CBD im Leistungssport Warum ein Profi-Sportler aus Magdeburg auf Cannabis setzt

Daniel George
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Niklas Stolze ist professioneller Kampfsportler. Knochenbrüche oder andere Verletzungen gehören für ihn beim Mixed Martial Arts (MMA) dazu. Zur Regeneration nutzt der 26-Jährige deshalb Cannabis. Solche CBD-Produkte sind leicht erhältlich, doch noch kaum erforscht. Auch die rechtliche Lage ist unklar. Stolze will dennoch mit Vorurteilen aufräumen.

Der MMA-Kämpfer Niklas Stolze beim Training.
Niklas Stolze schwört auf die Wirkung des CBD-Öls. Bildrechte: MDR/Collage/Stolze

Zweimal täglich Training – mindestens! Laufen und Fahrradfahren noch dazu. Und: eine gesunde Ernährung. Niklas Stolze verdient seinen Lebensunterhalt mit Leistungssport – und nutzt Cannabis zur Regeneration.

Wer das konsumiert, der sitzt nur faul und berauscht in abgedunkelten Räumen, dem fehlt selbst der Antrieb, seinen Körper von der Couch zu hieven. Sagt das Kiffer-Klischee. Doch Niklas Stolzte ist davon weit entfernt.

"Die Leute müssen langsam sehen, dass Menschen, die Cannabis konsumieren, nicht alle dumme Kiffer sind", sagt Stolze, 26 Jahre alt und professioneller Kampfsportler aus Magdeburg. Denn er glaubt: "Schlaue Menschen macht Cannabis schlauer, dumme Menschen dümmer. Faule Menschen macht Cannabis fauler, fleißige Menschen fleißiger." Und: "Mir hilft es."

CBD als Nahrungsergänzungsmittel

Niklas Stolze betreibt Mixed Martial Arts, kurz MMA. Das ist ein Vollkontaktsport, deren Kämpfer sich Schlag- und Tritttechniken zahlreicher Kampfsportarten wie dem Boxen, Taekwondo oder Karate bedienen. Am Boden kommen unter anderem Techniken aus dem Ringen und Judo zum Einsatz. "MMA", sagt Stolze, "ist der ultimative Kampfsport."

Die Vorurteile gegen Cannabis müssen abgebaut werden. Die Leute müssen sehen, dass es wirklich helfen kann. Ich will das niemandem aufzwängen. Aber ich kann sagen: Mir hilft es.

Niklas Stolze, MMA-Profi

Die Kämpfer müssen einstecken können. Niklas Stolze hat sich im Käfig, wo seine Kämpfe stattfinden, bereits unzählige Knochen brechen lassen. Im Training kommt es immer wieder zu kleineren Blessuren. Seit zweieinhalb Jahren setzt der 26-Jährige zur Unterstützung seiner Regeneration deshalb nun schon auf Cannabidiol, kurz CBD.

Das Molekül stammt aus der weiblichen Hanfpflanze. Es soll entzündungshemmend, angstlösend und entspannend wirken – aber definitiv nicht berauschend. Dafür ist das Tetrahydrocannabinol, kurz THC, verantwortlich. CBD ist das beruhigende Gegenstück. Das dunkelgrüne Hanf-Öl gilt als Nahrungsergänzungsmittel und ist, wenn aus zertifiziertem EU-Nutzhanf gewonnen, legal. Voraussetzung: Der THC-Anteil darf 0,2 Prozent nicht überschreiten.

Zwei Kapseln schluckt Niklas Stolze jeden Abend. Drei Tropfen tröpfelt er sich zusätzlich noch auf die Zunge. Er hat seine perfekte Dosierung gefunden. "Mein gesamter Heilungsprozess ist besser geworden, die Regenerationsphasen sind intensiver", sagt der 26-Jährige. Er könne besser schlafen. "Außerdem bin ich super selten krank. Ob das nun nur daran liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Das liegt bestimmt auch an meinem allgemeinen Lebensstil." Denn: "Ich mache viel Sport, achte auf meine Ernährung, esse viel Ingwer, jeden Tag Zitrone, ich faste viel und reinige meinen Körper." Doch fest steht für ihn: "CBD ist die Kirsche, die das abrundet."

Niklas Stolze, MMA-Kämpfer aus Magdeburg 1 min
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Niklas Stolze: Mit Cannabis groß geworden

Stolze kam früh mit Cannabis in Kontakt. Sein Vater kiffte regelmäßig. "Ich bin damit groß geworden", sagt er. "Mein Dad war schon immer ein Arbeitstier, einer der fleißigsten Menschen, die ich kenne. Er arbeitet schon sein ganzes Leben 50 Stunden die Woche auf dem Bau. Und das ist einfach sein Mittel, um abends runterzukommen." Der Joint war sein Feierabendbier.

