Wie sich die Arbeit im Zuge der Digitalisierung ändern wird

Auch die Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung weiter verändern. Dabei spreche ich nicht vom Scannen alter Aktenordner im Büro, sondern von der weiteren Abhängigkeit von Apps. Hinter dem, was wir alltäglich "Apps" nennen, stecken natürlich Unternehmen. Ein Beispiel bietet hier das Unternehmen Uber. Mit Uber kann jeder Mensch mit Auto und Führerschein schnell zum Taxifahrer werden. So weit, so spannend. Doch was ist eigentlich mit den Menschen, die mehr oder minder über solche Apps ihr Dasein fristen? Wie sind sie sozialversichert und zahlen sie Steuern? Was im ersten Moment nach ungeliebten, bürokratischen Pflichten klingt, bildet nicht weniger als die eigene soziale Absicherung, die sonst über die Arbeitgeber – in diesem Fall das klassische Taxiunternehmen – vorgenommen wird.

Das Problem hierbei ist, dass reguläre Unternehmen, die im besten Falle sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten mit sich bringen, durch die Dienstleistungen dieser Apps verdrängt werden, da sie nur eine Plattform für Selbstständige zur Verfügung stellt. Dass die Fahrer, die mit dieser App Geld verdienen, oft Selbständigkeitsstatus haben sollten, wissen sie jedoch selten oder wollen es nicht wissen. Das macht sich spätestens bei den Ansprüchen auf die Sozialversicherungsansprüche bemerkbar.

Die Politik muss Spielregeln setzen

Ein weiteres Problem ist, dass über die Unternehmen, die solche Apps auf den Markt bringen, der wirtschaftliche Mittelstand unserer Gesellschaft in Zugzwang gerät. Das kann natürlich positive Auswirkungen auf den Markt und die Preisentwicklung haben. Doch es herrscht keine Waffengleichheit der Unternehmen, wenn ein Unternehmen qua Geschäftsmodell auf Scheinselbstständigkeiten setzt. Soll ein Markt funktionieren, so braucht er klare Regeln, die für alle gelten: Für Unternehmen, für Arbeitnehmer, für Verbraucher. Wenn die Politik hier keine Spielregeln setzt, die für alle gelten, vergrößert sich die soziale Ungleichheit und die Ungerechtigkeit, die am Ende negative Folgen für den Mittelstand hat und die Arbeitnehmer trifft.

Ganz unabhängig davon wird die Digitalisierung auch zur Rationalisierung von Arbeitsplätzen führen. Die Frage ist dann: Entstehen diese an anderer Stelle neu oder müssen wir beginnen, uns Gedanken darüber zu machen, was unsere Definition von Arbeit ist (Erwerbsarbeit versus Ehrenamt) und wie unsere Gesellschaft in Zukunft mit "weniger Erwerbsarbeit" umgehen wird.

Warum wir das wahre Interesse sozialer Medien verkennen

Doch nicht nur in den eigenen Lebensbereichen wie Gesundheit, Arbeit oder Geld hält die Digitalisierung Einzug. Auch unsere Gesellschaft unterliegt ihrem Einfluss. Das lässt sich für Viele von uns am spürbarsten in den sozialen Medien wahrnehmen und fängt bei uns selbst an.

Im Glauben daran, soziale Medien wären der digitale Ort für das "neue Private", in dem wir zeitökonomisch rationalisiert agieren könnten, um unsere Freunde und Bekanntschaften zu verwalten, bewerten und uns mit ihnen austauschen, verkennen wir das wahre Geschäftsinteresse solcher Plattformen. Wir verkennen es, weil uns Algorithmen eine Welt vorgaukeln, die so nicht existent ist.

