Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Für MDR SACHSEN-ANHALT malte Johannes Ehemann sein neuestes Werk "BLESSED" vor der Kamera. Bildrechte: George/MDR

Leben auf Leinwänden Ein Eishockeyspieler und seine Kunst

Johannes Ehemann spielt professionell Eishockey bei den Saale Bulls. Doch er ist auch ein hochtalentierter Künstler. Wie das zusammenpasst und welche Gedanken ihn umtreiben, erklären seine Werke. Ein Besuch in der Galerie des 21-Jährigen.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Für MDR SACHSEN-ANHALT malte Johannes Ehemann sein neuestes Werk "BLESSED" vor der Kamera. Bildrechte: George/MDR

Für einen Moment nimmt Johannes Ehemann das schwarze Basecap vom Kopf und wischt sich durch das Haar. Auf der Kopfbedeckung steht in roter Schrift "Warning", Warnung also. Spielt sich in diesem Kopf etwa Verrücktes ab? "Ja", sagt er und lacht: "Wenn mich andere fragen, beschreibe ich mich selbst oft als verrückt."

Seine Freundin Paula sitzt auf einem Hocker neben ihm und schmunzelt. Sie kennt ihren Freund und seine schier unendlichen Gedankengänge gut. Doch wer Johannes Ehemann zum ersten Mal im längeren Gespräch erlebt, ist leicht überwältigt. "Sorry, dass ich so viel erzähle", sagt der 21-Jährige, "aber es gibt so viel zu erzählen."

Johannes Ehemann spielt Oberliga-Eishockey in Halle bei den Saale Bulls. Doch hier steht er als Johannes Ehemann, der Künstler. Als Johannes Ehemann, der Mensch – ein beeindruckender junger Mann mit hehren Werten. "Ich habe die Kunst als Lebensweg für mich ausgewählt", sagt der gebürtige Bayer.

Bereits in seiner Kindheit malte Ehemann gern. Sein Vater, ein Architekt, zeigte es ihm. Doch als Johannes Ehemann im Nachwuchs der Eisbären Berlin spielte und auf eine Karriere als Profispieler vorbereitet wurde, ging die Leidenschaft für die Malerei ein wenig unter. Vor zwei Jahren wechselte Ehemann nach Halle zu den Saale Bulls – und entdeckte seine Liebe zur Kunst neu.

Ich habe die Kunst für mich als Lebensweg ausgewählt.

Johannes Ehemann

Erst probierte er sich an Graffitis im Skatepark in Halle-Neustadt. "Kunst kommt von der Straße und sollte auch für die Straße sein", sagt er. Doch die Graffitis waren ihm zu kurzweilig. Rasch wurden sie übermalt. Deshalb griff Ehemann zur Leinwand. Und dass er seinen Vertrag bei den Saale Bulls im Sommer verlängerte, hatte maßgeblich mit seiner Kunst zu tun: Der Verein unterstützte ihn bei dem Vorhaben, ein eigenes Atelier zu eröffnen. Seit Mitte Juli gibt es nun seine Galerie im Stadtcenter Rolltreppe. Ursprünglich sollte er dort bis zum 15. August ausstellen und arbeiten. Gerade wurde die Laufzeit um einen weiteren Monat verlängert. Seine Werke begeistern.

Doch wie passt das überhaupt zusammen – Eishockey und Kunst? Was treibt diesen jungen Mann an? Und was geht denn nun wirklich vor in seinem Kopf? Wer Johannes Ehemann verstehen will, muss seine Kunst verstehen. "Ich archiviere meine Gedanken in Bildern. Sie erzählen meine Geschichten", sagt er – und führt durch seine Galerie:

ANEKDOTEN DES FRIEDENS

"Meine Freundin Paula und ich waren im Dezember 2016 während des Terror-Anschlags auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Wir haben uns danach lange darüber unterhalten. Das Bild war für uns Konfliktbewältigung. Eigentlich habe ich düster und dunkel angefangen. Aber dann hat Paula gesagt, dass sie erstmal nicht mehr nach Berlin fahren möchte. Dieser Satz hat mich umgestimmt. Es kann doch nicht sein, dass wir uns davon unser Leben bestimmen lassen. Das Herz spielt in diesem Bild eine große Rolle. Ich habe eine schwere Trennung durchgemacht und dachte, dass ich meinen kompletten Gefühlsalltag auf den Schrottplatz bringen kann. Aber dann kam Paula und hat mir wieder warme Gefühle gegeben. So ist es bei der Liebe. Aus jedem Rückschlag wächst das Herz. Die Trompete gibt den Rhythmus vor. Sie steht auch für einen gesunden Egoismus, dafür, nach seinem eigenen Rhythmus zu leben. Die Freiheitsstatue steht für Freiheit. Sie war ein Geschenk der Franzosen an die Amerikaner. Es geht also auch darum, anderen Menschen etwas Gutes zu tun. Es geht um Respekt. Wenn jemand ein Portemonnaie verliert, stehe ich gefälligst auf, hebe es auf und gebe es ihm zurück. Dafür brauche ich auch keinen Finderlohn. Ich grüße ältere Menschen. Weil sich das so gehört. Das ist ein Standpunkt, der in der heutigen Welt leider oft verloren geht."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

