Abstand, Hygiene, digitaler Unterricht Fragen, Antworten und Kritik: So soll das Schuljahr in Sachsen-Anhalt trotz Corona-Krise weitergehen

Nach den Abschlussklassen sollen die Schulen ab dem 4. Mai schrittweise nun auch für alle anderen Jahrgänge wieder öffnen. Doch die Pläne von Bildungsminister Marco Tullner stoßen auf Kritik von der Bildungsgewerkschaft und Elternverbänden. Und auch die Schulen sehen sich durch die geplanten Beschlüsse vor Probleme gestellt.

Schule mit Sicherheitsabstand Corona
Nach den Pfingstferien sollen Sachsen-Anhalts Schülerinnen und Schüler zurück in die Schule kommen. Auch dann wird aber noch vieles anders sein als gewohnt. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/ Pressedienst Nord / Björn Hake

Das sind die Pläne

Seit dem 23. April werden in Sachsen-Anhalts Schulen wieder die Klassen unterrichtet, die in diesem Jahr ihre Abschlussprüfungen schreiben. Die Abiturprüfungen starten am 4. Mai, die Prüfungen der Realschulen eine Woche später.

In dieser Woche hat Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) nun Pläne vorgestellt, wie der Schulbetrieb ab 4. Mai auch für alle weiteren Jahrgänge weitergehen soll. Die Landesregierung muss dem Vorschlag allerdings noch zustimmen – das soll am kommenden Samstag geschehen.

Das sehen die Pläne des Bildungsministers vor

  • ab Montag, den 4. Mai, sollen die Abschlussklassen des Jahres 2021 und die vierten Grundschulklassen zurückkehren
  • ab Mittwoch, den 6. Mai, sollen Abschlussklassen der Jahre 2022 regelmäßig in der Schule anwesend sein
  • dabei soll es eine Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht geben
  • ab Mittwoch, den 6. Mai, sollen auch alle weiteren Schuljahrgänge mindestens bis zu den Pfingstferien tageweise in kleinen Gruppen zurückkehren. Jeder Jahrgang an einem anderen Tag.
  • in den Pfingstferien sollen Schulen, je nach Möglichkeit, freiwillige Angebote für Schülerinnen und Schüler anbieten
  • am Dienstag nach den Pfingstferien, den 2. Juni, sollen alle Schuljahrgänge im regelmäßigen Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht in der Schule sein
  • Lehrkräfte, die selbst zur Risikogruppe zählen, sollen im Präsenzunterricht und der Notbetreuung wenn möglich nicht eingesetzt werden oder nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen
  • ebenso sollen Schülerinnen und Schüler, die eine in Verbindung mit dem Coronavirus gefährliche Vorerkrankung haben, vom Präsenzunterricht befreit werden



Darüber hinaus sollen sich die Schulen an den Hygienemaßnahmen der Corona-Verordnung orientieren. Das bedeutet:

  • Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Schülerinnen und Schülern
  • Umsetzung von Reinigungs- und Hygieneplänen
  • längere Pausenzeiten zum regelmäßigen Durchlüften der Schulräume
  • aber es besteht derzeit keine Maskenpflicht

Wie die Schulen die Pläne umsetzen, sollen sie nach den Vorstellungen Tullners individuell entscheiden. Sie sollen dafür selbst ein System entwickeln, wie die Vorgaben mit den räumlichen und personellen Bedingungen vor Ort umsetzbar sind.

#MDRklärt Zeitplan bis zu den Sommerferien: Wann man wieder in die Schule gehen kann

Coronalockerungen: Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Eine Zeitleiste bis zu den Sommerferien 2020
Wir haben uns angeschaut, wann für welche Klassen die Schulen wieder öffnen. Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial imago/photothek
Coronalockerungen: Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Eine Zeitleiste bis zu den Sommerferien 2020
Wir haben uns angeschaut, wann für welche Klassen die Schulen wieder öffnen. Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial imago/photothek
Termine 23. April bis 6. Mai 2020 – Coronalockerungen: Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Eine Zeitleiste bis zu den Sommerferien 2020
Eins ist klar geworden: Bis zu den Sommerferien wird es keinen regulären Unterricht für alle Schüler geben. Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial Ernesto Barrachina/Pixabay
Termine 7. Mai 2020 bis 30. Mai 2020 – Coronalockerungen: Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Eine Zeitleiste bis zu den Sommerferien 2020
Schüler sollen aber "tage- oder wochenweise" in die Schule gehen können. Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial Ernesto Barrachina/Pixabay
Termine 2. Juni 2020 bis 16. August 2020 – Coronalockerungen: Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Eine Zeitleiste bis zu den Sommerferien 2020
Die wichtigsten Regeln dabei: Abstand halten, Hände waschen und in kleinen Gruppen lernen, möglichst zeitversetzt. Präsenzunterricht soll sich mit Lernen zu Hause abwechseln. Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial Ernesto Barrachina/Pixabay
Wann können Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu Schule gehen? Zitat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zu Coronalockerungen: "Die Ausnahmesituation wird bis weit in das nächste Schuljahr andauern."
Für die Zeit nach den Sommerferien sieht es aber auch nicht nach "normalem" Unterricht aus. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte am Donnerstag: "Die Ausnahmesituation wird bis weit in das nächste Schuljahr andauern." Bildrechte: MDR-Grafik Martin Paul | Bildmaterial Ernesto Barrachina/Pixabay
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Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. April 2020 | 17:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
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Diese Kritik gibt es an den Plänen des Bildungsministers