 Jugendliche betrachtetn den Verlaut eines Chats mit Freunden auf ihrem Smartphone.
Wir verkennen das wahre Geschäftsinteresse sozialer Medien, weil uns Algorithmen eine Welt vorgaukeln, die so nicht existent ist. Bildrechte: IMAGO

Man kennt das: Man sucht im Onlinehandel nach einem Produkt und bekommt die Empfehlung "Wer sich für dieses Produkt interessiert, interessierte sich auch für..." gleich mitgeliefert. Ebenso läuft es bei den Musikstreaming-Diensten. Wer heute Mumford and Sons hört, bekommt morgen die Mighty Oaks vorgeschlagen. Das gleiche Muster findet sich in sozialen Medien. Wem die Seite mit den "lustigen Katzenbabys" gefällt, dem werden weitere Seiten solcher Art vorgeschlagen. Im ersten Moment scheint dies unproblematisch. Doch wohin führt uns dieser Algorithmus-gesteuerte Like-Mechanismus als Gesellschaft?

Betrachten wir die Digitalisierung als intensivierendes Instrument der Marktwirtschaft, so müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Rolle des Individuums als Bestandteil von "Zielgruppen" immer zentraler wird. Da es sich bei Facebook nicht um ein Geschenk von Mark Zuckerberg an die Menschheit handelt, sondern um ein Unternehmen mit Geschäftsinteressen, bilden unsere Daten dessen Geschäftsgrundlage. Auf diesen Informationen bauen soziale Medien eine individuelle Realität (in diesem Falle eine Timeline) auf, die wir "liken" beziehungsweise "kaufen" sollen, in dem wir weiter mit ihr interagieren.

Unser Wahrnehmung dessen, was wahr ist, ist das Produkt eines Geschäftsmodells.

Stefan Krabbes

Online können wir Nachrichten, die uns nicht gefallen, besser verdrängen, wenn wir dauerhaft nicht mit ihnen interagieren und sie somit langsam aus unserer Wahrnehmung verschwinden. Während mich so zum Beispiel der Seetod von Flüchtenden über soziale Medien nicht erreichen wird, werde ich bei MDR AKTUELL darüber informiert: ob ich das will oder nicht.

Unsere Wahrnehmung dessen, was wahr ist, ist in sozialen Medien also kein Abbild der Realität, wie wir sie tagtäglich auf den Straßen Sachsen-Anhalts oder Deutschlands wahrnehmen können. Vielmehr ist sie das Produkt eines Geschäftsmodells, das unsere Daten zur Individualisierung nutzt und damit die gesamte Gesellschaft verändert. Denn wenn die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien nicht verstehen, dass ihre Timeline von einem Algorithmus zusammengesetzt wird, der den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie folgt, dann werden sie nicht verstehen, dass ihre Wahrnehmung, die folglich zu deren Realität und Normalität wird, durch wirtschaftliche Interessen verfälscht wird. Auch hier lässt sich trauriger Weise konstatieren, dass wir das Produkt sind.

Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft

Für unsere Gesellschaft ist dies eine Herausforderung. Denn wenn wir nur noch das wahrnehmen, was in unseren Filterblasen und Echokammern passiert, was verbindet uns dann gesamtgesellschaftlich? Wollen wir einen Wirtschaftspakt oder den Gesellschaftsvertrag als Wirklichkeitsbezug und Grundlage unseres sozialen Handels? Darüber müssen sich Politik und Gesellschaft klar werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | FAKT IST! aus Magdeburg | 13.11.2017 | 22.05 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2017, 05:28 Uhr

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1 Kommentar

12.11.2017 13:03 Gert 1

Ein schöner Beitrag eines GRÜNEN. Eines ist klar, was Bill Gates und Steve Jobs und ihre Mitstreiter da ausgelöst haben, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Digitalisierung ist eben das A und O unserer modernen Gesellschaft. Das haben auch schon junge Landwirte begriffen und verkaufen und schicken ihre Ware an die Städter direkt, die die Städter vorher über das Internet bestellt haben.
Oder die Hausfrau, die dank über das Internet ihres Handys weiß, ob ihr Haus noch steht oder abgebrannt ist

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