Saale Bulls Corona beendet Karriere vorzeitig: Die heimlichen Tränen des Kai Schmitz

Lange war Kai Schmitz der Bad Boy der Saale Bulls – Sachsen-Anhalts einzigem Eishockeyteam. Doch über die Jahre reifte er zum Führungsspieler. Nun musste er seine Karriere coronabedingt ein paar Wochen zu früh beenden – und will künftig noch viel mehr Verantwortung bei den Saale Bulls übernehmen. Eine Zeitreise.

Oliver Leiste
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von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Kai Schmitz (MEC Halle 04) fokusiert das Tor.
Kai Schmitz hat seine Karriere als Spieler bei den Saale Bulls beendet. Bildrechte: imago images / VIADATA

Nein, so hatte sich Kai Schmitz seinen Abschied sicher nicht vorgestellt. Der Kapitän der Saale Bulls, Sachsen-Anhalts einzigem Eishockey-Profiteam, hat vergangene Woche seine Karriere beendet. Ziemlich unscheinbar, mit einem Auswärtssieg in Essen. Eigentlich wollte er mit seinem Team in den Playoffs noch mal Heldentaten vollbringen, erzählt er MDR SACHSEN-ANHALT bei einem Treffen in seinem Lieblingslokal in Halle. Doch dann kam das Coronavirus dazwischen und die Saison wurde abgebrochen – unmittelbar vor der "geilsten Zeit", wie der Saisonhöhepunkt bei Fans und Spielern genannt wird. 

"Immerhin habe ich mein letztes Spiel gewonnen. Das ist nicht vielen vergönnt", erzählt der 34-Jährige und ergänzt: "Tagsüber war ich bis jetzt meistens mit den anderen Spielern zusammen, da hat sich alles ziemlich normal angefühlt. Aber abends, wenn ich im Bett liege, bin ich schon sehr traurig, dass es so gekommen ist." Mit ein paar Tagen Abstand übermannten ihn dann schließlich die Gefühle. "Ich war gerade im Wald mit meinem Hund spazieren, als ich das Abschiedsvideo des Vereins gesehen habe. Und dann stand ich da und habe geheult."

Der Schmerz ist verständlich, schließlich stand Schmitz fast 30 Jahre lang auf dem Eis und hat nicht viel anderes gemacht, außer Eishockey zu spielen. "Zu sagen, ich bin kein Eishockeyspieler mehr, fühlt sich sehr seltsam an", erzählt Kai Schmitz. Es sind beeindruckend offene Worte des Verteidigers, der für seine markigen Sprüche berühmt und für seine harte Spielweise berüchtigt ist.

Ein Leben als Rockstar

In den folgenden anderthalb Stunden begibt sich Schmitz auf eine Zeitreise und blickt in der Kneipe auf seine lange Karriere im Saale-Bulls-Trikot zurück. Mit 20 unterschrieb er seinen ersten Vertrag in Halle. 2005 war das. Zuvor war er schon auf dem Sprung in die DEL. Doch er sagte den Kölner Haien ab, weil er lieber mit seinem Kumpels in der fünften Liga spielen und feiern wollte. Auch in Halle hatte der Verteidiger schnell seinen Ruf weg. Wann immer es eine Schlägerei auf dem Eis gab, war Schmitz mittendrin. Knapp 1.500 Strafminuten hat er über die Jahre in 444 Pflichtspielen für die Saale Bulls angesammelt, dazu sechs Matchstrafen. Beides ist unangefochtener Vereinsrekord. 

Auch abseits des Eises lebte er alles andere als zurückhaltend. "Wenn ich auf meine ersten fünf Jahre hier zurückblicke, war das die reinste Katastrophe", erzählt Schmitz lachend. "Das war Eishockey verbunden ganz viel Party. Wir haben gelebt wie Rockstars und das in vollen Zügen genossen. Lukas Heise oder Christian Czaika ( zwei Kollegen aus Schmitz’ Anfangszeit in Halle - d.Red.) haben ja nur eine Saison hier gespielt. Die sagen heute noch, das war das verrückteste Jahr ihres Lebens." 