Ein Schild weist auf die Geschäftsstelle der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Magdeburg hin.
Können die Hygienestandards in Schulen überhaupt eingehalten werden? Die Gewerkschaft GEW hat daran ihre Zweifel. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

An dem Beschlussentwurf Tullners hat sich von mehreren Seiten allerdings breite Kritik entzündet. Die Bildungsgewerkschaft (GEW) Sachsen-Anhalt kritisierte zum einen die Kommunikation des Bildungsministeriums und die Geschwindigkeit, mit der die Maßnahmen umgesetzt werden sollen. GEW-Landeschefin Eva Gerth sagte MDR SACHSEN-ANHALT, alles müsse immer ganz schnell gehen, ohne mit den Pädagogen zu reden, die den einen oder anderen vernünftigen Vorschlag machen könnten. Außerdem mahnte Gerth, einige Fragen seien noch nicht geklärt. So sei bereits bei der Rückkehr der Abschlussklassen nicht geprüft worden, ob die Hygienestandards an allen Schulen eingehalten werden könnten. Zudem fehle eine Analyse, wie viele Lehrkräfte tatsächlich zur Verfügung stünden – und nicht zur Risikogruppe gehörten.

Auch der Landeselternrat in Sachsen-Anhalt sieht Probleme bei der Wiedereröffnung der Schulen. Vorsitzender Matthias Rose erklärte, der Rat erhalte viele E-Mails von besorgten Eltern. Das Abstandsgebot von 1,5 bis 2 Metern zwischen den Schülern sei schwierig umzusetzen, was Fragen zu den Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen aufwerfe. Es gibt die Sorgen, dass man nicht richtig sehe, ob eine Schule genügend Desinfektionsmittel habe. Man habe gerade erst begonnen, die Schulen wieder zu öffnen, "und trotzdem gehen wir jetzt schon die nächsten Schritte", so Rose.

Das ist für viele Eltern sehr bedenklich. Da haben wir auch viele Anrufe beim Landeselternrat, wo Eltern sagen: Also bitte sorgt dafür, dass in diesem Schuljahr die Schulen nicht wieder aufmachen. Da ist ein viel zu großes Infektionsrisiko.

Matthias Rose | Vorsitzender Landeselternrat Sachsen-Anhalt

Gerade Gymnasien können die Vorgaben nach Ansicht des Landeselternrats-Vorsitzenden schwer umsetzen. Die Klassen seien zu groß und die Räume zu klein, um die Schulklassen zu halbieren. Außerdem seien die Räume durch Prüfungen ausgelastet. Kritisch sieht der Landeselternrat auch den Fernunterricht in den vergangenen Wochen zu Hause. Es habe eine Vielzahl von Schulen gegeben, die nicht einmal abgefragt hätten, ob jeder Schüler zu Hause Technik und Internetzugang habe, so Rose.

So reagieren Schulen auf die Herausforderungen

Da die Schulen die Pläne individuell auf ihre Begebenheiten vor Ort anwenden sollen, sehen sich viele Lehreinrichtungen vor Probleme gestellt. Die Evangelische Grundschule Dessau teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, dass wegen der Abstandsregelungen unter anderem die Räume knapp würden. Man plane auf Hochtouren. Ähnlich äußerte sich die Ganztagsschule Dessau-Zoberberg. Zudem sei wenig Zeit zum Planen gewesen. Stundenpläne müssten kurzfristig erstellt werden, weil Klassen gedrittelt würden. Die Lehrer müssten unterrichten, aber auch noch andere Klassen im Homeschooling betreuen. Das gehe an die Substanz.