NOT ANYMORE

"Als ich das Bild gemalt habe, war ich tierisch sauer auf meinen Mitbewohner und besten Freund. Wenn wir uns am selben Tag noch sehen, musst du mir doch nicht eine halbe Stunde vorher eine Nachricht schreiben und fragen, wie es mir geht. Die eine Hand möchte reden, die andere mit dem Telefon ist sehr erdrückend. Ich mag Telefone nicht. Natürlich: Ich bin auf sie angewiesen, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Auch die sozialen Netzwerke bediene ich. Dabei geht es aber darum, Inspiration zu finden und den Menschen meine Kunst näherzubringen. Nicht wir leben mehr auf dieser Welt. Es sind unsere Telefone, die auf dieser Welt leben. Wir unterhalten uns nicht mehr. Wir liken Beiträge und kommentieren Fotos. Wir stöbern im Internet nach Dingen, die uns cooler erscheinen lassen. Wir sind große Schausteller auf einem riesengroßen Volksfest. Früher bin ich zu jedem Freund mit dem Fahrrad gefahren und habe gefragt, ob er rauskommt. Mittlerweile sind die Kids sauer, wenn ihre Freunde nicht innerhalb von zehn Minuten auf eine Nachricht antworten. Wenn ich mich einen Tag lang auf die Große Ulrichstraße stellen würde, würden doch mindestens 20, 30 Leute gegen meine Brust rennen, weil sie alle auf ihr Handy starren."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

MORE LIFE

"Astronauten werden in den Weltraum geschickt, um nach alternativen Planeten zu suchen. Man gaukelt uns vor, dass das geschieht, damit unser Vermächtnis weiterlebt. Aber im Grunde genommen verbraucht so ein Raketenstart so viel CO2 wie halb Deutschland mit Benzinmotoren nicht verbraucht. Jeder Astronaut ist ein Noah der Neuzeit, er sucht nach neuen Möglichkeiten zum Leben. Ich denke aber, man sollte doch lieber mit Raumsonden oder anderer Technik dort oben arbeiten, anstatt Menschen dort hochzuschicken, die dann witzige Videos machen, wie sie Popcorn essen oder so."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke
Bildrechte: MDR/George

THOUGHTS, DREAMS AND NIGHTMARES

"Das ist ein Porträt von einem brasilianischen Obdachlosen. Ich will damit ausdrücken, dass das, was dir passiert, vielleicht mit einer gewissen Absicht, mit einer höheren Macht passiert. Manche Obdachlose haben unendliches Leid erfahren, andere denken, dass das System gegen sie ist. Ich denke, man sollte die Hoffnung trotzdem nie aufgeben und immer daran glauben, dass einem etwas Gutes wiederfahren kann. Auch Obdachlose sollten träumen. Manche denken sich vielleicht, dass sie sich in drei, vier Jahren gerne wieder in einem Schlips sehen würden. Diese Favela-Attitüde fand ich spannend, weil es ein herrenloser und gesetzloser Ort ist. Außerdem gibt es in Brasilien viele Menschen, die sehr gottverbunden sind und diese Hoffnung immer in sich tragen. Grundsätzlich denke ich: Auch Leute, die früher nichts hatten, die es aus eigener Kraft nach oben schaffen, können Großes erschaffen. Ich habe keinen Cent von meinen Eltern für die Malerei gesehen. Die Leinwand habe ich mir durch das Eishockey finanziert, den Rest auch selbst. Nur bei der Eröffnung der Galerie hat meine Mutter den Sekt besorgt. (lacht)"

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Bildrechte: George/MDR

WILD THOUGHTS

"Ich war vor ein paar Wochen in Mailand mit meinen alten Schulfreunden aus Berlin. Wir sind an einem botanischen Garten vorbeigelaufen. Dort gab es auch einen riesengroßen Rosengarten mit seltenen Wildrosen. Das ist eine Damask Rose. Sie ist sehr selten. Ich habe meinen Eltern davon erzählt und meine Mutter meinte sofort, wie schön das sei. Aber ich hatte ihr nicht mal ein Foto gezeigt. Es geht also darum, dass jeder eine andere Auffasung hat, andere Vorstellungen. Wilde Gedanken."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

LIKE A BIRD

"Das ist ein Songtext von Nelly Furtado. Lass die Dinge, die dich nach unten ziehen, einfach fallen wie einen Stein. Flieg frei wie ein Vogel. Suche, was dich glücklich macht. Diese Einstellung sollte jeder Mensch haben. Wenn dich dein Job zum Beispiel nicht glücklich macht, such dir einen neuen. Ich hatte auch schon viele Höhen und Tiefen in meinem Leben. Jetzt erlebe ich gerade ein sehr schönes Hoch."

