Das Schicksal von René und Steven Monse Papa ist immer da

René Monse war Boxprofi in Magdeburg. Sein Sohn Steven spielte Basketball in der Bundesliga. Sie einte die Leidenschaft für Sport. Eine Geschichte über die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn – und was passiert, wenn der Tod sie trennt.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Steven und René Monse
Der kleine Steven mit seinem Vater René im Ring Bildrechte: Imago/MDR

Noch immer lächelt René Monse seinen Sohn jeden Tag an. Ein kurzer Blick über den Schreibtisch, schon schauen sich die Männer in die Augen. In diesen Momenten ist Steven seinem "Papa" ganz nah – doch Papa ist nicht mehr da.

Im Sommer 2017 starb René Monse an Krebs. Mit 48 Jahren. Geblieben sind Erinnerungen – an den Profi-Boxer, den Unternehmer, den Vater. So wie dieses Foto im Büro auf dem Schrank, das ihn im Boxring zeigt und auf dem er jeden Tag lächelt.

"Er war mein bester Kumpel, mein Berater im Leben und im Basketball", erzählt Steven Monse an diesem Montagmorgen, mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Verlust. Er sitzt im Büro seiner Magdeburger Versicherungsagentur. Dort, wo sein Vater früher saß. Sein Name steht noch draußen an einem der Fenster.

"Ich hätte damals auch einfach nach Berlin abhauen und mein Leben leben können, aber dann wäre hier alles zerfallen", sagt Steven Monse. Stille herrscht für einen Augenblick. Ehe der 30-Jährige sagt: "Ich wollte das Werk meines Vaters weiterführen."

René Monse nach dem Kampf mit Frau und Sohn Steven am Ring 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 11.02.2020 16:00Uhr 00:29 min

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Größte Ehre für Steven Monse

Zwei Tage zuvor in Wolmirstedt, zehn Autominuten vom Magdeburger Norden entfernt. Pause im Heimspiel der SBB Baskets Wolmirstedt gegen die Aschersleben Tigers in der 1. Regionalliga Nord. Vierte Liga. Im weißen Businesshemd steht Steven Monse auf dem Parkett der Halle der Freundschaft und weiß nicht, was er sagen soll.

Soeben haben ihm die Verantwortlichen ein gerahmtes Trikot mit seiner Nummer 13 übergeben – und am Mikrofon erklärt, diese Nummer ihm zu Ehren nie wieder zu vergeben.

"Jersey Retirement" heißt das in dem Sport, der aus den USA stammt. Es bezeichnet die größtmögliche Huldigung, die ein Klub einem Spieler erweisen kann. Das Trikot mit der Nummer 13 wird bei den SBB Baskets künftig im VIP-Raum von der Hallendecke hängen – als das erste eines Spielers in der Geschichte des Vereins.

Steven Monse
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Da wären auch bei meinem Vater mit Sicherheit ein paar Tränen geflossen. Er hat mich immer unterstützt.

Steven Monse über sein "Jersey Retirement"

"Es tat weh, ihn so leiden zu sehen"

Steven Monse wurde in Wolmirstedt geboren. Nach der Trennung der Eltern zog er mit seiner Mutter und Schwester nach Berlin. Dort wuchs er auf – und verliebte sich während seiner Grundschulzeit in den Basketball.

Andere Sportarten waren da bereits durchgefallen: "Im Fußball war ich völlig talentfrei, im Volleyball genau so schlecht, obwohl meine Mutter Volleyball gespielt hat", erinnert er sich. Aber: "Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, kein Sportler zu werden bei so sportlichen Eltern."