Die Ganztagsschule Friedrichstadt Wittenberg beklagte, dass bei den 10. Klassen zwar organisatorisch alles laufe, allerdings sei die inhaltliche Prüfungsvorbereitung problematisch. Die Schüler seien Gruppenarbeit gewöhnt, was derzeit aber nicht gehe. Ein Problem ist demnach auch, dass zehn der 40 Lehrer ausfallen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Und: In der Schule gibt es den Angaben zufolge vier enge Toiletten. Um Abstandsregeln einzuhalten, müssten die Kinder einzeln zur Toilette.

In einem Gymnasium in Marktoberdorf gehen Schüler der oberen Klassen mit Maske wieder zum Unterricht.
Eine Maskenpflicht gibt es in Sachsen-Anhalts Schulen nicht. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Action Pictures

Das Berufsschulzentrum des Landkreises Stendal erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, die besondere Herausforderung sei, dass nicht nur junge Leute ihr Abitur dort ablegen. Es müsse auch die Ausbildung von Friseuren und Maurern koordiniert werden. Ähnliche Probleme hätten auch andere Berufsschulen. Das Berufsschulzentrum befürchtet zudem viel Leerlauf für die Abschlussjahrgänge. Die Schüler seien nicht mehr in Klassenverbänden. Die Teilung der Klassen sei im Kurssystem ein Problem.

Was Eltern jetzt wissen müssen

Eltern sollten sich direkt bei den Schulen ihrer Kinder informieren. Da die weiteren Pläne von jeder Einrichtung selbst umgesetzt werden müssen, können sich die Systematik und Zeitpläne der einzelnen Jahrgangsstufen unterscheiden.

Anja Karliczek
Auswirkungen bis ins neue Schuljahr: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) mahnt zur Geduld. (Archivfoto) Bildrechte: imago images / Arnulf Hettrich

Worauf sich Eltern außerdem einstellen müssen: Die Rückkehr zum normalen Unterricht wird wohl noch eine Weile dauern. Davon geht jedenfalls Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) aus. Den Zeitungen der "Funke Mediengruppe" sagte Karliczek, die Ausnahmesituation werde bis weit in das neue Schuljahr andauern.

Nach Angaben der Bildungsministerin wird der gewohnte Unterricht erst dann beginnen, wenn große Bevölkerungsgruppen gegen das Coronavirus geimpft sind. Bis dahin werde es eine Mischform von Präsenzunterricht und digitalem Unterricht geben. Um versäumten Stoff nachzuholen, hält Karliczek freiwillige Sommercamps in den Sommerferien für denkbar. "Vielleicht ließe sich auch durch engagierte Bürgerinnen und Bürger eine begleitende Unterstützung außerhalb des regulären Unterrichts organisieren – zum Beispiel auch an Samstagen am Vormittag, wenn es keinen regulären Unterricht gibt."

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Quelle: MDR/fl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 30. April 2020 | 05:00 Uhr

5 Kommentare

Atheist vor 14 Wochen

Was soll das alles?
Das erste Schulhalbjahr wurde gehüpft das zweite geklickt.
Komplett das ganze Schuljahr für alle wiederholen , unverantwortlich Kinder in die nächste Klassestufe zu lassen obwohl kaum was gelernt wurden ist.

Altlehrer vor 14 Wochen

Ich weiß nicht, woher Frau Gerth und Herr Rose ihre Informationen beziehen. Die Schulträger kontrollieren die Einhaltung der Hygieneregeln und versorgen die Schulen ausreichend mit Desinfektionsmitteln. Große Klassen werden gedrittelt und parallel in der Schule und mit online-Aufgaben zu unterrichten, ist nun wirklich kein größeres Problem, auch für mich als älteren Lehrer nicht. Statt immer nur zu kritisieren, sollten sich Gewerkschaft und Elternvertreter konstruktiver einbringen.

nilux vor 15 Wochen

Tullners Ministerium stiftet eigentlich mal wieder nur Chaos. Statt in der ersten Öffnungswoche an den Grundschulen nicht einfach erstmal mit den vierten Klassen zu beginnen und sich einspielen zu lassen kommen Knall auf Fall gleich ab 6.5. auch alle weiteren Klassen nach. Was soll das?
Planungssicherheit für Eltern, die im Allgemeinen ja auch arbeiten müssen gibt es wieder nicht. Die letzten Wochen wurden bei den Verantwortlichen offenbar in keiner Weise für die Planungen einer Wiedereröffnung genutzt. Mir fehlt da jedes Verständnis. Immerhin wurden diese Leute während dieser Zeit auch voll weiter bezahlt, im Gegensatz zu vielen Anderen.

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