Flüchtlinge auf einem Bahnhof
2015 kamen die meisten Flüchtlinge nach Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

#MDRdata Fünf Fakten zur Situation der Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt

2015 kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Was hat sich seitdem verändert? Ein Einblick in die Entwicklung und die aktuelle Situation von Geflüchteten in Sachsen-Anhalt.

Flüchtlinge auf einem Bahnhof
2015 kamen die meisten Flüchtlinge nach Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

Fakt 1: Zahl der Asylsuchenden gesunken

2015 wurden laut Statistik des zuständigen Innenministeriums 34.340 Personen registriert. Die Zahl der Asylsuchenden, die nach Sachsen-Anhalt kommen, ist seitdem stetig zurückgegangen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl auf 2.850 gesunken. Das entspricht einem Rückgang um mehr als 92 Prozent, wenn die beiden Jahre verglichen werden.

Die hohen Zahlen von 2015 waren für Sachsen-Anhalts einzige Zentrale Anlaufstelle (ZASt) in Halberstadt eine große Herausforderung. Dort gibt es nur Platz für 1.150 Personen, weshalb die ZASt damals mit hunderten Menschen überbelegt war. Sie musste um Notzelte erweitert werden. "Ich erinnere mich, dass wir schon im August die ersten kalten Nächte hatten, die schon bis auf sieben Grad gingen", sagt Eckhard Stein, Behördenleiter der ZASt.

Danilo Weiser, Pressesprecher des Innenministeriums Sachsen-Anhalts, fügt den aktuellen Stand hinzu: "Für das laufende Jahr 2019 ist erneut von einer rückläufigen Tendenz der Zugangszahl auszugehen. Bis zum 22. August 2019 wurden in Sachsen-Anhalt 1.766 Personen registriert."

Fakt 2: Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien

Syrien ist im Zeitraum von 2015 bis 2019 das Land, aus dem die meisten Flüchtlinge nach Sachsen-Anhalt gekommen sind. Außerdem ist Afghanistan stets unter den fünf größten Flüchtlingsgruppen zu finden, wie die Statistik des Innenministeriums zeigt. Was auch deutlich wird: 2015 wurden auch viele Flüchtlinge aus Albanien und dem Kosovo verzeichnet – danach nicht mehr. Ein möglicher Grund: Diese Länder wurden zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. Sollten Asylsuchende aus diesen Länder Anträge stellen und nicht nachweisen können, dass ihnen in ihrem Heimatland eine Verfolgung droht, wird der Antrag mit "offensichtlich unbegründet" abgelehnt. So lautet die Erklärung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Dass Personen aus den sicheren Herkunftsstaaten seltener in Sachsen-Anhalt aufgenommen wurden, zeigt sich auch in den statistischen Zahlen zu den Abschiebungen (siehe Fakt 4).

Sichere Herkunftsstaaten

In Deutschland gelten laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aktuell diese Länder als sichere Herkunftsstaaten:

  • die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union
  • Albanien
  • Bosnien und Herzegowina
  • Ghana
  • Kosovo
  • Mazedonien
  • Montenegro
  • Senegal
  • Serbien

Herkunftsländer der fünf größten Flüchtlingsgruppen
2015 2016 2017 2018 Bis 22.08.2019
Syrien

(55,1%)
Syrien

(36,5%)
Syrien

(26,2%)
Syrien

(25,8%)
Syrien

(19,3%)
Afghanistan

(13,5%)
Afghanistan

(19,5%)
Türkei

(9,4%)
Iran

(8,8%)
Iran

(9,0%)
Albanien

(4,8%)
Indien

(7,6%)
Eritrea

(7,4%)
Afghanistan

(6,1%)
Afghanistan

(6,1%)
Irak

(3,5%)
Eritrea

(4,5%)
Iran

(7,1%)
Türkei

(6,1%)
Irak

(8,3%)
Kosovo

(2,8%)
Iran

(4,3%)
Afghanistan

(6,1%)
Irak

(5,8%)
Türkei

(7,9%)

Die Ärztin Isolde Hahnelt, die in der ZASt die Gesundheitschecks der Asylsuchenden macht, hat ebenfalls Veränderungen festgestellt: "Die Zahl der Flüchtlinge ist zurückgegangen, die Herkunftsländer sind verändert und die Altersstruktur und auch die Krankheitsbilder haben sich verändert. Während es am Anfang ganz viele junge, einzeln reisende Männer gewesen sind, merke ich, dass es jetzt mehr Familien sind, ältere Personen und zum Teil auch mit schweren, chronischen Erkrankungen."

Fakt 3: Zahl der Duldungsinhaber gesunken

Anknüpfend an die Anträge aus sicheren Herkunftsstaaten heißt es 2018 in einem Dokument des Innenministeriums zur Migrationsentwicklung: "Unter den Asylsuchenden befinden sich zahlreiche Menschen, die in Deutschland keinen Anspruch auf asylrechtlichen beziehungsweise humanitären Schutz haben, da sie nicht schutzbedürftig sind." Weiter wird dort erklärt, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde, sie Deutschland verlassen müssten, ein Großteil aber nicht freiwillig ausreist. Und: "Solange die Abschiebung aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen nicht vollzogen werden kann und daher ausgesetzt werden muss, erhalten die Ausreisepflichtigen eine Duldung." Auch die Zahl dieser sogenannten Geduldeten ist gesunken. 2017 lag der Höchstwert bei 6.107 Personen, ein Jahr später waren es 5.514 und derzeit sind es 5.399 Duldungsinhaber in Sachsen-Anhalt.