Doch nicht nur daheim war das Gras präsent – auch im Freundeskreis des gebürtigen Schönebeckers: "Aus der Gegend, wo ich herkomme, war das gang und gäbe. Da haben alle gekifft. Aber mich in irgendeine vollgequalmte Bude zu setzen, zu kiffen und irgendwelche Gummitiere in mich reinzuschaufeln, war nicht so meins. Ich habe das immer als Belohnung gesehen." Nachdem die Schule, nachdem danach das Leichtathletik-Training geschafft war.

Der MMA-Profi ist sich bewusst: "Es ist ein Kopf-Ding, ob du damit umgehen kannst oder nicht." Der grundsätzlichen Legalisierung von Cannabis steht er deshalb skeptisch gegenüber: "Wer will das dann noch überwachen? Wir haben Alkohol irgendwann legalisiert und können es jetzt nicht mehr kontrollieren. Du musst dir nur mal anschauen, wie viele Alkoholiker es da draußen gibt, wie viele Leute sich jeden Tag damit vergiften, was für schlimme Schicksale dadurch entstehen. Und das könnte mit so einer Pflanze auch passieren."

Wobei die Unterscheidung entscheidend ist: Stolze bezieht sich auf den Wirkstoff THC. Diese Droge kann süchtig machen. Anders als CBD. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wiederholt festgestellt, dass der CBD-Konsum sicher ist und nicht abhängig macht. Selbst in größeren Mengen gilt CBD als ungiftig und sicher.

Nutzer berichten in Internetforen, wie sie ein paar Tropfen täglich von chronischen Schmerzen oder Panickattacken geheilt hätten, sie dank CBD endlich in den Schlaf finden konnten. Allerdings sind auch gegenteilige Schilderungen von enttäuschten Nutzern zu finden, dass CBD bei ihnen keine Wirkung erzielt hätte. In den USA wurde der Wirkstoff bereits als Medikament zur Behandlung von Epilepsien bei Kindern zugelassen. Vorläufige Ergebnisse von Studien wecken Hoffnung, dass CBD auch Menschen mit einer Psychose helfen könnte. Deutsche Forschergruppen prüfen die Anwendung bei Krebs.

Noch ist die Studienlage für die allermeisten Indikationen allerdings zu dünn, die Wirkung durch die Forschung nicht ausreichend nachgewiesen. Zudem besteht der Verdacht, dass CBD in hohen Dosen erheblichen Einfluss auf den Stoffwechsel hat und Enzyme in der Leber hemmt. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten seien möglich, warnt die Weltgesundheitsorganisation.

CBD-Laden in Magdeburg: "Bei uns ist alles seriös"

Die rechtlige Lage ist unklar. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erklärt, es sei keine Fallgestaltung bekannt, wonach CBD in Lebensmitteln, also auch Nahrungsergänzungsmitteln, verkehrsfähig wäre. Aus Sicht des BVL muss zwar für CBD-haltige Erzeugnisse vor dem Inverkehrbringen entweder ein Antrag auf Zulassung eines Arzneimittels oder ein Antrag auf Zulassung eines neuartigen Lebensmittels gestellt werden. Weil jedoch noch kein Urteil vorliegt, sind die Produkte leicht erhältlich.

Händlern von CBD-Produkten ist es in Deutschland nicht gestattet, Dosierungen zu empfehlen oder Wirkungen aufzuführen. Denn Nahrungsergänzungsmittel dürfen keine ausgeprägte pharmakologische Wirkung haben und nicht therapeutisch beworben werden. "Wenn zum Beispiel eine ältere Dame zu mir kommt mit chronischen Kopfschmerzen, kann ich ihr nur sagen, dass es Erfahrungen gibt, das CBD die Schmerzen lindern kann. Es gibt aber kein Versprechen", sagt Christopher Teschner.

Seit Anfang November betreibt der 28-Jährige die "Grüne Ecke" in Magdeburg. In den Holzregalen stehen allerlei CBD-Produkte: Tee, Öle, Balsam, Kapseln. Der kleine Laden ist modern eingerichtet und sauber – das Gegenteil einer Kiffer-Höhle. "Ich will, dass CBD rauskommt aus dieser Schmuddelecke", sagt Teschner. Und: "Ich will mich abgrenzen von irgendwelchen Hokuspokus-Kügelchenverkäufern und nicht wie ein selbst ernannter Wunderheiler auftreten. Bei uns ist alles seriös."

Mir haben mehrere Sportler bestätigt, dass ihnen CBD bei der Regeneration hilft. Und wenn sie das öffentlich machen, hilft das wiederum, Vorurteile abzubauen.