Die Karriere von Steven Monse Erfüllte Träume

Trainer Henrik Rödl, Nils Giffey und Steven Monse
2009 sicherte sich Monse mit der U19 von Alba Berlin den Deutschen Meistertitel. Der heutige Bundestrainer Henrik Rödl (l.) war damals sein Coach. Nationalspieler Niels Giffey (Mitte) von Alba Berlin zählt noch immer zu den besten Freunden von Monse. Bildrechte: imago sportfotodienst
Trainer Henrik Rödl, Nils Giffey und Steven Monse
2009 sicherte sich Monse mit der U19 von Alba Berlin den Deutschen Meistertitel. Der heutige Bundestrainer Henrik Rödl (l.) war damals sein Coach. Nationalspieler Niels Giffey (Mitte) von Alba Berlin zählt noch immer zu den besten Freunden von Monse. Bildrechte: imago sportfotodienst
Steven Monse
Monse selbst schaffte es zwar nie in den Kader der Herrennationalmannschaft. Allerdings stand der 1,98-Meter-Mann im Aufgebot der U-20-Auswahl. Bildrechte: imago/Camera 4
Steven Monse, P.J. Tucker und Predrag Suput
Ausgebildet wurde Monse in Berlin. Seine Profikarriere begann er 2010 aber beim damaligen Zweitligisten Leverkusen. Ein Jahr später wechselte er nach Bamberg, wo er ein halbes Jahr lang an der Seite von BBL-Legende Predrag Suput (rechts) und dem heutigen NBA-Profi P.J. Tucker (Mitte) spielte. Bildrechte: imago/Eibner
Steven Monse
In der Saison 2012/2013 trug der Flügelspieler das Trikot des Hauptstadt-Teams, spielte mit Alba Berlin auch international. "Damit ist ein Traum für mich in Erfüllung gegangen", sagt er. Bildrechte: imago/Camera 4
Steven Monse mit Pokal.
Prost! Der Pokalsieg 2013 mit Alba Berlin war einer der größten Erfolge seiner Karriere. Bildrechte: imago/Camera 4
Marcel Heberlein 20 (Oettinger Rockets Gotha), Steven Monse 33 (BV Chemnitz 99) rangen am Boden um den Ball.
Im Folgejahr ging Monse für den Zweitligisten Chemnitz auf Korbjagd, ehe er für eine Spielzeit zum BBC Magdeburg wechselte. Bildrechte: imago/VIADATA
Steven Monse (Crailsheim Merlins) gegen (links:) Jesse Sanders (Walter Tigers Tuebingen)
Die Bundesliga-Saison 2015/2016 bei den Crailsheim Merlins war seine letzte als Basketball-Profi. 2017 stand Monse dann noch für die Baskets Wolmirstedt in der zweiten Regionalliga auf dem Parkett – und schaffte mit dem Team den Aufstieg.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/dg
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Trainer Henrik Rödl, Nils Giffey und Steven Monse
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Sein Vater lebte für das Boxen. Bei den Amateuren wurde René Monse mehrfach DDR-Meister, konnte auch international Erfolge feiern, boxte unter anderem gegen Vitali Klitschko. Als Profi stand Monse beim SES-Boxstall aus Magdeburg unter Vertrag. Bekannt wurde er mit zwei Kämpfen um die Europameisterschaft gegen Luan Krasniqi. Die zweite Niederlage im zweiten Kampf gegen Krasniqi markierte 2004 zugleich das Ende seiner Laufbahn. Von seinen 16 Fights als Profi verlor Monse nur zwei, die gegen Krasniqi.

"Als kleines Kind bin ich immer um den Ring gelaufen, war immer dabei, wenn Papa gekämpft hat", erzählt Steven Monse. So unbeschwert, wie das wirkte, war es aber nicht, denn: "Für uns als Familie war das auch mit großen emotionalen Schmerzen verbunden. Es tat weh, ihn so leiden zu sehen. Wir waren froh und stolz, wenn er heil wieder aus dem Ring gekommen ist und wir nach Hause gefahren sind."

Die Monses und ihre Liebe zum Basketball

Nach seiner Profi-Karriere baute René Monse die Generalvertretung einer großen Versicherungsgruppe in Magdeburg auf. Das Boxen hatte er hinter sich gelassen, nun engagierte er sich im Basketball: 2010 übernahm er das Präsidentenamt beim Regionalligaklub der Stadt, war bis zu seinem Rückzug im Dezember 2014 Mitglied im Aufsichtsrat.

"Meine Liebe zum Basketball ist durch meinen Sohn gewachsen", sagte der frühere Boxprofi damals bei seiner Vorstellung als Basketball-Funktionär.

BBC Magdeburg Zeitungsartikel
Dieser Volksstimme-Artikel aus der Zeit seines Vaters (zweiter von links) als Präsident der BG Magdeburg ziert das Büro von Steven Monse. Bildrechte: MDR/Daniel George

Wenn Steven Monse spielte, saß René Monse auf den Rängen. Ließ die Arbeit das nicht zu, telefonierten Vater und Sohn nach den Partien. Das war schon so, als Steven in der Jugend für Alba Berlin auf dem Parkett stand – und 2009 unter dem heutigen Bundestrainer Henrik Rödl deutscher Nachwuchsmeister wurde. Das innige Verhältnis zwischen Vater und Sohn blieb bestehen. Ob der Filius nun in Bamberg oder Berlin spielte – Papa war immer da.

2012 lotste René Monse seinen Sohn für eine halbe Saison zum damaligen Regionalligisten nach Magdeburg. In der Spielzeit 2014/2015 lief der Flügelspieler erneut für den Klub auf, diesmal eine Spielklasse höher in der Pro B. Zuvor hatte Magdeburg durch den Kauf einer Wildcard sogar den Sprung in die zweitklassige Pro A geschafft. Doch der Verein übernahm sich finanziell, stieg Liga für Liga wieder ab – heute gibt es den BBC Magdeburg nicht mehr.

