Interview zu Radioserie 75 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs – Zeitzeugen erzählen

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Das Ende des Krieges wurde auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts besiegelt, denn die Elbe war die Grenzlinie bei der Eroberung Hitlerdeutschlands durch die Alliierten und die Rote Armee. MDR SACHSEN-ANHALT begibt sich aus diesem Anlass auf Spurensuche. Interview mit einem der Macher.

Fluchtboot mit Zivilisten erreicht im April das westliche Ufer der Elbe
Fluchtboot mit Zivilisten erreicht im April 1945 das westliche Ufer der Elbe Bildrechte: imago/Leemage

Sebastian Mantei betreut das Projekt. Er erzählt, welche Geschichten uns in der Radioserie erwarten:

Sebastian Mantei: Es gibt viel zu erzählen und wir haben uns überlegt: Wie schaffen wir es aus der heutigen Zeit, den Blick in den Mai vor 75 Jahren zu werfen. Unsere Reporter begeben sich dafür auf eine ganz besondere Zeitreise. Sie treffen die letzten noch lebenden Zeitzeugen und erzählen Geschichten, die bisher noch nicht bekannt waren.

Könntest Du drei Geschichten kurz erzählen, die für MDR SACHSEN-ANHALT herausragend sind?

Sebastian Mantei: Anfangen möchte ich mit der Geschichte des Halberstädter Lazarettarztes Dr. von Homeyer. Er leitete im April 1945 die Evakuierung der Halberstädter Lazarette in die Junkershöhlen am Felsenkeller.

Sebastian Mantei
Reporter Sebastian Mantei betreut das Radio-Projekt. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/André Plaul

Dort wurden Flugzeugteile unter Tage gebaut. Nach der Einnahme Halberstadts am 11. April 1945 wird Dr. Homeyer als Chefarzt der Halberstädter Lazarette eingesetzt. Als am 1. Juli die Rote Armee kommt, muss Homeyer mit den letzten 120 Verwundeten in ein ehemaliges Ausflugslokal umziehen. Dort werden die Menschen regelrecht vergessen.

Der neue Oberbürgermeister hatte dem sowjetischen Stadtkommandanten gemeldet, es gebe in der Stadt keine deutschen Soldaten mehr, was der wiederum an seinen Vorgesetzten weitergegeben hatte.

Als Homeyer Ende Juli beim Stadtkommandanten erscheint, und um die Entlassung der 120 verwundeten Soldaten bittet, werden alle freigelassen. Weil niemand zugeben wollte einen Fehler gemacht zu haben, blieb diesen Menschen die sowjetische Kriegsgefangenschaft erspart.

Die zweite Geschichte handelt von einem General, der sich dem Führerbefehl widersetzt. Der 44-jährige Walther Wenck rettet damit fast eine ganze Armee vor dem Tod. Er befehligt die 12. Armee und erhält von Hitler den Befehl, nach Berlin zu marschieren.

US-Soldaten und Panzer am 14. April 1945 im Kampf um Tangermünde
US-Soldaten und Panzer am 14. April 1945 im Kampf um Tangermünde. Bildrechte: imago/United Archives International

Dort soll er sich in die Kämpfe gegen die Rote Armee in Stellung bringen. Wenck erscheint das aussichtslos und er entscheidet sich dagegen. Er führt seine Soldaten über die teilzerstörte Elbbrücke bei Tangermünde nach Stendal, wo die 12. Armee vor den Amerikanern kapituliert. Unter Wencks Soldaten sind auch junge Männer wie Hans-Dietrich Genscher, der spätere Außenminister, der Kabarettist Dieter Hildebrandt und "Derrick"-Darsteller Horst Tappert.

Eine dritte Geschichte ist die des befreiten Todeszugs von Farsleben. Der Todeszug aus dem KZ Bergen-Belsen, der Häftlinge nach Theresienstadt bringen soll, strandet bei Farsleben. Die Häftlinge bleiben sich selbst überlassen und werden wenig später von amerikanischen Soldaten befreit.

In diesem Jahr sollte es ein großes Wiedersehen der Überlebenden geben. Doch Corona hat das verhindert. Wir haben dennoch mit einer Überlebenden aus Israel und einen amerikanischen Soldaten gesprochen, der damals dabei war. Es sind bewegende Geschichten, die sich im Frühjahr 1945 hier abgespielt haben.

In welcher Form wird man das Kriegsende vor 75 Jahren bei MDR Sachsen-Anhalt im Radio erleben können?