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CINDERELLA

"Ich bin ziemlich früh, mit 14 Jahren, zu Hause ausgezogen und nach Berlin ins Internat gegangen. Dort habe ich im Jugendbereich der Eisbären gespielt. Die Jeans habe ich selbst zusammengenäht und getragen. Sie soll diese Verrücktheit und Anonymität von Berlin verdeutlichen. Es ist eine moderne Cinderella-Story. Früher hieß es: Passt du in diesen Schuh, wirst du eine Prinzessin. Hier heißt es: Passt du in diese Jeans, passt du in dieses Großstadtleben. Ausgangspunkt war eine skurrile Situation: Ich saß in meinem Auto auf dem Parkplatz und habe am Kurfürstendamm auf meine damalige Freundin gewartet. Plötzlich setzte sich eine Dame vor mein Auto, zog die Hose runter und hat direkt vor das Auto geschissen. Da dachte ich mir: Oh Mann, für das hier musst du schon gemacht sein. Damit musst du umgehen können. Manche meiner Mitschüler damals auf dem Internat haben auch gesagt, dass sie zurück nach Hause müssen, zurück ans Meer, zurück in die Berge. Sie sind mit der Großstadt nicht klargekommen."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

VINTDAMME

"Hier ist ein altes Foto von meiner Schwester eingearbeitet, als sie noch ganz klein war. Es soll die Entwicklung zeigen, was seitdem aus ihr geworden ist. Im Hintergrund ist eine wohlsituierte Frau zu sehen. Meine Schwester möchte bald ein Einser-Abitur machen, sie will Psychologie studieren. Sie hat aber auch schwere Zeiten durchlebt. Es geht bei dem Bild um Alt und Neu. Aus ihr ist eine anständige junge Frau geworden, gut erzogen. Das konntest du ja früher nur hoffen und Energie reinstecken, wusstest nicht, ob es was wird. Jeder sollte mit seiner Vergangenheit umzugehen lernen, sie nicht überspielen. Denn sie macht aus jedem Menschen das, was er ist."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

RABBITS

"Ich spiele Eishockey. Ich liebe den Sport. Aber ich möchte als Person wahrgenommen, für meine Gedankengänge geschätzt werden. Im Eishockey habe ich da – gerade in meiner Berliner Zeit – oft eine Engstirnigkeit bemerkt. Rumgegröle, Proletentum, in Jogginghosen rumrennen. Ein bisschen eine Rückbesinnung auf die Affen. Bist du der Härteste, dann bist du der Coolste. Das war nicht meine Welt. Ich wurde zum Teil als Schwuchtel beschimpft. Meine Mitspieler haben eine Liste geführt, wie teuer meine Klamotten waren. Kurz nach der Eröffnung der Galerie bin ich aufgewacht und habe diese Hasenmaske gesehen, die mir Paula mal zu Halloween geschenkt hat. Sie ist ja schon ein bisschen gruselig. Aber ein Hase ist süß, er rennt und rammelt viel. Der sitzt nicht still. So einen Hasen sieht man nie zur Ruhe kommen, nur wenn er schläft. Aber auch ein Hase hat Gefühle, und Hase ist nicht gleich Hase. Das soll den zweiten Blick auf eine Person verdeutlichen. Du kannst über deine Bestimmung hinauswachsen. Du sollst verrückt sein. Du sollst dich ausleben."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

BLESSED

"Jetzt im Sommer haben viele meiner guten Freunde die Saale Bulls verlassen. Aber wir halten trotzdem Kontakt. Es ist ein Segen, dass sie mich trotzdem unterstützen und ich sie. Auf dem Bild ist die Nase eines Freundes zu sehen, ein Auge eines anderen, das Nackentatoo eines weiteren. Es soll auch zeigen, dass dieser Zusammenhalt in einer Gemeinschaft etwas Großes ins Rollen bringen kann."

Johannes Ehemann posiert vor einem seiner Kunstwerke.
Bildrechte: George/MDR

Sein Werk "BLESSED" zeichnete Johannes Ehemann für MDR SACHSEN-ANHALT in seiner Galerie vor der Kamera. 52 Minuten benötigte der Künstler dafür.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 05. August 2017, 16:28 Uhr

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