eSports Die Mär vom schnellen Geld

Immer mehr Jugendliche versprechen sich vom virtuellen Zocken großen Reichtum. Doch sollte es wirklich nur um Kommerz und Entertainment gehen? Martin Müller vom Verein Magdeburg eSports warnt vor einer gefährlichen Entwicklung.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

eSports
Die eSports-Superstars spielen um Pokale und Preisgelder in Millionenhöhe. Bildrechte: imago/MB Media Solutions

Martin Müller kennt die Frage. Sie wird ihm fast immer gestellt. Zuletzt erst wieder bei einem Workshop mit zwölf bis 16 Jahre alten Jungs, als es um das Fußballspielen auf der Konsole ging. "Eine Sache hat die Kids ganz besonders interessiert", erzählt Müller. "Was verdient man als eSports-Spieler?" Das wollten alle wissen. "Tja", sagt Müller. "Dann stand ich eben da und musste ihnen sagen, dass ich Ehrenamtler bin und gar nichts verdiene – und dass es allen anderen in eSports-Vereinen genau so geht."

Müller ist Vorsitzender des Vereins Magdeburg eSports und Vizepräsident des eSport-Bund Deutschland (ESBD). Und er sieht eSports am Scheideweg: "Wenn wir den eSport nur dem Kommerz überlassen, haben wir auf Dauer ein großes gesellschaftliches Problem", so Müller, der fordert: "Wir müssen mehr auf den Breitensport setzen und in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit den finanziellen Vorurteilen aufräumen!"

Wer verdient wie viel Geld mit eSports?

Martin Müller eSports 1 min
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Di 20.11.2018 10:44Uhr 00:54 min

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Die eSports-Welt ist eine schillernde. Zumindest flimmert sie als solche in den vergangenen Monaten über die Bildschirme. Wenn über das virtuelle Zocken berichtet wird, dann meist über die ganz großen Turniere mit tausenden Zuschauern und Preisgeldern in Millionenhöhe. In Asien beispielsweise gelten eSports-Profis als Superstars, auch in Europa gibt es auf der ganz großen Bühne stattliche Summen zu verdienen. "Ist ja auch logisch, im Fußball stehen auch die Topklubs und weniger die Kreisligateams im Fokus", weiß Martin Müller. Doch Aufmerksamkeit für den Breitensport im eSport würde völlig fehlen. "Dadurch kann ein verzerrtes Bild entstehen. Du siehst ja nur die Leute, die damit Geld verdienen und nicht den großen Teil, der es nicht bis dorthin schafft."

Müller nennt Zahlen: "In Deutschland kann nur eine niedrige dreistellige Zahl vom professionellen eSport leben – und das bei vier Millionen Menschen, die spielen." Der Anteil ist also verschwindend gering. Dennoch: "Viele junge Leute glauben, dass sie mit eSports schnell reich werden können. Sie machen sich ihre Vorstellung davon, wie ihr Leben aussehen könnte und verlieren den Bezug zur Realität. Denn Fakt ist: Wenn du nur damit anfängst, um Geld zu verdienen, wird das nichts."

Die Faszination für das Spiel an sich darf bei all der Professionalisierung nicht verloren gehen.

Martin Müller, Vorsitzender Magdeburg eSports e.V.

Müller setzt sich bundesweit beim ESBD und lokal bei Magdeburg eSports für den Aufbau der Strukturen im Breitensportbereich ein. 250 Mitglieder hat der Magdeburger Verein mittlerweile. Er bietet geleitete Trainingseinheiten für Zocker oder auch einfach den Raum für das Spielen in Gemeinschaft. "Das ist tausendmal besser, als wenn du nur alleine daheim vor dem Rechner oder der Konsole hockst. Da ist das Risiko groß, dass du in eine andere Welt abdriftest und dir zum Beispiel finanzielle Sachen ausmalst, die utopisch sind", sagt Müller. "Ich habe schon Beispiele erlebt, bei denen junge FIFA-Spieler per Mail anfragen, ob sie für uns spielen können und im selben Atemzug 2.000 Euro Gehalt fordern. Das ist schlicht illusorisch bei Breitensportvereinen."

Was Magdeburg eSports stattdessen bieten könne? "Ein anfassbares soziales Gefüge und damit auch Halt", sagt Müller. "Wir stärken die Persönlichkeitsbildung und soziale Kompetenz."

Versprechen sich junge Zocker zu viel von eSports?

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Di 20.11.2018 10:43Uhr 00:42 min

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Während die fortwährende Diskussion, ob das virtuelle Zocken als Sport anerkannt werden sollte oder nicht, an vielen Fronten weiterläuft, steht für Müller eine ebenso wichtige Frage im Raum: "Wollen wir eine reine Kommerz- und Entertainment-Industrie sein oder werden wir es schaffen, die Breitensportstrukturen zu schaffen, um auch gesellschaftlich relevant zu sein?" Martin Müller setzt sich für Letzteres ein.

So will er künftig Kooperationen mit anderen Vereinen stärken. "Wir können Vereinen bei der Gewinnung jungen Ehrenamtes helfen. Unsere Mitglieder kennen sich alle mit Themen der Digitalisierung aus, da können wir zusammenarbeiten. Manch eine Sportart ist heute nicht mehr so attraktiv, aber wir sehen, dass Gamer sich auch in Vereinen organisieren möchten." Also: "Wenn ich da dann einen Trainer habe, der das vernünftig begleitet, biete ich einen Mehrwert für die Gesellschaft, weil ich auch die Zocker mitnehmen und ins Vereinsleben einbinden kann." Magdeburg eSports, gegründet 2016, hat bereits ein Pilotprojekt zur Trainerausbildung organisiert. Diese Ausbildung wird zukünftig vom ESBD organisiert und angeboten.

Natürlich: Die Chance, den Durchbruch als Profi im eSport zu schaffen, gibt es. "Entweder musst du in deinem Spiel besonders gut sein oder ein toller Entertainer. Dann kannst du deine Spiele streamen und die Leute unterhalten. Im besten Fall kommt beides zusammen. Nur diese Kombination findet sich nicht so oft", sagt Martin Müller. Und deshalb "sollte es nicht die alleinige Motivation sein, damit Geld zu verdienen. Ich habe damals angefangen, weil meine Kumpels gezockt haben und ich es cool fand. Diese Faszination für das Spiel an sich darf bei all der Professionalisierung nicht verloren gehen."

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine wunderschöne Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport- und Social-Media-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2019, 08:52 Uhr

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1 Kommentar

21.11.2018 07:48 Schappio5 1

Das ist einfach nur zocken und kein Sport!!!

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