Christopher Teschner, Inhaber eines CBD-Ladens in Magdeburg

Die Grüne Ecke arbeitet mit Großhändlern zusammen. Produziert wird in Italien und der Schweiz. Alle Inhaltsstoffe der Produkte sind genau aufgeschlüsselt, der THC-Gehalt nie höher als 0,2 Prozent, versichert Teschner. So, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. CBD-Läden beispielsweise in Nordrhein-Westfalen oder Berlin, wo die Produkte bereits weiter verbreitet sind, werden von der Polizei regelmäßig auf die Einhaltung der Bestimmungen kontrolliert. Weil CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel gelten, fällt die medizinische Vorabkontrolle weg. Denn im Gegensatz zu Medikamenten muss keine Wirkung nachgewiesen sein. Angesichts des weltweiten CBD-Hypes wittern Betrüger mancherorts das schnelle Geld.

Christopher Teschner will sich abgrenzen von solchen Machenschaften. Er glaubt an CBD, nutzt seine Produkte selbst – und er weiß, dass sie gerade Leistungssportlern helfen können: "Mir haben mehrere Sportler bestätigt, dass ihnen CBD bei der Regeneration hilft. Und wenn sie das öffentlich machen, hilft das wiederum, Vorurteile abzubauen."

Christopher Teschner, Inhaber der Grünen Ecke in Magdeburg (CBD-Laden) 1 min
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Niklas Stolze: "Auch Conor McGregor nutzt Cannabis"

MMA-Profi Niklas Stolze wünscht sich mehr Aufklärungsarbeit. Und groß angelegte Studien, mit der die Wirkung von CBD verlässlich erforscht und nachgewiesen werden kann. "Ich habe mich ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Mein Körper ist mir viel zu wichtig, als dass ich einfach irgendwas zu mir nehmen würde", sagt Stolze. "Es gibt ganz viele verschiedene Pflanzen, verschiedene Wirkstoffe, verschiedene Dosierungen. Man muss das alles auf den einzelnen Menschen anpassen." Was für eine generelle Verschreibungspflicht sprechen würde – oder zumindest für die Erlaubnis von Empfehlungen durch die Verkäufer.

Stolze hat bereits beim Größten seiner Sportart gesehen, dass es hilft: Der 26-Jährige trainierte bereits an der Seite von Conor McGregor, dem schillernden Superstar der MMA-Szene, in Irland. Und er verrät: "Auch Conor nutzt Cannabis, um runterzukommen, vor großen Kämpfen zum Beispiel." Millionen Menschen wollen ihn gewinnen sehen – und Millionen verlieren. Ein unfassbarer Druck. "Als er mir das erzählt hat, da wusste ich: Es kann nur eine Frage des Kopfes sein, der Dosierung, der Willensstärke", sagt Stolze. "Wenn das so jemand macht, der so viel in seinem Leben erreicht hat."

Partnerschaft mit CBD-Shop des Rappers "Plusmacher"

In der MMA-Welt ist der Konsum von Cannabis weit verbreitet. Der weltweit größte Veranstalter, die "Ultimate Fighting Championship", kurz "UFC", unterzeichnete zu Beginn dieses Jahres einen Vertrag mit einem der größten Cannabis-Produzenten Kanadas. Das Ziel: eine Studie über den Einsatz von CBD bei Kampfsportlern. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Studie direkt aus der Pharmabranche komme, um ein kommerzielles Produkt besser zu verkaufen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat CBD bereits 2017 erlaubt. Allerdings weist die Nationale-Anti-Doping-Agentur (NADA) daraufhin, dass "CBD-Produkte undefinierbare Mengen an THC enthalten können" und THC "im Wettkampf verboten und lange im Urin nachweisbar" sei. Viele Sportler schreckt das ab – zusätzlich zu den üblichen Kiffer-Klischees.

Niklas Stolze wird mittlerweile offiziell vom CBD-Shop "Eden Germany" mit Produkten ausgestattet. Der Kontakt kam über den deutschlandweit bekannten Rapper "Plusmacher" zustande, der aus Magdeburg stammt und an dem Unternehmen beteiligt ist. Stolze glaubt an CBD – nur deshalb wirbt er dafür, sagt er.

Niklas Stolze steht öffentlich zu seinem CBD-Konsum – und will damit auch Vorreiter sein in der deutschen Sportlandschaft. Warum er so offen darüber spricht? "Weil es für mich legitim ist. Die Vorurteile müssen abgebaut werden. Die Leute müssen sehen, dass es wirklich helfen kann", sagt der 26-Jährige. "Ich will das niemandem aufzwängen. Aber ich kann sagen: Mir hilft es." Und zwar beim Leistungssport – und nicht beim Gummitiere-Vernichten in der dunklen Kifferhöhle.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

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