Kai Schmitz bekommt bei der Saisonabschlussfeier der Saalebulls einen Preis überreicht.
Von 2005 bis 2010 war Kai Schmitz ständig auf Partys. "Ich habe gelebt wie ein Rockstar", sagt er heute. Bildrechte: MDR/ Stefan Röhrig

Sehnsucht nach Abstand

Irgendwann merkte Schmitz jedoch, dass ihm das Leben auf der Überholspur zu viel wurde. Deswegen nahm er sich eine Auszeit und ging 2010 zurück nach Köln. Während er dort und in Essen spielte, lernte er Steffi kennen, seine heutige Frau. Vielleicht der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben. Denn mit der Zeit wurde er ruhiger – auf und abseits des Eises. Trotzdem vermisste er das Leben in Halle bald: "Irgendwie war das hier meine Heimat geworden. Und obwohl ich aus Köln kommen, war ich dort nie richtig glücklich", berichtet er.

Die Karriere von Kai Schmitz in Zahlen

  • 444 Pflichtspiele für die Saale Bulls
  • 33 Tore
  • 178 Assists (211 Zähler)
  • 1.472 Strafminuten
  • 141 Spiele als Kapitän


Zusammengetragen wurden die Zahlen von Vereinschronist Mario Schoppa.

"Leipzig war mein größter Fehler"

So kehrte er 2012 zurück nach Halle. Zunächst für zwei Jahre. Dann wurde sein Vater krank und Kai Schmitz wechselte einmal mehr in die Heimat. Allerdings war eine erneute Rückkehr nach Halle fest vereinbart. Doch als es soweit war, legte der damalige Trainer Ken Latta sein Veto ein. Schmitz war verärgert, wollte aber doch zurück in die Region und zu seinen Freunden. So wechselte er im Sommer 2015 zum halleschen Erzrivalen nach Leipzig. 

Der größte Fehler seiner Karriere, sagt der Verteidiger heute. "Das liegt gar nicht an den Leuten dort. Ich habe mich in Leipzig wohl gefühlt und zu den Beteiligten noch immer ein gutes Verhältnis. Aber ich bin eben ein sehr loyaler Mensch und deshalb hat sich falsch angefühlt, dort zu spielen." Nur wenige Monate später gab es ein Happy End und Schmitz konnte noch während der Saison zurück nach Halle wechseln.   

Der Käpt’n mit dem schlechten Ruf

Hier präsentierte sich der Verteidiger als gereifter Führungsspieler und wurde bald darauf Kapitän der Mannschaft. Eine Amt, dass er nun bis zum Schluss innehatte. Weil Schmitz nach außen sehr viel professioneller auftrat als in seinen Anfangsjahren. Zudem versuchte er alle Spieler im Team mitzunehmen und ihnen zu helfen. 

Auf dem Eis ging er, wenn es sein musste, gewohnt kompromisslos dazwischen – und profitierte dabei auch von seinem schlechten Ruf. "Es kam öfter mal vor, dass ich einem Gegner gewarnt habe, wenn er einen Mitspieler zu hart attackierte. Nach dem Motto: Noch einmal, dann bekommst du es mit mir zu tun. Das hat meist gereicht und derjenige hat sich dann zurückgehalten", sagt Schmitz grinsend. Was ihm entgegen kam, weil er selbst gar nicht mehr so viel Lust hatte, sich ständig zu prügeln. Die Drohung nahmen die Gegner dennoch ernst.