Organigram
Das Ligen-System im deutschen Basketball Bildrechte: MDR/Max Schörm

Plötzlich kam der Krebs

Als es das letzte Mal um Profi-Basketball ging, saßen sich Vater und Sohn Monse wieder gegenüber. Es war im Sommer 2016, als Steven Monse im Gespräch die Entscheidung fasste, seine Karriere zu beenden. Mit 26 Jahren. Im besten Sportler-Alter. Warum? "Ich wollte nicht erst mit 35 mit kaputten Knochen in mein neues Leben nach der Basketball-Zeit starten", erklärt er.

Stattdessen: Konzentration auf die zweite Karriere. Die Ausbildung zum Versicherungsvertreter hatte Steven Monse bereits während seiner Profi-Zeit absolviert. "Dann wollte ich hier bei Papa in Magdeburg zwei Jahre lang eine harte Schule durchlaufen und anschließend nach Berlin zurück. Dort hatte ich mit meiner Freundin eine Wohnung", erzählt er. "Das war unser Deal."

Doch der Deal platzte. Der Krebs kam. "Aus dem Nichts", wie Steven Monse sagt. Ein dreiviertel Jahr blieb seinem Vater noch. "Wir haben noch eine schöne Zeit miteinander verbracht", sagt der Sohn und denkt an das letzte gemeinsame Weihnachtsfest 2016.

Kleine Streitigkeiten, wie bei so vielen Familien an Weihnachten üblich, gab es da nicht. Das Wissen um die Vergänglichkeit des Zusammenseins ließ alles andere nichtig erscheinen. "Da wurde wirklich ausgelassen gefeiert", sagt Steven Monse. Die ganze Familie war beisammen. "Ich habe dann irgendwann bei meinem Opa im Arm gehangen und ihm versprochen, dass ich dem Basketball treu bleibe. Er meinte, dass das gut für das Herz ist."

Also kehrte Steven Monse noch einmal zurück auf das Parkett. Die SBB Baskets Wolmirstedt führte der 1,98 Meter große Flügelspieler vor zwei Jahren zum Aufstieg in die 1. Regionalliga. Mittlerweile arbeitet er ehrenamtlich als Sportlicher Leiter bei dem ambitionierten Klub.

Steigen die SBB Baskets Wolmirstedt auf?

Wolmirstedt kämpft als Tabellenzweiter aktuell um den Aufstieg in die Pro B. Am vergangenen Wochenende siegten die Baskets im Spitzenspiel mit 76:68 gegen Aschersleben. Acht Partien bleiben noch, um den einzigen Aufstiegsplatz zu erobern. Jedoch könnte auch Platz zwei zum Aufstieg reichen. Denn: Noch ist unklar, ob Tabellenführer Eimsbütteler TV die Lizenz für die Pro B erhalten würde.

"Da war gar nichts klar"

Zwei meterhohe Luftballons hängen dieser Tage hinter dem Schreibtisch von Steven Monse. Sie bilden eine 30, so alt ist er vor Kurzem geworden. Als sein Vater starb, war Steven Monse 27 Jahre alt. Ob damals klar war, dass er den Kundenstamm seines Vaters übernehmen würde? Dass er in der Region bleibt, wo auch seine zwei jüngeren Halbbrüder mit der Familie leben? "Da war gar nichts klar", sagt er. "Das war eine Phase, in der ich am liebsten nur hätte trauern wollen, einfach im Kreis meiner Familie für mich sein."

Doch für Hinterbliebene bringt der Tod stets Pflichten mit sich. "Es mussten Entscheidungen getroffen werden." Berufliche, rechtliche. "Natürlich habe ich überlegt, was ich mache, ob ich hierbleibe." Wieder Stille für einen Augenblick. "Aber mein Bauchgefühl", sagt Steven Monse, "hat mir nie eine Wahl gelassen." Sein Vater lächelt auf dem Foto im Hintergrund. Papa ist immer da.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Im April 2017 zog es ihn zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet.

Er hat 2010 von der Vorstellung René Monses als Präsident der BG Magdeburg berichtet. Und er saß als Fan von Alba Berlin an der Seitenlinie, als Steven Monse 2013 in der Euroleague gegen Istanbul spielte.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2020, 17:16 Uhr

1 Kommentar

Rain Man vor 7 Wochen

Schöner Bericht. René war ein sehr guter Freund. Vor allem immer gerade heraus.

Er fehlt.

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