zeiten von Corona hochschwanger zu sein

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Die derzeitige Lage ist eine Herausforderung für uns alle und bestimmt unseren Alltag. Jede Geschichte ist dabei auf individuelle Weise fordernd. Besonderen Sorgen sieht sich eine Schwangere aus Magdeburg konfrontiert.

Schwangere Frau sitzt an der Elbe
Hoffnungsfroh in die Zukunft blicken trotz vieler Unsicherheiten – gar nicht so einfach für eine schwangere Frau. Bildrechte: Ulrike Schwarz

Antje ist in einer der glücklichsten Phasen ihres Lebens. Eigentlich. Wäre da nicht die Corona-Krise. Antje ist schwanger mit ihrem zweiten Baby. Sie ist im neunten Monat und bis zur Geburt bleiben nicht mal mehr drei Wochen. Sie spürt ihr Baby, hört den Herzschlag, kann die Fußtrittchen spüren. Doch anstatt sich im Mutterschutz ganz auf das Wunder des neuen Lebens zu freuen, ist ihr Leben gerade von Sorgen geprägt.

Man möchte bei der Geburt den Vater dabei haben

Insbesondere wenn sie abends zur Ruhe kommt, kommen Fragen auf: "Ich überlege mir, was kann jetzt noch alles passieren, stecke ich mich vielleicht an, wird sich irgendjemand aus meiner Familie anstecken." Zudem fragt sich die Magdeburgerin, wie die Situation im Krankenhaus sein wird. Viele Krankenhäuser lassen die Väter nicht mehr auf die Geburtenstation, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Zu wissen, dass der Vater nicht mitdarf, wäre für mich wirklich eine ganz schlimme Vorstellung. Weil so eine Geburt unheimlich emotional ist. Es passiert so viel und das möchte man einfach zu zweit machen und da möchte man auch jemanden haben, der einem hilft.

Die Vorstellung, allein in den Wehen zu liegen, ohne die unterstützende Hand ihres Partners, sei ganz schlimm. Hinzu komme, dass auch die Stunden und Tage nach der Geburt in dem Falle ohne Familie und Partner wären, da kein Besuch empfangen werden darf. "Das stelle ich mir total hart vor". Im Krankenhaus St. Marienstift in Magdeburg, wo sie die Geburt plant, hat der Vater bisher ein Besuchsrecht. Die Lage ist jedoch dynamisch, keiner weiß, was demnächst passiert. "Ich hoffe, dass dort das Besuchsrecht für den Vater beibehalten wird", so die 36-Jährige.

Vater Mutter und Kind im Krankenhaus nach Geburt
Die meisten Eltern wünschen sich, die Geburt gemeinsam durchzustehen. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Was ist wenn... oder die Angst vor der Ansteckung

Zu ihrer Hebamme sei der Kontakt bisher bis auf wenige hygienische Vorkehrungen normal. Die Hebamme habe ihr erklärt, wie es in der aktuellen Situation ablaufen würde und habe ihr einige Ängste genommen. Von ihr wisse sie auch, dass die Krankenhäuser versuchen, die Patientinnen so schnell wie möglich zu entlassen, also bereits nach 48 Stunden, die Normalzeit wäre 72 Stunden. Schwierig würde es allerdings werden, wenn sie sich infiziert oder Symptome zeigen würde. Dann müsste Antje an ein anderes Krankenhaus verwiesen werden, da es im St. Marienstift keine Kinder-Notfallstation gibt.

Was ist, wenn ich mich kurz vorher anstecken würde und dann nicht stillen kann, weil ich das Kind potentiell gefährde,

fragt sich die junge Mutter, die bereits bei ihrem ersten Baby großen Wert auf das Stillen legte.

Mein erster Gedanke war tatsächlich die Angst vor der Überforderung.

Das größte Thema für sie sei allerdings die Betreuungssituation. Sie und ihr Partner haben einen dreijährigen Sohn. Der Partner ist selbstständig mit einem Handwerkerbetrieb und kümmert sich ums Geschäft, kann demnach nicht zu Hause bleiben. Gleichzeitig mit dem ersten Tag ihres Mutterschutzes schlossen zudem die Kitas. Wann sie öffnen, ist bisher bekanntermaßen nicht klar.