Schlägerrei zwischen Florian Kirschbauer (Frankfurt) und Kai Schmitz (Saale Bulls Halle)
Gerade in seiner Anfangszeit ging Schmitz (91) keiner Schlägerei aus dem Weg. Später wurde er ruhiger, behielt aber seinen schlechten Ruf. Bildrechte: imago images / Eibner

Schmähungen bei Facebook: "Das ging mir sehr nah"

Auch Auseinandersetzungen mit den eigenen Fans scheute Kai Schmitz nicht. Von einigen Anhängern fühlte er sich zuletzt zunehmend ungerecht behandelt. Vor allem im Internet gab es phasenweise überzogene Kritik. "Was da anonym abgegeben wurde, ging mir teilweise schon sehr nah. Die Leute können mir gerne ins Gesicht sagen, wenn sie etwas stört. Aber auf Facebook oder anderen Plattformen so über einen herzuziehen, nervt gewaltig." 

Nach der jüngsten Derbypleite gegen Leipzig nahm die Kritik überhand. Schmitz überlegte, trotz seines Anschlussvertrags zu kündigen. Seine Mitspieler sprachen sich lautstark für einen Verbleib aus und bei einem Fanforum kam der Kapitän auch mit den Anhängern wieder ins Gespräch. Und auf den Instagrampost, mit dem er sein Karriereende verkündete, folgten zahlreiche positive und dankbare Reaktionen. 

Halles Verteidiger Kai Schmitz auf dem Weg zur Strafbank.
Bis zum Ende seiner Laufbahn galt Kai Schmitz als Strafbankkönig von Halle. Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Die ersten Schritte als Sportdirektor

Und so wird Kai Schmitz auch künftig das Gesicht der Saale Bulls bleiben – als sportlicher Leiter. Die ersten Schritte dafür hat er, unbemerkt von vielen, schon im Herbst seiner Spielerkarriere gemacht. Bereits in den vergangenen Jahren war er zunehmend an der Kaderplanung beteiligt. Künftig ist das sein Hauptaufgabenbereich.

Doch auch hier setzt die Corona-Epidemie seinem Tatendrang derzeit Grenzen: "Ich war schon voll dabei, die neue Saison zu planen. In den letzten Tagen und Wochen habe täglich acht Stunden mit Spielern und Agenten telefoniert. Das ruht jetzt erstmal alles." Das frühe Saisonende haben die Saale Bulls finanziell gut verkraftet. Weil aber nicht klar ist, welche Ausmaße die Epidemie auch wirtschaftlich haben wird, ist die Zukunft des Vereins, genau wie die vieler anderer Sportorganisationen, derzeit ungewiss. 

"Die Zeiten ändern sich"

Schmitz lässt sich davon nicht beirren. Für die neue Saison hat er ein klares Bild vor Augen, wie die Mannschaft sich verändern soll: "Wir wollen einen besseren Mix finden, aus Leuten, die schonmal in der DEL2 waren. Und welchen, die da noch nicht waren, da aber hinwollen." Denn in der zurückliegenden Saison konnte eine sehr erfahrene Saale-Bulls-Mannschaft nur zu selten ihre Qualität zeigen.

Deswegen will Schmitz künftig streng auf professionelles Verhalten achten. Einen Spieler, wie er selbst lange Zeit war, würde er wohl nicht in seinem Team dulden. "Die Zeiten ändern sich eben und heute ist alles sehr viel athletischer. Danach müssen sich die Jungs richten, wenn sie hier spielen wollen."

Gibt es ein Comeback?

Aber was ist, wenn die Saale Bulls in der kommenden Saison eine ähnliche Verletztenmisere erleben wie in der abgelaufenen Spielzeit, wo phasenweise gerade noch zwei komplette Reihen zur Verfügung standen? In solchen Situationen ist es eine gewisse Tradition im Sport, dass dann Ex-Spieler, die noch immer im Verein sind, reaktiviert werden. Würde Schmitz die Schlittschuhe also vielleicht doch wieder anziehen, wenn Not am Mann wäre?

Der 34-Jährige lächelt und überlegt lange, bevor er antwortet. "Ich bin jetzt Sportdirektor", sagt er schließlich. "Aber man weiß nie, was passiert." Dann bestellt er sich ein Bier und ist wieder der, der er immer war: Ein sympathischer Sprücheklopfer, der alles für sein Team gibt. Nur eben nicht mehr auf dem Eis.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. März 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2020, 17:54 Uhr

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