Sebastian Mantei: Wir machen Geschichte mit Reportagen lebendig, berichten in den Geschichten aus Sachsen-Anhalt über die unterschiedlichen Schicksale der Städte Halle und Magdeburg und wir schicken unsere Reporter durchs Land auf der Suche nach Zeitzeugen und historischen Orten. So werden wir live aus Wolfen, Dessau, Halle, Köthen, Sandau, Tangermünde, Isenschnibbe, Magdeburg und der einstigen Festung Harz berichten und schauen, was aus dieser Zeit geblieben ist und bis heute an die Schrecken dieses Krieges erinnert.

Eine Auswahl der Beiträge

Blick auf das im 2. Weltkrieg stark zerstörte Industriegebiet von Magdeburg. 4 min
Bildrechte: dpa

Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts lag in den letzten Kriegstagen inmitten der letzten Kämpfe. Sebastian Mantei erzählt vom Kriegsende vor 75 Jahren. Zwei Städte, zwei Schicksale: die Städte Halle und Magdeburg.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 10.05.2020 11:40Uhr 03:35 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/zwei-staedte-zwei-schicksale-halle-und-magdeburg-100.html

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Deutsche Verwundete nach der Schlacht um Berlin 2 min
Bildrechte: imago/United Archives International

Im Kriegschaos kam es zu skurrilen Begebenheiten. In Halberstadt wurden 120 Soldaten einfach vergessen. Wie sich später herausstellte, zu ihrem Glück. Carsten Reuß erzählt die Geschichte des Lazarettarztes Homeyer.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Sa 09.05.2020 11:10Uhr 01:59 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/die-vergessenen-verwundeten-von-halberstadt-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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General der Panzertruppe a.D. Walther Wenck, 1955 3 min
Bildrechte: imago/United Archives International

Eines der letzten Kapitel des 2. Weltkriegs
spielt auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts. General Walther Wenck verweigert den Führerbefehl
und rettet Tausende Soldaten. Sebastian Mantei erzählt die Geschichte.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Sa 09.05.2020 13:40Uhr 02:31 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/wittenberger-general-rettet-armee-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Schwarz-weiß-Foto einer Stadt von schräg oben 2 min
Bildrechte: MDR/Susanne Reh

In Wolfen wurde der weltweit erste Mehrschichtenfarbenfilm entwickelt. Eine Technologie, die nach Kriegsende die Besatzungsmächte interessierte. Was in jenen Tagen in Wolfen passierte, hat Susanne Reh herausgefunden.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 12.05.2020 17:40Uhr 02:14 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/kriegsende-in-der-filmfabrik-wolfen-100.html

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Bundeswehr-Apotheke Blankenburg 2 min
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Gewaltige unterirdische Anlagen entstanden in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges.
Wichtige Rüstungsbetriebe sollten wegen der Bombenangriffe in Bergwerken und Höhlenanlagen versteckt werden. Carsten Reuß berichtet.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 10.05.2020 16:40Uhr 01:59 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/unterirdischen-werkhallen-in-blankenburg-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Frau wiegt 1941 Granaten 2 min
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Die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-AG hatte in der Lutherstadt Wittenberg eine Stadt in der Stadt erschaffen. Die WASAG stellte Pulver und Sprengstoffe für die Rüstungsindustrie her. André Damm kennt die Geschichte.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 10.05.2020 14:10Uhr 02:27 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/mythos-sprengstoffwerk-wittenberg-reinsdorf-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Hören Sie die Geschichten der Radioreihe "75 Jahre Ende des II. Weltkriegs" im Radio

Beiträge werden voraussichtlich zu folgenden Zeiten gesendet:

  • Freitag, den 08.05, um 08:10 Uhr, um 11:40 Uhr, um 13:30 Uhr, um 15:10 Uhr, um 16:40 Uhr
  • Samstag, den 09.05., um 11:10 Uhr, um 13:40 Uhr, um 14:40 Uhr
  • Sonntag, den 10.05., um 11:40 Uhr, um 14:10 Uhr
  • Montag, den 11.05., um 11:10 Uhr, um 14:40 Uhr
  • Dienstag, den 12.05., um 10:40 Uhr
  • Mittwoch, den 13.05., um 11:10 Uhr

Sebastian Mantei
Sebastian Mantei Bildrechte: MDR/André Plaul

Über Sebastian Mantei Dr. Sebastian Mantei wurde 1976 in Saalfeld geboren, studierte Politik, Medien- und Kommunikationswissenschaften in Halle/Leipzig und Sheffield. Er ist seit 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT und hat vorher unter anderem in Sydney als Autor fürs Radio gearbeitet, war Moderator und Reporter für NBC in Namibia und arbeitete in Deutschland für den SWR und das Deutschlandradio Kultur. Besondere Projekte seiner Karriere waren eine CD und DVD über Jüdische Schicksale aus Sachsen-Anhalt mit Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden 2008 und Reportagen über deutsche Hilfe in für die Krisenregion zwischen Sudan, Uganda und Kongo 2009.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 11. Mai 2020 | 11:10 Uhr

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