"Ich weiß einfach nicht, wie lange kann ich diese Doppelbelastung leisten. Mein erster Gedanke war tatsächlich die Angst vor der Überforderung. Hochschwanger meinen dreijährigen Sohn zu betreuen und dann auch keine Hilfe von der Familie bekommen zu können."

Verunsicherung in der Familie

Ihre Eltern können sie nicht unterstützen, da sie beide über 60 Jahre alt sind, systemrelevante Jobs haben und zudem 100 Kilometer weit wohnen. Sie hat zwar eine Schwester, diese ist aber auch gerade in der Quarantäne, da sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus Spanien ausreisen musste, wo sie eigentlich leben. "Es ist aber auch ein großes Fragezeichen: Dürften sie überhaupt herkommen, um mich zu unterstützen. Man hat einfach Angst, etwas falsch zu machen." In der Familie herrsche viel Verunsicherung "was ist ok, was nicht, da die Regeln ja auch nicht ganz klar sind".

Antje versucht, stark zu bleiben: "Ich weiß, dass ich das alles allein wuppen muss. Andere Mütter schaffen das ja auch." Dennoch sei alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt habe. "Diese sechs Wochen Mutterschutz sind ja eigentlich dafür da, damit die Mutter sich erholen und auf die Geburt einstellen kann – diese Möglichkeit ist nun weg. Im Augenblick ist es ein 24/7 Job mit Open End und das ist auch das, was mich so belastet, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht. Keiner kennt die Situation, keiner weiß, was wird passieren und wie lange dauert das Ganze. Und das macht mich einfach so wahnsinnig. Wenn ich wissen würde, das dauert noch so und so lange, das wäre einfacher."

Im Augenblick ist es ein 24/7 Job mit Open End und das ist auch das, was mich so belastet, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht.

Antje raubt insbesondere die Kraft, dass für sie selbst aktuell keine Zeit bleibt: "Ich hatte mich auf den Mutterschutz total gefreut, weil ich sonst sehr viel arbeite und gerade vorher viel gepowert habe, damit ich vor dem Mutterschutz alles fertig bekomme. Und jetzt hat man gar keine Freiheiten mehr". Die Tage seien bestimmt von der Kinderbetreuung und dem Haushalt. Sich etwas Gutes zu gönnen, etwas Erholung für die Seele, das fehle ihr sehr.

Jugendamt sieht Vaterschaftsanerkennung nicht als Notfall

Zudem bereitet ihr eine bürokratische Hürde Bauchschmerzen: "Wir sind nicht verheiratet und haben für die Vaterschaftsanerkennung eine Ablehnung vom Jugend- und Standesamt bekommen, da es kein Notfall ist. Unserer Ansicht nach, ist es einer, weil wenn der Vater nirgends eingetragen ist und bei der Geburt etwas passiert, dann hat er per se keine Rechte", erzählt sie verärgert.

Eine Schwangere
Die Corona-Krise ist herausfordernd für schwangere Frauen. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Ritzau Scanpix

Das Jugendamt Magdeburg hat eine interne Verfahrensweise zum Thema Beurkundungen abgestimmt, teile das Amt MDR SACHSEN-ANHALT mit. Demnach werden Beurkundungen, die notwendig sind, "weil sonst Rechte nicht in Anspruch genommen werden können, aktuell noch beurkunden. Eine solche Situation haben wir bisher aber noch nicht erlebt", heißt es vom Jugendamt. "Es gibt aus unserer Sicht im Moment wenige Situationen, die denkbar wären, in denen eine Vaterschaftsanerkennung sofort notwendig ist", heißt es weiter. Die Lage werde nach Ostern gegebenenfalls neu bewertet.

Hoffnungsvoll trotz allem

Antje und ihr Partner haben als Ausweichlösung einen Notar gefunden, der die Anerkennung beglaubigt hat und diese an die Ämter verschickt. So fühle sie sich sicherer und besser vorbereitet auf die ungewisse Krisensituation.

So wie sie diese Lösung gefunden haben, sind sie zuversichtlich, dass auch für die Zukunft alles lösbar sein wird. Das Kinderzimmer sei schon eingerichtet, nun müsse nur noch bei der Geburt und danach alles gut laufen.

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier schreibt sie Online-Artikel, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT. Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

Quelle: MDR/pat

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