Unabhängig davon, ob die Asylsuchenden eine Duldung oder einen anderen Aufenthaltsstatus haben, sei ihre psychische Verfassung eine schwierige, sagt Helen Deffner vom Flüchtlingsrat mit Blick auf die ZASt: "Alle sind frustriert, dass die so lange hier untergebracht sind ohne Zukunftsperspektive. Sie alle haben unglaubliche Geschichten hinter sich. Durch die Sahara laufen, in lybischen Camps, übers Mittelmeer kommen, in griechischen Camps untergebracht werden, sich irgendwie hierher durchschlagen – und das macht natürlich ganz viel mit der Psyche."

Fakt 4: Konsequente Abschiebung bei Westbalkan-Staaten

Seit 2015 wurden in Sachsen-Anhalt 3.548 Abschiebungen vollzogen, zusätzlich gab es 5.510 freiwillige Ausreisen. "So hat Sachsen-Anhalt zum Beispiel zügig und konsequent die Abschiebungen und freiwilligen Ausreisen in die sogenannten Westbalkan-Staaten umgesetzt", sagt Pressesprecher Danilo Weiser vom Innenministerium. So wurden 2017 etwa 76,8 Prozent der Geduldeten aus Westbalkan-Staaten aus Sachsen-Anhalt abgeschoben oder zur freiwilligen Ausreise bewegt, 2018 waren es 48,3 Prozent. Die Westbalkan-Staaten finden sich in der Liste der sicheren Herkunftsländer (siehe Fakt 2).

Die Westbalkan-Staaten

  • Albanien
  • Bosnien und Herzegowina
  • Kosovo
  • Mazedonien
  • Montenegro
  • Serbien

Fakt 5: Straftaten durch Asylbewerber gesunken

49.031 Straftaten wurden von Asylbewerbern im Zeitraum von 2015 bis 2018 in Sachsen-Anhalt verübt. Das entspricht 6,47 Prozent aller Straftaten. Am häufigsten geht es dabei um "Diebstahl ohne erschwerte Umstände", "Vermögens-/Fälschungsdelikte" und "Straftaten gegen die persönliche Freiheit". Mit Blick auf die einzelnen Jahre, ist der Trend bei Straftaten durch Asylbewerber sinkend.

In Halberstadt kommt es beispielsweise vermehrt zu Polizei- und Feuerwehreinsätzen wegen betrunkener oder streitender Flüchtlinge. Eckhard Stein, Behördenleiter der ZASt kommentiert: "Das ist höchst ärgerlich. Ich bin ja selbst Halberstädter, nehme das auch wahr. Es ist zunächst einmal so, dass es nicht symptomatisch ist für das Verhalten aller hier oben. Das sind also Einzelfälle, die sich daneben benehmen."

Auch Helen Deffner vom Flüchtlingsrat ist sich dieser Problematik bewusst und kann den Ärger der Anwohner verstehen. Trotzdem hat sie einen Wunsch: "Wir wünschen uns eben so sehr, dass es mehr Empathie gibt und mehr miteinander. Mehr Gespräche, aufeinander zugehen und eben versuchen zu verstehen, was die Gegenseite davon hält."

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 19:59 Uhr

53 Kommentare

Benutzer vor 3 Tagen

Wenn wir angeblich so wohlhabend sind. Warum gibt es Tafeln? und Altersarmut?

Und nur weil die Arbeitslosigkeit angeblich sinkt. Heißt es nicht. das arbeitende und abhängig sind von staatlichen leistungen. Arbeitende kriegen auch aufstockendes Hartz 4.

Mediator vor 3 Tagen

Wie kommen sie auf die Idee, dass alle Flüchtlinge auf Dauer hier bleiben werden?
Schauen sie sich doch einfach einmal die Rückkehrstatistiken an, die nach dem Ende der Balkankriege erstellt wurden. Die Uni Bamberg hat hierzu eine Studie erstellt. Der überwiegende Teil dieser Menschen ist in ihre Heimat zurück gekehrt.

Wenn man etwas aufgreift, dass es zwar gibt, aber wie im Fall der Familienzusammenführung bei Asylbewerbern alle relevanten Informationen dazu weg lässt, dann verfolgt man damit ein Ziel.
Die AfD tut ja beim Familiennachzug gerne so, als ob da auf jeden Flüchtling eine ganze Großfamilie nachziehen darf. Die Wahrheit sieht da völlig anders und entspannter aus. Von daher bleibe ich dabei, dass die AfD da eine fremdenfeindliche Horrorvision spinnt, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Benutzer vor 3 Tagen

Was haben sie dagegen das das Asylgesetz durchgesetzt wird? Der Asylbewerber hat doch die Möglichkeit auszureisen. wenn sein Asylantrag abgelehnt wird.

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